{"id":1243051,"date":"2026-08-17T17:42:15","date_gmt":"2026-08-17T17:42:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1243051\/"},"modified":"2026-08-17T17:42:15","modified_gmt":"2026-08-17T17:42:15","slug":"zum-tod-von-juergen-grosse-ein-auge-fuer-das-absurde-und-ungewoehnliche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1243051\/","title":{"rendered":"Zum Tod von J\u00fcrgen Gro\u00dfe: Ein Auge f\u00fcr das Absurde und Ungew\u00f6hnliche"},"content":{"rendered":"<p class=\"tspCHpd tspCHpe\">Als Mitte der Zweitausender der Mainstream den ungeliebten Begriff \u201eStreet-Art\u201c pr\u00e4gte und rohe urbane Motive in Mode kamen, hatte J\u00fcrgen Gro\u00dfe sich seinen Spitznamen \u201eUrban J\u00fcrgen\u201c schon l\u00e4ngst verdient. Kaum ein anderer war in den vergangenen Jahrzehnten so wichtig f\u00fcr die Berliner Graffiti-Szene wie er.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/gesellschaft\/geschichte\/?icid=single-topic_15949650___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" class=\"tspCVqn\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Mehr Geschichte, von kiezig bis international, lesen Sie hier auf Tagesspiegel.de <\/a><\/p>\n<p class=\"tspCHpd\">\u201eJ\u00fcrg\u00e4\u00e4\u00e4n\u201c mit starker Betonung auf der zweiten Silbe mit lang gezogenem \u201e\u00e4\u201c, meldete er sich am Telefon, wenn irgendjemand ihn morgens um 5 Uhr anrief, weil ein Graffiti dokumentiert werden musste oder f\u00fcr ein haneb\u00fcchenes selbst beauftragtes Projekt im \u00f6ffentlichen Raum Baumaterial fehlte. Der Zigarillo rauchende Bauleiter und Stadtfotograf mit der markanten Glatze war dann meistens l\u00e4ngst wach, auf dem Weg zur Arbeit oder noch auf der Suche nach frischen Motiven. Die fr\u00fchen Morgenstunden mochte er am liebsten, da hatte er die Stadt f\u00fcr sich.<\/p>\n<p class=\"tspCHpd\">In einer Kunst- und Graffiti-Welt, die auf Profilneurosen und Aufmerksamkeits\u00f6konomie gegr\u00fcndet ist, geh\u00f6rte er zu den eher verborgenen, bescheidenen Eckpfeilern. Er hatte ein Auge f\u00fcr das Ungew\u00f6hnliche und unterst\u00fctzte die unbequemen, wenig gefalls\u00fcchtigen Positionen im \u00f6ffentlichen Raum leidenschaftlich\u00a0\u2013 nicht nur als Sammelnder, nicht als ambitionierter Galerist oder K\u00fcnstler, sondern als enthusiastischer Chronist und vor allem als anpackender Bauprofi. Wer auch sonst k\u00f6nnte so viel Begeisterung und Verst\u00e4ndnis f\u00fcr das rohe Berlin, seine gezielten und zuf\u00e4lligen st\u00e4dtischen Arrangements, entwickeln, wie ein umtriebiger Bauleiter im Landschaftsbau?<\/p>\n<p class=\"tspCHpd\">Als J\u00fcrgen 2002 seinen Projektraum \u201eUrban Art Info\u201c er\u00f6ffnete, sorgte das bei einigen auch f\u00fcr Skepsis: Mit vierzig Jahren war er damals wesentlich \u00e4lter als die meisten aktiven Stadtgestalter*innen. Warum interessierte sich der Mann mit der Kamera f\u00fcr \u201eStreichbombings\u201c und die jugendliche Subkultur? Warum riskierte er es, trotz stabilem Anstellungsverh\u00e4ltnis in der Baubranche, durch Tunnel zu kriechen, um Fotos von versteckten Tags zu machen?<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Gro\u00dfe, 12.07.1962\u00a0\u2013 15.08.2026<\/p>\n<p class=\"tspCHpd\">J\u00fcrgen Gro\u00dfe war unheilbar krank und starb am 15. August. Er hinterl\u00e4sst eine Tochter, zahllose dankbare K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler, sein unvergleichliches Archiv sowie eine einzigartige Sammlung von Arbeiten und Objekten aus dem Berliner Stadtraum.<\/p>\n<p class=\"tspCHpd\">Der Verdacht, er k\u00f6nne wom\u00f6glich f\u00fcr die Gegenseite arbeiten, zerstreute sich aber schnell. Unvergessen, wie J\u00fcrgen versuchte, auf der Brunnenstra\u00dfe die farbigen Fu\u00dfspuren zu kaschieren, die aus seiner Galerie direkt in die nahe Polizeiwache f\u00fchrten, in die ein Unbekannter einen Farbeimer geworfen hatte.<\/p>\n<p> Begeisterung f\u00fcr die ungeschliffenen Ecken und Kanten <\/p>\n<p class=\"tspCHpd\">F\u00fcr einige wurde er vielleicht sogar zur Vaterfigur, zum erwachsenen Probleml\u00f6ser, der die Begeisterung f\u00fcr die ungeschliffenen Ecken und Kanten der Berliner Stadtlandschaft teilte. Mit seiner gelebten Praxis zwischen Arbeiter-Dayjob und fotografierendem Komplizen bei Nacht, l\u00f6ste \u201eUrban J\u00fcrgen\u201c ganz nebenbei und sehr greifbar scheinbare Widerspr\u00fcche auf: Illegalit\u00e4t und Kunstakademie, Baustellenmaterial und Galerie, Zufall und k\u00fcnstlerisches Werk waren nicht mehr unvereinbar.