{"id":1236331,"date":"2026-08-14T15:56:02","date_gmt":"2026-08-14T15:56:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1236331\/"},"modified":"2026-08-14T15:56:02","modified_gmt":"2026-08-14T15:56:02","slug":"zombie-usa-die-postamerikanische-welt-beginnt-aussen-und-sicherheitspolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1236331\/","title":{"rendered":"Zombie-USA: Die postamerikanische Welt beginnt \u2013 Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik"},"content":{"rendered":"<p>Zun\u00e4chst herrschte Wut \u00fcber den Verrat Amerikas, als Pr\u00e4sident Trump die Annexion Kanadas forderte, Gr\u00f6nland bedrohte, seinen Verb\u00fcndeten Z\u00f6lle auferlegte und seine Kampagne zur Schw\u00e4chung der NATO startete, die sich bei deren j\u00fcngstem Treffen in dieser Woche in Ankara, T\u00fcrkei, fortsetzte. Nun macht sich in einigen der L\u00e4nder, die fr\u00fcher als Amerikas Verb\u00fcndete galten, ein seltsames Gef\u00fchl breit: optimistische Entschlossenheit. Im Schach gibt es einen bew\u00e4hrten Grundsatz, der auch f\u00fcr die Geopolitik gilt: \u201eEine Drohung ist st\u00e4rker als ihre Ausf\u00fchrung.\u201c Die Vorstellung, dass sich die USA aus der Weltordnung zur\u00fcckziehen k\u00f6nnten, war erschreckend. Die Realit\u00e4t entpuppt sich nun als Neuanfang.<\/p>\n<p>Kanada, Amerikas Nachbar, hat dies nat\u00fcrlich als Erstes erkannt. Seit Beginn von Trumps zweiter Amtszeit betrieben die USA eine aggressive Handelspolitik. Infolgedessen musste Kanada abw\u00e4gen, was die amerikanische Gunst oder Missgunst dem Land wert ist. Die Bank of Canada hat k\u00fcrzlich ein Szenario durchgespielt, in dem die Vereinigten Staaten einen Zoll von 25 Prozent auf alle kanadischen Exporte in die USA erheben. Kanadas Bruttoinlandsprodukt-Wachstum w\u00fcrde sich um etwa 2,4 Prozentpunkte verlangsamen, was \u2013 \u00fcber einen Anpassungszeitraum hinweg \u2013 durchaus im Rahmen der M\u00f6glichkeiten Kanadas liegt. Sicherlich ein Desaster, aber nicht das Ende der Welt. Das ist das Worst-Case-Szenario.<\/p>\n<p>Eine aktuelle Studie von \u00d6konomen des Canadian Shield Institute (die im Auftrag <a href=\"https:\/\/www.gloves-off.ca\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">des Podcasts Gloves Off<\/a>, den ich moderiere, durchgef\u00fchrt wurde) ergab, dass die kanadischen Warenexporte in die Vereinigten Staaten im vergangenen Jahr um \u00fcber 30 Milliarden kanadische Dollar (21 Milliarden US-Dollar) zur\u00fcckgingen. Das entspricht mehr als f\u00fcnf Prozent der Exporte in die Vereinigten Staaten. Doch dieser Verlust wurde durch eine neue Nachfrage aus dem Rest der Welt von fast 29 Milliarden kanadischen Dollar ausgeglichen. Bezieht man Dienstleistungen mit ein, stiegen die Gesamtexporte aus Kanada sogar um fast sieben Milliarden Dollar. Amerika kann drohen, so viel es will, aber wenn man \u00fcber Aluminium, \u00d6l oder Kali verf\u00fcgt, wird es immer jemanden geben, der es kauft.<\/p>\n<p>Das gilt nicht nur f\u00fcr Kanada. Europ\u00e4ische Aktien schnitten 2025 besser ab als amerikanische und <a href=\"https:\/\/www.barrons.com\/articles\/european-stocks-outperform-the-u-s-ad615193\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">legten auch in den ersten beiden Monaten des Jahres 2026 kr\u00e4ftig zu<\/a>. Die 2024 eingef\u00fchrte Europ\u00e4ische Verteidigungsindustriestrategie sorgt daf\u00fcr, dass ein gr\u00f6\u00dferer Teil der rasch steigenden europ\u00e4ischen Milit\u00e4rausgaben auf dem Kontinent bleibt. Und nachdem die Androhung des Anti-Zwangs-Instruments der Europ\u00e4ischen Union \u2013 der sogenannten \u201eHandelsbazooka\u201c, die rasche Gegenz\u00f6lle erm\u00f6glicht \u2013 Herrn Trump dazu zwang, von seinen fr\u00fchen Drohungen gegen\u00fcber Gr\u00f6nland abzur\u00fccken, wissen die Europ\u00e4er nun, dass sie ihre eigene Stra\u00dfe von Hormus haben \u2013 ihren eigenen Hebel: Amerikas Schwachpunkt, der Washington zum Zur\u00fcckschrecken bringen kann.