{"id":1259284,"date":"2026-08-25T08:21:34","date_gmt":"2026-08-25T08:21:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1259284\/"},"modified":"2026-08-25T08:21:34","modified_gmt":"2026-08-25T08:21:34","slug":"architekt-gustav-duesing-in-der-architektur-geht-es-um-angemessenheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1259284\/","title":{"rendered":"Architekt Gustav D\u00fcsing: \u201eIn der Architektur geht es um Angemessenheit\u201c"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr sein Universit\u00e4tsgeb\u00e4ude in Braunschweig hagelte es Architekturpreise. Nun plant Gustav D\u00fcsing die deutsche Botschafterresidenz in Tel Aviv und das \u201eTor zur Literatur\u201c in Marbach: Bei einem Treffen erkl\u00e4rt er seine Entw\u00fcrfe\u00a0\u2013 mit Haltung, aber ohne Pathos.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Vereinzelte Sonnenstrahlen fallen durchs Bl\u00e4tterdach. Da unten muss die Oker flie\u00dfen. Durch die Luft schweben Seifenblasen. Ein Student schl\u00e4gt dazu ein Rad. Er l\u00e4sst sich von seinen Kommilitoninnen, die ein kurzes Video aufnehmen, nicht lange bitten. Andere sind von ihren B\u00fcchern nicht abzulenken, schauen auf ihre Laptops, denken nach, trinken Kaffee oder blicken durch die gro\u00dfen Fensterscheiben.<\/p>\n<p>Sie plaudern auf den Balkonen und diskutieren im Schutz schwerer Vorh\u00e4nge. Nicht wenige suchen nach einem freien Platz, der im Studierendenhaus der Technischen Universit\u00e4t Braunschweig an diesem Freitag schwer zu finden ist \u2013 obwohl der letzte Nachmittag des Semesters angebrochen ist.<\/p>\n<p>Gustav D\u00fcsing f\u00e4llt unter den jungen Leuten nicht weiter auf: graues Hemd, Shorts, Sandalen; vor zehn Jahren war er selbst als WiMi an der TU besch\u00e4ftigt, als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut f\u00fcr Entwerfen und Raumkomposition der Architekturfakult\u00e4t. \u201eDas ist der Klassiker, wenn man sich als Architekt selbstst\u00e4ndig machen will\u201c, sagt er. <\/p>\n<p>Studiert hat der 1984 in M\u00fcnster geborene D\u00fcsing in Stuttgart und an der legend\u00e4ren AA, der Architectural Association von London, die in den sp\u00e4ten 2000er-Jahren im Bann des digitalen Entwerfens und des Parametrismus von Patrik Schumacher stand. Drei Jahre arbeitete D\u00fcsing im Berliner B\u00fcro <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/architektur\/plus239471973\/Architektin-Leibinger-Zu-viele-Herren-die-nicht-aufhoeren-zu-arbeiten.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/architektur\/plus239471973\/Architektin-Leibinger-Zu-viele-Herren-die-nicht-aufhoeren-zu-arbeiten.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Barkow Leibinger<\/a>, dann nahm er die halbe Stelle in Braunschweig an \u2013 ideal, um an Architekturwettbewerben teilzunehmen und nebenbei am Businessplan f\u00fcr das eigene B\u00fcro zu schrauben.<\/p>\n<p>Das gab es noch nicht, als D\u00fcsing eine E-Mail erhielt, in der die Uni selbst einen Architekturwettbewerb f\u00fcr ein \u201eStudierendenhaus\u201c auslobte. Alle Mitarbeiter der Fakult\u00e4t waren eingeladen, daran teilzunehmen. D\u00fcsing fragte einen alten Studienfreund aus London, Max Hacke, ob man es gemeinsam versuchen sollte. Eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Chance, denn zu solchen Wettbewerben wird man h\u00e4ufig erst zugelassen, wenn man bereits vergleichbare Geb\u00e4ude gebaut hat.