{"id":1238141,"date":"2026-08-15T11:28:23","date_gmt":"2026-08-15T11:28:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1238141\/"},"modified":"2026-08-15T11:28:23","modified_gmt":"2026-08-15T11:28:23","slug":"ich-habe-muenchen-gezaehmt-graffiti-pionier-won-ueber-kuenstlerische-rebellion-in-der-stadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1238141\/","title":{"rendered":"&#8222;Ich habe M\u00fcnchen gez\u00e4hmt&#8220;: Graffiti-Pionier WON \u00fcber k\u00fcnstlerische Rebellion in der Stadt"},"content":{"rendered":"<p>Wer das Giesinger Studio von Markus M\u00fcller betritt, f\u00fchlt sich ein bisschen wie in der Werkstatt vom Meister Eder: \u00dcberall stehen Figuren, Farben und seltsame Wesen herum \u2013 als k\u00f6nnten sie jeden Moment lebendig werden. Nur dass hier kein Pumuckl wohnt, sondern die Monster und Fantasiegestalten von WON, wie sich M\u00fcller als K\u00fcnstler nennt.<\/p>\n<p>Der 58-j\u00e4hrige M\u00fcnchner Graffiti-Pionier hat die Spraydose zum Werkzeug seiner Kunst gemacht. In den 80ern geh\u00f6rte er zu denen, die <a href=\"https:\/\/www.abendzeitung-muenchen.de\/muenchen\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">M\u00fcnchen<\/a> zur europ\u00e4ischen Graffiti-Hochburg machten. Die AZ hat WON in seinem Studio besucht und mit ihm \u00fcber Rebellion, verschwundene Freir\u00e4ume und die Farbe dieser Stadt gesprochen.<\/p>\n<p>Graffiti, Granteln, gro\u00dfe Kunst: Sprayer WON \u00fcber sein M\u00fcnchen<\/p>\n<p><strong>AZ: WON, wenn M\u00fcnchen eine Wand w\u00e4re \u2013 w\u00e4re sie frisch gestrichen oder w\u00fcrde sie nach einer Spraydose schreien?<\/strong><br \/>WON: Sicher w\u00fcrde sie nach einer Spraydose schreien. In M\u00fcnchen gibt es leider sehr wenige M\u00f6glichkeiten \u2013 gerade f\u00fcr j\u00fcngere Spr\u00fcher \u2013, sich auszutoben. Wir hatten fr\u00fcher in den 80ern den Dachauer Flohmarkt. Das war unser Playground. Dort konnten wir uns ausprobieren. M\u00fcnchen war damals die Graffiti-Hochburg Europas \u2013 neben Paris, London und Amsterdam.<\/p>\n<p><strong>Sie haben angefangen, als Graffiti noch als Schmiererei galt. Heute pr\u00e4gen Ihre Werke das Stadtbild. Hat M\u00fcnchen Sie akzeptiert \u2013 oder haben Sie M\u00fcnchen gez\u00e4hmt?<\/strong><br \/>Ich habe M\u00fcnchen gez\u00e4hmt. Du kannst nicht im stillen K\u00e4mmerlein sitzen und hoffen, dass jemand kommt und sagt: &#8222;Wir h\u00e4tten da eine sch\u00f6ne Wand.&#8220; Du musst dir die W\u00e4nde suchen, organisieren, Geld auftreiben. Bei gro\u00dfen Projekten besteht oft ein Drittel der Arbeit darin, \u00fcberhaupt daf\u00fcr zu sorgen, dass sie entstehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>WON \u00fcber verschwundene Freir\u00e4ume<\/p>\n<p><strong>Vermissen Sie manchmal das graue M\u00fcnchen von fr\u00fcher \u2013 weil man noch gegen etwas anmalen konnte?<\/strong><br \/>Dieses graue M\u00fcnchen findest du heute kaum noch. M\u00fcnchen ist sehr sauber und sehr verplant. Was verschwunden ist, sind Freir\u00e4ume. Und die sind gerade f\u00fcr Jugendliche wichtig.<\/p>\n<p><strong>Sie finden also auch wilde Kritzeleien wichtig?