{"id":1261326,"date":"2026-08-26T08:11:16","date_gmt":"2026-08-26T08:11:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1261326\/"},"modified":"2026-08-26T08:11:16","modified_gmt":"2026-08-26T08:11:16","slug":"romanisches-cafe-wo-billy-wilder-co-ihre-karriere-begannen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1261326\/","title":{"rendered":"Romanisches Caf\u00e9: Wo Billy Wilder\u00a0&#038; Co. ihre Karriere begannen"},"content":{"rendered":"<p>Wenn es jemals in der deutschen Hauptstadt einen \u201eplace to be\u201c gab, dann war es das Romanische Caf\u00e9. Jetzt kann man es in einem mitrei\u00dfenden Buch wieder erleben. Hier traf sich, wer etwas war \u2013 oder werden wollte.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Heute fallen wir mal mit der T\u00fcr ins Haus. Kein Gerede um den hei\u00dfen Brei herum. Dieses Buch ist eine Wohltat. Balsam f\u00fcr die geschundene Seele von Berlin. Denn es erinnert uns daran, was diese Stadt einmal besa\u00df und was wir uns so sehnlich f\u00fcr sie w\u00fcnschen: Urbanit\u00e4t, Lebensart, kulturelles Niveau. Arm, aber sexy? Das sowieso. Aber eben auch innovativ, ohne Traditionen zu \u201edekonstruieren\u201c. Bei aller ethnischen oder sozialen Heterogenit\u00e4t eine verschworene Gemeinschaft von Kreativen bildend, ohne diejenigen auszuschlie\u00dfen, die es noch werden wollten. Von welchem Wunderland ist hier die Rede? Von einem Hotspot, der l\u00e4ngst nicht mehr steht. Aber immer noch unseren Ma\u00dfstab liefert f\u00fcr gelungenes hauptst\u00e4dtisches Leben: Die Rede ist vom Romanischen Caf\u00e9. In seiner gro\u00dfen Zeit von 1913 bis 1933. Das Buch <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.chbeck.de\/buckard-cafe-babylon\/product\/38770032\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.chbeck.de\/buckard-cafe-babylon\/product\/38770032&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">\u201eCaf\u00e9 Babylon\u201c <\/a>von Christian Buckard l\u00e4sst es wieder auferstehen.<\/p>\n<p>Wo lag dieser place to be? Nat\u00fcrlich im Westteil der Stadt, wo im 20. Jahrhundert nun mal die Musik spielte. \u201eBei uns um die Ged\u00e4chtniskirche rum\u201c, um es mit dem Titel einer der vielen Revuen zu sagen, in die um 1930 ganz Berlin rannte. Das Romanische Caf\u00e9 war also im selben Stil gehalten, und von seiner Terrasse blickte man auf die dicken Hinterbacken des protzigen Gotteshauses. Sch\u00f6n war auch das Caf\u00e9 nicht. Aber der Geist weht, wo er will. Und hier wehte er gewaltig. <\/p>\n<p>Elias Canetti, Literaturnobelpreistr\u00e4ger des Jahres 1981, hat in seinen Memoiren \u00fcber diese \u201eWartehalle zum Olymp\u201c geschrieben: \u201eSehr wichtig war, dass man immer wieder, w\u00e4hrend Tagen, Wochen und Monaten gesehen wurde. Die Besuche im Romanischen Caf\u00e9, die gewiss auch ein Vergn\u00fcgen waren, galten nicht diesem allein. Sie entsprangen auch der Notwendigkeit zu einer Selbst-Manifestation, der niemand sich entzog. Wer nicht vergessen werden wollte, musste sich sehen lassen.\u201c Im analogen Zeitalter, das noch ohne die sozialen Medien wie LinkedIn oder Instagram auskommen musste (und \u00fcbrigens ganz ausgezeichnet ausgekommen ist!), ging es schlie\u00dflich auch schon um Aufmerksamkeits\u00f6konomie, ums Netzwerken. Und das war, ganz wie gegenw\u00e4rtig, harte Arbeit, die viel Geduld erforderte.<\/p>\n<p>Zumal dieser place to be auch seine ungeschriebenen Gesetze hatte. Das Einhalten einer b\u00fcrgerlichen Kleiderordnung beispielsweise. Sowie die Aufteilung in ein Schwimmer- und ein Nichtschwimmer-Bassin, wie es damals hie\u00df. Gleich links vom Eingang, im Schwimmer-Bassin, sa\u00dfen die Arrivierten, die teilweise schon seit der Er\u00f6ffnung des Etablissements im Fr\u00fchjahr 1901 dort hockten, und ihr Zentralgestirn war der impressionistische Maler Max Slevogt. Eine Treppe f\u00fchrte zur Galerie empor, die f\u00fcr die Schauspieler, f\u00fcr Leute vom Theater allgemein und bald auch schon vom Film, reserviert war. <\/p>\n<p>Ansonsten hausten die G\u00e4ste je nach Konjunktur ihres Gewerbes und ihrer selbst, mal im Schwimmer-, mal im Nichtschwimmerbereich. Taxiert, evaluiert wurde man also durchaus! Der Schriftsteller Hans Sahl erz\u00e4hlt: \u201eEs gab einen Malertisch, einen Bildhauertisch, einen Philosophentisch, einen \u201aB\u00f6rsen-Courier\u2019-Tisch, einen Tisch der Kritiker, der Dramatiker, der Essayisten, der Soziologen und der Psychoanalytiker.