{"id":1222486,"date":"2026-08-07T20:34:21","date_gmt":"2026-08-07T20:34:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1222486\/"},"modified":"2026-08-07T20:34:21","modified_gmt":"2026-08-07T20:34:21","slug":"kunst-dana-schutz-wenn-eine-malerin-die-muskeln-spielen-laesst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1222486\/","title":{"rendered":"Kunst: Dana Schutz \u2013 Wenn eine Malerin die Muskeln spielen l\u00e4sst"},"content":{"rendered":"<p>Erst Leinwand, dann Bronze und jetzt Papier: Dana Schutz ist die Ausnahmek\u00fcnstlerin ihrer Generation. In der Pinakothek der Moderne freut sie sich, endlich mit ihren deutschen Helden unter einem Dach zu sein.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Irgendwann am Er\u00f6ffnungsabend stand die eher zierliche K\u00fcnstlerin vor einem gro\u00dfformatigen Gem\u00e4lde mit dem Titel \u201eThe Health\u201c und nahm in der ihr eigenen Demut ungl\u00e4ubig die Komplimente der Besucher entgegen. Soweit sich ihre Regungen hinter ihrer gro\u00dfen Brille und unter ihrem unb\u00e4ndigen Lockenkopf \u00fcberhaupt richtig lesen lie\u00dfen, schien Dana Schutz jede Eloge nur noch verlegener zu machen. Und w\u00e4hrend sie in immer k\u00fcrzerer Abfolge err\u00f6tete, den Kopf sch\u00fcttelte und abwehrend die H\u00e4nde hochwarf, meinte man, sie f\u00fcr einen kurzen, surrealen Moment tats\u00e4chlich schrumpfen zu sehen, w\u00e4hrend der \u00fcberlebensgro\u00dfe Bodybuilder auf dem Bild hinter ihr seine Muskeln nun noch entschiedener flexte.<\/p>\n<p>Und doch konnte die hinrei\u00dfende Unschuldsperformance der K\u00fcnstlerin nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass der M\u00fcnchner Kraftakt ganz der ihre war, dass es <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article6a4f8a3a43b7fd5185003a2f\/amerikanische-kuenstlerin-dana-schutz-ist-die-unerschuetterliche-meisterin-der-grossen-erzaehlung.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article6a4f8a3a43b7fd5185003a2f\/amerikanische-kuenstlerin-dana-schutz-ist-die-unerschuetterliche-meisterin-der-grossen-erzaehlung.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Dana Schutz<\/a> selbst war, die hier und \u00fcberall sonst, wo sie ausstellt, ihre Muskeln flext.<\/p>\n<p>\u201eTrouble and Appearance\u201c hei\u00dft die Schau, die noch bis zum 5. Oktober in der M\u00fcnchner Pinakothek der Moderne zu sehen ist. Und erst hier, in den Erdgeschoss-R\u00e4umen der Staatlichen Graphischen Sammlung, wird vollends klar, dass der 49-J\u00e4hrigen in den letzten Jahren ein ebenso beispielloser wie generalstabsm\u00e4\u00dfig durchexerzierter Europa-Feldzug gegl\u00fcckt ist, der sie fernab ihrer Heimat New York als die amerikanische Ausnahmek\u00fcnstlerin ihrer Generation etabliert.<\/p>\n<p>Da waren 2023 und 2024 die gefeierten Retrospektiven im d\u00e4nischen Louisiana Museum und im Pariser Mus\u00e9e d\u2019Art Moderne. Haupts\u00e4chlich auf ihre Malerei fokussiert, lie\u00dfen sie die Besucher die Entwicklung von fr\u00fchreifen Meisterwerken wie \u201ePresentation\u201c (2005 \u2013 heute in der Sammlung des MoMA) \u00fcber ihre fast kubistisch konstruierten Personen-Tableaux hin zu der expressiven Pinself\u00fchrung nachverfolgen, die seit ungef\u00e4hr 2018 dominiert und mit jedem Jahr freier zu werden scheint.