{"id":125308,"date":"2025-05-20T11:25:10","date_gmt":"2025-05-20T11:25:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/125308\/"},"modified":"2025-05-20T11:25:10","modified_gmt":"2025-05-20T11:25:10","slug":"nachruf-auf-yuri-grigorovich-schweiss-traenen-machismo-sein-maennerbild-praegt-russland-heute-noch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/125308\/","title":{"rendered":"Nachruf auf Yuri Grigorovich: Schwei\u00df, Tr\u00e4nen, Machismo \u2013 Sein M\u00e4nnerbild pr\u00e4gt Russland heute noch"},"content":{"rendered":"<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Im russischen Ballett ist erst am 19. Mai 2025 das Zeitalter der UdSSR endg\u00fcltig zu ihrem Finale gekommen. Denn da starb die graue Eminenz des Sowjet-Tanzes: Yuri Grigorovich, der \u00fcber 30 Jahre als Direktor des Bolschoi-Balletts die \u00e4sthetischen Richtlinien gesetzt hatte, die dort bis heute wirken.<\/p>\n<p>\u201eBallett ist eine Frau.\u201c Das hat George Balanchine gesagt. Der war Georgier und wurde doch Amerikas bedeutendster Choreograf. Sein zwanzig Jahre j\u00fcngerer, 1927 im damaligen Leningrad geborener Sowjet-Antipode hie\u00df Yuri Grigorovich \u2013 und der sah systemkonform den Tanz als Mann. Ber\u00fchmt wurde Grigorovich 1968 mit seinem poststalinistischen Heldentanz \u201eSpartacus\u201c.<\/p>\n<p>Acht Jahre nach Stanley Kubricks gleichnamigem Filmspektakel marschierten auf der B\u00fchne des Bolschoi muskelstarrende Gladiatorensklaven martialisch gegen dekadente R\u00f6mer, um heroisch unterzugehen. Und trotzdem, noch im Tod sozialistisch rot beleuchtet, die Proletarierkrieger der Zukunft zu schaffen.<\/p>\n<p>\u201eSpartacus\u201c als Ballettspartakiade, das hei\u00dft Schwei\u00df, Tr\u00e4nen, Machismo. Testosteronstarrende T\u00e4nzer wie Zehnk\u00e4mpfer, deren Virilit\u00e4t in spektakul\u00e4ren Spr\u00fcngen und einarmigen Hebungen gipfelte; 1977 in der Studioverfilmung mit den beiden muskelbepackten, finster blickenden Protagonisten der Urauff\u00fchrung, Vladimir Vassiliev und dem Letten Maris Liepa sogar in Zeitlupe \u00fcberdehnt. <\/p>\n<p>\u201eTriumph des Willens\u201c im Zeichen von Hammer und Sichel<\/p>\n<p>Es wurde im Kalten Krieg die Visitenkarte der russischen Vorzeigekompanie, Musterst\u00fcck ihrer Panzerknacker-\u00c4sthetik. Einfach gestrickt, massentauglich, die Propaganda durch permanente Wiederholung verst\u00e4rkend. Trotzdem weltweit auf Gastspielen bejubelt, auch wegen Aram Chatschaturjans primitivistisch-eing\u00e4ngiger, meist peitschend turbokraftvoller und trotzdem wunschkonzertkompatibler Musik, die im popul\u00e4ren \u201eSchwertertanz\u201c gipfelt. Frauen sind in dieser simplen Komsomol-Antike-Welt entweder Huren oder f\u00fcr ein wenig feminine Leibw\u00e4rme zust\u00e4ndig. Dann werden sie am Ende huckepack vom M\u00e4nnchen ins Nachtk\u00f6rbchen getragen.<\/p>\n<p>Yuri Grigorovich hat sein popul\u00e4rstes Werk nie au\u00dferhalb Russlands inszeniert, andere Choreografen schon. Die Sowjetunion existiert l\u00e4ngst nicht mehr, aber diese in groben Schwarz-Wei\u00df-Strichen schraffierte Vorlage l\u00e4sst sich kaum anders interpretieren als damals. So wirkt das grotesk \u00fcberzeichnende Werk heute eigentlich in weiten Teilen nur noch veraltet und komisch: wie ein getanzter Sandalencomicstrip. Eine Art \u201eTriumph des Willens\u201c im Zeichen von Hammer und Sichel, wo zu sehen ist, dass sich faschistische und kommunistische K\u00f6rper\u00e4sthetik kaum unterschieden.<\/p>\n<p>Trotzdem kam \u201eSpartacus\u201c, mit finalem Schliff versehen vom greisen Grigorovich, 2016 zur hellen Begeisterung der offenbar verf\u00fchrbaren M\u00fcnchner an der <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.staatsoper.de\/biographien\/grigorovich-yuri\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.staatsoper.de\/biographien\/grigorovich-yuri&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bayerischen Staatsoper<\/a> heraus. Der damalige Ballettchef Igor Zelensky musste freilich als einer der ersten Russen im Westen nach Ausbruch des Ukrainekriegs 2022 seinen Posten verlassen: Weil pl\u00f6tzlich seine N\u00e4he nicht nur zu einer Tochter Wladimir Putins ruchbar wurde. <\/p>\n<p>Doch <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/article160638622\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;\/article160638622&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">die Premiere<\/a> war \u00fcberraschenderweise ein Tanzwelt-Hit. Ein letztes St\u00fcck Stalinismus an der Isar, w\u00e4hrend im Kreml der Putinb\u00e4r laut rumorte. Und der alte Grigorovich, der sich begleitet von Standing Ovations verbeugte, er hatte alle Systeme \u00fcberlebt.