<\/strong><br \/>Ja. Mir ist ein Stadtbild lieber, in dem Jugendliche etwas machen. Es geht nicht darum, dass du technisch der Meister bist. Selbst wenn ein Kind in eine Unterf\u00fchrung &#8222;Sau&#8220; schreibt \u2013 dieses Wort l\u00f6st etwas aus. Ich kann dar\u00fcber nachdenken, ich kann es gut oder schlecht finden. Aber jemand hat sich ein St\u00fcck \u00f6ffentlichen Raum geholt.<\/p>\n<p>So kam der K\u00fcnstler zu seinem Namen<\/p>\n<p><strong>Wie hat alles angefangen?<\/strong><br \/>Ich bin in Ottobrunn aufgewachsen. Mein erster Kontakt war eine Unterf\u00fchrung, in der jemand ein Bild gemalt hatte. F\u00fcr uns war das Wahnsinn: Da ist noch jemand! Das war wie eine Mondlandung. Ich habe darunter geschrieben: &#8222;Lass uns morgen treffen. Bin kein Cop.&#8220; So hat sich die Szene entwickelt. Einer kannte wieder jemanden. 1988 habe ich dann die Crew ABC gegr\u00fcndet. Wir waren ungef\u00e4hr 15 Mitglieder. Eine Crew ist eigentlich mehr so etwas wie eine Familie: Man hilft sich gegenseitig und macht Projekte zusammen.<\/p>\n<p><strong>Irgendwann wurde aus Markus M\u00fcller der K\u00fcnstlername WON.\u00a0<\/strong><br \/>Ich hatte fr\u00fcher nur illegale Namen. 1988 sollten wir bei der Bambi-Verleihung spr\u00fchen. Pl\u00f6tzlich waren Kameras da und jeder sollte sich vorstellen. Ein Freund h\u00f6rte damals, als wir f\u00fcr die Veranstaltung malten, st\u00e4ndig einen Song der Rap-Band Public Enemy mit dem Refrain &#8222;one \u2026 one \u2026 one \u2026&#8220;. Es gab allerdings schon einen &#8222;A-One&#8220; in New York. Mir gefiel die Idee, ein \u201ePublic Enemy\u201c zu sein. Eher zuf\u00e4llig entschied ich mich dann und sagte einfach: &#8222;Okay, ich bin WON.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Sind Sie Sprayer oder K\u00fcnstler?<\/strong><br \/>K\u00fcnstler. Die Dose ist nur mein Werkzeug. Sie ist die schnellste Form des Ausdrucks.<\/p>\n<p>Wann verschwindet Markus M\u00fcller und wann \u00fcbernimmt WON?<\/p>\n<p><strong>Wie viel Rebellion vertr\u00e4gt M\u00fcnchen?<\/strong><br \/>Da fehlt schon ein bisschen was. Ich komme aus der Punk-Zeit, aus den fr\u00fchen 80ern. Punk und Graffiti haben sich \u00e4hnlich entwickelt \u2013 als Gegenkultur. F\u00fcr mich war Graffiti auch Protest \u2013 eine Form von Rebellion. Fr\u00fcher waren das eben auch S-Bahnen. Wenn so ein Zug einmal durch M\u00fcnchen f\u00e4hrt, sehen vielleicht 100.000 Menschen deine Arbeit.<\/p>\n<p><strong>Wann verschwindet Markus M\u00fcller und wann \u00fcbernimmt WON?<\/strong><br \/>Wir sind eins. Das kannst du nicht abstellen. In jedem Moment sehe ich Dinge, die mich wieder zu neuen Geschichten inspirieren.<\/p>\n<p><strong>Ihre Welt ist voller Monster, Comic-Wesen und verr\u00fcckter Gestalten.<\/strong><br \/>Ich mag diese Gegens\u00e4tze. Aber was hei\u00dft schon Monster? Unter unserer Haut steckt nun mal ein Sch\u00e4del. Wer entscheidet, dass das schrecklich oder b\u00f6se ist?<\/p>\n<p>Fr\u00fcher heimlich, heute gro\u00dfe Auftr\u00e4ge<\/p>\n<p><strong>Die Stra\u00dfe war f\u00fcr Sie auch eine Art Klassenzimmer.<\/strong><br \/>Ja, allein der Kontakt zu Menschen. Beim Spr\u00fchen war egal, ob jemand aus Italien, Jugoslawien oder der T\u00fcrkei kam. Es gab Respekt. Wir machen alle das Gleiche. Herkunft spielte keine Rolle.