\u201c <\/p>\n<p>Und Buckard erg\u00e4nzt: Es gab auch einen Tisch um den j\u00fcdischen Schauspieler Alexander Granach, denn das Romanische Caf\u00e9 galt als \u201ezentrale Transit-Herberge von ganz ,Jiddischland\u2018\u201c. Und nachdem Pogrome auch in Ungarn stattgefunden hatten, gab es den Tisch der Fl\u00fcchtlinge von dort. Er bildete ein kreatives Zentrum f\u00fcr den aufsteigenden Tonfilm. Denn der war, um 1930, nun das ganz gro\u00dfe Ding. <\/p>\n<p>Schon die Drehb\u00fccher von Carl Mayer und Hans Janowitz zu den ersten Welterfolgen der deutschen Kinogeschichte, <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/print\/wams\/kultur\/article111903334\/Hanns-Georg-Rodek-ueber-Caligari.html\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/print\/wams\/kultur\/article111903334\/Hanns-Georg-Rodek-ueber-Caligari.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">\u201eDas Cabinet des Dr. Caligari\u201c<\/a> oder \u201eDer letzte Mann\u201c, waren hier entstanden und von einem weiteren Habitu\u00e9 des Ortes, Erich Pommer, f\u00fcr die Ufa erworben worden. Zehn Jahre sp\u00e4ter ging es dann aber so richtig los. <\/p>\n<p>Ein sch\u00f6nes Beispiel f\u00fcr Karrieren, wie sie nur im Romanischen Caf\u00e9 geschmiedet werden konnten, bietet der Werdegang von Billy Wilder. Er kam Ende der 1920er Jahre zun\u00e4chst als aufstrebender Journalist ins Caf\u00e9. <\/p>\n<p>Zum Beispiel Billy Wilder<\/p>\n<p>Von einer der Edelfedern jener Zeit, Egon Erwin Kisch, seinem gro\u00dfen Vorbild, gef\u00f6rdert, fasste Wilder schnell als Reporter Fu\u00df in der vielf\u00e4ltigen Zeitungslandschaft der deutschen Hauptstadt. Selbsterfahrungsgeschichten waren schon damals Trumpf. Und so machte der junge Herr aus Wien gleich mit der ersten Serie \u00fcber seine Erlebnisse als \u201eEint\u00e4nzer\u201c und Gigolo Furore. Doch sein wahrer Durchbruch erfolgte mit \u201eMenschen am Sonntag\u201c, einem Film, der wie kaum ein zweiter das Lebensgef\u00fchl der Epoche ausdr\u00fcckte und ein f\u00fcr das Romanische Caf\u00e9 typisches Gemeinschaftswerk mit Robert Siodmak war. Es brachte beiden ein festes Engagement bei der Ufa ein. <\/p>\n<p>Alsbald folgte sein Skript zu \u201eEmil und die Detektive\u201c nach dem Roman von Erich K\u00e4stner, und Billy Wilder war ein gemachter Mann. Doch auch, als er es l\u00e4ngst sogar in Hollywood geschafft hatte, griff er auf seine alten Freunde aus Berlin zur\u00fcck. Zum Beispiel auf Friedrich Hollaender, der auch f\u00fcr den ersten Nachkriegsfilm wieder, mit einem weiteren Stammgast des Caf\u00e9s, Marlene Dietrich, in der Hauptrolle, die Musik komponierte. Gemeint ist \u201eA Foreign Affair\u201c. Aber auch noch Billy Wilders heute vielleicht bekannteste Arbeit, die so unglaublich rasante Berlin-Kom\u00f6die und Satire auf den Kalten Krieg \u201eOne, two, three\u201c ging auf ein St\u00fcck Ferenc Molnars zur\u00fcck, den der Regisseur, wo sonst, im Hotspot an der Ged\u00e4chtniskirche kennengelernt hatte.<\/p>\n<p>All diese Leute und noch viele andere schufen hier eine neue, gro\u00dfst\u00e4dtische, intelligente, witzige Popul\u00e4rkultur. Nat\u00fcrlich kamen auch die Gr\u00fcbler, die Verkopften, die akademisch Verbildeten und schlie\u00dflich auch die politisch Fanatisierten ins Caf\u00e9. Aber was Berlin am Ende der Weimarer Republik sein unverwechselbares, in ganz Europa und sp\u00e4ter dann auch in den USA bewundertes und nachgeahmtes Gepr\u00e4ge verlieh, das war eben seine Unterhaltungskultur. <\/p>\n<p>Will hei\u00dfen: Filme und Revuen, Theater und Kabaretts, Operetten und Variet\u00e9s, dazu eine spezifische, gerade auch von Frauen wie Gabriele Tergit, Mascha Kal\u00e9ko und Irmgard Keun verk\u00f6rperte Literatur der \u201eNeuen Sachlichkeit\u201c, wie man sie nannte. Diese Popul\u00e4rkultur hatte ein Niveau, wie es nur in gro\u00dfen urbanen Schmelztiegeln entstehen kann. Hier, im Romanischen Caf\u00e9, hatten j\u00fcdische, ungarische, \u00f6sterreichische, osteurop\u00e4ische und eben die heimischen preu\u00dfendeutschen Ingredienzien jene Erfolgsmischung gebildet, die leider unwiederbringlich dahin ist.