{"id":1249749,"date":"2026-08-20T19:37:20","date_gmt":"2026-08-20T19:37:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1249749\/"},"modified":"2026-08-20T19:37:20","modified_gmt":"2026-08-20T19:37:20","slug":"ballett-tanzen-unter-druck-an-deutschen-theatern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1249749\/","title":{"rendered":"Ballett: Tanzen unter Druck an deutschen Theatern"},"content":{"rendered":"<p>            <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"ts-image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/saarland-staatstheater-100.jpg\" alt=\"Das Saarl\u00e4ndische Staatstheater.\" title=\"Das Saarl\u00e4ndische Staatstheater. | SR\"\/><\/p>\n<p>                    <strong>Exklusiv<\/strong><\/p>\n<p class=\"metatextline\">Stand: 20.08.2026 \u2022 20:21 Uhr<\/p>\n<p class=\"article-head__shorttext\">\n        <strong>Kurze Karrieren, hoher Konkurrenzdruck: Ballettt\u00e4nzer geh\u00f6ren zur verwundbarsten Gruppe an deutschen Theatern. Am Saarbr\u00fccker Staatstheater soll es zudem zu sexuellen \u00dcbergriffen gekommen sein. <\/strong>\n    <\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Im Juni und Oktober geht an deutschen Theaterh\u00e4usern die Angst um. In dieser Zeit werden \u00fcblicherweise die &#8222;Nichtverl\u00e4ngerungen&#8220; ausgesprochen. T\u00e4nzer, Schauspielerinnen, Operns\u00e4nger &#8211; sie alle sind \u00fcber sogenannte Kettenbefristungen angestellt. Das hei\u00dft: Jedes Jahr k\u00f6nnen sie ihren Job verlieren. Und das \u00fcber einen Zeitraum von 15 bis sogar 19 Jahren hinweg &#8211; erst danach gibt es einen K\u00fcndigungsschutz.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">So sieht es der Tarifvertrag der k\u00fcnstlerisch Besch\u00e4ftigten &#8211; der NV B\u00fchne (Normalvertrag B\u00fchne) vor. Die alles entscheidende Instanz ist dabei der Intendant oder die Intendantin. Er oder sie kann jederzeit aus &#8222;k\u00fcnstlerischen Gr\u00fcnden&#8220; eine Nichtverl\u00e4ngerung aussprechen. Das sind Gr\u00fcnde, die weder \u00fcberpr\u00fcft noch belegt werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>    T\u00e4nzer am Theater am wenigsten gesch\u00fctzt<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Den K\u00fcndigungsschutz erreichen T\u00e4nzer aufgrund ihrer kurzen Karrieren so gut wie nie. Die meisten k\u00f6nnen nur im Alter von 18 bis 35 Jahren professionell tanzen. Dazu kommt, dass es nur wenige Jobs gibt. Von allen an Hochschulen ausgebildeten T\u00e4nzern wird maximal ein Viertel in die Tanzensembles aufgenommen.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Sie seien der Personenkreis, der an einem Theater am wenigsten gesch\u00fctzt ist und auf den die Macht des Intendanten am wirksamsten sei, sagt Thomas Schmidt. Er ist Professor und Direktor des Studiengangs &#8222;Theater und Orchestermanagement&#8220; in Frankfurt am Main und forscht seit vielen Jahren zu Macht und Struktur im Theater.<\/p>\n<p>    Sexuelle \u00dcbergriffe am Saarl\u00e4ndischen Staatstheater?<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Februar 2023 &#8211; am Saarl\u00e4ndischen Staatstheater arbeitet das Ballettensemble an einem St\u00fcck von Abou Lagraa. Der Gast-Choreograf probt Glucks &#8222;Orfeo ed Euridice&#8220;. Zur Auff\u00fchrung kommt es nie. Kurz vor der Premiere sagt das Theater die Produktion ab. Offiziell wegen &#8222;un\u00fcberbr\u00fcckbarer Differenzen&#8220; zwischen Lagraa und der Theaterleitung.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Aktuelle SR-Recherchen zeigen aber, dass es sich dabei um sexuelle \u00dcbergriffe seitens des Choreografen gehandelt haben soll. Ensemble-Mitglieder berichten von Ber\u00fchrungen an Brust und Po, angeblich um Bewegungen zu demonstrieren, von sexualisierten Kommentaren \u00fcber ihre K\u00f6rper, von vulg\u00e4ren Witzen.