{"id":1222620,"date":"2026-08-07T22:03:25","date_gmt":"2026-08-07T22:03:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1222620\/"},"modified":"2026-08-07T22:03:25","modified_gmt":"2026-08-07T22:03:25","slug":"kahlschlag-bei-bosch-waschmaschinenfabrik-in-nauen-bei-berlin-soll-schliessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1222620\/","title":{"rendered":"Kahlschlag bei Bosch: Waschmaschinenfabrik in Nauen bei Berlin soll schlie\u00dfen"},"content":{"rendered":"<p>Der Autor des Artikels, Andy Niklaus ist Kandidat der Sozialistischen Gleichheitspartei (SGP) bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl. Mehr Informationen zu Niklaus, zu den anderen Kandidaten und zum Programm und zum Wahlkampf der SGP finden sich <a href=\"https:\/\/www.gleichheit.de\/home.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">hier<\/a>. <\/p>\n<p>Der Kahlschlag bei Bosch trifft nicht nur die Autozuliefer-Sparte. Die Bosch-Tochter BSH, urspr\u00fcnglich Bosch-Siemens-Hausger\u00e4te GmbH und inzwischen alleinige Tochter des Bosch-Konzerns, schlie\u00dft ihre Waschmaschinenfabrik im brandenburgischen Nauen nordwestlich von Berlin Mitte des n\u00e4chsten Jahres. 450 Arbeitspl\u00e4tze gehen verloren.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"db relative center\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/1940c8b7-9670-4873-badb-c079b2e1e443.jpeg\" style=\"max-height:100%\"\/>Waschmaschinenproduktion in Nauen [Photo by Pressebild BSH Hausger\u00e4te GmbH ]<\/p>\n<p>Insgesamt sollen 1400 Stellen bei der BSH gestrichen werden, neben Nauen wird auch das Werk im baden-w\u00fcrttembergischen Bretten geschlossen. Grund sei die nachlassende Nachfrage, teilte das Unternehmen mit. Die Produktion von Elektro-Herden, Waschmaschinen und Dunstabz\u00fcgen soll k\u00fcnftig in anderen europ\u00e4ischen Werken \u00fcbernommen werden. BSH besch\u00e4ftigt in Deutschland rund 16.000 Arbeiterinnen und Arbeiter, weltweit sind es 57.000.<\/p>\n<p>Wie in der Automotive-Sparte organisiert auch hier die IG Metall den Kahlschlag. Das BSH-Waschmaschinenwerk im ostdeutschen Nauen vor den Toren Berlins wurde 1994, f\u00fcnf Jahre nach der Restauration des Kapitalismus, gemeinsam von Bosch und Siemens geschaffen. Es war als kosteng\u00fcnstige Alternative zum nahegelegenen Werk im Westberliner Bezirk Spandau-Gartenfeld aufgebaut worden. Ein Tarifvertrag wurde den Besch\u00e4ftigten bis heute vorenthalten. Die IG Metall hat die Spaltung der Arbeiter in Ost und West und die Dumping-L\u00f6hne, die sie in Sonntagsreden anprangert, tatkr\u00e4ftig unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Als 2005 in Nauen rund 90 Millionen Euro investiert wurden, um eine neue hochprofitable Waschmaschinenfabrik aufzubauen, schoss das Land Brandenburg unter Ministerpr\u00e4sident Matthias Platzeck (SPD) 9,3 Millionen Euro zu. Das Werk in Nauen verlor trotzdem 230 Jobs aufgrund einer Produktionsverlagerung von W\u00e4schetrocknern nach Lodz in Polen. F\u00fcr das Werk in Spandau-Gartenfeld war das der Todessto\u00df.<\/p>\n<p>Der BSH-Betriebsrat und IG Metall-Funktion\u00e4re erkl\u00e4rten damals, die \u201eWaschmaschine der Zukunft\u201c h\u00e4tte auch in Gartenfeld produziert werden k\u00f6nnen. Doch die Besch\u00e4ftigten in Nauen verdienten \u00fcber zehn Prozent weniger als ihre Kollegen in Berlin und arbeiteten 43 statt 35 Stunden. \u201eUnser Berliner Standort funktioniert wirtschaftlich nicht\u201c, sagte damals BSH-Sprecherin Eva Delabre. \u201eIn Nauen k\u00f6nnen wir wirtschaftlich produzieren, haben den Fl\u00e4chentarif nicht, aber ein H\u00f6chstma\u00df an Arbeitsflexibilisierung.