{"id":1219477,"date":"2026-08-06T13:03:15","date_gmt":"2026-08-06T13:03:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1219477\/"},"modified":"2026-08-06T13:03:15","modified_gmt":"2026-08-06T13:03:15","slug":"rolling-stones-foreign-tongues-mick-jagger-im-interview","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1219477\/","title":{"rendered":"Rolling Stones \u201eForeign Tongues&#8220;: Mick Jagger im Interview"},"content":{"rendered":"<p>Es ist erst zweieinhalb Jahre her, dass die <a href=\"https:\/\/www.rollingstone.de\/the-making-of-the-rolling-stones-let-it-bleed-353793\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Rolling Stones<\/a> ein neues Album in ihrer Heimatstadt London vorstellten. Im September 2023 sprachen Mick Jagger, Keith Richards und Ron Wood \u00fcber \u201eHackney Diamonds\u201c, das erste Studiowerk mit neuen Songs seit 2005. Dass nach so kurzer Zeit nun schon der Nachfolger bereitsteht, ist f\u00fcr eine Band, die sich mitten in ihrem siebten Lebensjahrzehnt befindet, durchaus eine Sensation. Keith Richards wollte die lange Reise aus Connecticut nach England dieses Mal nicht antreten. So ist es also an Mick Jagger mit ROLLING STONE \u00fcber \u201eForeign Tongues\u201c zu sprechen \u2013 assistiert von Ron Wood, dem ewigen Neuen, der sein 50. Stones-Jubil\u00e4um feiert.<\/p>\n<p>Bei der Vorstellung in New York eine Woche zuvor mit dem Moderator Conan O\u2019Brien war Richards aber dabei \u2013 auch wenn man ihn die meiste Zeit nicht verstand, weil er stoisch neben das Mikrofon nuschelte. Der Ort f\u00fcr den launigen Talk war das Weylin, ein barockes Kongresszentrum in Williamsburg, im exklusiven Publikum befanden sich unter anderem Leonardo DiCaprio und Baz Luhrmann. Als Ron Wood den Saal betrat, w\u00e4re er beinahe \u00fcber eine Stufe gestolpert, fing den Sturz aber mit dem ihm eigenen lausbengelhaften Charme und wild rudernden Armen gekonnt ab, womit der H\u00f6hepunkt des Abends benannt w\u00e4re.<\/p>\n<p>Der Buzz zu \u201eHackney Diamonds\u201c, das sie 2023 mit Jimmy Fallon pr\u00e4sentierten, war gr\u00f6\u00dfer. Aber so ist das halt, wenn man nicht mehr das gro\u00dfe Comeback zu verkaufen hat. Man t\u00e4te \u201eForeign Tongues\u201c allerdings keinen Gefallen, verst\u00fcnde man es als reinen \u201eHackney Diamonds\u201c-Nachklapp. Zwar haben die Rolling Stones erneut mit dem Produzenten Andrew Watt gearbeitet und das Album dramaturgisch sehr \u00e4hnlich aufgebaut, aber \u201eForeign Tongues\u201c ist dennoch ein f\u00fcr sich stehendes Werk. Sagen wir, es verh\u00e4lt sich zu \u201eHackney Diamonds\u201c wie \u201eGoats Head Soup\u201c zu \u201eSome Girls\u201c, womit wir auch direkt in der Phase w\u00e4ren, die hier musikalisch am ehesten gespiegelt wird: die Mittsiebziger- bis Fr\u00fchachtziger-Stones. Es ist, das ist vielleicht die gr\u00f6\u00dfte \u00dcberraschung, das politischste Album der Stones seit langer Zeit.<\/p>\n<p>Die Stones sind also wieder in London, und alles ist ein bisschen unspektakul\u00e4rer als zuletzt, deshalb aber keineswegs weniger interessant. Selbst das Hotel, in dem die Interviews stattfinden, f\u00fcgt sich in diesen Eindruck. Es ist selbstverst\u00e4ndlich luxuri\u00f6s und irre teuer, verf\u00fcgt aber \u00fcber keinerlei Charme oder Glamour. Mick Jagger empf\u00e4ngt in einer ger\u00e4umigen hellen Suite, in die ein langer dunkler Flur f\u00fchrt, auf dem wir den wie ein Flummi h\u00fcpfenden Ron Wood treffen, der heute offenbar besonders gute Laune hat. Kurze Begr\u00fc\u00dfung, dann ab in die Suite: Mick Jagger l\u00e4sst ausrichten, noch etwas trinken zu m\u00fcssen, man m\u00f6ge doch kurz warten.