{"id":1254805,"date":"2026-08-23T05:16:15","date_gmt":"2026-08-23T05:16:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1254805\/"},"modified":"2026-08-23T05:16:15","modified_gmt":"2026-08-23T05:16:15","slug":"die-bravo-wie-von-muenchen-aus-stars-geschaffen-wurden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1254805\/","title":{"rendered":"Die Bravo: Wie von M\u00fcnchen aus Stars geschaffen wurden"},"content":{"rendered":"<p>Am 26. August 1956 erschien in M\u00fcnchen die erste Bravo. Auf dem Cover Marilyn Monroe. Der Untertitel lautete damals noch &#8222;Die Zeitschrift f\u00fcr Film und Fernsehen&#8220;. Erst nach und nach erkannte man, dass Pop f\u00fcr Jugendliche eine weit gr\u00f6\u00dfere Anziehungskraft darstellte \u2013 vor allem, wenn junge, gutaussehende Protagonisten als Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr Tr\u00e4ume und Verliebtheit angeboten wurden.<\/p>\n<p>Gerne auch auf Kosten der Realit\u00e4t. Denn die Bravo verstand sich als Verb\u00fcndete der Fans, und ver\u00e4nderte f\u00fcr eine schrille Aussage auch mal Interviewpassagen, wie Angelo Kelly erz\u00e4hlt. Seinen Hit &#8222;I can\u2019t help myself&#8220; hatte er einer Angebeteten gewidmet, die Bravo machte daraus ein Lied f\u00fcr den Vater, damit sich die weiblichen Fans noch Hoffnung machen konnten. <\/p>\n<p>Gegenseitige (toxische?) Abh\u00e4ngigkeit<\/p>\n<p>Es ging mehr um die verkaufte Auflage als um journalistische Standards. Aber gerade das Laute, Grelle, \u00dcberzogene sprach die jugendliche Zielgruppe lange an. Ob immer zum Nutzen der Musiker? In der ARD Doku &#8222;Bravo \u2013 Headlines, Hypes und Herzschmerz&#8220; sagt Angelo Kelly: &#8222;F\u00fcr die Bravo waren wir eine Kuh, die gemolken wurde&#8220;.     <\/p>\n<p>Sp\u00e4testens in den 80er Jahren war die Bravo das Jugendmagazin geworden \u2013 mit ca. 1,8 Millionen verkauften Exemplaren pro Woche. Und einer noch gr\u00f6\u00dferen Leserschaft, denn die Bravo ging von Hand zu Hand. Jasmin Wagner (&#8222;Bl\u00fcmchen&#8220;) erz\u00e4hlt, dass nur ein M\u00e4dchen in ihrer Schulklasse die Ausgabe kaufte \u2013 und alle Freundinnen lasen dann nach und nach das Heft. <\/p>\n<p>Der ehemalige Bravo-Chefredakteur Alex Gernandt geht deswegen von 6 Millionen Leserinnen und Lesern w\u00f6chentlich aus. Damit war Bravo f\u00fcr die Musikindustrie ein unverzichtbares Gegen\u00fcber \u2013 eine Marketing-Maschine, ein Pop-Durchlauferhitzer, ein Fan-Aufheizer, der um jeden Preis gef\u00fcttert werden musste. <\/p>\n<p>Seit 1968 geh\u00f6rte die Bravo zum Hamburger Bauer Verlag, die Redaktion aber blieb in der Augustenstra\u00dfe in M\u00fcnchen. Vielleicht hatte man an der Elbe den Eindruck, der Tonfall der M\u00fcnchner Schickeria und Chichi-Gesellschaft passe besser zum jungen Publikum. Und M\u00fcnchen lebte die Freude am Aufstieg und Fall von Stars. <a href=\"https:\/\/www.ardsounds.de\/sendung\/reclaim-tic-tac-toe\/urn:ard:show:bc0ac195183639e0\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Bands wie die Tic Tac Toe wurden hochgeschrieben und dann zerfleddert<\/a>.