\u201c<\/p>\n<p>Das Werk in Berlin-Spandau wurde am 30. Juni 2012 geschlossen. Die IG Metall hatte schon im Oktober 2006 eine Vereinbarung unterzeichnet, die die Abwicklung praktisch besiegelte. 2012 erarbeitete sie den dazugeh\u00f6rigen Sozialplan. Drei Jahre sp\u00e4ter, 2015, stieg Siemens im Rahmen seiner Verwandlung in eine Finanzholding aus der Produktion aus. Bosch \u00fcbernahm alle Siemens-Anteile an der BSH.<\/p>\n<p>Die IG Metall hat die Nauener Besch\u00e4ftigten 33 Jahre lang als Arbeiter zweiter Klasse schuften lassen \u2013 ohne Urlaubsgeld, ohne Weihnachtsgeld, ohne Schichtzulagen und Sonderzahlungen, zeitweise 50 Stunden pro Woche. Sie hat keinen Finger ger\u00fchrt, um das zu \u00e4ndern. Erst im letzten Jahr begannen Verhandlungen, die dann durch die Bekanntgabe der Schlie\u00dfung \u00fcberfl\u00fcssig waren und abgebrochen wurden.<\/p>\n<p>Die Produktion in Nauen endet Mitte n\u00e4chsten Jahres, \u00fcbrig bleiben soll zun\u00e4chst nur die Logistik. Der Betriebsrat hat einen Sozialplan mit den altbekannten Bedingungen und Regeln der Schlie\u00dfung abgeschlossen: Abfindungen, Fr\u00fchverrentungen, Transfergesellschaft.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ai.wsws.org\/?utm_source=wsws&amp;utm_medium=in-article-ad&amp;utm_campaign=socialism-ai-launch&amp;utm_content=de-top-third-banner\" class=\"db avenir f6 lh-title pa1 br2 tc mw6 mw-75rem-m bg-black-05 mt3 center\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\"><img decoding=\"async\" class=\"dn db-m\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/25ec0a66-6196-494a-b37c-21128d5af4ea.png\"\/><img decoding=\"async\" class=\"db dn-m\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/757eb3bc-3c41-4c7f-a951-5eff14906863.png\"\/><\/a>Bosch erzielt Milliardengewinn<\/p>\n<p>Als Bosch vor fast einem Jahr ank\u00fcndigte, insgesamt <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2025\/09\/26\/thys-s26.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">22.000 Jobs zu vernichten<\/a>, da war klar, dass dies \u00fcberwiegend die Automotive-Sparte betrifft, aber eben nicht ausschlie\u00dflich. Bosch ist ein globaler Konzern mit vier gro\u00dfen Sparten: Mobilit\u00e4t, Industrietechnik, Konsumg\u00fcter sowie Energie- und Geb\u00e4udetechnik.<\/p>\n<p>Der Konzern mit \u00fcber 400.000 Besch\u00e4ftigten in aller Welt und einem Umsatz von \u00fcber 90 Milliarden Euro ist nicht ernsthaft von Umsatzr\u00fcckgang bedroht. Er f\u00e4hrt keine Verluste ein, sondern erzielte 2024 einen Gewinn von 3,5 Milliarden Euro \u2013 und wollte ihn in diesem Jahr verdoppeln. Auch das BSH-Werk in Nauen schrieb immer schwarze Zahlen, berichtet die Betriebsratsvorsitzende Jeannette Luschnat.<\/p>\n<p>Die Angriffe auf Arbeitspl\u00e4tze und L\u00f6hne sind vielmehr Bestandteil der eskalierenden Handelskriege und Kriege um M\u00e4rkte und Profite. Die USA f\u00fchren Krieg gegen den Iran, unterst\u00fctzen den V\u00f6lkermord Israels in Pal\u00e4stina, \u00fcberfallen Venezuela und bedrohen Kuba.