<\/p>\n<p>Auch amerikanische milit\u00e4rische Drohungen verlieren zunehmend an Wirkung. Wenn uns die j\u00fcngste Geschichte etwas gelehrt hat, dann ist es, dass man, wenn die Vereinigten Staaten beschlie\u00dfen, ein geopolitisches Ziel mit milit\u00e4rischer Gewalt zu erreichen, ziemlich sicher davon ausgehen kann, dass dieses Ziel nicht erreicht wird. Gegen alle Erwartungen hat das korrupte und grausame Regime im Iran in einem Krieg mit den Vereinigten Staaten seine Macht bewahrt und erf\u00e4hrt nun sogar eine Lockerung der Sanktionen. W\u00e4hrend das US-Milit\u00e4r v\u00f6llig neue Formen der Niederlage erfindet, haben die Golfstaaten und ihre Flugh\u00e4fen w\u00e4hrend des Iran-Kriegs genau gelernt, was eine amerikanische Sicherheitsgarantie wert ist.<\/p>\n<p>Beim NATO-Treffen in Ankara, bei dem Trump verb\u00fcndete Nationen \u2013 insbesondere Spanien \u2013 beschimpfte und seine Forderung nach einer US-Kontrolle \u00fcber Gr\u00f6nland wiederholte, nahmen die Regierungschefs Spaniens und D\u00e4nemarks Herrn Trumps \u00c4u\u00dferungen als die leeren Drohungen wahr, die sie offensichtlich sind. Der kanadische Premierminister Mark Carney mag zwar sagen, dass Herr Trump die \u201eDebatte\u201c \u00fcber die Erh\u00f6hung der Verteidigungsausgaben von NATO-Mitgliedern \u201egewonnen\u201c habe. Der Grund, warum sie jetzt mehr ausgeben, k\u00f6nnte allerdings darin liegen, dass sie wissen, dass die amerikanische Milit\u00e4rmacht im R\u00fcckzug begriffen ist. Amerikanische Unterst\u00fctzung \u2013 was auch immer das heute noch bedeuten mag \u2013 garantiert nichts.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Die postamerikanische Realit\u00e4t ist nat\u00fcrlich keine Welt ohne Amerika.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Das betrifft nicht nur die NATO. B\u00fcrokratien, die einst von Tr\u00e4gheit gepr\u00e4gt waren, handeln mit \u00fcberraschender Geschwindigkeit, um ihre Abh\u00e4ngigkeit sowohl von der US-Regierung als auch von den Unternehmen zu begrenzen, die als Vorposten amerikanischer Macht dienen. Seit ihrem Amtsantritt vor etwas mehr als einem Jahr hat Carneys Regierung etwas mehr als 100 internationale Handelsabkommen geschlossen. Die Europ\u00e4ische Union hat ihre Verteidigungsbeschaffungen bewusst ausgeweitet, um eine Verflechtung mit den amerikanischen Streitkr\u00e4ften zu vermeiden. Die Losl\u00f6sung von amerikanischer Technologie wird der schwierigste Knoten sein, den es zu l\u00f6sen gilt, doch auch hier sind die Arbeiten bereits im Gange: Die Europ\u00e4ische Union <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/business\/eu-parliament-switch-french-search-engine-google-tech-sovereignty-push-2026-06-03\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">ist von Google<\/a> auf die franz\u00f6sische Suchmaschine Qwant als Standardsuchmaschine in ihren offiziellen Systemen umgestiegen. Gleichzeitig haben sich Belgien und Finnland beide bereits von Amazon Web Services abgewendet.<\/p>\n<p>Die postamerikanische Realit\u00e4t ist nat\u00fcrlich keine Welt ohne Amerika. Als geopolitischer Akteur sind die Vereinigten Staaten zu einer Art schwerf\u00e4lligem Zombie geworden \u2013 einem Ungeheuer, das zwar zu reflexartigen Handlungen aufgeschreckt werden kann, das aber keine h\u00f6heren Funktionen hat. Ein Gro\u00dfteil der Welt versteht, dass eine weitere Wahlrunde bei den Zwischenwahlen oder im Jahr 2028 nichts l\u00f6sen wird. Das amerikanische Volk ist so gespalten, dass die Zukunft chaotisch sein wird, egal wer gewinnt, so die Einsch\u00e4tzung vieler au\u00dferhalb der Vereinigten Staaten. Sie bef\u00fcrchten, dass selbst ein vern\u00fcnftiger republikanischer oder demokratischer Pr\u00e4sident nicht in der Lage w\u00e4re, eine stabile amerikanische Politik oder die konsequente Anwendung selbst der vagsten Prinzipien in den internationalen Beziehungen zu gew\u00e4hrleisten.<\/p>\n<p>\u201eWas ist Amerika?