{"id":1212238,"date":"2026-08-03T10:36:21","date_gmt":"2026-08-03T10:36:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1212238\/"},"modified":"2026-08-03T10:36:21","modified_gmt":"2026-08-03T10:36:21","slug":"nick-cave-kommt-auf-den-muenchner-koenigsplatz-muenchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1212238\/","title":{"rendered":"Nick Cave kommt auf den M\u00fcnchner K\u00f6nigsplatz &#8211; M\u00fcnchen"},"content":{"rendered":"<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Und doch hat man nicht das Gef\u00fchl, einen privaten Schnappschuss zu sehen. Das Foto seines Sohnes Arthur, das Nick Cave seinem Text beigef\u00fcgt hat, ist ein monochromes, sepiaget\u00f6ntes Bild; da ist das Licht, die Unsch\u00e4rfe. Dieses Kind ist schon Erinnerung, eine Erscheinung. Das Foto der franz\u00f6sischen Fotografin Dominique Issermann steht in einem der aktuellen Eintr\u00e4ge Caves auf seiner Internet-Seite The Red Hand Files. 2018 hat er mit diesem Projekt begonnen. Die schlichte Idee: Das Publikum fragt, Cave antwortet \u2013 einmal die Woche, ohne zwischengeschaltetes Management, ohne Moderation, ohne Filter.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Eigentlich war es gar keine Frage, die Jane ihm gestellt hatte. Nur gute W\u00fcnsche, Liebe und Kraft f\u00fcr diesen Tag, den elften Todestag seines Sohnes Arthur. \u201eDiese Gef\u00fchle des Verlusts gleiten durch unsere K\u00f6rper wie Geister\u201c, schrieb ihr Cave: \u201eSie lassen sich in unseren Zellen nieder, in unserem Blut, versammeln sich an Tagen wie diesen, wie Wetterph\u00e4nomene, formen uns auf eine Weise, die wir nicht verstehen k\u00f6nnen\u201c. Cave notierte das an einem sonnigen Tag im s\u00fcdfranz\u00f6sischen N\u00eemes. Am Abend, schrieb er, w\u00fcrde er im Amphitheater spielen.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Am 10. Juni hat die Sommertour von Cave und seinen Bad Seeds im Malahide Castle in der N\u00e4he von Dublin begonnen. Deutschland,\u00a0D\u00e4nemark,\u00a0Tschechien, \u00d6sterreich,\u00a0Griechenland<strong>,<\/strong>\u00a0Italien,\u00a0Belgien<strong>,<\/strong>\u00a0Portugal,<strong>\u00a0<\/strong>Frankreich, England\u00a0\u2013 bis jetzt war es eine wilde Reise durch Europa. Am 31. Juli kam Cave nach Brighton, das K\u00fcstenst\u00e4dtchen, in dem er lange lebte. In dem sein Sohn starb. Vor dem Konzert: ein \u00dcberraschungsauftritt auf dem Dach eines Plattenladens in einer kleinen Stra\u00dfe. Vier Nummern spielte die Band, darunter die T. Rex-Coverversion \u201eCosmic Dancer\u201c. Am Abend im Preston Park holte er nach vielen Jahren wieder eine alte Freundin auf die B\u00fchne: Kylie Minogue sang mit ihm \u201eWhere The Wild Roses Grow\u201c, mit dem die beiden in den Neunzigern einen Hit hatten, der Cave vom Underground-Helden zum MTV-Star machte.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Am 23. August tritt Nick Cave in <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/M%C3%BCnchen\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">M\u00fcnchen<\/a> auf \u2013 auf dem <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/K%C3%B6nigsplatz\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">K\u00f6nigsplatz<\/a>. Hier hat er noch nie gespielt. Weit zur\u00fcck aber liegt sein letzter M\u00fcnchen-Auftritt nicht: am 18. Oktober 2024 in der ausverkauften Olympiahalle, auch dieser Ort ein Novum. Ein Novum damals auch ein M\u00fcnchner Cave-Konzert in dieser Dimension. Alle Bef\u00fcrchtungen, Cave k\u00f6nne dieser Halle, ihrem leicht sterilen Retro-Design und der verhallten Akustik nicht gewachsen sein, <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/muenchen\/nick-cave-bad-seeds-konzert-muenchen-tour-olympiahalle-wild-god-kritik-lux.MSPaPzmvSZ8y4wuGpDajFE\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">wurden an diesem Abend in einer dampfhei\u00dfen Feier der Gemeinschaft mit dem Publikum vaporisiert<\/a> \u2013 Cave auf einem Steg vor den Fans, anfassbar, H\u00e4nde ber\u00fchrend, lehnte er sich in sein Publikum.