<\/p>\n<p>Die europ\u00e4ischen M\u00e4chte \u2013 allen voran Deutschland \u2013 befinden sich de facto im Krieg mit Russland. Deutschland ist der gr\u00f6\u00dfte Geldgeber des Selenskyj-Regimes und baut zusammen mit der Ukraine Waffen, die gegen Russland eingesetzt werden. Die Kosten der von Kanzler Merz und Verteidigungsminister Pistorius angestrebten \u201eKriegst\u00fcchtigkeit\u201c zahlt die Arbeiterklasse \u2013 durch Werksschlie\u00dfungen, Lohnsenkungen und Produktionsverlagerungen und die Umstellung auf Kriegswirtschaft. Auch Bosch versucht zunehmend, seine elektronischen und digitalen Komponenten an Waffenproduzenten zu verkaufen.<\/p>\n<p>Wie alle Konzerne arbeitet Bosch eng mit dem IG Metall-Apparat zusammen. Die IGM-Funktion\u00e4re Nadine Boguslawski, Adrian Hermes und Dr. Raphael Menez sowie die Betriebsratschefs sitzen im Aufsichtsrat der Robert Bosch GmbH und kassieren neben ihren hohen Geh\u00e4ltern auch noch Aufsichtsratsverg\u00fctungen. W\u00e4hrend dort die Angriffe auf die Belegschaft ausgearbeitet und abgestimmt werden, setzt sie der jeweilige regionale und betriebliche IGM-Apparat durch.<\/p>\n<p>Als sich Ende letzten Jahres im Bosch-Werk in Schw\u00e4bisch Gm\u00fcnd die <a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2026\/02\/27\/bosh-f27.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Opposition der Bandarbeiter in den <\/a>\u201eFreien Metallern\u201c gegen den massiven Arbeitsplatzabbau formierte, schlug der Apparat gnadenlos zur\u00fcck. Der Standort wird bis 2030 auf rund 1700 von einst \u00fcber 6000 Besch\u00e4ftigten heruntergefahren.<\/p>\n<p>Der IGM-Apparat spielt die jeweiligen Standorte bewusst gegeneinander aus. Nauen und Bretten werden geschlossen. Waiblingen, Sebnitz und Leinfelden-Echterdingen verlieren ihre Produktion. Das Werk Mondeville in Frankreich wird ebenfalls geschlossen. In Bursa in der T\u00fcrkei werden Stellen gestrichen.<\/p>\n<p>In Brandenburg und Berlin spielt neben den Gewerkschaften stets die Linkspartei eine gewichtige Rolle dabei, die Proteste der Arbeiter ins Leere laufen zu lassen. Im Falle der BSH-Werke in Nauen und Spandau-Gartenfeld hinterl\u00e4sst die Linkspartei eine Spur der Verw\u00fcstung.<\/p>\n<p>Im September 2006, als die Spandauer BSH-Besch\u00e4ftigten in Gartenfeld gegen die Werksschlie\u00dfung streikten, trat Gregor Gysi, der damalige Fraktionsvorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, im Streikzelt der IG Metall auf und kritisierte wortgewandt die Siemensf\u00fchrung.<\/p>\n<p><a class=\"db avenir f6 lh-title pa1 br2 tc mw6 mw-75rem-m bg-black-05 mt3 center\" href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/special\/pages\/international-mayday-online-rally-2026.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" class=\"dn db-m\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/1786140204_727_11d17052-6cfe-4508-a369-0296defc96b6.png\"\/><img decoding=\"async\" class=\"db dn-m\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/1786140205_484_4b19da99-80bf-4b7c-8443-cc2e6d33b6f6.png\"\/><\/a><\/p>\n<p>Gysi war 2002 f\u00fcnf Monate lang Wirtschaftssenator im Berliner SPD-PDS-Senat unter Klaus Wowereit (SPD). Diese Regierung, in der Thilo Sarrazin (damals SPD) Finanz- und Harald Wolf (Linkspartei) nach Gysi Wirtschaftssenator war, rettete zun\u00e4chst die bankrotte Berliner Bankgesellschaft mit \u00fcber 21 Milliarden Euro, um dann dieses Geld durch K\u00fcrzungen bei den Berlinern wieder einzutreiben. 