{"id":1233191,"date":"2026-08-13T07:02:30","date_gmt":"2026-08-13T07:02:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1233191\/"},"modified":"2026-08-13T07:02:30","modified_gmt":"2026-08-13T07:02:30","slug":"ein-kind-erlebt-den-mauerbau-in-berlin-als-die-birnenallee-hinter-stacheldraht-verschwand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1233191\/","title":{"rendered":"Ein Kind erlebt den Mauerbau in Berlin: Als die Birnenallee hinter Stacheldraht verschwand"},"content":{"rendered":"<p class=\"tspBKln tspBKlo\">Meteorologisch war Sonntag, der 13. August 1961, ein traumhafter Hochsommertag. Die Sonne stand voll am wolkenlosen Himmel und tauchte die Gegend in goldgelbes Licht, dass es eine Freude war. Den Kindergottesdienst hatte ich hinter mir und lie\u00df mich nun gut gelaunt auf dem Fahrrad eines Freundes mitnehmen, froh dar\u00fcber, die lange, ansteigende Blankenfelder Chaussee nicht hinauflaufen zu m\u00fcssen, die sich vom Dorf L\u00fcbars bis zur Sektorengrenze erstreckte, beidseitig flankiert von h\u00fcgeligem Ackerland.<\/p>\n<p class=\"tspBKln\">Ich war acht Jahre alt, sehr lebendig und immer dankbar daf\u00fcr, wenn drau\u00dfen auf dem Land vor der Stadt etwas Besonderes passierte. Sei es, dass Autos bei Regenwetter im Matsch der unbefestigten Koloniewege steckenblieben oder bei Schr\u00f6ders mal wieder der Dachstuhl brannte.<\/p>\n<p class=\"tspBKln\">Passierte nichts dergleichen, dann tr\u00e4umte ich mich in aufregende Geschichten, stieg in den gro\u00dfen Kirschbaum unseres Gartens und segelte \u00fcber Meere. An diesem hei\u00dfen Augusttag aber fand ich mich unversehens selbst als Teil der Geschichte wieder, wie sie der Kalte Krieg unbarmherzig schrieb.<\/p>\n<p class=\"tspBKln\">Als wir den Scheitel der Chaussee erreicht hatten, von wo aus die Grenze zur DDR einsehbar war, lie\u00df mich das Get\u00fcmmel einer aufgebrachten Menschenmenge aufhorchen. So viele Leute an diesem wenig benutzten Grenz\u00fcbergang, das war sehr ungew\u00f6hnlich! Es war etwas passiert, endlich war wieder etwas los, und das versetzte mich in helle Aufregung.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/hockend-1961.jpeg\"   alt=\"Tagesspiegel-Leser Rolf Lehmann, der mit acht Jahren in L\u00fcbars den Mauerbau erlebte\" aria-labelledby=\"caption-15936417\" width=\"440\" height=\"330\" loading=\"lazy\" class=\"tspAVin\"\/> Tagesspiegel-Leser Rolf Lehmann erlebte mit acht Jahren in L\u00fcbars den Mauerbau. <\/p>\n<p class=\"tspABgk\"> \u00a9 privat <\/p>\n<p class=\"tspBKln\">Frauen in Kittelsch\u00fcrzen schrien und schimpften, einige weinten. M\u00e4nner machten sorgenvolle Mienen, die Halbstarken gr\u00f6lten und ballten die F\u00e4uste. Die wenigen diensthabenden Polizisten und Z\u00f6llner diesseits der Grenze bem\u00fchten sich nach Kr\u00e4ften um Ordnung und Ruhe, denn auch ihnen stand der Schrecken in den Gesichtern.<\/p>\n<p class=\"tspBKln\">Von Neugier getrieben pirschte ich mich vor, bis ich den Grund der allgemeinen Aufregung quer \u00fcber der Stra\u00dfe in der glei\u00dfenden Sonne blitzen sah: Meterhohe Stacheldrahtrollen trennten pl\u00f6tzlich Ost von West, Pankow von Reinickendorf, Blankenfelde von L\u00fcbars, den russischen Sektor vom franz\u00f6sischen.