<\/p>\n<p>&#8222;Aufkl\u00e4rung&#8220; von &#8222;Dr. Sommer&#8220; in der Bravo<\/p>\n<p>Jasmin Wagner glaubt, dass sie als &#8222;Bl\u00fcmchen&#8220; ohne die symbiotische Beziehung zur Bravo nicht gro\u00df geworden w\u00e4re. Mit 14 war sie eine ideale Identifikationsfigur f\u00fcr die sehr junge Leserschaft. Die Bravo &#8222;war mein Draht zu den Fans&#8220; \u2013 unverzichtbar in einer Zeit vor Social Media. Erkauft wurde das unter anderem mit einer Sexualisierung, die f\u00fcr heutige Augen \u00fcbergriffig wirkt. So fand ein Bravo-Redakteur es offenbar v\u00f6llig normal, die Minderj\u00e4hrige zu fragen, ob sie endlich ihr &#8222;erstes Mal&#8220; gehabt habe.<\/p>\n<p>Die Studentenbewegung hatte Sexualaufkl\u00e4rung auf die Agenda gesetzt \u2013 allerdings mit klarer politischer Vorgabe, die b\u00fcrgerliche und &#8222;faschistische&#8220; Moral gegen ein freiheitlicheres Konzept zu ersetzen. Die Bravo popularisierte das Thema, vor allem durch eine ganz besondere Zielgruppenansprache: Jugendliche, die sich \u00fcber ihre Sexualit\u00e4t noch unsicher sind. Jutta Stiehler, die Redakteurin hinter dem legend\u00e4ren, fiktiven Sexualberater Dr. Sommer, nimmt f\u00fcr sich in Anspruch, &#8222;auf Augenh\u00f6he&#8220; mit dem Publikum gesprochen zu haben. Allerdings auch auf Augenh\u00f6he mit einem Zeitgeist, der Heterosexualit\u00e4t als absolut verbindlich ansah.<\/p>\n<p>Schwul? \u2013 Nicht in der Bravo!<\/p>\n<p>In &#8222;Mein Problem ist: Ich bin schwul&#8220;, schrieb etwa ein &#8222;Junge, 13, ohne Ortsangabe&#8220; an die Bravo. Und die antwortete: &#8222;Nur weil du bei nackten Jungen ein steifes Glied kriegst, glaubst du, schwul zu sein. Wenn du erstmal Erfahrungen mit M\u00e4dchen gemacht hast, sieht die Sache wahrscheinlich gleich ganz anders aus. Also mach dir vorerst keine Sorgen.&#8220; <\/p>\n<p>Auch bei den gefeierten Stars ging es der Bravo um die absolute Verf\u00fcgbarkeit f\u00fcr Projektionen \u2013 Homosexualit\u00e4t schied etwa f\u00fcr Boy Bands aus, weil damit angeblich die weibliche Fangruppe Probleme haben w\u00fcrde. Eloy de Jong von Caught In The Act erz\u00e4hlt, dass ihr Manager &#8222;keinen schwulen Jungen in der Band&#8220; sehen wollte. <\/p>\n<p>Als Ger\u00fcchte aufkamen, de Jong sei schwul, inszenierte die Bravo eine Begegnung mit einem weiblichen Fan, inklusive K\u00fcsschen und Grachtenfahrt. Sch\u00f6ne Bilder, die mit der wahren Person nichts zu tun haben. Daran hat sich offenbar wenig ge\u00e4ndert, wie koreanische K-Pop-Boy-Groups-Vertr\u00e4ge erahnen lassen, die den Bandmitgliedern jegliche Beziehung verbieten. <\/p>\n<p>F\u00fcr ganze Generationen war die Bravo ein wichtiger Begleiter beim Erwachsenwerden. Heute haben im Wesentlichen die sozialen Netzwerke diese Funktion \u00fcbernommen. Stars brauchen Gatekeeper-Medien wie die Bravo nicht mehr, \u00fcbernehmen Marketing und Beziehungen zu Fans gro\u00dfteils selbst. Die Bedeutung der Bravo ist bis zur Unkenntlichkeit geschrumpft, das Magazin erscheint nur noch monatlich, die erkaufte Auflage liegt bei knapp 45.000 Exemplaren. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Am 26. August 1956 erschien in M\u00fcnchen die erste Bravo. Auf dem Cover Marilyn Monroe. 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