<\/p>\n<p>An dieser Stelle findest du Inhalte aus Youtube<\/p>\n<p>Um mit Inhalten aus Sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.<\/p>\n<p>\tSoziale Netzwerke aktivieren<\/p>\n<p>Nach einem ungef\u00e4hr f\u00fcnfmin\u00fctigen Geplauder mit Mitarbeiterinnen von Plattenfirma und Management \u00fcber das \u201eForeign Tongues\u201c-Cover-Artwork von Nathaniel Mary Quinn, das in der Suite ausgestellt wird \u2013 man kann es eigentlich nur grotesk h\u00e4sslich oder brillant finden, dazwischen ist kein Platz \u2013, betritt er den Raum. Gertenschlank wie immer, schwarze Jeans und Turnschuhe, gemustertes dunkles Hemd, Tweed-Sakko, breites Grinsen, fester H\u00e4ndedruck. Man sieht dem gr\u00f6\u00dften lebenden Rockstar der Welt vielleicht ein bisschen an, dass zweieinhalb Jahre in seinem Alter etwas anderes bedeuten als bei J\u00fcngeren, aber die Aura und die Vitalit\u00e4t, die von diesem Mann ausgehen, sind immer noch beeindruckend.<\/p>\n<p>Das Small-Talk-Thema zu Beginn ist nat\u00fcrlich das Treffen von Ron Wood und Rod Stewart mit King Charles am Vortag, als Stewart den K\u00f6nig bei der Feier zum 50-j\u00e4hrigen Bestehen des King\u2019s Trust reichlich undiplomatisch f\u00fcr dessen wiederum h\u00f6chst diplomatisch vorgebrachte Seitenhiebe auf Donald Trump bei einer Ansprache im vergangenen April vor dem US-Kongress lobte: \u201eAbsolut gro\u00dfartig\u201c, so Stewart in dem viral gegangenen Videoclip zu Charles, \u201eSie haben diesen kleinen Mistkerl in die Schranken gewiesen!\u201c Jagger grinst s\u00fcffisant, als wir dar\u00fcber sprechen. \u201eDas war wirklich sehr lustig\u201c, sagt er, \u201ewie geschniegelt und gestriegelt aber auch alle aussahen! Und dann dieser Spruch \u2013 herrlich!\u201c<\/p>\n<p><strong>\u201eForeign Tongues\u201c ist nat\u00fcrlich das Album nach \u201eHackney Diamonds\u201c, was man auch h\u00f6rt, aber im direkten Vergleich scheint es mir noch etwas deutlicher die Essenz der Stones zu spiegeln. War das der Plan?<\/strong><\/p>\n<p>Durchaus. Die beiden Alben sind nat\u00fcrlich nicht vergleichbar, das fiele mir jedenfalls schwer. Offensichtlich erscheinen sie ziemlich schnell hintereinander und entstammen teilweise den gleichen Sessions, es gibt also eine Verbindung. F\u00fcr \u201eForeign Tongues\u201c haben wir zehn neue Songs in London aufgenommen und drei aus den \u201eHackney Diamonds\u201c-Sessions verwendet, ein weiterer Song ist sogar noch \u00e4lter. Ich bin aber aktuell noch zu nahe dran, um den Unterschied wirklich zu benennen.<\/p>\n<p><strong>Es ist auf jeden Fall \u00fcberwiegend bluesgetriebener Rock\u2019n\u2019Roll und klingt roher als zuletzt.<\/strong><\/p>\n<p>Ja, das kann man wohl sagen.<\/p>\n<p><strong>Der Song \u201eBack In Your Life\u201c schlie\u00dft an die gro\u00dfen Stones-Balladen der Siebziger an. Wie bewusst geschieht so was?