<\/p>\n<p>Mies van der Rohe Award f\u00fcr das Studierendenhaus<\/p>\n<p>Gesagt, getan: Entwurf gezeichnet, <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/gustav-duesing.com\/\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/gustav-duesing.com\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">B\u00fcro gegr\u00fcndet<\/a>, in die zweite Runde gekommen, Wettbewerb gewonnen. Und nicht nur den: F\u00fcr das Deb\u00fct hagelte es Architekturpreise. D\u00fcsing traf mit dem Ende 2022 fertiggestellten Haus einen Nerv. Der luftige Zweigeschosser aus Stahl und Glas wurde mit dem Deutschen Architekturpreis, dem <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/regionales\/hessen\/article249751012\/Preis-fuer-herausragende-Bauten-fuer-Studierendenhaus.html\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/regionales\/hessen\/article249751012\/Preis-fuer-herausragende-Bauten-fuer-Studierendenhaus.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">DAM Preis <\/a>und dem Mies van der Rohe Award ausgezeichnet. <\/p>\n<p>Zudem wurde der Bau international wahrgenommen, weil er hochschulp\u00e4dagogische Anspr\u00fcche wie neues Lernen mit Themen wie Kreislaufwirtschaft und Modulbauweise verband. Und zwar in einer Form, die an die modernen Pavillonarchitekturen von Mies van der Rohe und Sep Ruf, an die amerikanischen Case Study Houses sowie an die Ingenieurleichtbaukunst von Frei Otto und <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/plus248701214\/Die-Zukunft-des-Bauens-Weniger-Material-Der-Plan-des-Werner-Sobek.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/plus248701214\/Die-Zukunft-des-Bauens-Weniger-Material-Der-Plan-des-Werner-Sobek.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Werner Sobek<\/a> denken l\u00e4sst \u2013 nur filigraner und frei von Pathos.<\/p>\n<p>\u201eDie Aura dieses Stuttgarter Engineerings sch\u00e4tzt man auch im Ausland\u201c, sagt D\u00fcsing und freut sich, wenn seine konstruktive Raffinesse Fragen aufwirft: \u201eWie h\u00e4lt das? Weshalb kann es so d\u00fcnn sein?\u201c Als Architekt f\u00fchre man \u201eeinen kleinen Stunt vor\u201c. Tats\u00e4chlich sind die st\u00e4hlernen Hohlprofile, die das Studierendenhaus tragen, erstaunlich d\u00fcnn: kaum zehn Zentimeter im Durchmesser. Darin ist der dicke Anstrich bereits inbegriffen, der im Brandfall aufquillt und eine halbe Stunde vor dem Feuer sch\u00fctzt. In einem Raster von drei mal drei Metern geben die Pfosten und Tr\u00e4ger die modulare Ordnung vor. <\/p>\n<p>\u201eSerielles Bauen wird meist mit Tristesse verbunden. Wir wollten das Gegenteil beweisen. Mit wenigen geometrischen Formen ist ein lebendiger und inspirierender Raum entstanden, ein erweitertes Wohnzimmer\u201c, sagt D\u00fcsing und erkl\u00e4rt, dass alle Teile miteinander verschraubt sind und im Sinne des Geb\u00e4uderecyclings und der Ressourcenschonung auch wieder abgebaut werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>\u201eEnergieverbrauch nicht pro Quadratmeter, sondern pro Person\u201c<\/p>\n<p>Wir laufen \u00fcber Treppen und kurze Br\u00fccken, testen den Schallschutz, diskutieren dar\u00fcber, dass das Haus bei der Energieeffizienz wohl weniger preisverd\u00e4chtig ist. \u201eIch berechne den Energieverbrauch nicht pro Quadratmeter, sondern pro Person\u201c, sagt D\u00fcsing und erkl\u00e4rt die steile These mit einer anderen Nachhaltigkeitslogik. \u201eRessourcen m\u00fcssen gerecht geteilt werden. Hier haben sehr viele Menschen Zugang zur Ressource Raum.\u201c Bis zu 200 Arbeitspl\u00e4tze bietet das Studierendenhaus.