<\/p>\n<p><strong>Fr\u00fcher heimlich, heute gro\u00dfe Auftr\u00e4ge. Fehlt das Abenteuer?<\/strong><br \/>Alles hat seine Zeit. Es h\u00e4tte keinen Sinn, den b\u00f6sen, jugendlichen WON noch einmal k\u00fcnstlich zu erschaffen. Das Schlimmste f\u00fcr einen K\u00fcnstler ist, wenn Leute sagen: &#8222;Wir wollen nichts Neues. Wir wollen nur das Alte.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Was soll bleiben, wenn irgendwann alle Ihre W\u00e4nde \u00fcbermalt sind?<\/strong><br \/>Die Idee vielleicht. Ich habe in den 80ern mal ein Bild gemalt: &#8222;Believe in your dreams.&#8220; Das ist das Wichtigste: Lass dich nicht abbringen.<\/p>\n<p>Kurze Fragen, kurze Antworten<\/p>\n<p><strong>Noch ganz kurz gefragt: M\u00fcnchen riecht nach \u2026<\/strong><br \/>Geld.<\/p>\n<p><strong>M\u00fcnchen klingt nach \u2026<\/strong><br \/>Hier, wo wir gerade sind: nach Sechzig.<\/p>\n<p><strong>Die Farbe M\u00fcnchens ist \u2026<\/strong><br \/>Leider grau. Nicht blau \u2013 das w\u00e4re zu fu\u00dfballpolitisch.<\/p>\n<p><strong>Der gr\u00f6\u00dfte M\u00fcnchner Irrtum?<\/strong><br \/>Das kreative Potenzial der Graffiti-Szene aus den 80ern nicht genutzt zu haben.<\/p>\n<p><strong>Der sch\u00f6nste M\u00fcnchner Makel?<\/strong><br \/>Das Granteln vielleicht.<\/p>\n<p><strong>Spraydose oder Bleistift?<\/strong><br \/>Beides.<\/p>\n<p><strong>Ordnung oder Chaos?<\/strong><br \/>Das h\u00e4ngt davon ab, wie man Chaos definiert. Chaos ist f\u00fcr mich auch Ordnung. Ich bin eigentlich ein sehr chaotischer Mensch. Aber schau dir einen Fischschwarm an: Der hat auch seinen Plan.<\/p>\n<p><strong>Isar oder Beton?<\/strong><br \/>Isar.<\/p>\n<p><strong>Ihr letzter Strich auf einer M\u00fcnchner Wand?<\/strong><br \/>Den habe ich eigentlich schon gemacht. Ich habe meinen eigenen Grabstein gespr\u00fcht \u2013 f\u00fcr ein Filmprojekt. Ein Grabstein aus Styropor mit meinem Namen drauf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wer das Giesinger Studio von Markus M\u00fcller betritt, f\u00fchlt sich ein bisschen wie in der Werkstatt vom Meister&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1238142,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1827],"tags":[56286,772,29,219553,30,12530,256783,256786,81859,256785,26969,1268,256784,79617,2994,29612,256787,42369],"class_list":["post-1238141","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-muenchen","tag-80er-jahre","tag-bayern","tag-deutschland","tag-freiraeume","tag-germany","tag-graffiti","tag-graffiti-muenchen","tag-graffiti-kultur","tag-graffiti-kunst","tag-graffiti-pionier","tag-markus-mueller","tag-muenchen","tag-muenchner-graffiti-szene","tag-rebellion","tag-spraydose","tag-street-art","tag-street-art-muenchen","tag-won"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/117099292679955655","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1238141","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1238141"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1238141\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1238142"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1238141"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1238141"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1238141"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}