\u201c, ist keine gro\u00dfe theoretische Frage mehr. Es ist eine praktische Angelegenheit. Die Gouverneure einer Reihe von US-Bundesstaaten haben vern\u00fcnftige politische Programme. Die amerikanischen Institutionen bestehen weiter. Einige Amerikaner haben sogar ihre Ideale bewahrt. Aber was die als Vereinigte Staaten von Amerika bekannte Einheit betrifft, so gibt es diese nicht mehr. Es gibt kein Amerika, mit dem man verhandeln k\u00f6nnte. Ein zunehmend isolationistisches Amerika ist nicht mehr der Anf\u00fchrer der freien Welt. Wie k\u00f6nnte es das auch sein, wenn es nicht einmal mehr Anf\u00fchrer seiner selbst ist?<\/p>\n<blockquote>\n<p>Wahre Sicherheit l\u00e4sst sich nur dadurch erreichen, dass man sein Land so weit wie m\u00f6glich aus dem amerikanischen Einflussbereich herausl\u00f6st.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>\u201eZombie-Amerika\u201c schafft, zumindest kurzfristig, Widerspr\u00fcche. In Kanada ist das gemeinsam mit den Vereinigten Staaten betriebene North American Aerospace Defense Command weiterhin unser wichtigstes B\u00fcndnis. Dennoch haben auch hier Beamte begonnen, den Umgang mit Drohnen zu trainieren, um auf die M\u00f6glichkeit eines asymmetrischen Konflikts mit den Vereinigten Staaten vorbereitet zu sein. Wahre Sicherheit l\u00e4sst sich nur dadurch erreichen, dass man sein Land so weit wie m\u00f6glich, und in jeder Hinsicht, aus dem amerikanischen Einflussbereich herausl\u00f6st.<\/p>\n<p>\u201eEine Drohung ist st\u00e4rker als ihre Ausf\u00fchrung\u201c, lautete die Weisheit von Aron Nimzowitsch, einer f\u00fchrenden Pers\u00f6nlichkeit der hypermodernen Schachschule. Der Grund, warum dies auf das Schachbrett zutrifft, ist, dass all die Zeit und Energie, die man darauf verwendet, herauszufinden, wie man eine Katastrophe vermeiden kann, sich letztendlich als schlimmer erweist als die Katastrophe selbst. Sobald das Schlimmste eingetreten ist, kann man sich auf schrittweise Verbesserungen konzentrieren, anstatt auf Vermeidung. Man kann aktiv statt passiv werden. Auch in der Geopolitik besteht ein Gro\u00dfteil der Macht aus dem Anschein von Macht.<\/p>\n<p>Jeder, der an Freiheit und Demokratie, an die W\u00fcrde des Menschen und an das Selbstbestimmungsrecht der Nationen glaubt, sollte darauf hinarbeiten, die F\u00e4higkeit der Vereinigten Staaten zur Machtprojektion zu zerst\u00f6ren \u2013 um den skurrilen Einfluss zu beenden, den sie auf die Welt aus\u00fcben, damit wir alle weitermachen k\u00f6nnen. Bislang hilft niemand mehr dabei als die Vereinigten Staaten selbst.<\/p>\n<p>Dieser Artikel erschien urspr\u00fcnglich in <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2026\/07\/09\/opinion\/america-world-us-isolation.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">The New York Times<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Zun\u00e4chst herrschte Wut \u00fcber den Verrat Amerikas, als Pr\u00e4sident Trump die Annexion Kanadas forderte, Gr\u00f6nland bedrohte, seinen Verb\u00fcndeten&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1236332,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[3977],"tags":[331,332,146,6719,1403,13,14,1159,15,12,113,4017,4018,4016,64,4019,4020,82694],"class_list":["post-1236331","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-usa","tag-aktuelle-nachrichten","tag-aktuelle-news","tag-demokratie","tag-freiheit","tag-geopolitik","tag-headlines","tag-nachrichten","tag-nato","tag-news","tag-schlagzeilen","tag-trump","tag-united-states","tag-united-states-of-america","tag-us","tag-usa","tag-vereinigte-staaten","tag-vereinigte-staaten-von-amerika","tag-weltordnung"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/117094684211710183","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1236331","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1236331"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1236331\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1236332"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1236331"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1236331"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1236331"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}