<\/p>\n<p>Wir schauen hin\u00fcber zum Universit\u00e4tsplatz. Viel los ist dort nicht. Er erz\u00e4hlt von der akademischen Welt im Nachkriegsdeutschland. Vom 1877 er\u00f6ffneten Altbau der Herzoglichen Technischen Hochschule Carolo-Wilhelmina zeugt nur noch die Frontfassade im Stil der italienischen Hochrenaissance. Das erh\u00f6hte Waschbeton-\u201eForum\u201c gegen\u00fcber wird von rationalistischen Zweckbauten f\u00fcr Bibliothek, Verwaltung und Audimax eingefasst. \u00dcber allem ragt das Hochhaus der Architekturfakult\u00e4t empor, auf jedem Geschoss ein Lehrstuhl. D\u00fcsing meint: \u201eDiese Architektur verk\u00f6rpert eine einseitige Wissensvermittlung. Wir brauchten dagegen ein Geb\u00e4ude f\u00fcr eine vielseitige Vermittlung \u2013 voneinander und miteinander.\u201c<\/p>\n<p>Das Studierendenhaus war ein T\u00fcr\u00f6ffner f\u00fcr weitere Architekturwettbewerbe. Etwa f\u00fcr den <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.bbr.bund.de\/BBR\/DE\/Wettbewerbe\/Planungswettbewerbe\/asien\/politik-und-verwaltung\/deutsche-botschaft-tel-aviv\/verfahren.html\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.bbr.bund.de\/BBR\/DE\/Wettbewerbe\/Planungswettbewerbe\/asien\/politik-und-verwaltung\/deutsche-botschaft-tel-aviv\/verfahren.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Neubau der Residenz des deutschen Botschafters in Israel,<\/a> den D\u00fcsing gerade bei Tel Aviv plant. Kein einfaches Bauvorhaben: ein privates Wohnhaus f\u00fcr eine \u00f6ffentliche Person, ein Ort f\u00fcr diskrete Diplomatie und festliche Empf\u00e4nge \u2013 in einem Land, das sich im Krieg befindet. \u201eEs geht um Angemessenheit. Darum geht es in der Architektur ohnehin fast immer\u201c, sagt D\u00fcsing und denkt auch dieses Haus von seinen Besuchern her. \u201eIn die Residenz eingeladen, w\u00fcrde man nicht in einem goldenen Versace-Kleid erscheinen, eher etwas von Jil Sander tragen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIn die deutsche Seele hinein entwerfen\u201c<\/p>\n<p>Sein Entwurf erh\u00e4lt den Kern des Bestandsgeb\u00e4udes. \u201eWarum sollte man ein Haus abrei\u00dfen, um an nahezu derselben Stelle ein \u00e4hnliches Haus zu bauen?\u201c Darum legt sich eine wieder von d\u00fcnnen Pfosten getragene, transparente Metallfassade. Die Wettbewerbsjury lobte die \u201ewohltuende Bescheidenheit\u201c. D\u00fcsing nennt den Entwurf \u201ezeitgen\u00f6ssisch, pr\u00e4zise konstruiert und elegant, vielleicht ein wenig sexy\u201c. <\/p>\n<p>Gleichzeitig soll das Haus, wie <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/architektur\/plus212005225\/Nationalarchitektur-Die-Botschaft-deutscher-Botschaften.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/architektur\/plus212005225\/Nationalarchitektur-Die-Botschaft-deutscher-Botschaften.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">jedes Botschaftsgeb\u00e4ude, eine Visitenkarte Deutschlands<\/a> im Ausland sein. Und auch da ist Frei Otto, der Erfinder der k\u00fchnen Dachlandschaften im M\u00fcnchener Olympiapark, eine wichtige Referenz. \u201eDiese konstruktive Leichtigkeit des Stuttgarter Ingenieursgeists hat mich begeistert, weil es eine gestalterische Antwort auf eine politische Haltung ist. Sie stand f\u00fcr das gute Deutschland in der Architektur.\u201c<\/p>\n<p>Um \u00fcber D\u00fcsings bislang gr\u00f6\u00dften Auftrag zu sprechen, verlassen wir das Studierendenhaus und suchen einen geheimen Ort, den nur Kiffer kennen w\u00fcrden. Ein Trampelpfad f\u00fchrt zur gem\u00e4chlich flie\u00dfenden, von vereinzelten Tretbooten befahrenen Oker. Sie bildet einen dicht zugewachsenen Ring entlang der ehemaligen Befestigung der Braunschweiger Innenstadt und hat mit dem von stolzen Weinbergen, Steilh\u00e4ngen und Streuobstwiesen umgebenen Neckar bei Marbach wenig gemein.