{"id":1264829,"date":"2026-08-27T22:28:21","date_gmt":"2026-08-27T22:28:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1264829\/"},"modified":"2026-08-27T22:28:21","modified_gmt":"2026-08-27T22:28:21","slug":"vor-der-berlin-wahl-eine-knappe-rechnung-koennte-das-naechste-wahlchaos-ausloesen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1264829\/","title":{"rendered":"Vor der Berlin-Wahl: Eine knappe Rechnung k\u00f6nnte das n\u00e4chste Wahlchaos ausl\u00f6sen"},"content":{"rendered":"<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              Der Wahltag in Berlin r\u00fcckt n\u00e4her. Wieder einmal stellt sich die Frage, ob die Verwaltung in der Lage ist, eine reibungslose Abstimmung zu garantieren. 2021 f\u00fchrten fehlende Stimmzettel, stundenlange Warteschlangen vor den Wahllokalen und eine Stimmabgabe weit nach 18 Uhr dazu, dass der Landesverfassungsgerichtshof die Wahl im November 2022 f\u00fcr ung\u00fcltig erkl\u00e4rte. Es war eine Z\u00e4sur, die das Vertrauen in die Berliner Institutionen tief ersch\u00fctterte.<\/p>\n<p>Um zu pr\u00fcfen, ob die damals ger\u00fcgten Missst\u00e4nde tats\u00e4chlich beseitigt wurden, hat <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/autoren\/marcel-luthe--li.10028187\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">der ehemalige Abgeordnete Marcel Luthe<\/a> (damals parteilos, fr\u00fcher FDP) drei umfangreiche Fragenkataloge verschickt: an alle zw\u00f6lf Bezirkswahl\u00e4mter, an den Landeswahlleiter und an die Senatsverwaltung f\u00fcr Inneres und Sport. <\/p>\n<p>Die Antworten, die dieser Zeitung vorliegen, zeichnen ein Bild, das zwischen b\u00fcrokratischer Arroganz und einer blo\u00dfen Anpassung der fr\u00fcher rechtswidrigen Zust\u00e4nde schwankt. Statt individueller Pr\u00fcfungen in den Bezirken dominiert das Prinzip \u201eCopy-Paste\u201c.\n            <\/p>\n<p>            <strong>Senat will lediglich die \u201eSichtbarkeit des Problems verhindern\u201c<\/strong><\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              Marcel Luthe ist in Berlin kein Unbekannter. Mit seiner akribischen Aufarbeitung der Wahlpannen und seinen rechtlichen Vorst\u00f6\u00dfen machte er fr\u00fch auf zahlreiche Probleme bei der Wahl 2021 aufmerksam. Der Verfassungsgerichtshof erkl\u00e4rte die Wahl sp\u00e4ter tats\u00e4chlich f\u00fcr ung\u00fcltig und r\u00fcgte unter anderem die falsche Kabinenberechnung und die mangelhafte Aufsicht.<\/p>\n<p>Luthe selbst sieht darin ein grunds\u00e4tzliches Problem der Berliner Wahlorganisation. \u201eWas mir die Anfechtung der Wahl 2021 so erschwert hat, war das Mauern der Wahlleiter, die bei dem wichtigsten \u00f6ffentlichen Akt in einer Demokratie alles getan haben, eine \u00f6ffentliche \u00dcberpr\u00fcfung der Wahl zu verhindern. Und einmal mehr zeigt sich, dass der Senat nicht das eigentliche Problem angeht, sondern nur die Sichtbarkeit des Problems verhindern will\u201c, sagte er dieser Zeitung.<\/p>\n<p>Seine aktuelle Anfrage, die unserer Redaktion vorliegt, umfasst detaillierte Fragen zu Kapazit\u00e4ten, Stimmzettelverwahrung und Notfallkonzepten.