{"id":1264502,"date":"2026-08-27T18:53:17","date_gmt":"2026-08-27T18:53:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1264502\/"},"modified":"2026-08-27T18:53:17","modified_gmt":"2026-08-27T18:53:17","slug":"vom-essen-bleibt-nie-etwas-uebrig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1264502\/","title":{"rendered":"\u00bbVom Essen bleibt nie etwas \u00fcbrig\u00ab"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wie ist die Lage in Ceuta, fast vier Wochen nachdem so viele Menschen die spanische Exklave in Nordafrika am 30.\u2009Juli erreicht haben?<\/strong><\/p>\n<p>Sehr besorgniserregend. Ich habe von Po\u00adliti\u00adker:in\u00adnen und Jour\u00adna\u00adlist:in\u00adnen gelesen, die meinen, dass alles sehr ruhig w\u00e4re, nahe an der Normalit\u00e4t. Die sollen vorbeikommen und sich ein Bild der Lage machen. Das ist \u00fcberhaupt nicht der Fall. Und bereits vor dem 30.\u2009Juli war die Situation in Ceuta miserabel, das ist seit Jahren so.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Tausende Menschen hungern, bekommen maximal eine Mahlzeit am Tag. Sie haben seit dem Tag ihrer Ankunft dieselben Kleider am Leib.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p><strong>Was sind die derzeit die gr\u00f6\u00dften Probleme f\u00fcr die Neuangekom\u00admenen?<\/strong><\/p>\n<p>Tausende Menschen hungern, bekommen maximal eine Mahlzeit am Tag. Sie haben seit dem Tag ihrer Ankunft dieselben Kleider am Leib. Die Hygienesituation ist kritisch, die \u00f6ffentliche Gesundheit in Gefahr. Es gibt keine Toiletten, keine Duschen. Die Menschen verrichten ihre Notdurft in den W\u00e4ldern. Hunderte Kinder, Jungen und M\u00e4dchen, leben auf der Stra\u00dfe.<\/p>\n<p><strong>Ist es so schwer f\u00fcr den Staat, die Menschen mit dem N\u00f6tigsten zu versorgen?<\/strong><\/p>\n<p>Hinter der ausbleibenden Hilfe steht wohl eher eine Strategie. Vielleicht nicht unbedingt, die Menschen wirklich verhungern zu lassen, aber sie an den Rand dessen zu bringen\u00a0\u2013 damit die miserable Lage, in der man sie bel\u00e4sst, sie davon \u00fcberzeugt, dass es das Beste sei, nach Marokko zur\u00fcckzukehren. Dann k\u00f6nnen sich die politisch Verantwortlichen r\u00fchmen, dass eine gro\u00dfe Zahl sich f\u00fcr das, was man \u00bbfreiwillige R\u00fcckkehr\u00ab nennt, entschieden hat.<\/p>\n<p><strong>Wen sehen Sie in der Verantwortung, die Menschen zu versorgen: die regionale Verwaltung oder die sozialdemokratische Zentralregierung?<\/strong><\/p>\n<p>Etwas verkompliziert die Situation immens: Zwischen der Region Ceuta und der Zentralregierung gibt es kaum Austausch. Beide Seiten schieben sich \u00adgegenseitig die Verantwortung zu. Ich war bei Treffen mit Verantwortlichen von beiden Ebenen, jeder spielte den Ball weiter. Nach dem Motto: \u00bbDas liegt nicht in unserer Kompetenz.\u00ab<\/p>\n<blockquote>\n<p>\u00bbEine Beamtin der Guardia Civil warf uns von NNK vor, die Schuld daf\u00fcr zu tragen, dass Menschen nach Ceuta k\u00e4men. Weil ich ihnen einen Teller Essen gebe!\u00ab<\/p>\n<\/blockquote>\n<p><strong>Wie gro\u00df ist das Team von No Name Kitchen in Ceuta derzeit?<\/strong><\/p>\n<p>Normalerweise habe ich ein Team von vier Personen. Derzeit sind wir 19. Es war in dieser Phase unabdingbar, zus\u00e4tzliche Hel\u00adfer:in\u00adnen zu haben. Wir haben alle Bereiche personell aufstocken k\u00f6nnen. Wir kochen \u00fcber 1.000\u00a0Mahlzeiten jeden Tag, wir verteilen auch Wasser, Hygieneartikel, Kleidung, leisten Rechtsbeistand. Wir erreichen nie alle, die Hilfe brauchen, doch vom Essen bleibt nie etwas \u00fcbrig. Was bleibt, sind hungrige Menschen. Wir tun, was wir k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Regierung hat die Polizei- und Milit\u00e4rkr\u00e4fte aufgestockt, dabei ist Ceuta ohnehin stark militarisiert. Wie bewerten Sie dieses Vorgehen?