<\/strong><\/p>\n<p>Na ja, wir wollten unbedingt eine starke Ballade haben, weil wir schon so viele Uptempo- und Blues-Nummern hatten. Also kamen Keith und ich mit Andy (Watt, Produzent) zusammen mit dem Plan, diese Ballade zu schreiben. Von der Stimmung her sollte es eine Soul-Ballade mit leichteren Elementen sein, die sich zum Ende hin steigert. So entstand diese Idee.<\/p>\n<p><strong>Und es musste nat\u00fcrlich unbedingt ein Text \u00fcber einen Mann und eine Frau sein.<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich. Ich kam auf diese Textidee, die sehr einfach ist und schon auf viele Arten verwendet wurde: Mann trifft Frau, sie haben eine gro\u00dfartige Zeit zusammen, aber dann passiert gar nichts mehr. Sie spricht nie wieder mit ihm und ruft auch nicht mehr an. Diesen Gef\u00fchlszustand wollte ich auf eine zarte Weise ausdr\u00fccken, herzlich, zugewandt. Ich glaube und hoffe, dass das funktioniert.<\/p>\n<p><strong>Um ehrlich zu sein, war ich anfangs unsicher, ob es eine gute Idee ist, einen Song von Amy Winehouse zu covern. Ich sprach dar\u00fcber mit einem Freund und der meinte: Die Stones haben zu Amys Lebzeiten mit ihr gearbeitet, und indem sie sie jetzt covern, sagen sie: Amy Winehouse ist eine ebenso gro\u00dfe Legende wie all die Soul- und Blues-K\u00fcnstler, die sie fr\u00fcher gecovert haben. Den Gedanken fand ich sch\u00f6n. Was war eure Motivation f\u00fcr \u201eYou Know I\u2019m No Good\u201c?<\/strong><\/p>\n<p>Wir dachten dar\u00fcber nach, eine Coverversion von einer K\u00fcnstlerin aufzunehmen, und stie\u00dfen so auf Amy. Es ist vor allem ein gro\u00dfartiger Song, der sich fantastisch singen und spielen l\u00e4sst, das macht gro\u00dfen Spa\u00df. Der Song hat einen tollen Groove. Es gibt leider nicht so viele Amy-Songs, sie hat ja nur zwei Alben gemacht. Aber dieser spezielle Song f\u00fchlte sich sehr gut f\u00fcr uns an. Wir haben den Groove ein wenig angepasst, aber behutsam, ohne den Charakter des Originals zu ver\u00e4ndern. Nicht zuletzt ist es ein gro\u00dfartiger Song, um Mundharmonika darauf zu spielen.<\/p>\n<p><strong>Neben einem s\u00fcffisanten Humor eint die Songs auf dem neuen Album ihre Melodieseligkeit. Man h\u00f6rt etwa \u201eCovered In You\u201c und hat gleich den Refrain im Kopf.<\/strong><\/p>\n<p>Es freut mich, wenn das so ist. \u201eCovered In You\u201c begann mit einem Soul-Riff, das mir eingefallen war und das ich immer wieder spielte. Dann habe ich einen Groove dazu gebaut, und pl\u00f6tzlich hatten wir dieses Ding, das im Refrain ja wirklich wahnsinnig melodisch ist. Wir bewegen uns also von einer schweren, beinahe gerappten Strophe in diesen wirklich sehr h\u00fcbschen Refrain mit diesem wunderbaren Klavierpart, den Matt Clifford spielt. Der Song ist f\u00fcr mich anders, untypisch. Ich glaube nicht, dass die Stones jemals etwas \u00c4hnliches gemacht haben.<\/p>\n<p><strong>Mich erinnert er an die \u201eUndercover\u201c-Phase, ein ziemlich untersch\u00e4tztes Album von euch.<\/strong><\/p>\n<p>Freut mich, dass du das so siehst, das k\u00f6nnte man sagen, ja. Ich mochte das Album auch.