{"id":1262855,"date":"2026-08-27T00:12:29","date_gmt":"2026-08-27T00:12:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1262855\/"},"modified":"2026-08-27T00:12:29","modified_gmt":"2026-08-27T00:12:29","slug":"so-schaffte-es-ein-wuppertaler-nach-36-jahren-aus-der-spielsucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1262855\/","title":{"rendered":"So schaffte es ein Wuppertaler nach 36 Jahren aus der Spielsucht"},"content":{"rendered":"<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">\u201eMan ist die ganze Zeit ,on\u2019 im Kopf\u201c \u2013 so beschreibt Andreas Hagenstein (52) die Auswirkungen seiner Spielsucht. \u201eIch war gereizt, hibbelig und sehr vergesslich.\u201c Und: \u201eIch kann bis heute nicht gut ein- und durchschlafen.\u201c Denn seine Gedanken drehten sich immer ums Spielen. Auch wenn er dank einer guten Stelle als Maschinenanlagef\u00fchrer mit seinem Geld halbwegs zurechtkam, h\u00f6rte er doch irgendwann auf Ratschl\u00e4ge, sich Hilfe zu holen. Und hat es geschafft, nach 36 Jahren aufzuh\u00f6ren: Er hat sich vor sechs Wochen f\u00fcr immer bei allen deutschen Gl\u00fccksspielanbietern sperren lassen.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Gelungen ist ihm das mit Hilfe der Suchtberatung der Caritas an der Kasinostra\u00dfe, der einzigen Beratungsstelle der Stadt zum Thema Spielsucht. Seit Februar f\u00fchrt er dort Einzelgespr\u00e4che mit einer Beraterin und besucht die w\u00f6chentliche Spielsuchtgruppe. \u201eDas tut mir alles sehr gut\u201c, erkl\u00e4rt Andreas Hagenstein, der eigentlich anders hei\u00dft, aber seinen Namen nicht ver\u00f6ffentlichen will. \u201eIch bin viel ruhiger geworden\u201c, sagt er, der immer noch sehr lebhaft erz\u00e4hlt. \u201eFr\u00fcher\u201c, sagt er, \u201eh\u00e4tte ich hier wild rumgefuchtelt.\u201c<\/p>\n<p>Fr\u00fch mit dem Spiel begonnen und nicht wieder aufgeh\u00f6rt      <\/p>\n<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Zu spielen begonnen hat er schon fr\u00fch: \u201eIch erinnere mich, dass ich mit 13 Jahren an einem Automaten in der Pommesbude gespielt habe.\u201c An diesem Automaten habe er nach dem Einwurf von einer D-Mark kein Geld, aber Punkte gewinnen k\u00f6nnen, mit denen er weiterspielen konnte. Mit 14 oder 15 sei er dann in die Spielhalle gegangen \u2013 mit dem Ausweis seines Bruders. \u201eDanach habe ich nie mehr aufgeh\u00f6rt.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">In die Sucht sei er wahrscheinlich nach seiner fr\u00fchen Heirat mit 19 Jahren geraten. \u201eDa bin ich abgedriftet.\u201c Er habe sich noch mehr unter Druck gef\u00fchlt, war arbeitslos. \u201eIch habe auch nicht versucht, zu arbeiten, ich war ja damit besch\u00e4ftigt zu spielen\u201c, erinnert er sich. Seine Frau sorgte f\u00fcr den Familienunterhalt. Mit 24 fand er eine gute Stelle, kurz danach wurde ihre Tochter geboren, er hoffte, dass aus dem Zeitvertrag ein dauerhafter w\u00fcrde. Als das nicht passierte, fiel er in ein Tief.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Zwar sei der durch die Geburt der Tochter reifer geworden, \u201eaber das Spielen habe ich nie aufgegeben\u201c. Das habe sein ganzes Leben beeinflusst. Als anschauliches Beispiel erz\u00e4hlt er, dass er f\u00fcr seine Frau im Supermarkt tiefgefrorenes Fleisch kaufen sollte. Weil sie am Stadtrand wohnten, war das ein l\u00e4ngerer Weg. Unterwegs sei ihm klar geworden, dass er das Fleisch schnell nach Hause bringen muss, um die K\u00fchlkette nicht zu unterbrechen. Dann aber k\u00f6nnte er nicht noch in der Spielhalle spielen. \u201eIch habe dann das Fleisch nicht gekauft. Das zeigt, was mir wichtiger war.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Sozialp\u00e4dagogin Christiane Krause, eine der beiden Beraterinnen bei der Caritas, erkl\u00e4rt: \u201eDas zeigt, dass Spiels\u00fcchtige ihr Leben um ihre Sucht herum organisieren.\u201c Sie und ihre Kollegin Claudia Stratmann-Pickartz teilen sich die eine Stelle f\u00fcr die Beratung bei Gl\u00fccksspielsucht bei der Caritas. Die Beratungsstelle ist von der Landesfachstelle Sucht anerkannt, erh\u00e4lt von dort eine F\u00f6rderung von j\u00e4hrlich 15\u2005000 Euro. Den Rest des Jahresetats von rund 120\u2005000 Euro finanziert die Stadt.