<\/p>\n<p class=\"tspBKln\">Ohne zu verstehen, warum, begriff ich doch, dass mir urpl\u00f6tzlich etwas Wichtiges genommen wurde: das Herumstreunen auf Ostberliner Terrain, die Besuche bei Friseur Bergholtz\u00a0\u2013 der mir immer etwas S\u00fc\u00dfes zusteckte\u00a0\u2013, das Spielen mit den mir gegen\u00fcber freundlichen DDR-Grenzstreifen und die Erreichbarkeit der Birnen, die jenseits der Grenze auf m\u00e4chtigen alten B\u00e4umen wuchsen und verlockend rotgelb leuchteten, umsummt von Wespen.<\/p>\n<p class=\"tspBKln\">Da gingen wir sommers immer hin mit unseren tiefen Taschen, lasen die Fr\u00fcchte aus dem Gras, in das sie weich gefallen waren, denn die \u00c4ste hingen zu hoch, um sich heraufzuhangeln. Niemandem schienen diese Obstb\u00e4ume zu geh\u00f6ren. Dennoch nahmen wir die Fr\u00fcchte in dem Gef\u00fchl, etwas Verbotenes zu tun. Die Birnb\u00e4ume bildeten eine malerische nat\u00fcrliche Grenze.<\/p>\n<p> Die Grenzsoldaten waren Freunde <\/p>\n<p class=\"tspBKln\">Nur 200 Meter von Ost-Berlin entfernt wuchs ich auf in einer kleinen Laube mit Vater, Mutter, meinen Schwestern und zahlreichen H\u00fchnern. Wir kannten das Grenzpersonal: die Z\u00f6llner im Westen, die Grenzpolizisten im Osten, und mit einigen, die hier drau\u00dfen regelm\u00e4\u00dfig Dienst taten, waren wir gut befreundet. Spielerisch pendelten wir zwischen den politischen Welten, ohne Schimmer von ideologischen Ausrichtungen, ohne Sinn f\u00fcr die hoheitlichen Aufgaben so vieler Uniformierter, die meist nur herumstanden und, wenn sie gerade nicht gelangweilt durchs Fernglas stierten, L\u00f6cher in die hier drau\u00dfen besonders gute Berliner Luft guckten.<\/p>\n<p>Der Autor<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/hand-an-birne.jpeg\"   alt=\"Tagesspiegel-Leser Rolf Lehmann, der mit acht Jahren in L\u00fcbars den Mauerbau erlebte\" width=\"440\" height=\"330\" loading=\"lazy\" class=\"tspAVin\"\/><\/p>\n<p class=\"tspABgk\"> \u00a9 privat <\/p>\n<p class=\"tspBKln\">Tagesspiegel-Leser <strong>Rolf Lehmann<\/strong> wurde 1953 in Hermsdorf geboren. Er wuchs als drittes von vier Kindern in der <strong>L\u00fcbarser Laubenkolonie Talheim<\/strong>, direkt an der Blankenfelder Chaussee, auf \u2013 200 Meter entfernt von der<strong> Grenze nach Blankenfelde\/Pankow<\/strong>.<\/p>\n<p class=\"tspBKln\">Mit 15 Jahren begann er eine Lehre zum Schriftenmaler. Als 18-J\u00e4hriger zog er von L\u00fcbars in eine <strong>WG in Wedding<\/strong>. Es folgte eine Ausbildung zum Buchh\u00e4ndler. Mit Ende 20 arbeitete Lehmann dann selbstst\u00e4ndig als <strong>Werbeberater, Texter und Grafik-Designer<\/strong>.<\/p>\n<p class=\"tspBKln\"><strong>Im Jahr 1982 heiratete Lehmann. <\/strong>Aus der Ehe gingen <strong>drei Kinder<\/strong> hervor. <strong>2011 traf er seine gro\u00dfe Liebe auf der Langen Br\u00fccke in Potsdam<\/strong>, weshalb er auch schlie\u00dflich dorthin zog und heute noch dort lebt.<\/p>\n<p class=\"tspBKln\">Seit 2024 ist Rolf Lehmann <strong>in Rente<\/strong> und verbringt viel Zeit mit Schreiben, Schriftenmalern und Gestalten. <strong>Die Birne zieht er weiterhin dem Apfel vor\u2026<\/strong><\/p>\n<p class=\"tspBKln\">Sie waren dankbar f\u00fcr jede Abwechslung, wozu wir Kinder lebhaft beitrugen. Wir bewunderten die blitzenden Kn\u00f6pfe ihrer Uniformen, probierten M\u00fctzen auf, lie\u00dfen uns Funkger\u00e4t und Stahlrute erkl\u00e4ren, spielten mit ihnen Ball oder pfl\u00fcckten an den Chausseeb\u00f6schungen Schnittlauch und Sauerampfer, den wir lachend a\u00dfen mit diesen Beamten \u2013 meist junge, heitere Burschen in \u00f6den, langweiligen Berufen.