{"id":1261180,"date":"2026-08-26T06:23:24","date_gmt":"2026-08-26T06:23:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1261180\/"},"modified":"2026-08-26T06:23:24","modified_gmt":"2026-08-26T06:23:24","slug":"berlin-koeln-ueberlegenheit-passe-veraendertes-urlaubsgefuehl-bei-deutschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1261180\/","title":{"rendered":"Berlin\/K\u00f6ln | \u00dcberlegenheit pass\u00e9: Ver\u00e4ndertes Urlaubsgef\u00fchl bei Deutschen"},"content":{"rendered":"<p>Berlin\/K\u00f6ln (dpa) &#8211; Gerade kehren wieder Millionen Deutsche aus dem Urlaub in Italien, Spanien oder aus anderen sch\u00f6nen L\u00e4ndern zur\u00fcck. Das vorherrschende Gef\u00fchl dabei d\u00fcrfte sein: Schade, dass die sch\u00f6nste Zeit des Jahres schon wieder vorbei ist.<\/p>\n<p>Mitunter kommt noch eine andere Empfindung dazu: \u00abZu Hause ist es doch am besten!\u00bb Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) etwa bekundete schon \u00f6fter Erleichterung \u00fcber die R\u00fcckkehr auf heimischen Boden. Nach einer Afrikareise entfuhr es ihm dieses Jahr: \u00abWas man am deutschen Brot hat, merkt man immer wieder, wenn man im Ausland ist.\u00bb<\/p>\n<p>Doch f\u00fcr viele Urlauber hat der Aufenthalt im Ausland die fr\u00fchere Funktion der Selbstvergewisserung eingeb\u00fc\u00dft. Das Bewusstsein, aus einem in vielen Belangen \u00fcberlegenen \u00abmusterg\u00fcltigen\u00bb Heimatland anzureisen, ist einer n\u00fcchternen Realit\u00e4t gewichen.\u00a0<\/p>\n<p>Egal, ob Infrastruktur, Digitalisierung oder Service &#8211; das Ausland hat aufgeholt, und das ver\u00e4ndert das Reiseerlebnis sp\u00fcrbar.<\/p>\n<p>Klimatisierte U-Bahnen, perfektes Internet<\/p>\n<p>Wer zum Beispiel aus den Niederlanden nach Nordrhein-Westfalen einreist, braucht kein Schild, um zu wissen, wann er wieder deutschen Boden erreicht hat: Auf der Autobahn wird augenblicklich das Fahrger\u00e4usch lauter, weil der Asphalt schlechter ist. Und in der Bahn bemerkt man es an den heruntergekommenen Grenzbahnh\u00f6fen &#8211; eben sah alles noch so proper und adrett aus.\u00a0<\/p>\n<p>In vielen anderen L\u00e4ndern machen Deutsche \u00e4hnliche Erfahrungen und erz\u00e4hlen nach ihrer R\u00fcckkehr von komfortablen franz\u00f6sischen Regionalz\u00fcgen, klimatisierten U-Bahnen in Spanien, perfekten Internetverbindungen in Schweden. Eine weitere breit geteilte Beobachtung: In London oder in Skandinavien l\u00e4uft Bezahlen l\u00e4ngst elektronisch, wer Geldscheine z\u00fcckt, wird teils angeschaut, als wolle er seine Schuld in Naturalien begleichen.<\/p>\n<p>\u00abHier funktioniert ja alles\u00bb, schw\u00e4rmte Schauspieler Sky DuMont k\u00fcrzlich w\u00e4hrend eines Besuchs in \u00d6sterreich. \u00abMan hat Internet, man kann telefonieren.\u00bb Er selbst wohne in Hamburg-Blankenese, und da habe er h\u00e4ufig kein Netz, berichtete der 79 Jahre alte Schauspieler (\u00abDer Schuh des Manitu\u00bb) einer sichtlich erfreuten \u00f6sterreichischen Reporterin.\u00a0<\/p>\n<p>\u00abBei uns kostet das Benzin fast 20 Cent mehr als bei euch. Die Z\u00fcge kommen nie p\u00fcnktlich an. Hier steige ich am Flughafen in einen Zug, und der f\u00e4hrt mit 240 und ist p\u00fcnktlich und bequem\u00bb, so DuMont. \u00abEs ist einfach ein Riesenunterschied. \u00d6sterreich funktioniert einfach, und das genie\u00dfe ich sehr.