<\/p>\n<p>Wie das Spielen zur Sucht wird      <\/p>\n<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Dass das Spielen eine immer gr\u00f6\u00dfere Priorit\u00e4t bekommt, ist ein Merkmal der Sucht, erkl\u00e4rt Jannes Hecht, Psychologischer Psychotherapeut und Leiter Suchtberatung. Weiteres Merkmal ist die verminderte Kontrolle \u00fcber das Spielen und schlie\u00dflich, wenn man trotz negativer Konsequenzen weitermacht. Wie bei Andreas Hagenstein: Er spielte auch weiter, als seine Ehe in die Br\u00fcche ging und er damit seine Tochter verlor.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Typisch sei auch, erkl\u00e4rt Claudia Stratmann-Pickartz, dass Andreas Hagenstein nicht um Geld gespielt habe, sondern nur um des Spielens willen. \u201eIch habe ja nie etwas gewonnen\u201c, stellt Hagenstein fest. Der h\u00f6chste Gewinn seien 1300 Euro gewesen. \u201eVerloren habe ich vielleicht eine halbe Million Euro.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Er erz\u00e4hlt noch eine Anekdote: Mit seiner neuen Partnerin, die auch gern spielt, habe er nie viel geredet. Nur wenn sie gemeinsam zur Spielhalle fuhren, dann h\u00e4tten sie ganz viele Themen angesprochen, weil sie sich aufs Spielen freuten. \u201eDas Gl\u00fccksgef\u00fchl hat in der Spielhalle aber nur zehn Minuten angehalten, dann hat es sich bald in Aggression verwandelt\u201c, erz\u00e4hlt er.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Jannes Hecht erkl\u00e4rt, die Erwartung des Spielens f\u00fchre zu einer Dopamin-Aussch\u00fcttung, also einem Gl\u00fccksgef\u00fchl, und dies zu einer Konditionierung. Auf diese Weise k\u00f6nnten negative Gef\u00fchle beiseitegeschoben werden. \u201eEs ist eine Art Flucht\u201c; best\u00e4tigt Andreas Hagenstein. Jannes Hecht sagt: \u201eIn der Behandlung geht es darum, diese Verkn\u00fcpfung aufzul\u00f6sen. Das gelingt nur durch Abstinenz.\u201c Dann k\u00f6nnten neue Strategien entwickelt werden, mit negativen Gef\u00fchlen umzugehen.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Andreas Hagenstein f\u00fchlte sich schlie\u00dflich allgemein so schlecht, wurde immer aggressiver, dass er eine Psychologin aufsuchte. \u201eDer habe ich alles erz\u00e4hlt, auch, dass ich spiels\u00fcchtig bin.\u201c Dabei habe er das selbst nicht geglaubt. \u201eIch hatte ja nicht Haus und Hof verloren.\u201c Die Psychologin riet ihm dennoch, eine spezialisierte Beratungsstelle aufzusuchen. Er tat es ohne \u00dcberzeugung. Und sagte noch bei seiner ersten Gruppenstunde im Februar: \u201eIch komme nur zum Gucken. Ihr k\u00f6nnt mir erz\u00e4hlen, was ihr wollt, ich h\u00f6re nie auf zu spielen.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Es kam anders. Die anderen Gruppenmitglieder machten ihn darauf aufmerksam, dass er insgesamt ruhiger wurde, seltener spielte. Und schlie\u00dflich tat er vor sechs Wochen den Schritt, sich f\u00fcr immer sperren zu lassen. Nun muss ihn jede Spielhalle, jedes Casino nach der Ausweiskontrolle nach Hause schicken.<\/p>\n<p>Beratungsstelle ber\u00e4t rund 60 F\u00e4lle pro Jahr      <\/p>\n<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Andreas Hagenstein wei\u00df: \u201eIch bin noch lange nicht \u00fcber den Berg, ich denke noch jeden Tag dar\u00fcber nach.\u201c Deshalb will er noch eine station\u00e4re Therapie machen. Aber schon jetzt stellt er fest: \u201eIch kann viel mehr machen.\u201c Weil nun Zeit daf\u00fcr ist. Er hat das Tischtennisspielen als Sport entdeckt. Er tr\u00e4umt von Reisen, kann sich auch einen Berufswechsel vorstellen: \u201eJetzt brauche ich ja nicht mehr so viel Geld.