<\/p>\n<p class=\"tspBKln\">Bei den Grenzpolizisten auf \u00f6stlicher Seite faszinierten uns die Kalaschnikows, die wir manchmal sogar anfassen durften, schwer beeindruckt vom Gewicht dieser Waffen. Dabei lagen die zumeist jugendlichen Soldaten im Gras, kauten Halme oder rauchten filterlose Zigaretten und am\u00fcsierten sich \u00fcber unsere staunenden Blicke. Kam die Wachabl\u00f6sung in dunkelgr\u00fcnen Lkws, dann durften wir schon mal mit in den Mannschaftswagen steigen und neben den Grenzsoldaten sitzen, wobei wir uns gro\u00df und stark f\u00fchlten.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/rettender-strohhalm-1961.jpeg\"   alt=\"Tagesspiegel-Leser Rolf Lehmann, der mit acht Jahren in L\u00fcbars den Mauerbau erlebte\" aria-labelledby=\"caption-15936422\" width=\"440\" height=\"330\" loading=\"lazy\" class=\"tspAVin\"\/> Tagesspiegel-Leser Rolf Lehmann erlebte mit acht Jahren in L\u00fcbars den Mauerbau. <\/p>\n<p class=\"tspABgk\"> \u00a9 privat <\/p>\n<p class=\"tspBKln\">Bereits wenige Tage nach dem 13. August begann Ulbrichts Regime damit, den sogenannten antifaschistischen Schutzwall auszubauen. Unsere Chaussee wurde einfach zugemauert. Um jeden Zentimeter wurde gerungen. Die Westpolizisten dr\u00e4ngten gegen die m\u00e4chtigen Steinplatten, die vom Haken eines Kranwagens herabgelassen wurden, damit sie auch nicht \u00fcber der mit Kreide gezogenen Linie aufgestellt werden konnten.<\/p>\n<blockquote class=\"tspCNpo\">\n<p>Unbegreiflich, warum wir nicht mehr zur Birnenallee durften, die pl\u00f6tzlich feindliches Gebiet sein sollte, obwohl sie aussah wie immer.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"tspCNpp\"><strong>Rolf Lehmann<\/strong>, Tagesspiegel-Leser, war acht Jahre alt, als der SED-Staat die Grenze dichtmachte.<\/p>\n<p class=\"tspBKln\">Die Bewohner aus den umliegenden Laubenkolonien, aber auch Schaulustige aus der Stadt in bunten Ausgehr\u00f6cken mit dunklen Sonnenbrillen und wedelnden Fotoapparaten, die aus ihren K\u00e4fern und Isettas sprangen, wohnten dem Schauspiel bei, das unaufhaltsam zu einer Trag\u00f6die geriet. Amtstr\u00e4ger beider Seiten br\u00fcllten sich an und drohten. Ich starrte gebannt auf das, was sich ungeheuerlicher Weise zutrug, und mir war bang.<\/p>\n<p class=\"tspBKln\">Unbegreiflich, warum wir nicht mehr zur Birnenallee durften, die pl\u00f6tzlich feindliches Gebiet sein sollte, obwohl sie aussah wie immer und die Fr\u00fcchte wieder satt und schwer an den \u00c4sten zogen. Die Grenze wurde von Tag zu Tag undurchdringlicher. Neben der Mauer begann man, einen ersten Zaun zu ziehen, und jetzt war es nicht mehr nur verboten, sondern unm\u00f6glich, zur Birnenallee zu gelangen.