\u00bb<\/p>\n<p>\u00abIn Deutschland ist alles besser\u00bb<\/p>\n<p>Der Psychologe Ulrich Schmidt-Denter, zu dessen Forschungsschwerpunkten die Identit\u00e4tsentwicklung im interkulturellen Vergleich geh\u00f6rt, weist darauf hin, dass Menschen im Ausland generell dazu tendieren, Vergleiche zu ziehen.\u00a0<\/p>\n<p>\u00abDabei spielt Selbstvergewisserung eine gro\u00dfe Rolle\u00bb, erl\u00e4utert der emeritierte K\u00f6lner Professor der Deutschen Presse-Agentur. Viele Studien belegten, dass sich Deutsche dabei nicht gerade durch ein in sich ruhendes, gefestigtes Selbstbild auszeichneten, sondern eher verunsichert seien. \u00abBei der Begegnung mit dem Fremden &#8211; also etwa im Urlaub &#8211; wird das zus\u00e4tzlich herausgefordert.\u00bb<\/p>\n<p>Dabei h\u00e4tten lange zwei unterschiedliche Motivlagen dominiert: zum einen ein Gef\u00fchl des Stolzes dar\u00fcber, dass andere L\u00e4nder mit der deutschen Wirtschaftskraft und Effizienz nicht mithalten konnten. Es war das \u00abWir sind wieder wer\u00bb der Wirtschaftswunder-Jahre.\u00a0<\/p>\n<p>Im Urlaub h\u00e4tten die Deutschen etwa auf die \u00abchaotischen Italiener\u00bb herabgeblickt, bei denen scheinbar nichts funktioniert habe, berichtet der Historiker und Soziologe Hasso Spode, der eine Geschichte des Tourismus verfasst hat (\u00abTraum Zeit Reise\u00bb).<\/p>\n<p>Dieses Gef\u00fchl der \u00dcberlegenheit nahm zuweilen unangenehme Formen an. \u00abBeh\u00fct` uns Gott vor Sturm und Wind und Deutschen, die im Ausland sind\u00bb, hie\u00df es damals. In den Niederlanden waren deutsche Touristen f\u00fcr den Satz bekannt \u00abIn Deutschland ist alles besser\u00bb.\u00a0<\/p>\n<p>Wie Spode recherchiert hat, gab es in der Nachkriegszeit jeden Sommer Illustrierten-Berichte \u00fcber provinzielle, \u00fcberhebliche Touristen so wie in Gerhard Polts sp\u00e4terer, 1987 gedrehter Urlaubssatire \u00abMan spricht deutsh\u00bb. Benimm-B\u00fccher gaben Verhaltenstipps: Spaghetti nicht mit dem Messer schneiden und auf dem Markusplatz in Venedig besser nicht in bayerischer Lederhose aufmarschieren!<\/p>\n<p>Karl-Heinz, nicht hinschauen &#8211; da sind Deutsche!<\/p>\n<p>Dennoch, so Schmidt-Denter, habe das Gef\u00fchl der \u00dcberlegenheit \u00abwesentlich zur politischen Stabilisierung und zur Akzeptanz der Demokratie in Deutschland beigetragen\u00bb. Dass sich das Gef\u00fchl im Sommerurlaub nunmehr nicht mehr einstellen will, birgt deshalb nach seiner Einsch\u00e4tzung eine nicht zu untersch\u00e4tzende Gefahr.<\/p>\n<p>\u00abDie Wahrnehmung, dass uns viele Reisel\u00e4nder nunmehr \u00fcberfl\u00fcgelt haben, f\u00fchrt den Deutschen vor Augen, dass die gewohnte Erfolgsgeschichte an ihr Ende gekommen ist\u00bb, sagt Schmidt-Denter. \u00abMan kann davon ausgehen, dass dies zu einem negativen kollektiven Selbstbild beitr\u00e4gt. Vielleicht kann dadurch sogar das politische System in Deutschland delegitimiert werden.\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>Daneben gab es allerdings immer noch ein anderes, geradezu entgegengesetztes Gef\u00fchl, das Deutsche \u00fcber die Grenze begleitete: Scham. \u00abIn den Bildungsschichten, besonders im linken Spektrum, wollte man auf keinen Fall unangenehm auffallen\u00bb, betont Spode. \u00abSchuldbewusstsein \u00fcber die j\u00fcngste Vergangenheit und elit\u00e4re Abscheu vor dem Massentourismus kamen da zusammen.