{"id":1215692,"date":"2026-08-04T22:08:17","date_gmt":"2026-08-04T22:08:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1215692\/"},"modified":"2026-08-04T22:08:17","modified_gmt":"2026-08-04T22:08:17","slug":"stellenabbau-bei-festo-doch-kein-paradies","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1215692\/","title":{"rendered":"Stellenabbau bei Festo: Doch kein Paradies"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Auf jeden Fall muss das gut \u00fcberlegt sein&#8220;, sagt Max Czipf, Bevollm\u00e4chtigter der IG Metall Esslingen. Wer nicht nahe an der Rente ist, dem rate er eher ab. Gewerkschaftsmitglieder k\u00f6nnen sich bei der IG Metall beraten lassen. &#8222;Wir haben schon kollektiv Betroffenen erkl\u00e4rt, was zu beachten ist, und wer noch individuelle Fragen hat, kann einen Extratermin mit unserem Rechtsschutz ausmachen&#8220;, sagt Czipf. &#8222;Manche Kolleg:innen kommen und haben wegen der Abfindung ein ganz gutes Gef\u00fchl. Wenn wir ihnen vorrechnen, was \u00fcbrigbleibt, sind sie deutlich schlechter drauf. Das ist wirklich bitter zu erleben.&#8220; Schlie\u00dflich werden Steuern auf die Abfindung f\u00e4llig, und die ersten drei Monate bekommen sie in der Regel kein Arbeitslosengeld, weil sie ja &#8222;freiwillig&#8220; aus einem unbefristeten Arbeitsverh\u00e4ltnis aussteigen.<\/p>\n<p>Dass Festo solche Aufhebungsvertr\u00e4ge auch Schwerbehinderten, Alleinerziehenden und Betriebsr\u00e4ten vorlegt, findet Czipf uns\u00e4glich. Marcel Diaw, Vorsitzender des Konzernbetriebsrats (KBR), verweist derweil auf die &#8222;doppelte Freiwilligkeit&#8220;, die vereinbart sei. Arbeitgeber und Arbeitnehmer:in m\u00fcssen zustimmen, damit der Aufhebungsvertrag wirksam wird.<\/p>\n<p>Wie es weitergeht, wei\u00df auch der Betriebsrat nicht<\/p>\n<p>Nun sind solche Freiwilligenprogramme vor allem in Konzernen nicht besonders ungew\u00f6hnlich, bekannt sind sie auch von Mercedes. Zuletzt konnten Besch\u00e4ftigte dort inklusive Turbopr\u00e4mie, wenn sie sich also schnell entscheiden, bis zu 500.000 Euro bekommen. Laut &#8222;Handelsblatt&#8220; haben etwa 5.500 Besch\u00e4ftigte das Unternehmen bis April 2026 verlassen. Im Gegenzug hat der Mercedes-Betriebsrat ausgehandelt, dass die Besch\u00e4ftigungssicherung bis Ende 2034 verl\u00e4ngert wird.<\/p>\n<p>Wenn Unternehmen viele Jobs streichen wollen, stellt der Betriebsrat in der Regel fest, dass es sich somit um eine Betriebs\u00e4nderung handelt und fordert die Arbeitgeberseite zu einem Interessenausgleich auf, anschlie\u00dfend wird ein Sozialplan verhandelt. In dem werden Kriterien festgelegt wie Sozialauswahl \u2013 also die Ber\u00fccksichtigung von Faktoren wie Alter, Dauer der Betriebszugeh\u00f6rigkeit, Unterhaltspflichten f\u00fcr Kinder oder Schwerbehinderung \u2013 und auch die H\u00f6he der Abfindungen. Zudem kann ein Betriebsrat mit Interessenausgleichs- und Sozialplanverhandlungen den Stellenabbau hinausz\u00f6gern und eventuell Abfindungen in die H\u00f6he treiben. Ein solches Verfahren ist dann transparent, zumal das Management seine Abbaupl\u00e4ne begr\u00fcnden muss, also eine Strategie vorlegt. Jedenfalls wenn&#8217;s gut l\u00e4uft.<\/p>\n<p>Die Strategie bei Festo ist bislang offenbar geheim. Auch KBR-Chef Diaw wei\u00df nicht, wie und mit wie vielen Mitarbeitenden sich der Konzern k\u00fcnftig aufstellen will. Wo sollen denn die 1.300 Jobs gestrichen werden? Wie stark trifft es Esslingen, wie stark das Saarland, wo der 47-j\u00e4hrige Diaw im Werk in Rohrbach arbeitet? &#8222;Das wissen wir nicht&#8220;, sagt der KBR-Chef, aber er k\u00f6nne sich vorstellen, welches Abbaupotenzial in den zwei Bundesl\u00e4ndern stecke. Genauer will er nicht werden. Mitte August werde die Gesch\u00e4ftsleitung die neue Organisationsstruktur vorstellen. Dann werde man sehen. &#8222;Wir halten die Stellenabbaupl\u00e4ne f\u00fcr ma\u00dflos \u00fcberzogen&#8220;, betont Diaw. Doch verhindern k\u00f6nne man sie nicht. Als Arbeitnehmervertretung sei f\u00fcr ihn das wichtigste, betriebsbedingte K\u00fcndigungen zu vermeiden.