{"id":1225370,"date":"2026-08-09T03:41:21","date_gmt":"2026-08-09T03:41:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1225370\/"},"modified":"2026-08-09T03:41:21","modified_gmt":"2026-08-09T03:41:21","slug":"muskeln-kiefer-schmerzen-was-der-neandertaler-in-unserem-koerper-hinterlassen-hat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1225370\/","title":{"rendered":"Muskeln, Kiefer, Schmerzen: Was der Neandertaler in unserem K\u00f6rper hinterlassen hat"},"content":{"rendered":"<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/neandertaler-172.webp\" alt=\"Rekonstruktion eines Neandertalers im Neandertaler-Museum in Mettmann\" title=\"Rekonstruktion eines Neandertalers im Neandertaler-Museum in Mettmann | IMAGO \/ Markus Matzel\" class=\"responsive\"\/><\/p>\n<p>AUDIO: Warum Neandertaler kr\u00e4ftiger gebaut waren als wir (1 Min)<\/p>\n<p class=\"topline\">Anthropologie in Leipzig<\/p>\n<p>\n                Stand: 09.08.2026 05:10 Uhr<\/p>\n<p class=\"preface\">Neandertaler waren kr\u00e4ftiger gebaut als die meisten Menschen von heute \u2013 aber warum? Ein Team des Max-Planck-Instituts in Leipzig und des Karolinska-Instituts in Stockholm hat nun einen Grund gefunden: den Wachstumshormonrezeptor. Wer die Neandertaler-Variante geerbt hat, tr\u00e4gt im Schnitt 270 Gramm mehr Muskelmasse. Die Studie reiht sich in eine ganze Serie von Befunden ein, die zeigen, was von den Neandertalern in unseren K\u00f6rpern \u00fcbrig geblieben ist.<\/p>\n<p class=\"textauthor\">von MDR WISSEN \/ RR<\/p>\n<p class=\"\">Dass Zellen in einer Laborschale schneller wachsen, ist f\u00fcr sich genommen keine Nachricht. In diesem Fall schon: Die Zellen trugen auf ihrer Oberfl\u00e4che einen Rezeptor, wie ihn vor mehr als 40.000 Jahren ein Neandertaler besa\u00df. Gab man Wachstumshormon dazu, hatten sich die Zellen nach f\u00fcnf Tagen um 39 Prozent st\u00e4rker vermehrt als Zellen mit der Variante, die heute bei den meisten Menschen \u00fcblich ist. Der Befund stammt von einem internationalen Team unter Leitung von Hugo Zeberg vom Karolinska-Institut in Stockholm und Philipp Kanis vom Max-Planck-Institut f\u00fcr evolution\u00e4re Anthropologie in Leipzig.<\/p>\n<p class=\"\">Das Wachstumshormon aus der Hypophyse (Hirnanhangdr\u00fcse) muss an einen Rezeptor auf der Zelloberfl\u00e4che andocken, um \u00fcberhaupt etwas zu bewirken. An genau diesem Rezeptor weichen alle bislang entzifferten Neandertaler an zwei Stellen von uns ab. Aber nur auf eine einzige davon geht der gesamte Effekt zur\u00fcck: An Position 561 sitzt bei ihnen der Eiwei\u00dfbaustein Threonin statt Prolin. Bemerkenswert ist, was der Rezeptor dabei nicht tut \u2013 er bindet das Hormon nicht fester als unserer. Er ist kein besserer F\u00e4nger, sondern ein lauterer Verst\u00e4rker: Sitzt das Hormon erst einmal, gibt er das Signal um 22 Prozent kr\u00e4ftiger ins Zellinnere weiter.<\/p>\n<p>    270 Gramm mehr Muskeln und ein Kiefer wie beim Neandertaler<\/p>\n<p class=\"\">Der zweite Teil der Studie verl\u00e4sst das Labor. Das Team wertete f\u00fcnf gro\u00dfe Biobanken in Gro\u00dfbritannien, Finnland, Japan, Korea und Taiwan aus, zusammen 1.134.174 Erwachsene. Wer die Neandertaler-Variante tr\u00e4gt, ist im Schnitt 285 Gramm schwerer, und fast das gesamte Mehrgewicht ist Muskelmasse: 150 Gramm an Armen und Beinen, 121 Gramm am Rumpf. Dazu kommen Befunde am Sch\u00e4del, die verbl\u00fcffend gut zu den Fossilien passen \u2013 ein um 3,6 Millimeter k\u00fcrzerer aufsteigender Unterkieferast, ein fast dreifach erh\u00f6htes Risiko f\u00fcr einen \u00dcberbiss und die Neigung zu kurzen Zahnwurzeln. F\u00fcr dieses letzte Merkmal wurde 1913 eigens der Fachbegriff &#8222;Taurodontismus&#8220; gepr\u00e4gt, bei der Untersuchung von Neandertaler-Funden.<\/p>\n<p class=\"\">Ein \u00fcberraschender Teil der Studie ist ein Nicht-Befund: Bei 6.602 Kindern aus der englischen Langzeitstudie &#8222;Born in Bradford&#8220; zeigte sich von der Geburt bis zum elften Lebensjahr kein Unterschied. Das Neandertaler-Erbe wacht \u2013 wenn vorhanden \u2013 offenbar erst in der Pubert\u00e4t auf, wenn der Spiegel des Wachstumshormons auf das Dreifache steigt. Der Mensch bildet au\u00dferdem noch ein zweites Wachstumshormon in der Plazenta \u2013 aber auf dieses reagiert der Neandertaler-Rezeptor \u00fcberhaupt nicht st\u00e4rker. Das Geburtsgewicht bleibt unver\u00e4ndert. Die Autoren vermuten dahinter eine Schranke der Evolution, denn ein Kind, das im Mutterleib schneller w\u00e4chst, w\u00fcrde bei der Geburt zum Risiko.