<\/p>\n<p>Das gab\u2019s nur einmal, das kommt nicht wieder<\/p>\n<p>Aber anderes k\u00f6nnte vielleicht kommen, wenn, ja wenn sich in Berlin endlich wieder ein Ort herausbilden w\u00fcrde, der die kreativen Impulse b\u00fcndelt und f\u00fcr alle, die es angeht, sichtbar macht. Solche Orte hat es auch im Berlin der Nachkriegszeit und sogar noch der Nachwendezeit immer wieder mal gegeben. Es waren, sieht man vom legend\u00e4ren Caf\u00e9 Einstein in der Kurf\u00fcrstenstra\u00dfe ab, das auch schon Geschichte ist, nun eher Restaurants, Diskotheken und Bars, die diese Rolle \u00fcbernahmen. Doch sie sind eben nicht das. Sie f\u00f6rdern nicht die Durchmischung, wie ein etabliertes, gro\u00dfes Caf\u00e9haus es tut, wo man von einem Tisch zum anderen wandern kann und mit jedem ins Gespr\u00e4ch kommt, sofern man eine \u201eAufnahmebewilligung\u201c (nochmals Hans Sahl) erh\u00e4lt, denn die Form muss nat\u00fcrlich gewahrt werden. Wenn man nun als Berliner in den letzten Tagen vernahm, dass ins ehemalige Caf\u00e9 Kranzler, einst ebenfalls eine Legende, demn\u00e4chst Pizza und Pasta einziehen sollen, ist man hingegen endg\u00fcltig wieder in der trostlos vulg\u00e4ren Gegenwart angelangt.<\/p>\n<p>Umso sch\u00f6ner, dass Christian Buckard, der vor Jahren schon mit einer Biografie \u00fcber Egon Erwin Kisch hervorgetreten ist [einheitlich: Christian Buckard], uns mit seiner kenntnisreich aus dem Vollen sch\u00f6pfenden Geschichte des Romanischen Caf\u00e9s in eine Vergangenheit entf\u00fchrt, die bei aller Problematik und Instabilit\u00e4t ein Musterbeispiel daf\u00fcr abgibt, wie eine Stadt geschichtstr\u00e4chtiges Format entwickeln kann. <\/p>\n<p>Buckard hat sein Buch mit jener ansteckenden Munterkeit geschrieben, die sp\u00fcren l\u00e4sst, dass er sich nicht nur thematisch, sondern auch stilistisch auf der H\u00f6he der Weimarer Republik bewegt. Ein Hauch von Kisch, von PEM (alias Paul Marcus), von Friedrich Luft weht uns aus diesen Seiten an. Als sei ihm ein Soundtrack mit Melodien von Friedrich Hollaender oder Richard Heymann unterlegt. Wehm\u00fctig summt man mit: Das gibt\u2019s nur einmal, das kommt nicht wieder, das ist zu sch\u00f6n, um wahr zu sein. Und sehns\u00fcchtig blickt man der langsam entschwindenden, fr\u00f6hlich vor sich hinsingenden Lilian Harvey in dem Film \u201eDer Kongress tanzt\u201c von 1931 hinterher.<\/p>\n<p>Christian Buckard: \u201eCaf\u00e9 Babylon. Berlin, Romanisches Caf\u00e9, 1913 bis 1933\u201c. C. H. Beck, 300 Seiten, 26 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wenn es jemals in der deutschen Hauptstadt einen \u201eplace to be\u201c gab, dann war es das Romanische Caf\u00e9.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1261327,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1776],"tags":[296,32599,260758,1801,18782,29,260760,214,30,260759,18276,1802,2878,260757,45,215,19571,95568],"class_list":["post-1261326","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-prominente","tag-berlin","tag-billy","tag-buckard","tag-celebrities","tag-christian","tag-deutschland","tag-egon-erwin","tag-entertainment","tag-germany","tag-kisch","tag-max","tag-prominente","tag-sachbuecher","tag-slevogt","tag-texttospeech","tag-unterhaltung","tag-weimarer-republik","tag-wilder"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/117160803696396315","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1261326","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1261326"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1261326\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1261327"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1261326"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1261326"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1261326"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}