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens seit \u201eBridges To Babylon\u201c war es bei den Rolling Stones im Grunde bei jedem Album und jeder Tour ein bisschen so wie bei alternden Sportlern, Manuel Neuer gegen Real Madrid zum Beispiel: Wie machen die das nur, wie geht\u2019s das in dem Alter noch, es ist verr\u00fcckt, es muss ein Wunder sein! Als w\u00e4re Rock\u2019n\u2019Roll ein sportlicher Wettbewerb. Wobei er das f\u00fcr die Stones wenigstens zum Teil vermutlich wirklich ist, diese Band oder mindestens ihr S\u00e4nger wollte ja wirklich immer die beste, die erste, die gr\u00f6\u00dfte sein.<\/p>\n<p>Als \u201eHackney Diamonds\u201c erschien, teilte sich die Stones-Gemeinde in zwei Lager: jene, die das Album als einen Triumph \u00fcber Zeit und Alter erkannten und nat\u00fcrlich mal wieder als \u201edas beste Stones-Album seit \u2018Tattoo You\u2019\u201c \u2013 und in jene, denen der Superfan-Produzent Andrew Watt nicht geheuer war, dieser Mittdrei\u00dfiger, der sich mit Rocklegenden wie Elton John, Iggy Pop, Ozzy Osbourne und eben den Stones seine Jungstr\u00e4ume erf\u00fcllt, indem er diese Ikonen m\u00f6glichst exakt so klingen l\u00e4sst wie zur Zeit ihrer gr\u00f6\u00dften Erfolge \u2013 und der dabei auch noch die Frechheit besitzt, selbst auf diesen Alben alle m\u00f6glichen Instrumente zu spielen. Diese Fraktion mochte den Sound von \u201eHackney Diamonds\u201c nicht: Zu viel Kompression, zu laut, zu digital, und \u00fcberhaupt, mit Brian Jones waren sie besser.<\/p>\n<p>Aber auch wenn man das schon hundertmal geschrieben hat, stimmt es nat\u00fcrlich trotzdem: Die Stones sind ein Naturereignis, nicht zuletzt weil der Sportlehrersohn Mick Jagger es irgendwie schafft, seinem K\u00f6rper durch eiserne Sport- und sonstige Disziplin immer wieder das Maximum abzuverlangen. Wenn man den Eindruck h\u00e4tte, dass Andrew Watt mit diesen alten M\u00e4nnern im Studio macht, was der Regisseur des Deepfake-Videos zu der Lead-Single \u201eIn The Stars\u201c, Fran\u00e7ois Rousselet, mit ihnen gemacht hat, sie n\u00e4mlich als KI-generierte 70er-Jahre-Versionen ihrer selbst mit einem Haufen tats\u00e4chlich junger Leute durch die Kulisse tapern zu lassen, dann gute Nacht!<\/p>\n<p>Wenn also Andrew Watt die Beitr\u00e4ge der Stones mittels digitaler Studiotechnik k\u00fcnstlich verj\u00fcngen w\u00fcrde, w\u00e4re es tats\u00e4chlich ziemlich befremdlich, dass die Stones so irre jung klingen, wie sie nun auch wieder auf \u201eForeign Tongues\u201c klingen. S\u00e4mtliche Begegnungen mit den Stones in den vergangenen Jahren haben aber den Eindruck erweckt, dass diese M\u00e4nner die Energie von \u201eForeign Tongues\u201c immer noch wirklich in sich tragen. Vor allem hat Mick Jagger immer noch diese Stimme. Er geh\u00f6rt zu den Leuten, bei denen Sprech- und Gesangsstimme sich nicht gro\u00dfartig voneinander unterscheiden, und so ist seine Stimme bereits im Interview eine Attraktion.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich klingt \u201eForeign Tongues\u201c nicht wie Musik von Leuten um die 80, aber w\u00e4hrend sie einerseits wie ihre gro\u00dfen Blues-Vorbilder leichter in Ehren ergrauen k\u00f6nnen als viele andere Musiker, w\u00fcrde ein br\u00fcchig-fragiles Alterswerk andererseits gar nicht zu dieser Band passen. Von den Stones will man immer das pralle Leben, kopf\u00fcber rein, die Gefahr, das Abenteuer \u2013 oder wenigstens eine Illusion davon.