<\/p>\n<p class=\"tspBKln\">Zwei der Grenzpolizisten, die wir besonders mochten, blickten durch den Zaun zu uns in den Westen, wo ich ratlos, bedr\u00fcckt und verlegen zu ihnen her\u00fcberwinkte. Uns verband eine ungleiche, aber sommerleichte Freundschaft, die nicht mehr lebbar war. Ich sah sie nie wieder. Denn die DDR begann, ihre Truppen auszutauschen, um die Fluchtgefahr zu minimieren. Beziehungen zu verunm\u00f6glichen war Programm, eine weitere Variante deutscher Gr\u00fcndlichkeit. Die Berliner wurden nach Th\u00fcringen versetzt, Sachsen kamen nach Berlin.<\/p>\n<p> Dann fielen die Birnenb\u00e4ume <\/p>\n<p class=\"tspBKln\">Die Wut der Westler \u00fcber Mauer und Zaun dr\u00fcckte sich lange in lautstarken und handfesten Protesten aus, insbesondere seitens der Jugendlichen und Halbw\u00fcchsigen, die die Absperrungen besch\u00e4digten und die Tr\u00e4nengasbomben kurzerhand zur\u00fcckwarfen, die die Volksarmisten einsetzten, um die Rowdys zu vertreiben, die meine volle Sympathie gewannen.<\/p>\n<p class=\"tspBKln\">Der SED-Staat steigerte sich in der Verschlimmerung der Situation. Eines Morgens wurden wir Grenzanrainer von sehr lauter Musik geweckt. Der Osten beschallte den Westen und die eigenen Trupps von Pionieren und Bausoldaten mit Kampfliedern. Man begann hinter den Absperrungen alles mit Stumpf und Stiel auszurotten, was Kn\u00f6chelh\u00f6he \u00fcbertraf.<\/p>\n<p class=\"tspBKln\">Zwischen den Agitprop-Liedern peitschten Parolen die Massen von schuftenden Leibern an, die mit nackten Oberk\u00f6rpern Schaufeln schwangen und Motors\u00e4gen bedienten, mit denen sie unfassbarer Weise die komplette Birnenallee f\u00e4llten, um freies Sicht- und Schussfeld zu gewinnen. Fassungslos mussten wir mit ansehen, wie die stattlichen B\u00e4ume zu Boden krachten und die ungepfl\u00fcckten Birnen am Boden zerplatzten.<\/p>\n<p>Lesen Sie mehr zur Mauer in Berlin:<a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/bezirke\/friedrichshain-kreuzberg\/baum-vom-baumhaus-an-der-mauer-entfernt-an-diesem-ort-in-berlin-wiederholt-sich-skurrile-ddr-geschichte-15691248.html?icid=topic-list_15936204___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" data-hydrate-fingerprint=\"09740a54944caac75fd2c0c63fd5c5df\" 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Da rannte ich nach Hause, berichtete was geschehen war, und heulte in den Armen meiner Mutter, die, sprachlos vor Entsetzen, leise in mein Weinen einstimmte.<\/p>\n<p class=\"tspBKln\">Einige Jahre sp\u00e4ter, die DDR hatte ihre Sperranlagen vervollkommnet, sch\u00e4tzten wir Teenager, die wir anfingen, Diskotheken zu besuchen, dass wir nicht l\u00e4nger im Stockfinsteren die Chaussee langlaufen mussten, weil die an der Grenze entlang installierten Lampen ironischerweise so viel Licht gen Westen warfen, dass wir uns nicht mehr in der Finsternis f\u00fcrchten mussten. Dazu trugen auch abgefeuerte Leuchtkugeln bei und das Gebell der Wachhunde im Todesstreifen, wie auch das gelegentliche Aufheulen der Zweitaktmotoren.<\/p>\n<p class=\"tspBKln\">Wir hatten uns an die Mauer gew\u00f6hnt, von der wir annahmen, dass sie f\u00fcr immer bleiben w\u00fcrde. Als sie dann wundersamerweise fiel, war ich selbst l\u00e4ngst Vater geworden. Da war mein \u00e4ltester Sohn \u2013 der \u00c4pfel bevorzugte \u2013 so jung wie ich, als die Birnb\u00e4ume gef\u00e4llt wurden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Meteorologisch war Sonntag, der 13. August 1961, ein traumhafter Hochsommertag. 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