{"id":1232832,"date":"2026-08-13T03:10:17","date_gmt":"2026-08-13T03:10:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1232832\/"},"modified":"2026-08-13T03:10:17","modified_gmt":"2026-08-13T03:10:17","slug":"literatur-in-frankreich-praegt-kulturgut-und-politischen-widerstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1232832\/","title":{"rendered":"Literatur in Frankreich pr\u00e4gt Kulturgut und politischen Widerstand"},"content":{"rendered":"<p class=\"mb-6 text-xs-varying md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    <strong class=\"font-bold\"><strong class=\"font-bold\">Gerade erschien Ihr Buch \u201eVatertage\u201c auf Deutsch. Der franz\u00f6sische Titel lautet \u201eFinist\u00e8re\u201c, wie der Landstrich weit im Westen in der Bretagne, woher die Familie Ihres Vaters stammt.<\/strong><\/strong><\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs-varying md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    <strong class=\"font-bold font-sans\">ANNE BEREST:<\/strong> Ja, die Lektorin meinte, dass das Wort Finist\u00e8re im Deutschen nicht sehr gel\u00e4ufig ist, auch <a href=\"https:\/\/www.augsburger-allgemeine.de\/kultur\/gesellschaft\/wieder-in-aller-munde-warum-die-sardine-im-sommer-hip-ist-114148137\" target=\"_self\" class=\"underline \" rel=\"nofollow noopener\">wenn die Deutschen die Bretagne gut kennen.<\/a>Finist\u00e8re, der Name des Departements, dr\u00fcckt im Franz\u00f6sischen etwas sehr Pr\u00e4zises aus. Es kommt vom lateinischen \u201eFinis terrae\u201c \u2013 Ende der Welt. Au\u00dferdem gibt es ein Wortspiel mit \u201eFinis de se taire\u201c, \u201eSchluss mit dem Schweigen\u201c. Doch diese Anspielungen lassen sich nicht \u00fcbersetzen. \u201eVatertage\u201c erschien mir als ein sehr sch\u00f6ner Titel, weil das Buch die Geschichte meines Vaters und seiner Familie aufarbeitet.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs-varying md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    <strong class=\"font-bold\"><strong class=\"font-bold\">2014 ver\u00f6ffentlichten Sie mit drei Freundinnen ein Werk in einem ganz anderen Stil:<\/strong> <strong class=\"font-bold\">\u201eHow to be Parisian wherever you are\u201c, ein witziges Buch \u00fcber die typische Pariserin. Heute setzen Sie sich in ihren Familienromanen mit der Vergangenheit auseinander. Wie passt das zusammen?<\/strong><\/strong><\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs-varying md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    <strong class=\"font-bold font-sans\">BEREST:<\/strong> F\u00fcr mich ist das kein Widerspruch. Die Liebe zum Historischen findet sich in allem wieder, was ich mache. In \u201eHow to be Parisian\u201c habe ich viele Texte \u00fcber die Geschichte der Pariserin geschrieben. Die Pr\u00e4sentation des Buchs war witzig, aber es ging darin auch um die Darstellung einer feministischen Figur. Das Buch wurde trotz seines oberfl\u00e4chlichen Anscheins weltweit millionenfach verkauft und hat das Bild einer freien Frau gepr\u00e4gt. Einer Frau, die arbeiten, Kinder erziehen, gleichzeitig Simone de Beauvoir lesen und sich auf eine bestimmte Weise kleiden kann.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs-varying md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    <strong class=\"font-bold\"><strong class=\"font-bold\">Warum ist es f\u00fcr Sie wichtig, die Geschichten Ihrer Vorfahren in Ihren Werken aufzuarbeiten?