<\/p>\n<p>Wenn man mit Jagger \u00fcber die Arbeit mit Watt spricht, beschreibt er ihn als \u00dcbungsleiter, nicht als Dirigent. \u201eAndy sorgt einfach daf\u00fcr, dass es funktioniert\u201c, sagt Jagger. \u201eWie ein Fu\u00dfballtrainer hat er immer alle Termine und anstehenden Aufgaben im Blick.\u201c Den Rest erledigten die Stones selbst. Nicht zuletzt d\u00fcrfte Watt sich au\u00dferdem gut auf die Rolle eines Schiedsrichters verstehen, um im Bild zu bleiben: In den vergangenen 15 Jahren haben die Stones zahllose Sessions gespielt, konnten sich aber nie einigen, was wann und wo aufgenommen und ver\u00f6ffentlicht werden sollte. Erst mit Watt ging das pl\u00f6tzlich.<\/p>\n<p>Aber auch wenn man es nicht h\u00f6rt, ist es nat\u00fcrlich doch der Herbst der Stones. Das Alter und die Zeit, die vergangen sind, schwingen nat\u00fcrlich mit auf \u201eForeign Tongues\u201c \u2013 und die politische Weltlage. Jagger kommuniziert bekanntlich traditionell beinahe alles \u00fcber Lovesongs, in die er dann aber Zeilen wie die folgenden eingebaut hat: \u201eWhen I was oh so young, I used to want to go to Mars and burn the rubber and the road\u201c, singt er in \u201eMr. Charm\u201c, um sich anschlie\u00dfend zu fragen, wer einem heute noch die Unendlichkeit des Alls erschlie\u00dfen k\u00f6nne: \u201eIs it Boeing, is it NASA, is it mad mogul Mr. Musk?\u201c<\/p>\n<p>Der Seitenhieb auf Elon Musk ist nicht die einzige Zeile dieser Art, Mick ist im \u201eWhat can a poor boy do except to sing for a rock and roll band?\u201c-Modus, ein Prediger oder Aufr\u00fchrer war der politische Jagger schlie\u00dflich nie. \u201eLady Liberty don\u2019t look so good when she\u2019s wearing a frown\u201c, singt er in \u201eRinging Hollow\u201c, \u201ea poisonous cloud, there\u2019s a sickness in the land\u201c in \u201eIn The Stars\u201c. Ziemlich konkret wird es dann in \u201eCovered In You\u201c: \u201eI wake up sick and tired of all these autocrats, you know, they seem to be breeding like a swarm of dirty rats.\u201c<\/p>\n<p>Diese T\u00f6ne stehen einem Album ganz ausgezeichnet, das mit jenem r\u00f6hrig urw\u00fcchsig stampfenden Bluesrocker beginnt, mit dem die Rolling Stones auch die Kampagne zu \u201eForeign Tongues\u201c starteten. Nachdem am 1. April \u00fcberall auf der Welt mysteri\u00f6se Poster mit dem Aufdruck \u201eThe Cockroaches\u201c aufgetaucht waren, erschien am 11. April 2026 eine vermeintliche Cockroaches-White-Label-12-Inch, beziehungsweise sie erschien nicht, sondern war in einer limitierten Auflage von weltweit 1.000 St\u00fcck pl\u00f6tzlich in das Sortiment weniger ausgesuchter Plattenl\u00e4den gerutscht, sorgf\u00e4ltig orchestriert von einer viralen Schnitzeljagd.<\/p>\n<p>Stones-Fans wussten da nat\u00fcrlich, dass sich hinter dem Namen The Cockroaches niemand Geringeres als die Rolling Stones verbargen, erstmals hatten sie das Pseudonym 1977 in dem kanadischen Club El Mocambo verwendet. Der Song hei\u00dft \u201eRough And Twisted\u201c und war in Deutschland in elf Plattenl\u00e4den zum Preis von 10,07 Euro erh\u00e4ltlich, ein Link auf das Ver\u00f6ffentlichungsdatum von \u201eForeign Tongues\u201c am 10. Juli 2026. Zum Zeitpunkt der Niederschrift wird die White Label von \u201eRough And Twisted\u201c f\u00fcr Preise ab 1.100 Euro gehandelt, man kann den Song aber ja nun auch einfach als Teil von \u201eForeign Tongues\u201c f\u00fcr weniger Geld h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Das