35.000 Jobs im \u00f6ffentlichen Dienst wurden gestrichen, die L\u00f6hne dort um bis zu 12 Prozent gek\u00fcrzt, soziale Infrastruktur zusammengestrichen und 150.000 Sozialwohnungen an Immobilien-Haie verscherbelt.<\/p>\n<p>Heute \u00fcbernehmen Heidi Reichinnek, Bodo Ramelow und Cem Ince diese Arbeit. Sie laden Besch\u00e4ftigte in den Bundestag ein, halten Reden \u00fcber Mitbestimmung und Solidarit\u00e4t und inszenieren parlamentarische Anteilnahme \u2013 w\u00e4hrend sie die Konzern-Entscheidungen \u00fcber Werksschlie\u00dfungen, Verlagerungen und Stellenabbau nicht in Frage stellen.<\/p>\n<p>So lud der Linkenabgeordnete Ince, bis Anfang 2025 VW-Betriebsrat f\u00fcr die IG Metall in Salzgitter, eine Delegation der Nauener Belegschaft in den Bundestag ein und hielt in deren Beisein eine Rede \u00fcber die Vorz\u00fcge der Mitbestimmung. Er setzte sich f\u00fcr einen Gesetzesvorschlag der Linken ein, der dem Betriebsrat bei wirtschaftlichen Entscheidungen ein \u201ezwingendes Mitbestimmungsrecht\u201c gibt. Im Streitfall soll eine Einigungsstelle entscheiden.<\/p>\n<p>Ince wei\u00df nat\u00fcrlich, dass der VW-Betriebsrat unter Daniela Cavallo ein solches Recht hat. Ohne ihn geht bei Volkswagen nichts. Der VW-Betriebsrat hat dieses Recht genutzt, um dem Abbau von 35.000 Arbeitspl\u00e4tzen und einer Lohnk\u00fcrzung von bis zu 20 Prozent zuzustimmen. Jetzt verhandelt er \u00fcber die Vernichtung von bis zu 140.000 Arbeitspl\u00e4tzen und die Schlie\u00dfung von vier Werken. Diese \u201eMitbestimmung\u201c genannte Verschmelzung von Konzern- und Gewerkschaftsspitzen ist nicht die L\u00f6sung, sondern das Problem.<\/p>\n<p>Solange die Entscheidungen \u00fcber Produktion, Investitionen und Standorte in den H\u00e4nden der Konzernvorst\u00e4nde, Aktion\u00e4re und der IGM-Funktion\u00e4re liegen, werden die Besch\u00e4ftigten immer wieder den K\u00fcrzeren ziehen.<\/p>\n<p>Die Bosch-Arbeiter, die VW-Besch\u00e4ftigten, die Elektroarbeiter, die Stahlarbeiter bei ThyssenKrupp, die Besch\u00e4ftigten im \u00f6ffentlichen Dienst, die Pfleger, die Busfahrer und Millionen andere k\u00f6nnen nur siegen, wenn sie sich unabh\u00e4ngig, demokratisch und kampfbereit organisieren \u2013 in Aktionskomitees, die aus der Belegschaft selbst hervorgehen.<\/p>\n<p>B\u00fcrokraten und Abgeordnete, die von Mitbestimmung und Sozialpartnerschaft fabulieren und gleichzeitig Jobs vernichten, L\u00f6hne senken und ganze Werke schlie\u00dfen, m\u00fcssen drau\u00dfen bleiben.<\/p>\n<p>Die Aktionskomitees, deren demokratisch gew\u00e4hlte Sprecher rechenschaftspflichtig und jederzeit abw\u00e4hlbar sind, m\u00fcssen Kontakt mit Kolleginnen und Kollegen in anderen Betrieben aufnehmen. Nur so kann die Spaltung von Betrieb zu Betrieb, Branche zu Branche und Land zu Land \u00fcberwunden werden.<\/p>\n<p>Arbeiterinteressen m\u00fcssen Vorrang vor Profitinteressen haben. Den Konzernen muss die Verf\u00fcgungsgewalt \u00fcber Arbeitspl\u00e4tze, L\u00f6hne und Produktion genommen werden. Sie m\u00fcssen in \u00f6ffentliches Eigentum unter demokratischer Arbeiterkontrolle \u00fcberf\u00fchrt werden. Enteignung statt Profitmaximierung \u2013 das ist das Gebot der Stunde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der Autor des Artikels, Andy Niklaus ist Kandidat der Sozialistischen Gleichheitspartei (SGP) bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl. 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