{"id":1240473,"date":"2026-08-16T13:23:13","date_gmt":"2026-08-16T13:23:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1240473\/"},"modified":"2026-08-16T13:23:13","modified_gmt":"2026-08-16T13:23:13","slug":"nachruf-auf-helmut-lethen-denker-im-niemandsland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1240473\/","title":{"rendered":"Nachruf auf Helmut Lethen: Denker im Niemandsland"},"content":{"rendered":"<p>Seine \u201eVerhaltenslehren der K\u00e4lte\u201c machten Helmut Lethen 1994 zum Kultautor. Sie brachten ihm aber auch Kritik und Vereinnahmungen ein. Jetzt ist der Kulturwissenschaftler im Alter von 87 Jahren verstorben.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Die  fr\u00fchste Erinnerung?  \u201eSchlafend aus dem Kissen gerissen, durch die K\u00e4lte des Treppenhauses zum Bunker geschleppt zu werden\u201c. Das schrieb Helmut Lethen 2020 in seinen Erinnerungen\u201eDenn f\u00fcr dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug\u201c. Der Bunker, ein \u201eHolzverschlag mit provisorisch hineingestellten B\u00e4nken\u201c, befand sich in der Rubensstra\u00dfe 39 in M\u00f6nchengladbach. <\/p>\n<p>Hier wurde Lethen am 14. Januar 1939 geboren. In eine \u201eLeichtathlethikfamilie\u201c, so steht es schon in \u201eSuche nach dem Handorakel\u201c, einem halbautobiographischen Text von 2013. Vater Wilhelm war Deutscher Meister mit der 4 x 100 Meter-Staffel von Preu\u00dfen Krefeld 1924, der Bruder Hanswilli westdeutscher Jugendmeister \u00fcber 200 Meter. Lethen selbst \u201ebrachte es als Mittelstreckler in der A-Jugend nur zu einem bescheidenen regionalen Titel\u201c. Seine Kindheit sollte aber zun\u00e4chst davon gepr\u00e4gt sein, vor Bomben wegzurennen. Zuerst von M\u00f6nchengladbach, wo britische Bomber ihre bei Angriffen auf K\u00f6ln \u00fcbriggebliebenen Sprengmittel entsorgten, nach J\u00fcnkerath in der Eifel. Das hatte aber einen \u201estrategisch g\u00fcnstigen Knotenbahnhof, der seit 1942 immer wieder Ziel von britischen Tieffliegern war.\u201c Kurz vor Kriegsende zogen die Lethens nach Oberwesel an den Mittelrhein.<\/p>\n<p>Der Krieg hat ihn nicht mehr losgelassen. In seinem letzten Buch<a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article-688b750874590e27a46a1e9f\/helmut-lethens-stoische-gangarten-einsamkeit-und-rheinmetall.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article-688b750874590e27a46a1e9f\/helmut-lethens-stoische-gangarten-einsamkeit-und-rheinmetall.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"> \u201eStoische Gangarten\u201c <\/a>von 2025 schreibt er \u00fcber den \u201eKult der Wehrlosigkeit\u201c, mit dem seine Generation aufwuchs und konfrontiert diesen wohlbegr\u00fcndeten \u201estrukturellen Pazifismus\u201c mit der ebenso wohlbegr\u00fcndeten Forderung nach Wehrhaftigkeit angesichts der Weltlage heute. Die K\u00e4lte des Treppenhauses in jener Kindheits-Bombennacht aber \u2013 \u201epostkartenleicht\u201c sei die Erinnerung an sie, das Gegenteil von traumatisch \u2013 k\u00f6nnte nicht nur Lethens \u201eWirklichkeitssinn\u201c f\u00f6rderlich gewesen sein, wie er sp\u00e4ter bei der Lekt\u00fcre des Psychoanalytikers Sandor Ferenczi spekulierte. Sie k\u00f6nnte ihm auch sein Lebensthema vorbestimmt haben.<\/p>\n<p>Denn seine  \u201eVerhaltenslehren der K\u00e4lte\u201c haben 1994 Epoche gemacht \u2013 wie in den Siebzigern Theweleits \u201eM\u00e4nnerphantasien\u201c und in den Achtzigern Kittlers \u201eAufschreibesysteme\u201c. Nicht nur in der Germanistik, in der er sich, Student Richard Alewyns, \u201enie heimisch gef\u00fchlt\u201c habe, wie er einmal der \u201eLiterarischen Welt\u201c sagte.