brodelt, rumpelt und siedet also schon mal ziemlich anst\u00e4ndig los, auch wenn Steve Jordan f\u00fcr l\u00e4ssigen Rumpel-Stones-Rock dieser Art beinahe zu viel Punch ins Spiel bringt. Sollte man sich beflei\u00dfigt f\u00fchlen, j\u00fcngeren Leuten die Spezifika eines typischen Keith-Richards-Signature-Riffs zu erkl\u00e4ren, w\u00e4re das folgende \u201eIn The Stars\u201c ein hervorragendes Demonstrationsobjekt, ehe Jagger in \u201eJealous Lover\u201c wie ein liebeskranker 20-J\u00e4hriger im besten \u201eFool To Cry\u201c-Stil falsettiert und somit also seinerseits einen Signature-Move einbringt.<\/p>\n<p>Es gibt mit \u201eSome Of Us\u201c eine wirklich wunderbar anr\u00fchrende Keith-Ballade und eine auf \u00e4hnliche Weise rohe Version von Chuck Berrys \u201eBeautiful Delilah\u201c am Ende, wie zuletzt auf \u201eHackney Diamonds\u201c den \u201eRolling Stone Blues\u201c. Die gr\u00f6\u00dfte St\u00e4rke des Albums liegt aber in einer ganzen Reihe strahlender Pop-Refrains. In Songs wie \u201eDivine Intervention\u201c, \u201eCovered In You\u201c, \u201eNever Wanna Lose You\u201c, \u201eSide Effects\u201c und nat\u00fcrlich \u201eIn The Stars\u201c h\u00f6ren wir Hoch-zu-den-Sternen-Stones, die auf \u201eForeign Tongues\u201c immer wieder gewaltige R\u00e4ume zum Tr\u00e4umen und Abhauen aufmachen.<\/p>\n<p>\u00dcber allem steht schlie\u00dflich die gewaltige Ballade \u201eBack In Your Life\u201c, die sich zum Schluss auch ganz ohne Elon Musk in die Unendlichkeit aufmacht. Wenn Jagger das folgende Solo mit den Worten \u201eCome on Ronnie\u201c einleitet, wei\u00df man: Sch\u00f6ner wird das Jahr nicht mehr! Die G\u00e4ste sind weniger pr\u00e4sent als zuletzt. Ein prominentes Gesangsfeature gibt es nicht, aber Steve Winwood und Robert Smith von The Cure sind dabei, was man nur h\u00f6rt, wenn man es wei\u00df, au\u00dferdem Chad Smith von den Red Hot Chili Peppers, ein regelrechter Andrew-Watt-Regular \u2013 und Paul McCartney.<\/p>\n<p><strong>Paul McCartney ist wieder dabei, er spielt Bass auf \u201eCovered In You\u201c, nach \u201eHackney Diamonds\u201c bereits sein zweites Stones-Gastspiel. Diesmal spielt er vollkommen anders als beim letzten Mal.<\/strong><\/p>\n<p>Allerdings. Nachdem er zuletzt beinahe Punk-Rock mit uns gespielt hat, ist es nun eher ein Funk-Bass, den Paul einbringt, sehr sch\u00f6n. Und Charlie ist ja auch wieder dabei \u2026<\/p>\n<p><strong>\u2026 euer verstorbener Schlagzeuger Charlie Watts \u2026<\/strong><\/p>\n<p>Er spielt auf \u201eHit Me In The Head\u201c, dem \u00e4ltesten Song auf dem Album, der m\u00fcsste aus einer Session von 2021 oder 2022 in L.A. sein.<\/p>\n<p><strong>War es f\u00fcr euch wichtig, f\u00fcr die Aufnahmen in eure Heimatstadt London zur\u00fcckzukehren?<\/strong><\/p>\n<p>Wir entscheiden solche Dinge vor allem nach der Qualit\u00e4t der jeweiligen Studios. Aber ja, es war sehr sch\u00f6n, hier zu arbeiten. Zuletzt hatten wir meist in Los Angeles aufgenommen. Jetzt war es an der Zeit f\u00fcr eine Ver\u00e4nderung, und es war sch\u00f6n, mal wieder hier zu sein.<\/p>\n<p><strong>Und wie war es nun in den Metropolis Studios in London?