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Wer \u00fcber die Jahre immer mal wieder Cave- und Bad-Seeds-Konzerte besucht hat, sp\u00fcrte, dass sich da \u00fcber die Jahre organisch etwas ganz Spezielles entwickelt hat. Das aktuelle Album ist ein Live-Vinyl-Doppelalbum, erschienen im Dezember 25, wahlweise zu h\u00f6ren auch bei einem dieser Streaminganbieter, die K\u00fcnstler nicht ansatzweise ad\u00e4quat f\u00fcr ihre Arbeit entlohnen. \u201eLive God\u201c hei\u00dft es, in Anlehnung an das letzte Studioalbum \u201eWild God\u201c. Aufgenommen auch bei einem Auftritt in Paris im November 24. Ein Tondokument, das die Bad Seeds als euphorische Einheit zeigt, wie die dunklere Ausgabe der E Street Band. In den Soundwellen kann sich der S\u00e4nger aufl\u00f6sen: \u201eKill me in the sunday rain\u201c.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/f5101e03-2b21-4152-b720-2a5f9692eabb.jpg\"   alt=\"Nick Cave bei seinem Auftritt in der M\u00fcnchner Olympiahalle.\" loading=\"lazy\" class=\"css-8atqhb\"\/>Nick Cave bei seinem Auftritt in der M\u00fcnchner Olympiahalle. Catherina Hess<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Mit \u201eFrogs\u201c begann Cave damals auch in M\u00fcnchen sein Konzert. Ein Naturr\u00e4tselbild h\u00fcpfender Fr\u00f6sche voll Lebens- und Sterbensfreude, das vor Publikum zur emphatischen Daseinserfahrung wurde. Aktuell startet er mit einem Klassiker, aber nicht weniger programmatisch in seine Konzerte: \u201eGet Ready For Love\u201c.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Unl\u00e4ngst war Cave in Berlin, wo er, wie die \u00f6rtlichen Zeitungen berichteten, unangek\u00fcndigt ins Kupferstichkabinett spazierte, um sich dort Sandro Botticellis Illustration von Dante Alighieris \u201eG\u00f6ttlicher Kom\u00f6die\u201c zeigen zu lassen. Ab 2020 schuf Cave eine Serie von Keramikfiguren, inspiriert von viktorianischer Keramik, die in Stationen das Leben des Teufels erz\u00e4hlen. Mal die Birthday-Party-Jahre beiseitegelassen, ist schon Caves erstes Bad-Seeds-Album \u201eFrom Her To Eternity\u201c ein wilder Trip von der Verdammnis zur H\u00f6lle zur Vergebung und wieder zur\u00fcck.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Die Berliner Zeitung nennt ihn im Kupferstich-Artikel munter einen Goth-Rock-S\u00e4nger, was die Sache nicht ganz trifft. Nach ann\u00e4hernd 50 Jahren als K\u00fcnstler ist Cave lange \u00fcber Pop-Moden hinausgewachsen. \u201eGlaube, Hoffnung und Gemetzel\u201c hei\u00dft der Interview-Band, in dem Cave im Gespr\u00e4ch mit Sean O\u2019Hagen seine Sicht auf Leben und Glauben in all ihrer Komplexit\u00e4t ausbreitet. Sein Sohn Arthur starb 2015, sein \u00e4lterer Sohn Jethro starb 2022. Mit diesen Verlusten hat sich Nick Caves Kunst noch einmal gewandelt, hat an Tiefe gewonnen, die die Erfahrung von Verlust und Weiterleben nicht als privaten Moment ausstellt, sondern als allgemeinmenschliche Erfahrung zug\u00e4nglich macht.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Er will Songwriter werden, schreibt ihm Serge in den Red Hand Files, aber alles, was er mache, klinge wie etwas, das schon einmal gemacht wurde. Es gibt gute Nachrichten, schreibt Cave ihm zur\u00fcck: \u201eEs mag nichts Neues unter der Sonne geben, aber es ist unsere Einzigartigkeit, die wichtig ist, unsere Besonderheit.