<\/p>\n<p class=\"tspCHpd\">Mit einem gro\u00dfen Herz f\u00fcr Underdogs dokumentierte J\u00fcrgen Gro\u00dfe scheinbar zuf\u00e4llige Kompositionen von Bauarbeitern, die er gerne als Kunst verteidigte, und parallel dazu als einer der ersten bald weltber\u00fchmte Namen wie <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/in-der-nahe-des-buckingham-palasts-neues-banksy-kunstwerk-in-london-aufgetaucht-15546220.html?icid=in-text-link_15949650\" class=\"link link--internal\" data-gtm-class=\"article-text-link\" data-gtm-val=\"internal\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Banksy<\/a> oder Swoon. Verschrobene Ikonen wie \u201eOz\u201c aus Hamburg brachte er in seine Ausstellungsr\u00e4ume in Mitte, die oft die ersten Berliner Schaufenster f\u00fcr internationale Akteure wie Blek Le Rat, Honet oder Influenza waren.<\/p>\n<p> Brandw\u00e4nde und skurrile Rohrleitungen <\/p>\n<p class=\"tspCHpd\">Am meisten konnte er sich aber f\u00fcr die Berliner Writer und Experimentierfreudigen begeistern. Als Stadtfotograf mit einem Auge f\u00fcr das Absurde und Ungew\u00f6hnliche fotografierte er die Arbeiten in der freien Wildbahn und dar\u00fcber hinaus so viel mehr, von Brandw\u00e4nden bis zu skurrilen Rohrleitungen. Viele dieser Motive finden sich schon in seinem ersten, gro\u00dfen und ambitionierten Buch \u201eUrban Art Photography\u201c von 2008.<\/p>\n<p class=\"tspCHpd\">Von den meisten unbemerkt, pr\u00e4gte J\u00fcrgen Gro\u00dfe in den vergangenen 25 Jahren den Berliner Stadtraum, unsere Wahrnehmung und Sehgewohnheiten\u00a0\u2013 mal als Stadtfotograf, mal als unsichtbarer Unterst\u00fctzer, mal als Bauleiter <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/barenstarke-neuigkeiten-aus-dem-zoo-5491918.html?icid=in-text-link_15949650\" class=\"link link--internal\" data-gtm-class=\"article-text-link\" data-gtm-val=\"internal\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">des neuen Panda-Geheges im Berliner Zoo<\/a>.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/jurgen-gro-e.jpeg\"   alt=\"der inoffizielle \u201eUrban J\u00fcrgen Platz\u201c\" aria-labelledby=\"caption-15952408\" width=\"440\" height=\"330\" loading=\"lazy\" class=\"tspA3ji\"\/> Der \u00a0\u201eUrban-J\u00fcrgen-Platz\u201c. <\/p>\n<p class=\"tspATil\"> \u00a9 Lutz Henke <\/p>\n<p class=\"tspCHpd\">2005 fand im Rahmen der Ausstellung \u201eBackjumps \u2013 The Live Issue #2\u201c auf dem Kreuzberger Mariannenplatz eines der wichtigsten Urban-Art-Projekte der Berliner Geschichte statt: Die \u201eCity of Names\u201c wurde errichtet. Damals wurde zum ersten Mal ein Gro\u00dfteil der sonst verborgenen aktiven Writer-Szene sichtbar und baute sogar Strukturen, eine eigene Stadt aus Buchstaben. Es war nur angemessen, dass der wichtigste Platz (die Endstation der Miniatur-U-Bahn-Linie) \u201eUrban-J\u00fcrgen-Platz\u201c getauft wurde. Der Bauleiter war l\u00e4ngst selbst zum Fundament geworden.<\/p>\n<p>Mehr zum Thema:<a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/themenspeziale\/unterwegsundfreizeit\/graffiti-metropole-berlin-die-stadt-ist-eine-einzige-leinwand-15463826.html?icid=topic-list_15949650___\" data-gtm-class=\"article-mzt-link\" data-hydrate-fingerprint=\"09740a54944caac75fd2c0c63fd5c5df\" 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Gegen den Aufstieg eines neuen Berliner Spie\u00dfertums <\/a><\/p>\n<p class=\"tspCHpd\">J\u00fcrgen war als bescheidener und oft wortkarger Unterst\u00fctzer nie besonders sichtbar. Es w\u00e4re angemessen, ihm endlich auch im echten Berlin einen Platz zu widmen. Du wirst uns fehlen, \u201eUrban J\u00fcrgen\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Als Mitte der Zweitausender der Mainstream den ungeliebten Begriff \u201eStreet-Art\u201c pr\u00e4gte und rohe urbane Motive in Mode kamen,&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1243052,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1825],"tags":[296,532,29,30,1635,27668,6500],"class_list":["post-1243051","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-berlin","tag-berlin","tag-berliner-geschichte","tag-deutschland","tag-germany","tag-jugend","tag-kunst-in-berlin","tag-zoo"],"share_on_mastodon":{"url":"","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1243051","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1243051"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1243051\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1243052"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1243051"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1243051"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1243051"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}