{"id":1230418,"date":"2026-08-11T23:07:32","date_gmt":"2026-08-11T23:07:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1230418\/"},"modified":"2026-08-11T23:07:32","modified_gmt":"2026-08-11T23:07:32","slug":"frauen-am-klavier-musik-in-dresden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1230418\/","title":{"rendered":"Frauen am Klavier? &#8211; Musik in Dresden"},"content":{"rendered":"<p><strong>Von Clara Schumann bis Nina Simone: Susan Tomes stellt Schicksale von Pianistinnen vor. Einige Streifz\u00fcge f\u00fchren nach Dresden und Leipzig<\/strong><\/p>\n<p>Klavier, das. Das Klavier ist neutral. Nicht m\u00e4nnlich, nicht weiblich. Warum aber macht es dann einen Unterschied, ob eine Frau oder ein Mann an den Tasten sitzt? Dieser Frage ist die britische Pianistin und Autorin Susan Tomes nachgegangen, um in ihrem j\u00fcngst im Elisabeth Sandmann Verlag erschienenen Buch <a href=\"https:\/\/www.suhrkamp.de\/buch\/susan-tomes-frauen-am-klavier-t-9783949582486\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u00bbFrauen am Klavier \u2013 F\u00fcnfzig Pianistinnen und ihre Geschichte\u00ab<\/a> (original \u00bbWoman and the Piano \u2013 A History in 50 Lives\u00ab, Yale University Press 2024) sowohl der Historie dieses Instruments als auch dessen Bezug zu weiblichen Personen an den Tasten nachzugehen.<\/p>\n<p>F\u00fcnfzig Frauen, eine absichtsvoll willk\u00fcrlich vollzogene Auswahl. Eine einzige Frau ist darunter, die heute noch lebt, aber wohl nicht mehr aktiv am Konzertleben teilnimmt. Alle anderen stammen aus dem 18. und 19. Jahrhundert, dem \u00bbBeginn des Klavier-Zeitalters\u00ab, wie die Autorin schreibt, sowie aus der j\u00fcngeren Vergangenheit, die bis hin zur 2003 verstorbenen Jazzpianistin, Frauen- und B\u00fcrgerrechtlerin Nina Simone reicht.<\/p>\n<p><img width=\"400\" height=\"585\" data-tgpli-src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/frauen-am-klavier_9783949582486_cover.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-19877\" data-tgpli-  data-tgpli-inited=\"\" data-tgpli-image-inited=\"\" id=\"tgpli-6a7bab3283481\"\/><\/p>\n<p>Da es in diesem reich bebilderten und ungemein informativen Buch (\u00fcbersetzt von Sven Koch und leider nicht ganz fehlerfrei lektoriert) um herausragende Pianistinnen geht (ansonsten wird durchgehend das Gender-Sternchen verwendet), kommt man um die Musik in Dresden nat\u00fcrlich nicht vorbei. Eine zentrale Rolle nahm hier bekanntlich Clara Schumann ein, wie sie ihr ebenso von Susan Tomes einger\u00e4umt wird. Mit f\u00fcnfeinhalb Buchseiten nicht nur einer der umfangreichsten Beitr\u00e4ge (die k\u00fcrzesten umfassen nicht einmal zehn Zeilen), fragt die Autorin dennoch zu Recht: \u00bbWas l\u00e4sst sich noch \u00fcber das Leben einer Frau erz\u00e4hlen, die als Wunderkind galt, Protagonistin in einem schlagzeilentr\u00e4chtigen Kampf um die Ehe mit Robert Schumann war, Mutter von acht Kindern, eine der gr\u00f6\u00dften Pianist*innen des 19. Jahrhunderts, Freundin vieler herausragender Musiker, Muse von Schumann und Brahms, Herausgeberin und Arrangeurin der Musik ihres Mannes und nach dessen Tod einzige Ern\u00e4hrerin ihrer Familie, Klavierlehrerin f\u00fcr mehrere Generationen, Wegbereiterin der Aufnahme von \u201ealter Musik\u201c in Konzertprogramme sowie eine der ersten, die in der \u00d6ffentlichkeit nicht vom Blatt, sondern auswendig spielte?\u00ab Puh, was f\u00fcr ein Satz und was f\u00fcr eine F\u00fclle von Fragen!<\/p>\n<p>\u00dcber die 1819 in Leipzig geborene Clara Schumann gibt es kaum Neues zu erz\u00e4hlen, dessen scheint sich Susan Tomes von vornherein bewusst gewesen zu sein. Wohl aber wird die tragische Geschichte von Claras Mutter Marianne einmal mehr verdeutlicht und auf m\u00f6gliche Auswirkungen auf die vom Vater Friedrich Wieck am Klavier zum \u00bbWunderkind\u00ab gedrillte Tochter hin gedeutet. Marianne n\u00e4mlich, von einem als \u00bbeiserner Kantor\u00ab verschrieenen Kirchenmusikdirektor stammend, hat ihren nicht minder dominanten Gatten verlassen, als Clara gerade mal vier Jahre alt war. \u00bbDas s\u00e4chsische Recht jener Zeit\u00ab, so steht hier zu lesen, \u00bbbefahl Kinder ab dem Alter von f\u00fcnf Jahren in die Obhut des Vaters.\u00ab Da Marianne bald darauf ins preu\u00dfische Berlin gezogen ist, verlor sie alles Recht auf ihre Tochter und konnte deren sp\u00e4tere, von Vater Wieck europaweit betriebene Karriere nur aus der Ferne verfolgen.