<\/p>\n<p>Und da war, in diesem Fr\u00fchjahr, die Premiere ihrer bislang gr\u00f6\u00dften Skulptur \u201eBlind Boat\u201c im Park des norwegischen Kistefos-Museums \u2013 ein Schiff, auf dem zwei Ein\u00e4ugige und ein Blinder einem Sturm trotzen, w\u00e4hrend letzterer einen einzelnen Augapfel wie einen Nebelscheinwerfer in die H\u00f6he reckt. Von Schutz neun mal sieben Meter gro\u00df in Ton geformt und dann in Bronze gegossen, ist \u201eBlind Boat\u201c nicht nur ein Paradebeispiel ihrer psychedelisch-dystopischen Allegorien, es ist auch ein zw\u00f6lf Tonnen schweres \u2013 und dabei unheimlich leicht wirkendes \u2013 Testament ihrer grenzenlosen Ambition.<\/p>\n<p>Und nun \u201eTrouble and Appearance\u201c in M\u00fcnchen: Auch hier zeigt Schutz Malerei. Leihgaben aus den letzten Jahren sowie speziell f\u00fcr diese Ausstellung entstandene Gem\u00e4lde wie das virtuose Panoramaformat \u201eThe Ritual\u201c, auf dem links unter einem bl\u00fchenden Apfelbaum einem Trauerzug der Sarg entgleitet, w\u00e4hrend rechts der Leichenschmaus schon in vollem Gang ist. Auch hier zeigt Schutz noch einmal, dass sie als Bildhauerin ebenfalls in einer ganz eigenen Liga spielt: Ihre \u201eSea Group\u201c, die monumentale Bronze einer sich im Kreis in den Armen haltenden Menschengruppe, scheint in der offensichtlich steif wehenden Meeresbrise kurz vor dem Abheben zu sein.<\/p>\n<p>Und doch sind es die Papierarbeiten, die hier der Skulptur und den Gem\u00e4lden die Schau stehlen \u2013 und ihren Ruf als Meisterin aller klassischen Disziplinen zementieren. Den Auftakt macht eine Gruppe von Skizzen, die dem Schutz-geschulten Betrachter erm\u00f6glichen, einen gro\u00dfen Teil ihres malerischen Oeuvres der letzten Dekade vor seinem inneren Auge zu rekonstruieren. Dicht an dicht in einer Art Wolkenform gehangen, l\u00e4sst sich jede einzelne Skizze einem Gem\u00e4lde zuordnen \u2013 was gleich zu Beginn die Beweisf\u00fchrung abschlie\u00dft, dass ihre Malerei aus der Zeichnung geboren ist. <\/p>\n<p>Es sind eben jene kleinformatigen Skizzen, die w\u00e4hrend der Arbeit im Studio neben den gro\u00dfen Leinw\u00e4nden (und Skulpturen) h\u00e4ngen und, dank der besonderen Gabe der K\u00fcnstlerin, auf kleinstem Raum nicht nur die Komposition vorgeben, sondern auch die Stimmung, den Schwung, die gesamte Dynamik und innere Logik des im Entstehen begriffenen Werkes.<\/p>\n<p>In der tunnelartigen Passage, die zu den S\u00e4len f\u00fchrt, die die Graphische Sammlung als Ausstellungsfl\u00e4che nutzt, pr\u00e4sentiert Schutz in Wandvitrinen eine neue Gruppe von Monotypien. Schicht f\u00fcr Schicht trug sie hierf\u00fcr spezielle Aquarellfarben auf eine Holzplatte auf \u2013 so lange, bis die Vertikalpresse der New Yorker Two-Palms-Werkstatt mit circa 680.000 Kilo Druck von oben die Farben aus dem Holz in ein angefeuchtetes Papier presst. Was technisch mehr als anspruchsvoll klingt, erfordert f\u00fcr Schutz vor allem eine fast schon hellseherische Antizipation. Die von ihr zuerst gemalte Schicht erscheint auf dem Papier zuoberst, die zuletzt gemalte zuunterst, w\u00e4hrend sich die Farb\u00fcberlagerungen noch schwerer kalkulieren lassen. Dass die Ergebnisse wie \u201eThe Rally\u201c (2026) nie ihre M\u00fchen verraten oder zur blo\u00dfen Demonstration technischer Virtuosit\u00e4t werden, macht sie nur noch \u00fcberzeugender.