{"id":121860,"date":"2025-05-19T03:18:14","date_gmt":"2025-05-19T03:18:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/121860\/"},"modified":"2025-05-19T03:18:14","modified_gmt":"2025-05-19T03:18:14","slug":"das-schwierige-verhaeltnis-zwischen-tschechien-und-russland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/121860\/","title":{"rendered":"Das schwierige Verh\u00e4ltnis zwischen Tschechien und Russland"},"content":{"rendered":"<p><a name=\"sprung0\" class=\"jumpLabel\"><strong>Streitpunkt sowjetische Kriegsdenkm\u00e4ler<\/strong><\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nDas Verh\u00e4ltnis zu Russland sorgt regelm\u00e4\u00dfig an verschiedenen Jahrestagen f\u00fcr Diskussionsstoff. Den Stein des Ansto\u00dfes bilden oft die vielen sowjetischen Kriegsdenkm\u00e4ler, die \u00fcber das ganze Land verstreut sind. Darin unterscheidet sich Tschechien markant von anderen Staaten der einstigen sowjetischen Einflusszone, etwa Polen, wo diese Denkm\u00e4ler unmittelbar nach der Wende beseitigt wurden. Von den baltischen Staaten ganz zu schweigen.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nDa die sowjetischen Kriegsdenkm\u00e4ler oft f\u00fcr gro\u00dfe Kontroversen sorgen, haben die wenigsten Kommunen Interesse das Thema anzufassen und sind eher f\u00fcr die Beibehaltung des Status quo. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sich dann oft ein m\u00e4chtiger Gegenspieler einschaltet: die Botschaft der Russischen F\u00f6deration in Prag.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nDer tschechische EU-Abgeordnete Ond\u0159ej Kol\u00e1\u0159 wei\u00df ein Lied davon zu singen. Der liberale Politiker war von 2014 bis 2022 B\u00fcrgermeister des 6. Prager Stadtbezirks, in dem sich auf einem der Pl\u00e4tze eine riesengro\u00dfe Statue des sowjetischen Marschalls Iwan Stepanowitsch Konjew befand. Konjew leitete im Fr\u00fchjahr 1945 jene Milit\u00e4roperation, die in den ersten Mai-Tagen zur Befreiung Prags von der deutschen Besatzung f\u00fchrte. Im Jahr 1956 befehligte er allerdings ebenso die blutige Niederschlagung des Volksaufstands in Ungarn durch das sowjetische Milit\u00e4r. Konjews genaue Rolle bei der gewaltsamen Unterdr\u00fcckung des Prager Fr\u00fchlings in der damaligen Tschechoslowakei 1968 ist umstritten. Sicher ist aber, dass er an der Stabilisierung des Regimes beteiligt war. \u00a0\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nDeswegen wurde die Prager Konjew-Statue \u00fcber die Jahre wiederholt Ziel von Farb-Attacken und \u00e4hnlichem Vandalismus. Irgendwann war es Kol\u00e1\u0159 Leid, das ungeliebte Denkmal immer wieder aufs Neue reinigen lassen zu m\u00fcssen. Er setzte im Bezirksparlament die Beseitigung des Standbildes durch. Es wurde abmontiert und eingelagert. Die russische Botschaft protestierte massiv, der B\u00fcrgermeister sah sich mit anonymen Morddrohungen konfrontiert, musste sich eine Zeitlang mit seiner Familie an einem sicheren Ort verstecken. Bis heute ist ein Haftbefehl in Kraft, den Russland gegen ihn verh\u00e4ngt hat.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nDie russische Botschaft liegt \u00fcbrigens ebenfalls im 6. Prager Stadtbezirk \u2013 und hat seit 2022 eine interessante Adresse: Sie liegt an der Stra\u00dfe der ukrainischen Helden. In direkter Nachbarschaft befinden sich der Boris-Nemzow-Platz, der Alexei-Nawalny-Aussichtspunkt und die Anna-Politkowskaja-Promenade. Nemzow war wie Nawalny ein russischer Oppositionspolitiker und wurde 2015 ermordet. Die Journalistin Politkowskaja berichtete \u00fcber russische Greueltaten in Tschetschenien und Korruption im russischen Verteidigungsministerium wurde 2006 im Aufzug ihres Wohnhauses erschossen. Zust\u00e4ndig f\u00fcr die Stra\u00dfennamen ist die Stadtverwaltung. \u00a0\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nDas Konjew-Thema scheint die russische Seite immer noch aufzuregen. Erst wenige Tage vor den diesj\u00e4hrigen Feierlichkeiten zum Kriegsende schickte Moskau eine offizielle diplomatische Note nach Prag mit der Frage, wo denn die Statue des Marschalls gelagert und wie ihr Zustand sei. Die Antwort folgte prompt: Die russische Seite k\u00f6nne das aus offen zug\u00e4nglichen Quellen feststellen. &#8222;Russland hat keinen Anspruch auf diese Statue. Die tschechischen Bolschewiken haben sie 1980 errichten lassen als Ausdruck ihrer Unterw\u00fcrfigkeit gegen\u00fcber Moskau. Und die tschechischen Demokraten haben \u00fcber ihre Beseitigung entschieden, um auf Konjews dunkle Rolle bei der Unterjochung der europ\u00e4ischen V\u00f6lker zu verweisen,&#8220; schrieb dazu Tschechiens Au\u00dfenminister Jan Lipavsky auf der Plattform X.