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Knapp 20 Vorf\u00e4lle wurden dokumentiert. Die Liste, die dem SR vorliegt, ist an die Frauenbeauftragte und den damaligen Intendanten, Bodo Busse, weitergeleitet worden. Lagraa hat sich auf mehrfache Anfragen des SR zu den Vorw\u00fcrfen bisher nicht ge\u00e4u\u00dfert.<\/p>\n<p>    Emotional herausfordernde Situation<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">T\u00e4nzer berichten dem SR, dass Busse sie bei einem ersten Treffen nicht ernst genommen und sich sogar \u201caggressiv\u201d ihnen gegen\u00fcber ge\u00e4u\u00dfert habe. Busses Anw\u00e4lte widersprechen dieser Darstellung und wenden zudem ein, dass auch er die Situation als emotional herausfordernd empfunden habe.<\/p>\n<p class=\"absatzbild__info__text\">\n                        F\u00fcr seine Recherche zu den Vorg\u00e4ngen am Saarl\u00e4ndischen Staatstheater hat der SR unter anderem Interviews mit ehemaligen  Solot\u00e4nzern des Saarbr\u00fccker Staatsballetts gef\u00fchrt.\n                    <\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Die T\u00e4nzer haben nach dem ersten Treffen die B\u00fchnengewerkschaft GDBA eingeschaltet, die Busse per Anwaltsschreiben aufforderte, die Premiere innerhalb von drei Tagen abzusagen. Busse, so berichten es mehrere T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzer, habe sie anschlie\u00dfend aufgefordert, \u00fcber die Hintergr\u00fcnde der Absage mit niemandem zu sprechen &#8211; weder im Haus noch in der \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\u00dcber seine Anw\u00e4ltin l\u00e4sst Busse mitteilen, dass auch die Pers\u00f6nlichkeitsrechte des beschuldigten Choreographen ber\u00fccksichtigt werden mussten. \u00d6ffentliche Anschuldigungen h\u00e4tten rechtliche Konsequenzen f\u00fcr die T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzer haben k\u00f6nnen. Zudem habe das Theater Lagraa fristlos gek\u00fcndigt, ihm Hausverbot erteilt und nicht das volle Honorar gezahlt. Die Entscheidung, die Produktion abzusagen, sei ohne Druck von Au\u00dfen und trotz der wirtschaftlichen Folgen sehr schnell getroffen worden.<\/p>\n<p>    Vorw\u00fcrfe bislang strafrechtlich ungekl\u00e4rt<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Busse l\u00e4sst \u00fcber seine Anwaltskanzlei mitteilen: Dass die Vorw\u00fcrfe bis heute strafrechtlich ungekl\u00e4rt sind, liege daran, dass keiner der T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzer Anzeige erstattet habe. Diesen Schritt h\u00e4tten nur die Betroffenen selbst gehen k\u00f6nnen. Tats\u00e4chlich verzichteten die T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzer auf eine Strafanzeige.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Die ehemalige Solot\u00e4nzerin Gabrielle Salvatto m\u00f6chte das nicht so stehen lassen. F\u00fcr eine Strafanzeige h\u00e4tte sie ihre Anonymit\u00e4t aufgeben m\u00fcssen, au\u00dferdem sagt sie: &#8222;Probleme mit sexuellem Missbrauch an T\u00e4nzern bleiben sehr oft ungeahndet. Wir h\u00e4tten uns tats\u00e4chlich rechtliche Konsequenzen gew\u00fcnscht.&#8220;<\/p>\n<p>    Kritik kann die Karriere kosten<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Grenz\u00fcberschreitungen an Theatern seien kein Einzelfall, berichtet auch Paul Hess, stellvertretender Vorsitzender der Berufsgruppe Tanz der GDBA. Hess nimmt wahr, wie selten solche \u00dcbergriffe angezeigt oder bei der Beschwerdestelle gemeldet werden. Der Druck sei zu hoch, au\u00dferdem drohe die gef\u00fcrchtete Nichtverl\u00e4ngerung.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">T\u00e4nzer w\u00fcrden mitunter gro\u00dfe Risiken eingehen, wenn sie sich f\u00fcr bessere Arbeitsbedingungen einsetzen, beobachtet auch Thomas Schmidt. &#8222;Und wenn kritische T\u00e4nzer gek\u00fcndigt werden, trauen sich die anderen Kolleginnen nicht mehr, Kritik offen auszusprechen&#8220;, so Schmidt. Das schaffe eine Politik der Angst.