{"id":1262779,"date":"2026-08-26T23:22:20","date_gmt":"2026-08-26T23:22:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1262779\/"},"modified":"2026-08-26T23:22:20","modified_gmt":"2026-08-26T23:22:20","slug":"impressionen-nach-35-jahren-seelsorge-im-gefaengnis-interview-mit-pfarrerin-claudia-malzahn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1262779\/","title":{"rendered":"Impressionen nach 35 Jahren Seelsorge im Gef\u00e4ngnis: Interview mit Pfarrerin Claudia Malzahn"},"content":{"rendered":"<p>\t<a href=\"https:\/\/www.kirche-koeln.de\/impressionen-nach-35-jahren-seelsorge-im-gefaengnis-interview-mit-pfarrerin-claudia-malzahn\/?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/1783121297_528_pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"View PDF\"\/><\/a><a href=\"https:\/\/www.kirche-koeln.de\/impressionen-nach-35-jahren-seelsorge-im-gefaengnis-interview-mit-pfarrerin-claudia-malzahn\/?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/1783121298_782_print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Print Content\"\/><\/a><\/p>\n<p>Pfarrerin Claudia Malzahn hat 35 Jahre lang Menschen in der JVA K\u00f6ln seelsorglich begleitet. Im Interview spricht sie \u00fcber Schuld und Vergebung, die besonderen Herausforderungen des Lebens in Haft, Ver\u00e4nderungen im Strafvollzug und dar\u00fcber, was sie in mehr als drei Jahrzehnten Gef\u00e4ngnisseelsorge als Pfarrerin und als Mensch gepr\u00e4gt hat. Sie war Pfarrerin in der Gef\u00e4ngnisseelsorge von Oktober 1991 bis M\u00e4rz 2026 in der JVA K\u00f6ln und in der Evangelischen Kirchengemeinde K\u00f6ln-Niehl von 1991 bis 2000.<\/p>\n<p>Sie haben \u00fcber viele Jahrzehnte Menschen im Gef\u00e4ngnis begleitet. Was haben Sie dabei \u00fcber Schuld, Vergebung und die F\u00e4higkeit von Menschen gelernt, sich zu ver\u00e4ndern?<\/p>\n<p><strong>Claudia Malzahn:<\/strong> Schuldig zu werden ist ein unausweichlicher Teil menschlichen Lebens. Und doch: Schuld sehe ich schnell beim anderen \u2013 ungern bekenne ich mich selbst zu einer Schuld.<\/p>\n<p>Im Gef\u00e4ngnis sitzen Menschen ein, die in Untersuchungshaft eines Gesetzesbruchs beschuldigt werden oder in Strafhaft rechtskr\u00e4ftig verurteilt sind.<\/p>\n<p>Das Gef\u00e4ngnis ist ein Ort der extremen Isolation, insofern sind Gefangene absolut auf sich selbst geworfen. F\u00fcr Menschen, die ansonsten st\u00e4ndig mit anderen \u00fcber Handy und real in Verbindung sein k\u00f6nnen, ist also mit der Inhaftierung ein echter Schock verbunden.<\/p>\n<p>Die eigene Schuld des\/der Angeklagten wird im rechtlichen Sinn bei Gericht von der Staatsanwaltschaft vorgetragen, von der Verteidigung in ein verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfiges Licht zum Leben des\/der Angeklagten und zu den Umst\u00e4nden der Tat gebracht und vom Richter*innengremium mit einem Urteil zur Strafhaft in Jahren und Monaten abgeurteilt.<\/p>\n<p>Im Einzelgespr\u00e4ch in der Gef\u00e4ngnisseelsorge wird der rechtliche Prozess gesehen und begleitet. Daneben kommen aber auch andere Aspekte zur Sprache, f\u00fcr die die\/der Angeklagte sich schuldig f\u00fchlt: Schuld und Scham im Blick auf die Tat k\u00f6nnen ausgesprochen werden. Gravierend wiegt auch die Schuld den eigenen Angeh\u00f6rigen gegen\u00fcber. In Briefen, kurzen Besuchszeiten und minimalem Telefonkontakt sind die Angeh\u00f6rigen diejenigen, die Wichtiges f\u00fcr den\/die Gefangene regeln m\u00fcssen. Wenn der\/die Gefangene vorher Geld in die Familie eingebracht hat, verursacht er\/sie jetzt Kosten f\u00fcr die Familie. Denn Arbeit in Haft ist \u2013 zumindest in der Untersuchungshaft \u2013 schwer zu bekommen und wird im \u00dcbrigen sehr schlecht bezahlt.<\/p>\n<p>Inhaftiert zu sein ist eine H\u00e4rte, die nicht von selbst dazu f\u00fchrt, dass ein Mensch in der Lage ist, sich selbst zu ver\u00e4ndern, Vergebung anzustreben und sich und anderen gegen\u00fcber die eigene Schuld einzugestehen. Arbeit und Ausbildung in Haft, Tataufarbeitung und Entlassung nach einer Phase im offenen Vollzug \u2013 diese M\u00f6glichkeiten humanen Strafvollzugs geben Raum f\u00fcr Resozialisierung.