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Rund 60 F\u00e4lle von Spielsucht beraten die beiden Sozialp\u00e4dagoginnen pro Jahr \u2013 der Bedarf ist sicher gr\u00f6\u00dfer, die Dunkelziffer hoch. Dabei ist der Zugang niederschwellig. \u201eMeist k\u00f6nnen wir innerhalb von drei Wochen einen Ersttermin vereinbaren\u201c, sagt Christiane Krause. In einem ersten Gespr\u00e4ch, das v\u00f6llig offen gef\u00fchrt wird, wird geschaut, was die Ratsuchenden wollen und was m\u00f6glich ist. Das k\u00f6nnen Einzelgespr\u00e4che sein, dazu kommt das Gruppenangebot, bei dem sich sechs bis zw\u00f6lf Betroffene unter Anleitung der Beraterinnen etwa anderthalb Stunden pro Woche austauschen. Und wenn jemand eine station\u00e4re Therapie machen will, kann diese von der Beratungsstelle beantragt werden.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Besonders die Gruppe sei sehr fruchtbar, sagt Claudia Stratmann-Pickartz. Spieler seien Einzelk\u00e4mpfer erkl\u00e4rt Christiane Krause, machten alles mit sich aus. Daher sei das Sprechen in der Gruppe schon ein erster gro\u00dfer Schritt. Oft h\u00e4tten Aussagen der Gruppenmitglieder mehr Einfluss als die der Beraterinnen. Andreas Hagenstein sagt: \u201eDie Gruppe gibt einem Sicherheit. Man f\u00fchlt sich geborgen. Denn vielleicht versteht einen sonst keiner.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Die Entwicklung Einzelner mache den anderen jeweils Mut. \u201eEtwas Kleines kann eine gro\u00dfe Rolle spielen\u201c, so Andreas Hagenstein. Ihm sei in Erinnerung, wie zu seiner Anfangszeit jemand sagte, dass er jetzt eine Woche spielfrei sei. \u201eDas hat mich motiviert.\u201c Wenn er nicht komplett aufh\u00f6ren m\u00fcsse, sondern nur so ein kleines Ziel brauche. Claudia Stratmann-Pickarts erw\u00e4hnt noch einen Aspekt: \u201eDie Gruppe zeigt, dass es jeden treffen kann vom Anwalt bis zum Arbeitslosen.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Hilfe bietet die Beratungsstelle auch Angeh\u00f6rigen. Sie k\u00f6nnen an einer sucht\u00fcbergreifenden Angeh\u00f6rigengruppe teilnehmen. Manchmal kommen sie mit zu den Gespr\u00e4chen. Wenn sie allein kommen, unter den Auswirkungen der Sucht zum Beispiel ihres Partners leiden, gehe es darum, sie zu st\u00e4rken, dass sie gut f\u00fcr sich sorgen, und nicht nur um die Sucht kreisen, gegebenenfalls ein eigenes Konto er\u00f6ffnen.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Wer vom Spielen loskommt und dann doch wieder spielt, kann sich erneut Unterst\u00fctzung in der Beratungsstelle holen. Was fehle, sei aktuell eine eigenst\u00e4ndige Selbsthilfegruppe, bedauert Claudia Stratmann-Pickartz. Und sie w\u00fcnscht sich mehr und strengere Kontrollen des Ordnungsamts in den Spielhallen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u201eMan ist die ganze Zeit ,on\u2019 im Kopf\u201c \u2013 so beschreibt Andreas Hagenstein (52) die Auswirkungen seiner Spielsucht.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1262856,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1840],"tags":[12092,43784,261032,15252,17172,18034,53119,2529,3364,29,33928,73352,30,61489,261024,257200,1209,5725,261027,41671,12335,49239,261026,261031,261030,15995,17185,261025,437,122017,261028,261029,18753,63186,4418],"class_list":["post-1262855","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-wuppertal","tag-andreas","tag-aufs","tag-aufsuchte","tag-beratung","tag-beratungsstelle","tag-berg","tag-besucht","tag-caritas","tag-de","tag-deutschland","tag-erklaert","tag-erzaehlt","tag-germany","tag-gluecksspielsucht","tag-hagenstein","tag-landesfachstelle","tag-nordrhein-westfalen","tag-spiel","tag-spielens","tag-spielfrei","tag-spielhalle","tag-spielsucht","tag-spielsuchtgruppe","tag-spielsuechtig","tag-spielsuechtige","tag-spielte","tag-stelle","tag-stratmann","tag-sucht","tag-suchtberatung","tag-suchtuebergreifenden","tag-tischtennisspielen","tag-versucht","tag-vorstellen","tag-wuppertal"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/117164582211891432","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1262855","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1262855"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1262855\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1262856"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1262855"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1262855"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1262855"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}