<\/p>\n<p>Als D\u00fcsing h\u00f6rte, dass ein Wettbewerb zur Erweiterung des dortigen Deutschen Literaturarchivs ausgeschrieben war, dachte er sofort, das w\u00e4re eine \u201eperfekte Aufgabe\u201c. In dem 15.000-Einwohner-St\u00e4dtchen n\u00f6rdlich von Stuttgart stehen das neobarocke Schiller-Nationalmuseum von 1903, ein brutalistisches Archivgeb\u00e4ude von 1972 und das minimalistisch-tempelartige Literaturmuseum der Moderne von David Chipperfield aus dem Jahr 2006. \u201eAuf gewisse Weise konnte man dort in die deutsche Seele hinein entwerfen\u201c, sagt D\u00fcsing.<\/p>\n<p>\u201ePl\u00f6tzlich mussten wir dar\u00fcber nachdenken, wie man f\u00fcr die Ewigkeit baut.\u201c Eine Wende f\u00fcr das B\u00fcro Gustav D\u00fcsing: Erst ein demontierbarer Leichtbau f\u00fcr die Braunschweiger Studenten, dann ein diplomatischer Pavillon in Israel, und nun das \u201edeutsche Endlager f\u00fcr Literatur\u201c. F\u00fcr den Neubau in Marbach sind aktuell 44 Millionen Euro Baukosten veranschlagt. Ein gro\u00dfer Teil soll unterirdisch liegen. Im Entwurf fallen wieder schlanke wei\u00dfe St\u00fctzen, gro\u00dfe Fensterfronten und halb offene Bereiche auf. Die flach geneigten D\u00e4cher sollen nicht nur begr\u00fcnt, sondern Teil des Parks auf dem Schillerh\u00fcgel werden. Manche wollen darin die Seiten eines ge\u00f6ffneten Buchs erkennen.<\/p>\n<p>Symbolische Architektur sei keine Absicht gewesen, sagt D\u00fcsing. \u201eDer Planungsprozess ist f\u00fcr mich eine Art Verteidigung der Idee.\u201c Aber wenn die Jury und andere Betrachter die Form als Buchdeckel interpretierten, die sich aus der Erde aufklappen, sei das vollkommen in Ordnung. \u201eOffenbar wollten sie den Entwurf auf diese Weise lesen \u2013 im wahrsten Sinne des Wortes.\u201c Und wenn man Menschen auf dieser Ebene f\u00fcr das \u201eTor zur Literatur\u201c genannte Geb\u00e4ude interessieren k\u00f6nne, sei es ein Leichtes, in die tieferen Schichten des Entwurfs vorzudringen: Energieeffizienz etwa lasse sich unter der Erde viel besser erreichen.<\/p>\n<p>So sehr Gustav D\u00fcsing f\u00fcr konstruktive L\u00f6sungen brennt, so wenig will er Architektur nur als Ingenieurwissenschaft sehen: \u201eIch bin daf\u00fcr, Architektur wieder st\u00e4rker als individuellen Ausdruck wahrzunehmen und weniger als reine Dienstleistung.\u201c Auch deshalb h\u00e4lt er neben seinem B\u00fcro in der Lehre einen Fu\u00df in der T\u00fcr. Zurzeit hat er eine Vertretungsprofessur an der RWTH Aachen inne, wo er seine Studenten ermutigt, \u201eaus sich selbst heraus zu entwerfen\u201c. <\/p>\n<p>Die Baukunst habe, so D\u00fcsing, in den vergangenen Jahren unter dem Nachhaltigkeitsdiskurs und dem allgegenw\u00e4rtigen Effizienzdenken gelitten. \u201eDoch Architektur ist ein kulturelles Fach. Es geht darum, dass Menschen ihre pers\u00f6nliche Haltung zu interessanten Fragen formulieren.\u201c<\/p>\n<p>Unter diesem Mangel litten auch die Architekturwettbewerbe. \u201eMeist werden bei Wettbewerben sehr vorsichtige Entw\u00fcrfe eingereicht. Dabei w\u00fcrden die Jurys gern oft spannende und neuartige Arbeiten auszeichnen\u201c, sagt D\u00fcsing, als er schon wieder an einem seiner wei\u00dfen Pfosten im Studierendenhaus lehnt. \u201eDer erste Schritt besteht darin, dass jemand den entsprechenden Entwurf \u00fcberhaupt wagt.\u201c Architekten m\u00fcssen sich mehr zutrauen. Das ist eine Lehre, die Gustav D\u00fcsing schon aus dem eigenen Werdegang ableiten kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"F\u00fcr sein Universit\u00e4tsgeb\u00e4ude in Braunschweig hagelte es Architekturpreise. 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