<\/p>\n<p>Das klassische Ballett, so wie wir es heute kennen, wurde zwar in der Barockzeit in Frankreich erfunden, aber im zaristischen Russland um die Wende zum 20. Jahrhundert zu seiner h\u00f6chsten Bl\u00fcte vollendet. Die exilierten Ballets russes von Serge Diaghilev nahmen zwar den Westen mit auf eine Reise der Tanzavantgarde, aber auch im nun roten Russland \u00fcberlebte der Tanz die Bilderst\u00fcrme der Bolschewiken gegen alles B\u00fcrgerliche \u2013 weil er sich zur Apotheose des Proletarischen umbiegen lie\u00df. Sogar die Prinzen und Schw\u00e4ne wurden Arbeiter und Bauern.<\/p>\n<p>Andere haben die Vorarbeiten geleistet und den zaristischen Tanz von zu viel Pl\u00fcsch und Plunder befreit. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat aber keiner folgenreicher an diesem sportiven, oft wenig poetischen, aber politisch gewollten Look des Sowjetballetts gearbeitet wie der formbare, aber auch dominante Grigorovich.<\/p>\n<p>Der dem Petersburger T\u00e4nzermilieu entstammende Grigorovich war zun\u00e4chst vom Zirkus fasziniert. Er studierte an der Leningrader Choreografischen Schule (vormals Zaristische Ballettschule, heute Waganova-Akademie) und wurde im Zweiten Weltkrieg nach Perm evakuiert. Er trat 1946 dem Kirov-Ballett bei, wo er vor allem in Charakterrollen gl\u00e4nzte, wurde dort Ballettmeister, wechselte nach Moskau zum Bolschoi, zu dessen k\u00fcnstlerischem Leiter er 1964 aufstieg. Dort choreografierte er neben \u201eSpartacus\u201c 1975 \u201eIwan der Schreckliche\u201c sowie 1982 Schostakowitschs \u201eDas Goldene Zeitalter\u201c. Au\u00dferdem \u00fcberarbeitete er fast alle klassischen Meisterwerke im neuen Stil: oft mit Happy End und meist aufgewerteten Rollen f\u00fcr die M\u00e4nner.<\/p>\n<p>Seine \u00c4ra am Bolschoi ging 1995 offiziell nicht ohne Konflikte zu Ende. Anschlie\u00dfend choreografierte er f\u00fcr verschiedene russische Kompanien, bevor er sich in Krasnodar niederlie\u00df, wo er seine eigene Kompanie gr\u00fcndete. Doch Grigorovich, der zweimal mit T\u00e4nzerinnen \u2013 Alla Shelest und Natalia Bessmertnova \u2013 verheiratet war, dominierte als Mann im Hintergrund auch nach dem Fall des Eisernen Vorhang das klassische Ballett. Am 19. Mai 2025 ist er nun im Alter von 98 Jahren gestorben. Das Bolschoi erkl\u00e4rte, es werde \u201esein Andenken in Ehren halten und sein unsch\u00e4tzbares Erbe sch\u00fctzen\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Im russischen Ballett ist erst am 19. Mai 2025 das Zeitalter der UdSSR endg\u00fcltig zu ihrem Finale gekommen.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":125309,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4013],"tags":[331,332,16104,47102,11768,47103,13,47104,308,14,15,4043,4044,850,307,12,39534,6907,45],"class_list":{"0":"post-125308","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-russland","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-ballett","11":"tag-ballettensembles","12":"tag-brug-manuel","13":"tag-grigorowitsch","14":"tag-headlines","15":"tag-jurij","16":"tag-moskau","17":"tag-nachrichten","18":"tag-news","19":"tag-russia","20":"tag-russian-federation","21":"tag-russische-foederation","22":"tag-russland","23":"tag-schlagzeilen","24":"tag-sowjetunion-udssr-abgeschlossen-seit-31-12-1991","25":"tag-tanz","26":"tag-texttospeech"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114539916511050715","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/125308","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=125308"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/125308\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/125309"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=125308"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=125308"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=125308"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}