<\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/neandertaler-zahnarzt-102.webp\" alt=\"KI-generierte Zeichnug zeigt eine Zahnbehandlung bei Neandertalern\" title=\"KI-generierte Zeichnug zeigt eine Zahnbehandlung bei Neandertalern | Nano banana 2\" class=\"responsive\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p class=\"\">Vor rund 47.000 Jahren kam die Variante durch Vermischung mit Neandertalern in unser Erbgut. Verteilt ist sie h\u00f6chst ungleich: In Teilen Pakistans tragen sie 24 Prozent der Menschen, in S\u00fcdasien gut 20 Prozent, in Europa dagegen nur 0,5 Prozent. S\u00fcdlich der Sahara fehlt sie ganz \u2013 dort lebten keine Neandertaler.<\/p>\n<p>    Selbes Labor, scheinbar widerspr\u00fcchliches Ergebnis<\/p>\n<p class=\"\">Wer die neue Studie f\u00fcr sich nimmt, k\u00f6nnte daraus ein einfaches Bild stricken: Neandertaler-Gene machen stark. Ein Blick auf die Vorg\u00e4ngerarbeit derselben Gruppe relativiert das. Im Juli 2025 zeigte sie, dass Neandertaler eine ver\u00e4nderte Version des Muskelenzyms AMPD1 trugen, die dessen Aktivit\u00e4t um 25 Prozent im Reagenzglas und um bis zu 80 Prozent im Muskel genetisch ver\u00e4nderter M\u00e4use senkt. Zwei bis acht Prozent der Europ\u00e4er haben sie geerbt \u2013 und wer ein nicht voll funktionierendes AMPD1 besitzt, wird nur halb so wahrscheinlich Spitzensportler. Ein Bruchst\u00fcck baut also Muskeln auf, ein anderes bremst deren Leistung. Waren Neandertaler also st\u00e4rker oder schw\u00e4cher als der Homo sapiens? Man kann es nicht mit Sicherheit sagen.<\/p>\n<p class=\"\">Zebergs Gruppe hat \u00fcber die Jahre eine ganze Reihe solcher Rezeptoren durchgemustert \u2013 mit vielf\u00e4ltigen Ergebnissen. Beispiel eins: Knapp jede dritte Frau in Europa tr\u00e4gt die Neandertaler-Version des Progesteronrezeptors und hat seltener Blutungen in der Fr\u00fchschwangerschaft und seltener Fehlgeburten. Beispiel zwei: Wer einen bestimmten Natriumkanal geerbt hat, sp\u00fcrt Schmerz etwa wie ein acht Jahre \u00e4lterer Mensch, weil seine Nerven leichter feuern. Und Beispiel drei: Drei der st\u00e4rksten Risikofaktoren f\u00fcr die Dupuytren-Kontraktur, eine Verh\u00e4rtung der Handinnenfl\u00e4che, die im Volksmund &#8222;Wikingerkrankheit&#8220; hei\u00dft, stammen ebenfalls von Neandertalern.<\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/gruppe-neandertaler-100.webp\" alt=\"Illustration von Neandertalern: Eine Familie in einfacher Kleidung hockt in einer H\u00f6hle an einem Feuer und kleinen Schutzdach. Ein Kind hat ein Tierfell, ein anderes steht im H\u00f6hlenausgang und blickt in die Ferne in eine Flusslandschaft.\" title=\"Illustration von Neandertalern: Eine Familie in einfacher Kleidung hockt in einer H\u00f6hle an einem Feuer und kleinen Schutzdach. Ein Kind hat ein Tierfell, ein anderes steht im H\u00f6hlenausgang und blickt in die Ferne in eine Flusslandschaft. | Nano Banana 2\" class=\"responsive\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p>    Ein Erbst\u00fcck, zwei Gesichter<\/p>\n<p class=\"\">Wie zwiesp\u00e4ltig dieses Erbe sein kann, zeigt ein Genabschnitt auf Chromosom 3. Zeberg und <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/wissen\/medizin-gesundheit\/nobelpreis-fuer-medizin-vergeben-100.html\" title=\"Medizin-Nobelpreis: Forscher ausgezeichnet, die die Selbstregulation unseres Immunsystems untersucht haben\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Nobelpreistr\u00e4ger Svante P\u00e4\u00e4bo<\/a> wiesen 2020 nach, dass er der wichtigste genetische Risikofaktor f\u00fcr schwere Covid-19-Verl\u00e4ufe ist; in Europa tr\u00e4gt ihn etwa jeder Sechste. Zwei Jahre sp\u00e4ter stellte sich heraus, dass genau dieser Abschnitt das Risiko einer HIV-Infektion um 27 Prozent senkt. Ob ein Erbst\u00fcck n\u00fctzt oder schadet, h\u00e4ngt also davon ab, welchem Erreger man begegnet \u2013 und in welchem Zeitalter man lebt.