<\/p>\n<p>Das Buch von 1994 war ein Werk der Reife, Lethen, damals in Utrecht lehrend, schon 55. In den Niederlanden hatte es ihn auch gehalten, weil sein Aktivismus der 1970er- Jahre bef\u00fcrchten lie\u00df, mit einer Verbeamtung in Deutschland k\u00f6nne es schwer werden. Im Januar 1969 war er dabei, als die \u201eAd-hoc-Gruppe Germanistik\u201c, beseelt vom \u201eFuror des Gleichmachens\u201c, wie Lethen sp\u00e4ter zugab, Peter Szondis Institut an der FU Berlin verw\u00fcstete. Szondi w\u00fcrde ihn sp\u00e4ter trotzdem f\u00fcr eine Professur in Bremen vorschlagen. Und aus der KPD-AO wurde Lethen 1975 ausgeschlossen \u2013 wegen \u201eVers\u00f6hnlertums\u201c. <\/p>\n<p>Im selben Jahr erschien seine Dissertation \u201eNeue Sachlichkeit 1924\u20131932\u201c. Sie wies \u2013 mehr noch als der kalte Gladbacher Hausflur \u2013 den Weg zu den \u201eVerhaltenslehren\u201c. Ein sp\u00e4ter Ruf an die Universit\u00e4t Rostock lie\u00df ihn 1996 Utrecht den R\u00fccken kehren. Nach seiner dortigen Emeritierung 2004 war Lethen von 2007 bis 2016 Direktor des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften in Wien. <\/p>\n<p>Kult der Betroffenheit<\/p>\n<p>Worum aber ging es in dem Buch, das Lethen zum Kultautor machte? Kurz: um \u201e\u00dcberlebensversuche zwischen den Kriegen\u201c, die sich, Literatur geworden, in den Jahren nach 1918 links wie rechts der Mitte rekonstruieren lie\u00dfen, bei Bertolt Brecht, <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/plus250242072\/Ernst-Juenger-Der-Abenteurer.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/plus250242072\/Ernst-Juenger-Der-Abenteurer.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Ernst J\u00fcnger<\/a>, Walter Serner oder Helmuth Plessner. Dessen anthropologische Einsicht, dass der Mensch \u201evon Natur aus k\u00fcnstlich\u201c sei, k\u00f6nnte Lethens \u201eneusachlicher Stoa\u201c (Ulrich Raulff) als Motto dienen.<\/p>\n<p>Beim neusachlichen K\u00e4ltekult ging es auch um die Umkehrung eingespielter Hierarchien: um Distanz statt N\u00e4he, Physiologie statt Psychologie, Gesellschaft, nicht Gemeinschaft, K\u00e4lte und nicht W\u00e4rme. Im Nachwort der Neuauflage von 2022 bekannte Lethen: \u201e\u201aSchein zivilisiert!\u2018\u2013 ich hatte mir eine Devise der Hofkultur aus Protest gegen den Authentizit\u00e4tskult der achtziger und neunziger Jahre zu eigen gemacht\u201c. Damit war auch auf Baltasar Graci\u00e1ns \u201eHandorakel der Weltklugheit\u201c von 1647 und dessen Ideal der \u201ekalten persona\u201c angespielt, das in <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article168100097\/Warum-Michel-Houellebecq-jetzt-Schopenhauer-liest.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article168100097\/Warum-Michel-Houellebecq-jetzt-Schopenhauer-liest.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Schopenhauers<\/a> \u00dcbersetzung unter neusachlichen Autoren ein Geheimtipp war. Walter Benjamin schenkte sie Brecht, J\u00fcnger las sie im Feld.<\/p>\n<p>In \u201eStoische Gangarten\u201c bekr\u00e4ftigte Lethen noch einmal den polemischen Charakter der \u201eVerhaltenslehren\u201c, nannte sie einen \u201eAngriff auf den Kult der Betroffenheit\u201c. Das aber war keine Feier des Amoralismus tout court, wie es Gegner einer heute vermeintlich grassierenden Hypermoral gerne glauben wollen.