\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>Auch Schmidt-Denter erinnert daran, dass sich einflussreiche Intellektuelle wie Theodor W. Adorno und J\u00fcrgen Habermas in den fr\u00fchen Jahren der Bundesrepublik gegen jeden Nationalstolz gewandt h\u00e4tten. \u00abUnter diesen Umst\u00e4nden dienten Reisen in Urlaubsl\u00e4nder h\u00e4ufig der Suche nach einer unbelasteten Ersatzheimat\u00bb, erkl\u00e4rt er.\u00a0<\/p>\n<p>Viele Reisende wollten am liebsten gar nicht als Deutsche erkannt werden. Das Sch\u00f6nste f\u00fcr sie war, wenn sie in ihrem Lieblingsland f\u00fcr Einheimische gehalten wurden. Begegnungen mit Landsleuten waren ihnen dagegen ein Graus: \u00abOh Gott, Karl-Heinz, nicht hinschauen &#8211; da sind Deutsche!\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>Die Deutschen sind die neuen Chaoten<\/p>\n<p>Diese Bev\u00f6lkerungsgruppe erlebe den relativen Abstieg Deutschlands m\u00f6glicherweise anders, vermutet Schmidt-Denter: nicht belastend und dem\u00fctigend, sondern befreiend. \u00abLeider fehlen uns dazu aber derzeit noch aktuelle Forschungsdaten. Belegt ist dagegen, dass der Wunsch, Deutschland zu verlassen und auszuwandern, stark zugenommen hat.\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>Spode meint: \u00abFr\u00fcher war es den Linken peinlich, dass in Deutschland alles so ordentlich war und so preu\u00dfisch effizient funktionierte. Heute ist es genau umgekehrt: Wir sind die neuen Chaoten &#8211; und das d\u00fcrfte tendenziell eher den Rechten peinlich sein.\u00bb<\/p>\n<p>Immerhin, so darf man vermuten, d\u00fcrfte die Welt bescheiden auftretende Deutsche sympathischer finden als auftrumpfende.\u00a0<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang hat Spode noch eine gute Nachricht: \u00abEs gibt internationale Studien dazu, wer die beliebtesten Touristen sind, und da kommen an erster Stelle die Japaner und schon an zweiter Stelle die Deutschen. Wir stehen also gar nicht so schlecht da.\u00bb<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Berlin\/K\u00f6ln (dpa) &#8211; Gerade kehren wieder Millionen Deutsche aus dem Urlaub in Italien, Spanien oder aus anderen sch\u00f6nen&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1261181,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1825],"tags":[296,29,663,30,1724,984,80,1209,1163],"class_list":["post-1261180","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-berlin","tag-berlin","tag-deutschland","tag-europa","tag-germany","tag-gesellschaft","tag-international","tag-kultur","tag-nordrhein-westfalen","tag-tourismus"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/117160378801569310","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1261180","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1261180"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1261180\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1261181"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1261180"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1261180"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1261180"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}