<br \/>Das war der einzige Bereich, in dem die Regierung sehr rasch reagiert hat. In Ceuta kommt es fast t\u00e4glich zu Gewalt, auch gegen Minderj\u00e4hrige. Die geht vor allem von den Einheiten der Polic\u00eda Nacional aus, die auf Aufruhrbek\u00e4mpfung spezialisiert sind. Die wurden eingesetzt, um die Warteschlangen von Minderj\u00e4hrigen bei der einzigen Registrierungsstelle \u00bbunter Kon\u00adtrolle zu halten\u00ab, wie es von den Beh\u00f6rden hie\u00df. Die Gewalt richtet sich aber auch gegen NGO-Mitarbeiter.<\/p>\n<p><strong>Auf welche Weise?<\/strong><\/p>\n<p>Leute von uns wurden verpr\u00fcgelt. Man will uns einsch\u00fcchtern. Jede Nacht stehen mindestens drei\u00a0Kastenw\u00e4gen der Guardia Civil (die Bundespolizei Spaniens; Anm. d. Red.) vor unserem Geb\u00e4ude. Tagt\u00e4glich fordert man mich auf, mich zu identifizieren. Polizistinnen unterziehen uns Leibesvisitationen. Das alles ist nicht einfach auszuhalten. Eine Beamtin der Guardia Civil warf uns von NNK vor, die Schuld daf\u00fcr zu tragen, dass Menschen nach Ceuta k\u00e4men. Weil ich ihnen einen Teller Essen gebe!<\/p>\n<blockquote>\n<p>\u00bbEin Anstieg von sexueller Gewalt ist zu beobachten und auch von Menschenhandel im Zusammen\u00adhang mit Prostitution.\u00ab<\/p>\n<\/blockquote>\n<p><strong>Zuletzt mehrten sich die Berichte von Missbrauch und sexueller Gewalt, darunter Vergewaltigungen. Wie ist die Situation von Frauen, besonders Minderj\u00e4hrigen?<\/strong><\/p>\n<p>Ein Anstieg von sexueller Gewalt ist zu beobachten, und auch von Menschenhandel im Zusammenhang mit Prostitution. Das h\u00e4tte man vielleicht verhindern k\u00f6nnen, wenn die Beh\u00f6rden in den ersten Tagen ein Aufnahmezen\u00adtrum f\u00fcr Frauen und M\u00e4dchen eingerichtet h\u00e4tten. Erst jetzt diskutiert die Regionalregierung, ob man 500\u00a0minderj\u00e4hrige Frauen auf die Regionen in Festlandspanien verteilen k\u00f6nnte (wogegen sich allerdings die rechten Regionalregierungen vehement verwehren; Anm. d. Red.). Geplant sind au\u00dferdem 1500 geschlechts- und altersunspezifische Aufnahmepl\u00e4tze. Das improvisierte Camp an der Playa del Trampol\u00edn wurde hingegen gewaltsam ger\u00e4umt.<\/p>\n<p><strong>Allem Anschein nach f\u00fcllen Initiativen der Anwohner die L\u00fccke, die der Staat hinterlassen hat, so unter anderem in der Barriada del Pr\u00edn\u00adcipe, einem Stadtteil, in dem ein Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung unter der Armutsgrenze lebt.<\/strong><\/p>\n<p>Nicht nur in der Barriada del Pr\u00edncipe, auch in Sidi Embarek hat die lokale Bev\u00f6lkerung Zelte aufgebaut und k\u00fcmmert sich um die Angekommenen, weil offizielle Hilfe ausbleibt. Aber man darf die Anwohner nicht damit alleinlassen. Vor allem nicht mit dem Schutz der Minderj\u00e4hrigen, der Frauen und M\u00e4dchen. Die Bewohner nehmen sie mitunter in den eigenen, meist kleinen Wohnungen auf. Nach\u00adbar:in\u00adnen kochen, \u00f6ffnen ihre T\u00fcren.<\/p>\n<blockquote>\n<p>\u00bbMarokko will im Ausland stets das Bild eines sicheren, funktionierenden \u00adLandes zeichnen, aber der Realit\u00e4t entspricht das nicht.