<\/strong><\/p>\n<p>Klasse, ein gro\u00dfartiger Ort zum Arbeiten. Wir waren zum ersten Mal hier, ich hatte zuvor schon mal allein ein paar Overdubs in dem Studio aufgenommen, die anderen kannten es gar nicht. Es ist ein wirklich sehr typisch englischer Ort, ein bisschen heruntergekommen, beinahe schon Shabby Chic. Aber es war ein guter Raum, in dem wir einen guten Sound hatten. Man w\u00e4hlt Studios vor allem nach dem Drum-Sound aus. Es ist entscheidend, wie das Schlagzeug klingt, weil es das einzige akustische Instrument ist. Alle anderen Instrumente werden durch alle m\u00f6glichen elektronischen Ger\u00e4te gejagt, die Drums m\u00fcssen schon ohne Mikros gro\u00dfartig klingen. Das war dort der Fall.<\/p>\n<p><strong>Wenn ihr sagt, ihr h\u00e4ttet alles in vier Wochen aufgenommen, bedeutet das ja nicht, dass tats\u00e4chlich das gesamte Album in vier Wochen fertig war, oder?<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich nicht. Aber wir haben alle zehn neuen Songs in diesen vier Wochen aufgenommen, jedenfalls alle Basic Tracks, was schon mal gut ist. Anschlie\u00dfend wird nat\u00fcrlich entschieden, was man von diesen Live-Tracks beh\u00e4lt und was neu gemacht werden muss, das zieht sich dann noch mal eine ganze Weile.<\/p>\n<p><strong>Die Berichte von fr\u00fcheren Aufnahmesessions sind ebenso chaotisch wie legend\u00e4r. Wie verl\u00e4uft denn so ein \u00fcblicher Studiotag bei den Stones heutzutage?<\/strong><\/p>\n<p>Konzentrierter. Wir beginnen um 15 Uhr und \u00fcberlegen, an welchem Song wir arbeiten wollen. Dann legen wir los und lernen den jeweiligen Song, was bei einigen l\u00e4nger dauert als bei anderen, aber sobald wir den Groove mit Stevie haben, l\u00e4uft es eigentlich wie von selbst. So schaffen wir in ein paar Stunden vielleicht drei oder vier gute Takes. Zum Schluss wird entschieden, welcher Take der beste ist und an welchem wir weiterarbeiten wollen. Wenn wir den Song dann fertig haben, proben wir einen anderen, den wir am n\u00e4chsten Tag aufnehmen wollen, damit alle schon mal die Stimmung, die Akkorde und alle Details kennen.<\/p>\n<p><strong>Nachdem zuvor in knapp 20 Jahren nur ein einziges neues Studioalbum erschienen war, kam es zuletzt zu einer regelrechten kreativen Explosion mit drei Alben in zehn Jahren. Es gab in dieser Zeit zudem zahlreiche Sessions, die nicht zu Ver\u00f6ffentlichungen f\u00fchrten. Wie viele weitere Stones-Platten habt ihr noch auf Lager?<\/strong><\/p>\n<p>Absolut keine Ahnung \u2026 Ich schreibe jedenfalls ununterbrochen, jeden Tag. Wenn ich gleich nach Hause gehe, werde ich ein paar Stunden mit Schreiben verbringen, wei\u00dft du. Was dabei herauskommt, kann man vorher nicht wissen. Irgendwann hat man auf diese Weise wieder eine Menge Kram zusammen und muss entscheiden, was Mist ist und woran es sich lohnt weiterzuarbeiten.<\/p>\n<p><strong>Wie gut ist Mick Jagger denn als Kritiker von Mick Jagger?<\/strong><\/p>\n<p>Schon gut. \u201eOh, das klingt genau wie das andere, das du am Tag zuvor geschrieben hast, weg damit! Diese andere Idee hier ist totaler M\u00fcll!\u201c (Lacht) Am Tag danach kann ich das schon immer ganz gut erkennen. Und dann macht man weiter.<\/p>\n<p><strong>Beim letzten Mal habe ich mit Keith \u00fcber Dartford gesprochen. Wann warst du zuletzt in eurer Heimatstadt?<\/strong><\/p>\n<p>Vor Kurzem erst. Ich habe gemeinsam mit meinem Bruder unserer alten Grundschule einen \u00dcberraschungsbesuch abgestattet, und dann waren wir noch beim Jubil\u00e4um eines \u00f6rtlichen Kunst- und Veranstaltungszentrums.