<\/p>\n<p>Auch in diesem Kapitel wird exemplarisch deutlich, worum es der Autorin in ihrer gr\u00fcndlich recherchierten Publikation vorrangig ging: Die Rolle der Frauen als Nebenrolle von starken M\u00e4nnern, was nicht selten zur Folge hatte, dass der fr\u00fchen Ausbildung als Pianistin oder gar Komponistin mit dem Eintritt ins Eheleben ein Schlussstrich gesetzt wurde. Selbst bei Clara Schumann, deren Klavierst\u00fccke Robert nach der endlich per Gerichtsbeschluss durchgesetzten Eheschlie\u00dfung gern in seinen eigenen Kompositionen zitierte, war das nicht anders, wiewohl sie den kranken Mann sp\u00e4ter aufopferungsvoll betreute \u2013 und seine Beisetzung dennoch nur im Schatten seiner \u00bbliebsten Freunde\u00ab begleiten konnte. Mit dem eigenen Komponieren war es dann bald vorbei; um die gro\u00dfe Familie ern\u00e4hren zu k\u00f6nnen, musste Clara umso mehr konzertieren. Bemerkenswert Tomes\u2019 Schlusssatz: \u00bbNoch zu Lebzeiten von Beethoven und Schubert geboren und fast bis ins 20. Jahrhundert auf der Konzertb\u00fchne aktiv, gelang Clara Schumann der schwierige Wandel vom Kinderstar zur Grande Dame, ohne zu straucheln.\u00ab<\/p>\n<p>Vergleichbar, wenn auch v\u00f6llig anders konnotiert, ist das Schicksal von Fanny Mendelssohn, die allzu lang im Schatten ihres Bruders stand. Felix, wiewohl er Fannys Kreativit\u00e4t sch\u00e4tzte, ver\u00f6ffentlichte gar einige ihrer Werke unter seinem Namen.<\/p>\n<p>Eine Frau wie Teresa Carre\u00f1o h\u00e4tte dies wohl nicht zugelassen. Die 1853 in Caracas geborene Diplomatentochter, weitl\u00e4ufig verwandt mit Sim\u00f3n Bol\u00edvar, agierte beizeiten \u00e4u\u00dferst selbstbestimmt. Sie lebte von 1891 bis 1895 mit Eugen d\u2019Albert, dem dritten ihrer insgesamt vier Ehem\u00e4nner, in Coswig und sp\u00e4ter in Berlin. Die nach der 1917 in New York verstorbenen Pianistin und Komponistin benannte Villa Teresa ist heute (nicht zuletzt dank der Initiative des Dresdner Pianisten Peter R\u00f6sel) ein Ort des lebendigen Gedenkens an diese K\u00fcnstlerin und ihren kosmopolitischen Gatten.<\/p>\n<p>Ganz anders die russische Pianistin Tatjana Nikolajewa, die 1950 den ersten Leipziger Bach-Wettbewerb gewann, der anl\u00e4sslich des 200. Todestages von Johann Sebastian Bach ausgerichtet wurde. Jurymitglied Dmitri Schostakowitsch war von ihrem Vortrag und insbesondere von Bachs \u00bbWohltemperiertem Klavier\u00ab derart angetan, dass er wenig sp\u00e4ter seine 24 Pr\u00e4ludien und Fugen komponierte, die 1952 von Tatjana Nikolajewa uraufgef\u00fchrt worden sind. Eine K\u00fcnstlerin, die ebenfalls komponierte, u.a. eine Sinfonie sowie zwei Klavierkonzerte und viel Kammermusik, deren internationale Karriere das sowjetische Regime aber lange behinderte. Erst mit \u00fcber 60 Jahren konnte sie nach London reisen, wo sie bei den Proms gefeiert wurde. Ausgerechnet beim Vortrag einer Schostakowitsch-Fuge in San Francisco erlitt die Pianistin 1993 einen t\u00f6dlichen Hirnschlag.<\/p>\n<p>Susan Tomes hat f\u00fcr ihr Buch \u00bbFrauen am Klavier\u00ab f\u00fcnfzig sehr unterschiedliche Schicksale aus gut drei Jahrhunderten zusammengestellt. Gemeinsam haben sie alle freilich die Liebe zur Musik und insbesondere zum Klavierspiel. \u00dcber die Zeiten hinweg mussten Pianistinnen aber immer wieder gegen patriarchale H\u00fcrden ank\u00e4mpfen, die ihrer musikalischen Laufbahn zumeist im Weg standen oder sie gar g\u00e4nzlich verhindern wollten. Warum wurden viele dieser Frauen nicht so ber\u00fchmt wie ihre m\u00e4nnlichen Kollegen? Insbesondere die Kompositionen vieler hier vorgestellter K\u00fcnstlerinnen standen lange und stehen vielfach noch heute im Schatten des Vergessens. Susan Tomes hat mit ihrem lesenswerten Buch wertvolle Aufkl\u00e4rungsarbeit geleistet, der unbedingt die eine oder andere Neuentdeckung folgen sollte.<\/p>\n<p><strong>Susan Tomes: \u00bbFrauen am Klavier \u2013 F\u00fcnfzig Pianistinnen und ihre Geschichte\u00ab<br \/>Elisabeth Sandmann Verlag, 224 S., 26 Euro<\/strong><\/p>\n<p>Michael Ernst \/ \u00dcber den Autor<\/p>\n<p>Michael Ernst widmet sich privat, im Rundfunk sowie in Printmedien Literatur, Musik und Theater. Er ist an Opernh\u00e4usern und Musikfestspielen sowie als freier Autor t\u00e4tig gewesen und schreibt seit 2009 f\u00fcr \u00bbMusik in Dresden\u00ab.<\/p>\n<p>\t\t\t\t<a href=\"https:\/\/www.musik-in-dresden.de\/author\/michael\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Mehr Beitr\u00e4ge von Michael Ernst<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Von Clara Schumann bis Nina Simone: Susan Tomes stellt Schicksale von Pianistinnen vor. 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