\u00ab<\/p>\n<\/blockquote>\n<p><strong>In Marokko verst\u00e4rkte sich zuletzt das Vorgehen gegen Oppositionelle und LGBT-Personen. Auch die wirtschaftliche Lage im Land hat sich weiter verschlechtert. Ist Marokko Ihrer Meinung nach ein sogenannter sicherer Drittstaat?<\/strong><\/p>\n<p>Marokko will im Ausland stets das Bild eines sicheren, funktionierenden \u00adLandes zeichnen, aber der Realit\u00e4t entspricht das nicht. Die EU hinterfragt das ungern. Die angekommenen Jugendlichen aus Marokko sagen: \u00bbWir leben in einer Diktatur\u00ab, und: \u00bbWir wollen eine bessere Zukunft.\u00ab Besonders f\u00fcr Migranten aus den Staaten s\u00fcdlich der Sahara, mit dunkler Hautfarbe, ist das Land nicht sicher.<\/p>\n<p><strong>Am 12.\u2009Juni trat der neue EU- Migrations- und Asylpakt (GEAS) in Kraft. Es wurden Schnellverfahren f\u00fcr Aufnahmeantr\u00e4ge beschlossen, zudem sollen diese vermehrt an den EU-Au\u00dfengrenzen abgewickelt werden. Wie macht sich das in Ceuta bemerkbar?<\/strong><\/p>\n<p>Wer aus Marokko nach Ceuta kommt oder von dort stammt, darf nun durch die neuen Regelungen direkt abgeschoben werden, weil das K\u00f6nigreich als \u00bb\u00adsicherer Drittstaat\u00ab gilt. Ohnehin wird mit den neuen System sehr rasch abgeschoben. Schon vor dem \u00bbEU-Migrationspakt\u00ab war das System f\u00fcr die Versorgung der Ankommenden in Ceuta komplett \u00fcberlastet. Spanien hatte nun, wie alle anderen Mitgliedstaaten auch, zwei Jahre Zeit, um sich auf die neuen Regeln einzustellen. Als der Tag kam, war nichts vorbereitet. Es gab keine angepassten Protokolle, nicht einmal die zust\u00e4ndige Polizei war geschult worden. Die hat nun keine Ahnung, was sich ver\u00e4ndert hat und was ihre Aufgabe sind.<\/p>\n<p><strong>Was hat sich denn bei den Verfahren ge\u00e4ndert?<\/strong><\/p>\n<p>Zum Beispiel muss man sich jetzt binnen sieben Tagen bei den Beh\u00f6rden registrieren lassen. Spanien und die EU-Staaten scheinen es darauf anzulegen, dass diese Frist nicht eingehalten wird, um dann abschieben zu k\u00f6nnen\u00a0\u2013 weil man illegal im Land ist und keinen Antrag gestellt hat. Antr\u00e4ge mit geringen Chancen auf Asyl werden nun im Schnellverfahren behandelt, um die Abschiebungen zu beschleunigen. Verl\u00e4uft das Gespr\u00e4ch indes positiv, dauert es danach bis zu zwei Jahre, bis der endg\u00fcltige Entscheid kommt. Der f\u00e4llt wiederum meist negativ aus.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wie ist die Lage in Ceuta, fast vier Wochen nachdem so viele Menschen die spanische Exklave in Nordafrika&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1264503,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1834],"tags":[250953,3364,29,3688,5249,30,3876,382,10980,1209,4026],"class_list":["post-1264502","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-essen","tag-ceuta","tag-de","tag-deutschland","tag-essen","tag-fluechtlinge","tag-germany","tag-marokko","tag-migration","tag-ngo","tag-nordrhein-westfalen","tag-spanien"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/117168990279464108","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1264502","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1264502"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1264502\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1264503"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1264502"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1264502"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1264502"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}