<\/p>\n<p>Auch die Hauptr\u00e4ume, in denen neue, gro\u00dfformatige Kohlezeichnungen in direkten Dialog mit Malerei und Skulptur treten, bekr\u00e4ftigen die im Grafikkreuzgang entwickelte Hypothese: Wer so arbeitet, als w\u00fcrden es ihm h\u00f6here Wesen befehlen, wird nie als Streber dastehen.<\/p>\n<p>Und tats\u00e4chlich sind es gerade die Kohlearbeiten wie das sechs Meter breite Totenbild \u201eCatcher\u201c oder die an Max Beckmann erinnernde \u201eTable Scene\u201c, die dann vollends wirken, als seien sie nicht mehr von dieser Welt. Mit schlafwandlerischer Sicherheit orchestriert Dana Schutz ihre Mittel, l\u00e4sst ohne die M\u00f6glichkeit einer Korrektur ihren Strich K\u00f6rperkonturen auf sechs Meter Breite spannen und setzt die unterschiedlichsten Zeichenmodi \u2013 von kalt bis hei\u00df, von fast schon skulptural wirkender Schraffage bis zur nerv\u00f6s-abstrakten Geste \u2013 auf eine so noch nicht gesehene Art ein, die der Kurator der Ausstellung, Michael Hering, in seinem Er\u00f6ffnungsvortrag als \u201eGleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen\u201c umschrieb.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt: Der M\u00fcnchner Triumph der Dana Schutz ist auch ein Triumph des Direktors der Staatlichen Graphischen Sammlung, der nun schon seit zehn Jahren mit einem Programm auf h\u00f6chstem internationalen Niveau im Alleingang die Ehrenrettung der Pinakothek der Moderne betreibt, w\u00e4hrend die eigentliche Direktion f\u00fcr Gegenwartskunst den Museumstanker in einer Art Wachkoma zuverl\u00e4ssig an jeder Relevanz vorbei steuert, (oder mit Peinlichkeiten wie einer Flatz-Retrospektive gleich \u00f6ffentlichkeitswirksam Leck schlagen l\u00e4sst).<\/p>\n<p>Und so dankte auch Dana Schutz am Er\u00f6ffnungsabend zuvorderst Michael Hering, der mit seiner Ausstellungsidee nicht nur ganz neue Werkgruppen inspiriert hatte, sondern ihr auch erm\u00f6glichte, \u201emit meinen Helden Baselitz, Beckmann, Kokoschka und Kirchner unter einem Dach auszustellen.\u201c<\/p>\n<p>Als man sie sp\u00e4ter dann vor ihrem Bodybuilder stehen sah, dessen Haare und zu gro\u00df geratenes Ohr tats\u00e4chlich eine direkte Hommage an Baselitz\u2019 \u201eRalf-Kopf\u201c zu sein scheinen und der Berge rohen Fleisches verschlingt wie seine Sch\u00f6pferin die Malereigeschichte, da konnte man nicht umhin, in Dana Schutz die personifizierte Rache an Benjamin Buchloh zu sehen \u2013 dem deutschen Kunsthistoriker, der in seinem wirkm\u00e4chtigen \u201eCiphers of Regression\u201c-Essay figurativen, auf Handwerk und Traditionen rekurrierenden europ\u00e4ischen Malern wie Baselitz autorit\u00e4re Tendenzen vorgeworfen hatte.<\/p>\n<p>\u201eTrouble and Appearance\u201c zeigt Schutz auf dem vorl\u00e4ufigen H\u00f6hepunkt ihres Schaffens. Und \u201eThe Health\u201c erinnert uns daran, dass man sehr trainierte Maler-Muskeln braucht, um sich am Erbe seiner Helden nicht zu verheben.<\/p>\n<p>Bis zum 4. Oktober 2026 in der M\u00fcnchner Pinakothek der Moderne<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Erst Leinwand, dann Bronze und jetzt Papier: Dana Schutz ist die Ausnahmek\u00fcnstlerin ihrer Generation. 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