\n<\/p>\n<p><a name=\"sprung1\" class=\"jumpLabel\"><strong>Pilgerst\u00e4tte f\u00fcr Unterst\u00fctzer des russischen Imperialismus<\/strong><\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nDie Konjew-Statue wurde schon 2020 entfernt, also noch vor Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine. Die noch bestehenden sowjetischen Kriegsdenkm\u00e4ler bekamen in Folge dessen ein neues Gewicht. Das zeigt das Beispiel aus Litom\u011b\u0159ice, dem fr\u00fcheren Leitmeritz. Dort haben die Abgeordneten des Stadtparlaments nach vielen Jahren hitziger Debatten beschlossen, das massive Denkmal eines sowjetischen Soldaten abzumontieren und es in eine ehemalige Kaserne zu bringen.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nDer Stadtverordnete Filip Hrbek, der die Demontierung ins Leben gerufen hat, erkl\u00e4rt, warum der Beschluss gerade jetzt fiel: &#8222;Ein im Prinzip unbedeutendes Denkmal ist in letzter Zeit zum Gegenstand des Interesses verschiedener Antisystem-Gruppen und Medien geworden, was nicht nur dem Denkmal an sich, sondern auch der ganzen Stadt wie auch der \u00f6ffentlichen Debatte nicht gut tut&#8220;, erkl\u00e4rte der studierte Historiker Hrbek gegen\u00fcber dem Portal novinky.cz. Mit anderen Worten, das Denkmal ist zu einer Pilgerst\u00e4tte von Unterst\u00fctzern der imperialen Politik Russland geworden.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nSeit der russischen Invasion in die Ukraine wurde das Standbild Ziel von zahlreichen Angriffen. Nicht nur, dass die H\u00e4nde des Soldaten mit roter Farbe beschmiert wurden, die Blut an den H\u00e4nden symbolisieren sollte. Au\u00dferdem malten Unbekannte eine Waschmaschine auf den Sockel des Denkmals \u2013 ein Verweis darauf, dass russische Soldaten in der Ukraine in den besetzten D\u00f6rfern und St\u00e4dten die H\u00e4user pl\u00fcndern, und dabei sogar Haushaltsger\u00e4te entwendeten.\u00a0\n<\/p>\n<p><a name=\"sprung2\" class=\"jumpLabel\"><strong>Ein komplexes Verh\u00e4ltnis auf dem Tiefpunkt<\/strong><\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nDer Streit um die sowjetischen Kriegsdenkm\u00e4ler ist nur eine Facette des \u00e4u\u00dferst komplexen Verh\u00e4ltnisses der Tschechen gegen\u00fcber Russland. Wurden die Russen, bzw. Sowjets unmittelbar nach 1945 als Befreier von Nazi-Deutschland gesehen, stellte das Jahr 1968 mit der Niederschlagung des Prager Fr\u00fchlings eine wichtige Z\u00e4sur da. Auch deshalb, weil es seither eine st\u00e4ndige sowjetische milit\u00e4rische Pr\u00e4senz im Land gab, die mehr als 70.000 Soldaten z\u00e4hlte.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nNach der Wende gelang es der Regierung unter F\u00fchrung von Pr\u00e4sident V\u00e1clav Havel als erstem Land des Ostblocks \u00fcberhaupt die sowjetischen Truppen aus dem Land zu bekommen. Das geschah sogar noch vor dem versuchten Putsch im Sommer 1991 gegen den reformorientierten sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow. Nach dem Beitritt Tschechiens zur NATO im Jahr 1999, verschlechterte sich das Verh\u00e4ltnis zunehmend. Und die gegenw\u00e4rtige Eiszeit zwischen Prag und Moskau begann irgendwann ab dem Jahr 2008. Damals sollte in Tschechien ein Teil des US-Abwehrsystems gegen Raketen gebaut werden, worin Russland einen feindlichen Akt sah. Auch wenn dieses Vorhaben nie verwirklicht wurde, ist Tschechien seitdem verst\u00e4rkt im Blickfeld Russlands geblieben und auch Ziel von hybriden Angriffen geworden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Streitpunkt sowjetische Kriegsdenkm\u00e4ler Das Verh\u00e4ltnis zu Russland sorgt regelm\u00e4\u00dfig an verschiedenen Jahrestagen f\u00fcr Diskussionsstoff. Den Stein des Ansto\u00dfes&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":121861,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4013],"tags":[331,332,13,81,14,15,4043,4044,850,307,859,860,12,861,103],"class_list":{"0":"post-121860","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-russland","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-headlines","11":"tag-mdr","12":"tag-nachrichten","13":"tag-news","14":"tag-russia","15":"tag-russian-federation","16":"tag-russische-foederation","17":"tag-russland","18":"tag-sachsen","19":"tag-sachsen-anhalt","20":"tag-schlagzeilen","21":"tag-thueringen","22":"tag-welt"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114532339460939626","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/121860","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=121860"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/121860\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/121861"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=121860"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=121860"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=121860"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}