<\/p>\n<p>    T\u00e4nzervertr\u00e4ge als Sparmodell<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Die prek\u00e4re Vertragssituation f\u00fchrt dazu, dass T\u00e4nzer oft &#8211; im Vergleich zu anderen k\u00fcnstlerischen Sparten am Theater &#8211; schlechter bezahlt werden. Am Saarl\u00e4ndischen Staatstheater beispielsweise sind alle T\u00e4nzer als Solot\u00e4nzer angestellt, obwohl \u00fcberwiegend in der Gruppe getanzt wird.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Das hei\u00dft: Mit einem Gruppenvertrag m\u00fcssten die T\u00e4nzer eigentlich genauso viel wie die S\u00e4nger im Chor verdienen. Die Gagenklasse richtet sich dabei nach der Orchestergr\u00f6\u00dfe: Bei einem A-Orchester wie in Saarbr\u00fccken bedeutet das mindestens 4.300 Euro brutto im Monat \u2013 mit festgelegten Erh\u00f6hungen nach drei, sechs und neun Jahren.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Solisten dagegen fallen aus diesem System heraus. Hier greift nur die Einstiegs- und Mindestgage und die liegt gerade mal bei etwas \u00fcber 3.000 Euro. Eine automatische Gehaltserh\u00f6hung gibt es danach nicht mehr. Das Staatstheater Saarbr\u00fccken teilt mit, dass dieses Vorgehen Status quo in der deutschen Theaterlandschaft sei. Die Grenzen zwischen Solo-Tanz und Gruppe seien im zeitgen\u00f6ssischen Tanz flie\u00dfend.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Der Solovertrag werde mit jedem Ensemblemitglied individuell verhandelt. Den W\u00fcnschen nach mehr Gage versuche man im Rahmen der budget\u00e4ren M\u00f6glichkeiten entgegenzukommen. Paul Hess von der GDBA kritisiert dagegen, dass T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzer gezielt \u00fcber Solovertr\u00e4ge eingestellt werden &#8211; ungeachtet dessen, wie sie tats\u00e4chlich eingesetzt werden, schlicht um Kosten zu senken.<\/p>\n<p>    Intendantenmodell nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df?<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Auch der Deutsche B\u00fchnenverein hat sich auf SR-Nachfrage zu der geringeren Honorierung ge\u00e4u\u00dfert. Die Einstiegs- und Mindestgagen seien f\u00fcr Solo-T\u00e4nzer angemessen und an deutschen Theaterh\u00e4usern weit verbreitet. Nur in gr\u00f6\u00dferen, eher klassisch ausgerichteten Kompanien werde noch zwischen Solo- und Gruppenmitgliedern unterschieden. Der Deutsche B\u00fchnenverein sieht keinen Anlass f\u00fcr eine Korrektur.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Um die Situation von T\u00e4nzern und B\u00fchnenk\u00fcnstlern grundlegend zu verbessern, hat der Theaterwissenschaftler Thomas Schmidt ein paar Vorschl\u00e4ge: Er fordert, den NV B\u00fchne Vertrag grundlegend zu reformieren, den gro\u00dfen Spielraum des Intendanten gegen\u00fcber Mitarbeitenden zu reduzieren und das Intendantenmodell durch ein gr\u00f6\u00dferes F\u00fchrungsteam zu ersetzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Exklusiv Stand: 20.08.2026 \u2022 20:21 Uhr Kurze Karrieren, hoher Konkurrenzdruck: Ballettt\u00e4nzer geh\u00f6ren zur verwundbarsten Gruppe an deutschen Theatern.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1249750,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[155],"tags":[16104,29,214,30,94,215],"class_list":["post-1249749","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-unterhaltung","tag-ballett","tag-deutschland","tag-entertainment","tag-germany","tag-theater","tag-unterhaltung"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/117129529022386839","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1249749","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1249749"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1249749\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1249750"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1249749"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1249749"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1249749"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}