<\/p>\n<p class=\"\">Andere Arbeitsgruppen haben weitere Neandertaler-Spuren gefunden. Ein Cluster von Immun-Genen, das die Abwehr von Bakterien und Pilzen verbessert, aber zugleich das Allergierisiko erh\u00f6ht. Eine Variante, die das Blut schneller gerinnen l\u00e4sst \u2013 in der Neandertaler-Zeit ein Vorteil, heute ein Risiko f\u00fcr Schlaganfall und Lungenembolie. Dazu die H\u00f6he der Nase, der Fettstoffwechsel und die Form des Hirnsch\u00e4dels, den zwei Neandertaler-Fragmente ein wenig weniger rund machen. Jeder Mensch mit Wurzeln au\u00dferhalb Afrikas tr\u00e4gt ein bis zwei Prozent Neandertaler-Erbgut, und weil jeder andere Bruchst\u00fccke erbte, steckt insgesamt etwa ein F\u00fcnftel des Neandertaler-Genoms verteilt in der heutigen Menschheit.<\/p>\n<p>    Neandertaler: Falsche oder \u00fcberholte Erkenntnisse<\/p>\n<p class=\"\">Eine vor Jahren besonders popul\u00e4re Geschichte hat sich inzwischen wieder in Luft aufgel\u00f6st. Die vom rothaarigen Neandertaler, der in uns weiterlebt: Die 2007 gefundene Pigmentmutation existiert bei keinem heutigen Menschen mehr, und keine der Varianten, die heute rotes Haar erzeugen, steckt in den Neandertaler-Genomen.<\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/kieferknochen-fruehmenschen-102.webp\" alt=\"Ein fossiler Unterkiefer mit f\u00fcnf gut erhaltenen Backenz\u00e4hnen liegt vor schwarzem Hintergrund. Der Knochen ist hell und zeigt br\u00e4unliche Verf\u00e4rbungen.\" title=\"773.000 Jahre alter Unterkiefer ThI-GH-1 aus dem Steinbruch &quot;Thomas Quarry&quot; in Marokko. | Hamza Mehimdate, Programme Pr\u00e9histoire de Casablanca\" class=\"responsive\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p class=\"\">Auch sonst gilt Vorsicht. Alle bekannten Neandertaler-Varianten zusammen erkl\u00e4ren laut aktuellem Stand der Wissenschaft nur etwa 0,12 Prozent der Unterschiede zwischen Menschen. Als eine Forschungsgruppe 27.566 isl\u00e4ndische Genome auf Zusammenh\u00e4nge mit 271 Merkmalen absuchte, blieben f\u00fcnf \u00fcbrig \u2013 darunter ein um einen Millimeter geringerer K\u00f6rperwuchs. Ein Hauch von nichts.<\/p>\n<p class=\"\">&#8222;Es ist faszinierend, dass eine von Neandertalern vererbte genetische Ver\u00e4nderung noch heute Auswirkungen auf den menschlichen K\u00f6rper haben kann&#8220;, sagt Hugo Zeberg angesichts seiner neuesten Studie, &#8222;doch dies ist nur einer von vielen genetischen Einfl\u00fcssen auf Wachstum und K\u00f6rperform.&#8220; Co-Autorin Miriam Berreiter, nebenbei auch CrossFit-Athletin, formuliert es noch praktischer: &#8222;Auch ein Neandertaler-Wachstumshormonrezeptor ist kein Ersatz f\u00fcrs Training.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"AUDIO: Warum Neandertaler kr\u00e4ftiger gebaut waren als wir (1 Min) Anthropologie in Leipzig Stand: 09.08.2026 05:10 Uhr Neandertaler&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1225371,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[137],"tags":[6754,29,26271,14850,14193,30,141,232,920,71,83390,160842,6756,222501,16176,33495,254525,163951,254527,254526,26278,254524],"class_list":["post-1225370","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-gesundheit","tag-anthropologie","tag-deutschland","tag-erbgut","tag-evolution","tag-genetik","tag-germany","tag-gesundheit","tag-health","tag-immunsystem","tag-leipzig","tag-menschheitsgeschichte","tag-muskelmasse","tag-neandertaler","tag-palaeogenetik","tag-pubertaet","tag-rezeptor","tag-schmerzempfindlichkeit","tag-steinzeit","tag-unterkiefer","tag-urmensch","tag-vererbung","tag-wachstumshormon"],"share_on_mastodon":{"url":"","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1225370","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1225370"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1225370\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1225371"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1225370"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1225370"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1225370"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}