<\/p>\n<p>Seelsorgliche Verschwiegenheit und Beichtgeheimnis sind im Gef\u00e4ngnis, wo alles dokumentiert und gegebenenfalls auch weitergegeben werden muss, ein besonderes Gut, das intensiv wahrgenommen wird. Schuld, Vergebung und Ver\u00e4nderung zu einem gelingenden Leben finden hier Raum. \u00dcber die Jahre habe ich viele Ver\u00e4nderungen wahrnehmen k\u00f6nnen: bei den Menschen, die einmal kamen und dann nie mehr, bei denen, die aufgrund von Suchterkrankung regelm\u00e4\u00dfig im Gef\u00e4ngnis \u201eeinfuhren\u201c, genauso wie bei den Mitarbeitenden im Gef\u00e4ngnis und bei mir selbst.<\/p>\n<p>Welche gesellschaftlichen Vorstellungen \u00fcber Gefangene halten Sie aufgrund Ihrer Erfahrungen f\u00fcr falsch oder zumindest zu kurz gegriffen?<\/p>\n<p><strong>Claudia Malzahn: <\/strong>Wer Buchtitel oder Fernsehprogramme \u00fcber die Jahre verfolgt, hat die steigende Zahl der Krimis wahrgenommen. Beinahe jede Region und viele St\u00e4dte haben ihre eigenen Produkte. Daneben ist das Genre \u201etrue crime\u201c mit einem wachsenden Markt in Print-, Audio- oder Filmvarianten zu nennen. Das Erschaudern vor dem Entsetzlichen, und sich selbst damit gut unterhalten f\u00fchlen, ist offensichtlich lukrativ. Wenn ein spannender Krimi zu Ende ist und die T\u00e4ter geschnappt sind, frage ich mich immer: Wie geht die Geschichte wohl jetzt hinter Gittern weiter?<\/p>\n<p>Sucht, Armut, Obdachlosigkeit als Ursache f\u00fcr Kriminalit\u00e4t zu sehen, ist in der Kriminologie und bei der Straff\u00e4lligenhilfe bekannt, aber im gesellschaftlichen Denken nur wenig bedacht. Angst und Schrecken bringen Aufmerksamkeit und Klicks. Aber die m\u00fchsame Arbeit gegen Ursachen von Straff\u00e4lligkeit und mit Straff\u00e4lligen ist wenig spektakul\u00e4r. Wenn in Sozialpolitik sowie Kinder- und Jugendf\u00f6rderung oder Straff\u00e4lligenarbeit gek\u00fcrzt wird, wird das schwerwiegende Sp\u00e4tfolgen haben.<\/p>\n<p>Wenn Sie auf Ihre Zeit in der JVA K\u00f6ln zur\u00fcckblicken: Welche Begegnung oder Erkenntnis hat Sie als Pfarrerin und als Mensch besonders gepr\u00e4gt?<\/p>\n<p><strong>Claudia Malzahn:<\/strong> Wenn ich in der Stadt unterwegs bin, begegne ich hin und wieder ehemaligen Gefangenen. Oft kommt es zu einem erfreulichen Kurzkontakt, manchmal auch zu einem Erschrecken \u00fcber den aktuell schwierigen Zustand.<\/p>\n<p>Es gibt Orte in K\u00f6ln, an denen ich nicht umhin kann, an Taten zu denken, die hier vor Jahren passiert sind. Diese Orte haben f\u00fcr mich ihre Unschuld verloren.<\/p>\n<p>Besonders eindringlich waren f\u00fcr mich immer wieder die Begleitungen von schwangeren Frauen. Frauen sind ja nur 6 % der Inhaftierten und alle Regelungen sind stark am M\u00e4nnervollzug orientiert, sodass die Situation dieser zahlenm\u00e4\u00dfig verschwindend kleinen Gruppe besondere Unterst\u00fctzung auch der Seelsorge n\u00f6tig macht.<\/p>\n<p>Unvergessen sind auch Begegnungen mit Menschen, die mit dem Schlauchboot nach Europa gekommen waren und jetzt in Haft sa\u00dfen, weil sie gegen ausl\u00e4nderbeh\u00f6rdliche Auflagen versto\u00dfen hatten.<\/p>\n<p>Die M\u00f6glichkeit, als Pfarrerin in der Situation der Inhaftierung, des Gerichtsprozesses, der langen Haftdauer oder der bevorstehenden Entlassung Orientierung bieten zu k\u00f6nnen, war im Einzelgespr\u00e4ch immer wieder positiv zu erleben. Begegnungen mit Mitarbeitenden aus den verschiedenen Berufsgruppen, die dem humanen Strafvollzug dienten, waren erfreulich. Zunehmendes Einschr\u00e4nken und Machtaus\u00fcben statt Augenh\u00f6he sind im Vollzugsalltag schwer ertr\u00e4glich. Das Miteinander von Menschen aus unterschiedlichsten Kontexten und Kulturen im Gef\u00e4ngnis hat mich stark gepr\u00e4gt. Die Kooperation mit ehrenamtlichen Seelsorgenden und den Kolleginnen und Kollegen in der Gef\u00e4ngnisseelsorge vor Ort, aber auch \u00fcberregional, hat mich gest\u00e4rkt.