<\/p>\n<p>Entt\u00e4uscht von der Gr\u00fcnderfamilie Stoll<\/p>\n<p>Im Unternehmen wird vom Sparkonzept unter dem Stichwort &#8222;shape to grow&#8220; (etwa: gestalte, um zu wachsen) gesprochen. Aber mit wem wolle man wachsen?, fragt sich Gabriele K\u00f6nig (Name ebenfalls ge\u00e4ndert). Auch sie hat einen Aufhebungsvertrag vorgelegt bekommen, auch sie arbeitet seit \u00fcber 30 Jahren f\u00fcr den Automatisierungsspezialisten. &#8222;Ich war im Laufe der Jahre in verschiedenen Abteilungen&#8220;, sagt sie, ihre Arbeit habe sie gerne gemacht \u2013 weil Festo einfach ein gutes und soziales Unternehmen gewesen sei. Als sie nun im Personalgespr\u00e4ch wissen wollte, nach welchen Kriterien die Leute denn ausgesucht w\u00fcrden, ob es um ihre Leistung gehe, habe sie keine Antworten bekommen. Die Firma begr\u00fc\u00dfe es, wenn sie sich schnell entscheide, auf Wiedersehen.<\/p>\n<p>&#8222;Das ist doch keine Art&#8220;, findet K\u00f6nig. &#8222;So viele Menschen haben alles gegeben f\u00fcr die Firma. Und jetzt das!&#8220; Lange habe sie gedacht, die Eigent\u00fcmer, also die Stolls, w\u00fcrden mal eingreifen, erz\u00e4hlt sie nicht als einzige. Doch der Betriebsrat kl\u00e4rte \u00fcbers Intranet auf: &#8222;Der Aufsichtsrat (darunter vier Mitglieder der Familie Stoll) tr\u00e4gt den Stellenabbau mit.&#8220;<\/p>\n<p>K\u00f6nig l\u00e4sst sich von den aktuellen Entwicklungen nicht entmutigen. Die Endf\u00fcnfzigerin ist sicher: &#8222;Ich habe Perspektiven.&#8220; Aber sie ist tief entt\u00e4uscht und glaubt, dass es f\u00fcr Festo nicht gut weitergehen wird. &#8222;Es ist ja nicht so, als h\u00e4tten wir uns bei der Arbeit gelangweilt. Im Gegenteil, wir hatten mehr als genug zu tun.&#8220; Wie also, fragt sie sich, will die Firma mit weniger Leuten mehr rausholen? &#8222;Und wer will denn bei so einem Unternehmen arbeiten?&#8220; Sie habe zudem den Eindruck, dass der Betriebsrat nicht gerade k\u00e4mpferisch mit der Situation umgehe. Dessen Vorsitzende in Esslingen Kaja Helbig erkl\u00e4rt auf Anfrage, der Betriebsrat berate ununterbrochen betroffene Kolleg:innen. Das Gremium wisse auch nicht, wer seinen Job aufgeben soll, Interessenausgleich und Sozialplan-Verhandlungen st\u00fcnden noch an und man sei in st\u00e4ndigem Kontakt mit einem Rechtsanwalt und der IG Metall.<\/p>\n<p>Die Pressestelle spricht von Respekt und Transparenz<\/p>\n<p>Aber K\u00f6nig fehlten und fehlen Informationen und Diskussionen, wie auf den Stellenabbau zu reagieren sei. Besonders k\u00e4mpferisch war die Festo-Belegschaft noch nie \u2013 daf\u00fcr sa\u00df der Glaube zu tief, dass die Firma immer gut zu ihren Leuten sei. &#8222;Seit einigen Wochen aber treten die Leute bei uns ein&#8220;, sagt IG-Metaller Czipf. Auch seien die Vertrauensleute \u2013 gew\u00e4hlte Gewerkschaftsmitglieder im Betrieb \u2013 sehr aktiv. Immerhin gab es zwei Infost\u00e4nde in der Mittagspause an den Standorten in Esslingen-Berkheim und in Ostfildern-Scharnhausen, bei denen sich laut IG Metall um die 400 Kolleg:innen informiert h\u00e4tten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"&#8222;Auf jeden Fall muss das gut \u00fcberlegt sein&#8220;, sagt Max Czipf, Bevollm\u00e4chtigter der IG Metall Esslingen. Wer nicht&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1215693,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1830],"tags":[94706,1634,2558,252886,3364,29,25096,3439,10003,30,744,406,19726,1441],"class_list":["post-1215692","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-stuttgart","tag-aufhebungsvertrag","tag-baden-wuerttemberg","tag-betriebsrat","tag-czipf","tag-de","tag-deutschland","tag-druck","tag-esslingen","tag-festo","tag-germany","tag-ig-metall","tag-saarland","tag-stellenabbau","tag-stuttgart"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/117039523868817921","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1215692","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1215692"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1215692\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1215693"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1215692"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1215692"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1215692"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}