<\/strong><\/strong><\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs-varying md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    <strong class=\"font-bold font-sans\">BEREST:<\/strong><strong class=\"font-bold\"> <\/strong>Alle meine B\u00fccher erforschen die Frage der famili\u00e4ren<strong class=\"font-bold\"> <\/strong>Weitergabe \u00fcber Generationen hinweg: Was bedeutet es, aus einer bestimmten Familie zu stammen? Wie lebt man mit seinem Stammbaum? Das ist das gro\u00dfe Thema meines Lebens. Meine drei letzten Romane, \u201eDie Postkarte\u201c, \u201eEin Leben f\u00fcr die Avantgarde\u201c, und \u201eVatertage\u201c sind Teil dieses literarischen Projekts, von Buch zu Buch <a href=\"https:\/\/www.augsburger-allgemeine.de\/kultur\/monika-helfer-schriftstellerin-stirbt-unerwartet-nach-tragischem-sturz-3-114940918\" target=\"_self\" class=\"underline \" rel=\"nofollow noopener\">die Frage des famili\u00e4ren Erbes<\/a> zu erforschen.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs-varying md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    <strong class=\"font-bold\"><strong class=\"font-bold\">Sie haben einmal in einem Interview gesagt, dass jeder schreiben sollte. Warum?<\/strong><\/strong><\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs-varying md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    <strong class=\"font-bold font-sans\">BEREST:<\/strong> Nicht unbedingt, um einen Roman zu ver\u00f6ffentlichen. Aber jeder sollte f\u00fcr seine Kinder oder Enkel in einem Buch oder in Heften, handschriftlich oder getippt und ausgedruckt, festhalten, wie seine Kindheit war. Denn das wird sonst vergessen. Das ist ein Schatz. Anstatt zu Weihnachten irgendein Geschenk zu kaufen, verschenken Sie die Erinnerungen an Ihre Kindheit. Ich konnte dieses Buch schreiben, weil mein Gro\u00dfvater sein Erlebtes f\u00fcr seine Nachfahren aufgeschrieben hat. So erfuhr ich, dass er 1909 die erste b\u00e4uerliche Gewerkschaft Frankreichs gegr\u00fcndet hat, damals ein sehr innovatives Unterfangen.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs-varying md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    <strong class=\"font-bold\"><strong class=\"font-bold\">Sie engagieren sich derzeit im Kampf der fr\u00fcheren Autorinnen und Autoren des Grasset-Verlags. Mehr als 250 Schriftsteller, darunter so bekannte wie Virginie Despentes und Fr\u00e9d\u00e9ric Beigbeider, verlie\u00dfen diesen aus Protest gegen den rechtsextremen Verlagschef Vincent Bollor\u00e9. Haben Schriftsteller eine politische Rolle zu spielen?<\/strong><\/strong><\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs-varying md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    <strong class=\"font-bold font-sans\">BEREST:<\/strong> Ja, beides ist untrennbar miteinander verkn\u00fcpft. Ausgel\u00f6st wurde die Kontroverse <a href=\"https:\/\/www.augsburger-allgemeine.de\/kultur\/eine-virginie-despantes-ist-nicht-zu-ersetzen-streit-um-den-franzoesischen-verlag-grasset-114097809\" target=\"_self\" class=\"underline \" rel=\"nofollow noopener\">durch die K\u00fcndigung des bisherigen Verlagsdirektors Olivier Nora<\/a>, das letzte Bollwerk gegen die vollst\u00e4ndige Ideologisierung von Grasset. Inzwischen wehren sich auch Angeh\u00f6rige des Kino-Milieus gegen Bollor\u00e9s riesigen Einfluss bei der Filmf\u00f6rderung \u00fcber seinen Sender Canal+. Es ist kein Zufall, dass diese Bewegung ein Jahr vor den franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidentschaftswahlen entstanden ist. Sie ist erst der Anfang von etwas Gr\u00f6\u00dferem. Was seit einigen Wochen vor sich geht, ist historisch.<\/p>\n<p><strong class=\"font-bold\">Was macht diese Vorg\u00e4nge so au\u00dferordentlich?