<\/p>\n<p>Der Romanist Werner Krauss, schrieb Lethen n\u00e4mlich schon 1994, habe Graci\u00e1ns Lehren mit moralisch begr\u00fcndetem Widerstand verkn\u00fcpft. Dass Lethen mit seinem Buch an einer Rehabilitierung rechten Denkens arbeitete, diesen Verdacht hatten aber in den 1990ern die, die nicht nachvollziehen wollten, wie sich J\u00fcnger auf Brecht oder Benjamin auf Schmitt reimt. Was nicht sein durfte, konnte nicht sein, obwohl man es bei Lethen schon immer mit einem zu tun hatte, der Horizontverengung ablehnte. \u201eIch lese die \u201aS\u00fcddeutsche\u2018, die \u201aFAZ\u2018, den \u201aFreitag\u2018, \u201adie tageszeitung\u2018 und die WELT, andererseits werfe ich einen Blick in \u201aTumult\u2018 und \u201aSezession\u2018, und \u00fcberall finde ich Anregungspotenzial. Diese Freiheit des Denkens will ich mir nicht nehmen lassen\u201c, sagte er, \u00fcber 80, im schon erw\u00e4hnten Interview mit der \u201eLiterarischen Welt\u201c. <\/p>\n<p>Solche Freiheit macht sein gesamtes publizistisches Werk aus: die mit dem Kontrafaktischen flirtenden \u201eStaatsr\u00e4te\u201c, die 2018 der \u201eElite im Dritten Reich\u201c nachsp\u00fcrten. Die Benn-Biografie \u201eDer Sound der V\u00e4ter\u201c von 2006. Seine Erkundungen \u00fcber die \u201eFaszination des B\u00f6sen\u201c, 2022 als \u201eDer Sommer des Gro\u00dfinquisitors\u201c erschienen. Oder das mit dem Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnete \u201eDer Schatten des Fotografen\u201c von 2014.<\/p>\n<p>Scham- und Schuldkultur<\/p>\n<p>Anh\u00e4nger eines politischen Verdachts gegen Lethen f\u00fchlten sich allerdings best\u00e4tigt, als die \u201eNew York Times\u201c 2018 die \u201esehr deutsche Liebesgeschichte\u201c zwischen dem Kulturwissenschaftler und seiner zweiten Ehefrau, der Philosophin und Publizistin Caroline Sommerfeld-Lethen erz\u00e4hlte. Unter einem Bild, das Lethen und seine gut 35 Jahre j\u00fcngere Gattin R\u00fccken an R\u00fccken in der heimischen Bibliothek zeigte, wurde berichtet, dass der Ex-Maoist Tisch und Bett mit einer Rechten teilt. Sommerfeld-Lethen schrieb damals schon regelm\u00e4\u00dfig in rechten Publikationen (auch \u00fcber ihre Ehe mit einem \u201eLinken\u201c). <\/p>\n<p>Eine Liebe mit Folgen: Der Wochenzeitung \u201eFreitag\u201c <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/thomas-wagner\/helmut-lethen-zwischen-den-stuehlen\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/thomas-wagner\/helmut-lethen-zwischen-den-stuehlen&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">sagte Lethen:<\/a> \u201eVon linker Seite br\u00f6ckeln die Kontakte ab. Die Rechten zerren hingegen an mir.\u201c Bei denen aber wolle er nicht mitmischen: \u201eIch bewege mich zunehmend im Niemandsland.\u201c<\/p>\n<p>Als er im selben Interview eine Lanze f\u00fcr die \u201eSchamkultur\u201c brach und die in seiner Generation gepflegte \u201eSchuldkultur\u201c kritisierte, klang das manchem nach dem \u201eSchuldkult\u201c der geschichtsvergessenen Rechten. Dass Lethen lediglich zwei aus der US-Anthropologie der letzten Jahrhundertmitte stammende Konzepte in Anschlag brachte, die ihm schon 1994 wichtig waren, \u00fcbersah man fahrl\u00e4ssig. Sein Denken davor zu bewahren, in politischen Schubladen zu verschwinden, wird in Zukunft noch mehr zur Aufgabe derer werden, die ihn richtig zu lesen wissen. Denn der bedeutende Literatur- und Kulturwissenschaftler ist am 13. August in Wien im Alter von 87 Jahren verstorben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Seine \u201eVerhaltenslehren der K\u00e4lte\u201c machten Helmut Lethen 1994 zum Kultautor. 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