<\/p>\n<p>In der Gottesdienstgruppe im Team mit Gefangenen und Seelsorgenden haben wir Lebensthemen und biblische Texte f\u00fcr die Gottesdienste bearbeitet. Das hat durch die Jahre hinweg getragen.<\/p>\n<p>Wie hat sich die Arbeit mit Gefangenen im Laufe der Jahre ver\u00e4ndert \u2013 und was ist trotz aller Ver\u00e4nderungen gleich geblieben?<\/p>\n<p><strong>Claudia Malzahn:<\/strong>\u00a0 Zun\u00e4chst nenne ich die Fachliteratur: \u201eStrafe \u2013 Tor zur Vers\u00f6hnung\u201c, die alte EKD-Denkschrift aus dem vergangenen Jahrhundert, beschreibt in vielem die Situation \u201eGef\u00e4ngnis\u201c nach wie vor treffend.<\/p>\n<p>Die Leitlinien der Gef\u00e4ngnisseelsorge von 2009 geben einen fundierten Einblick in die Aufgaben der Gef\u00e4ngnisseelsorge.<\/p>\n<p>Und: Zum 100. Jubil\u00e4um der bundesweiten evangelischen Vereinigung von Gef\u00e4ngnisseelsorgenden wird 2027 ein Handbuch Gef\u00e4ngnisseelsorge erscheinen, das ein gutes Kompendium f\u00fcr alle Interessierten an diesem Arbeitsfeld bietet.<\/p>\n<p>Als ich 1991 in der JVA K\u00f6ln meinen Dienst begann, trugen die Bediensteten im Frauenbereich zivil und die gefangenen Frauen hatten t\u00e4glich mehrere Stunden, in denen die Zellen offen waren, den sogenannten Aufschluss. Ohne erkennbaren Missbrauch oder Sicherheitsprobleme wurden die Haftbedingungen im Laufe der Jahre an die des M\u00e4nnervollzuges angeglichen, mit Uniform und ohne Aufschluss.<\/p>\n<p>Im M\u00e4nnerbereich gab es eine Abteilung f\u00fcr Erstt\u00e4ter mit halboffenem Vollzug und eine Abteilung f\u00fcr Entlassungsvorbereitung. Beide Abteilungen wurden geschlossen und dem Frauenvollzug zugeschlagen. Mit der Konsequenz, dass nun Frauen und M\u00e4nner \u00fcber den Sportplatz hinweg Sichtkontakt haben \u2013 mit allen erdenklichen Konsequenzen.<\/p>\n<p>Es ist im Sommer schon immer stickig im Klingelp\u00fctz mit dem Isolierungsstand der 1960-er Jahre gewesen. Der Klimawandel hat zum Teil zu unertr\u00e4glichen Temperaturen gef\u00fchrt, vor allem in den Zellen unter dem Flachdach, wo kein Durchzug hergestellt werden kann. Insofern ist dem Neubau der JVA K\u00f6ln bei laufendem Betrieb gutes Gelingen zu w\u00fcnschen!<\/p>\n<p>Der Aufbruch der Strafvollzugsreform der 70er Jahre war zu meinem Dienstbeginn noch deutlich zu sp\u00fcren. In den Jahren nach der F\u00f6deralismusreform von 2006 erlebten wir als Gef\u00e4ngnisseelsorgende, wie die Diskrepanz zwischen fortschrittlichen Gesetzen und realem Vollzugsalltag immer offensichtlicher wurde.<\/p>\n<p>Die bleibende Aufgabe scheint mir, in Kooperation mit Gleichgesinnten der verschiedenen Berufsgruppen f\u00fcr humanen Strafvollzug einzustehen und zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Sie sind nun in den Ruhestand gegangen. Worauf freuen Sie sich in dieser neuen Lebensphase am meisten?<\/p>\n<p><strong>Claudia Malzahn:<\/strong> Ich bin nach Schleswig-Holstein gezogen und erfreue mich an einem Leben ohne Gitter, ohne 40 Grad auf Zelle und mit selbstgew\u00e4hlten Aufgaben und Erlebnissen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.kirche-koeln.de\/impressionen-nach-35-jahren-seelsorge-im-gefaengnis-interview-mit-pfarrerin-claudia-malzahn\/?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/1783121297_528_pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"View PDF\"\/><\/a><a href=\"https:\/\/www.kirche-koeln.de\/impressionen-nach-35-jahren-seelsorge-im-gefaengnis-interview-mit-pfarrerin-claudia-malzahn\/?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/1783121298_782_print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Print Content\"\/><\/a><\/p>\n<p>Text: APK<br \/>Foto(s): C. Malzahn, U.Walger<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Pfarrerin Claudia Malzahn hat 35 Jahre lang Menschen in der JVA K\u00f6ln seelsorglich begleitet. 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