<\/strong><br \/>Zum ersten Mal seit 1777 vereinen sich in Frankreich Autoren, um \u00fcber ihre Berufsgemeinschaft und deren Probleme zu sprechen. Dass Bollor\u00e9 sich in einem Artikel in seiner eigenen Sonntagszeitung \u201eLe Journal du Dimanche\u201c (JDD) abf\u00e4llig zu den Autoren, die Grasset verlassen haben, zeigte eine erste Schwachstelle. Denn bis dahin reagierte er nie auf Kritik und Streiks. Diesmal konnte er wohl nicht mehr schweigen. Doch er hatte nicht vorhergesehen, dass wir uns sofort an die gesamte Presse wenden w\u00fcrden. Hunderttausende Leserinnen und Leser stehen hinter uns. Wir sind dabei, uns zu organisieren.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs-varying md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    <strong class=\"font-bold\"><strong class=\"font-bold\">Bislang vermochte ihn niemand beim Versuch zu bremsen, seine Medien zu einem Sprachrohr f\u00fcr sehr konservative, rechtsextreme Inhalte zu machen. Kann Ihnen das nun gelingen?<\/strong><\/strong><\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs-varying md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    <strong class=\"font-bold font-sans\">BEREST:<\/strong> Ja, weil wir frei sind. Wir sind nicht angestellt. Auch wenn sich f\u00fcr manche Autorinnen und Autoren die Frage stellt, ob sie einen neuen Verlag finden. Literatur gilt in Frankreich als Kulturgut \u2013 daran r\u00fchrt man nicht. Wir sind das Land des Prix Goncourt. Die Buchpreise werden jedes Jahr auf den Titelseiten der Zeitungen vermeldet, wie ein nationales Ereignis. Auch Bollor\u00e9 sagt von sich, am franz\u00f6sischen Kulturgut zu h\u00e4ngen. Und jetzt sieht er, dass es gegen ihn rebelliert. Es ist, als w\u00fcrde er ein denkmalgesch\u00fctztes Schloss kaufen und sagen: \u201eDas geh\u00f6rt jetzt mir, ich kann alles zerst\u00f6ren.\u201c Aber er hat nicht das Recht dazu.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs-varying md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    <strong class=\"font-bold\"><strong class=\"font-bold\">Welche Rolle k\u00f6nnen diese Vorg\u00e4nge im Wahlkampf spielen<\/strong>?<\/strong><\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs-varying md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    <strong class=\"font-bold font-sans\">BEREST:<\/strong> In jedem Fall werden die Leute sensibilisiert, weil sie Bollor\u00e9s brachiales Vorgehen sehen. Es bildet sich die Erkenntnis heraus, dass es gef\u00e4hrlich f\u00fcr eine Demokratie ist, wenn Milliard\u00e4re Politik machen. Das haben wir schon bei der Wiederwahl von Pr\u00e4sident Donald Trump in den USA <a href=\"https:\/\/www.augsburger-allgemeine.de\/politik\/tech-milliardaer-musk-hilft-bei-kongresswahl-wieder-trumps-republikanern-114912710\" target=\"_self\" class=\"underline \" rel=\"nofollow noopener\">mit der wichtigen Rolle von Elon Musk<\/a> gesehen. Die Menschen k\u00f6nnen nat\u00fcrlich w\u00e4hlen, wen sie wollen, auch Rechtsextreme. Aber die Einflussnahme durch milliardenschwere Unternehmer auf die Demokratie ist nicht zul\u00e4ssig.\n  <\/p>\n<p>    Zur Person<\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs-varying md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    <strong class=\"font-bold\">Anne Berest<\/strong>, 46, ist eine franz\u00f6sische Schauspielerin Regisseurin und Schriftstellerin. Nach ihrem Erfolgsroman \u201eDie Postkarte\u201c ist nun \u201eVatertage\u201c erschienen (Aus dem Franz\u00f6sischen von Michaela Me\u00dfner und Amelie Thoma. Berlin Verlag, 448 Seiten, 25 Euro).\n  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Gerade erschien Ihr Buch \u201eVatertage\u201c auf Deutsch. 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