\u201c Und bevor sich Serge fragt, wo zur H\u00f6lle er seine Einzigartigkeit findet, f\u00e4hrt Cave fort zu erkl\u00e4ren, wie die Kunst funktioniert: \u201ezeitlose Ideen, interpretiert durch unsere eigene unnachahmliche Eigenartigkeit\u201c. Eigenartig sein und bleiben. Klingt machbar.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/86eee224-2932-4534-a4e0-951c0f438374.jpg\"   alt=\"Der Teufel will heiraten: eine Figur aus Nick Caves Keramikserie.\" loading=\"lazy\" class=\"css-8atqhb\"\/>Der Teufel will heiraten: eine Figur aus Nick Caves Keramikserie. Alessandro Rampazzo \/ AFP<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Eine \u201eseltsame \u00dcbung in gemeinschaftlicher Verletzlichkeit und Transparenz\u201c seien seine Red Hand Files geworden, schreibt Cave. Seine Konzerte sind Messen ohne Bekehrungsanspruch. Gemeinschaftserlebnisse, in denen das Publikum im Call and Response eines Gospelgottesdienstes mit ihm schwingt, klatschend den Backbeat liefert f\u00fcr einen Song wie das auf dem Live-Album dokumentierte\u00a0 \u201eTupelo\u201c. Ein Kind wird in dieser Nacht der St\u00fcrme und des existenziellen Aufb\u00e4umens der Natur in Tupelo geboren. Er wird die Last Tupelos tragen, wenn nicht die der ganzen Welt. Und man muss nicht tief in die Popgeschichte abtauchen, um zu verstehen, dass Cave hier von der Nacht des 8. Januars 1935 singt, von diesem Holzhaus, in dem kein Gott geboren wurde, sondern der King.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Mit dem prophetischen \u201eAs The Water Covers The Sea\u201c, das Flut und Erl\u00f6sung im Gospelchor vereint, entl\u00e4sst Cave auf dem Album ein h\u00f6rbar gl\u00fcckliches Publikum in die Pariser Nacht. Auf seine Art ist er selber auf dem Weg, eine der ikonischen Figuren des Pop zu werden. Aber nein, Cave ist nicht King Elvis, sondern Mensch. Und so antwortet er auch auf Fragen zum Themenkomplex Freddie Mercury und Selbstbild. Wenn Cave auf die B\u00fchne geht, schreibt er, dann glaube er, Elvis Presley zu sein, oder Michael Jackson, oder Beyonc\u00e9, oder Freddie Mercury. In den seltenen Momenten, in denen er sich selbst gesehen habe, breche aber diese Illusion \u201eschnell und brutal\u201c in sich zusammen: \u201eWas immer auch andere Menschen sehen m\u00f6gen, wenn sie mich betrachten, das sehe ich nicht. Ich bin, im Guten wie im Schlechten, einfach ich selbst \u2013 dieselbe allzu menschliche Figur, die mich aus dem Spiegel jeden Morgen zur\u00fcck anstarrt.\u201c<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\">Als Mensch aber, wei\u00df Cave, sind wir Wesen der konstanten Ver\u00e4nderung, und manches kann sich auch zum Guten wandeln: \u00dcber die Jahre ist dieses Unbehagen, sich selbst anzusehen, ein wenig verblasst: \u201eScheint, als wurde es ersetzt, durch ein wachsendes Mitgef\u00fchl und Akzeptanz meiner selbst.\u201c Wenn die Sonne in M\u00fcnchen dann \u00fcber den Propyl\u00e4en untergeht, w\u00e4hrend die Glockenschl\u00e4ge von \u201eRed Right Hand\u201c den K\u00f6nigsplatz vibrieren lassen, als w\u00fcrde sich das J\u00fcngste Gericht ank\u00fcndigen, wissen wir: Der Mann in Schwarz mit der gewaltigen Stimme ist auch nur ein zweifelnder kleiner Mensch. Wie wir. Sch\u00f6n.<\/p>\n<p data-manual=\"paragraph\" data-schema-org-speakable=\"true\" class=\"css-1eosz7k\"><strong>Nick Cave &amp; The Bad Seeds, Sonntag, 23. August, 18 Uhr, K\u00f6nigsplatz<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Und doch hat man nicht das Gef\u00fchl, einen privaten Schnappschuss zu sehen. 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