<\/p>\n<p><strong>Dem 25. Jubil\u00e4um des nach dir benannten Mick Jagger Centre.<\/strong><\/p>\n<p>Mein Bruder hat dort ein Konzert gegeben, und ich kam dazu und spielte ein paar Songs mit ihm. Und dann brachte ich ein paar der Kinder dazu, im Chor mit uns zu singen, wir spielten \u201eYou Can\u2019t Always Get What You Want\u201c. Das war toll!<\/p>\n<p><strong>Hast du dir denn jetzt endlich mal eure Statuen angesehen, \u00fcber die wir beim letzten Mal gesprochen haben?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, immer noch nicht, bedauerlicherweise. Es war schon ziemlich sp\u00e4t, als wir dort waren. Ich wollte sie mir unbedingt ansehen, aber dann war es dunkel und ich h\u00e4tte sowieso nichts gesehen.<\/p>\n<p>Wir haben dann nat\u00fcrlich auch noch die Frage aller Fragen besprochen: Wird es eine weitere Tournee geben, werden die Stones zu \u201eForeign Tongues\u201c wieder Konzerte spielen, nachdem sie zuletzt eine geplante Europa-Tour abgesagt hatten, um dieses Album fertigzustellen? Dem Vernehmen nach sei es ausgerechnet Keith Richards, an dem neue Tourpl\u00e4ne bislang scheitern. Nicht weil er keine Lust habe, sondern weil er bald 83 Jahre alt sei, gelebt habe, wie er gelebt hat, und die Arthritis ihm weiter zu schaffen mache. Der alte Medienprofi Mick Jagger wird diese Ger\u00fcchte nat\u00fcrlich nicht best\u00e4tigen. Es gebe auf jeden Fall Pl\u00e4ne, sagt er, er selbst wolle sehr gern wieder touren, dieses Jahr sei aber nicht mit Konzerten zu rechnen. Mal sehen, was die Zukunft bringt.<\/p>\n<p>Die Zukunft. Wie oft dachte man schon, dass diese Band unm\u00f6glich noch eine haben k\u00f6nne. Wie oft wollte man die Stones schon abschreiben. Nun gibt es wieder neue Musik, zum zweiten Mal in drei Jahren. Den Zugang zu der Genialit\u00e4t, der ihre goldene Phase zwischen 1968 und 1972 ausgemacht hat, haben die Stones lange verloren. Jetzt haben sie immerhin wieder einen Link zu der Zeit danach, und das ist eine Menge. Es wird erst vorbei sein, wenn es vorbei ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es ist erst zweieinhalb Jahre her, dass die Rolling Stones ein neues Album in ihrer Heimatstadt London vorstellten.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1122594,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1772],"tags":[233428,29,214,215336,30,135051,14682,1779,810,3541,215],"class_list":["post-1219477","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-musik","tag-andrew-watt","tag-deutschland","tag-entertainment","tag-foreign-tongues","tag-germany","tag-keith-richards","tag-mick-jagger","tag-music","tag-musik","tag-rolling-stones","tag-unterhaltung"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/117048705434128009","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1219477","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1219477"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1219477\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1122594"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1219477"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1219477"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1219477"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}