\n            <\/p>\n<p>            <strong>Einheitsantworten mit eingebautem Fehler <\/strong><\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              Die Reaktion der Bezirke auf Luthes Fragen ist bezeichnend f\u00fcr den Zustand der Berliner Wahlvorbereitung. Anstatt dass jedes Bezirkswahlamt \u2013 wie gesetzlich durch die Zust\u00e4ndigkeit f\u00fcr die \u00f6rtlichen Verwaltungsaufgaben vorgesehen \u2013 die eigenen Kapazit\u00e4ten pr\u00fcft, antworteten fast alle Bezirke wortgleich.<\/p>\n<p>Vermuten muss man die zentrale Regie nicht mehr. Auf Nachfrage teilte der <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/article\/berlin-wahl-2026-und-volksbegehren-landeswahlleiter-verspricht-transparenz-10019923\" rel=\"nofollow noopener\">Landeswahlleiter<\/a> schriftlich mit, er habe die Bezirkswahl\u00e4mter \u201eim Rahmen der kollegialen Zusammenarbeit\u201c \u00fcber die bereits ergangenen Antworten informiert und ihnen Auskunft dar\u00fcber gegeben, dass auf sie verwiesen werden k\u00f6nne, \u201esoweit ein weiterer Erg\u00e4nzungsbedarf nicht gesehen wird\u201c.<\/p>\n<p>Der Kernsatz, mit dem sieben Bezirks\u00e4mter die Auskunft verweigert haben, lautet: \u201eEin weiterer Erg\u00e4nzungsbedarf wird hier nicht gesehen.\u201c Ob den Bezirken dar\u00fcber hinaus ein fertiger Antworttext \u00fcbermittelt wurde, l\u00e4sst der Landeswahlleiter offen. Die Wendung, mit der er seine Auskunft schlie\u00dft, steht jedenfalls wortgleich in allen Verweigerungen.<\/p>\n<p>Besonders peinlich: In den meisten Antwortschreiben findet sich exakt derselbe Rechtschreibfehler. Statt \u201eabschlie\u00dfend\u201c hie\u00df es in den meisten bezirklichen R\u00fcckmeldungen \u201eabschie\u00dfend\u201c. Das legt zumindest den Verdacht nahe, dass die Bezirke ihre eigenen Unterlagen und Lagerbest\u00e4nde gar nicht erst gesichtet haben. <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/article\/friedrichshain-kreuzberg-diese-zwei-maenner-mit-ostbiografie-wollen-buergermeister-werden-10025278\" rel=\"nofollow noopener\">Friedrichshain-Kreuzberg<\/a> korrigierte zumindest den Fehler im Textbaustein, behielt aber den inhaltlichen Tenor bei.\n            <\/p>\n<p>            <strong>Der Geist von 2021 lebt<\/strong><\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              Dass Luthe nun erneut den Finger in die Wunde legt, sorgt in der Innenverwaltung f\u00fcr sichtlich nerv\u00f6se Reaktionen. Er fragt gezielt nach den vom Gericht festgestellten Fehlern und danach, welche Abhilfe inzwischen geschaffen wurde: Wie sieht es mit dem Zuschnitt der Wahlbezirke aus? Wie viele Wahlkabinen stehen pro Wahllokal zur Verf\u00fcgung?<\/p>\n<p>Die Antworten der Verwaltung bleiben dabei vage. Verwiesen wird auf eine \u201eDrei-Minuten-Annahme\u201c pro W\u00e4hler \u2013 ein Wert, der bereits 2021 problematisch war, weil er die tats\u00e4chliche Komplexit\u00e4t der Stimmabgabe untersch\u00e4tzte. Wenn die Berechnung der erforderlichen Kabinenzahl erneut auf einer solchen Annahme beruht, besteht das Risiko langer Warteschlangen fort.\n            <\/p>\n<p>            <strong>Bei f\u00fcnf Minuten in der Wahlkabine k\u00f6nnte das System zusammenbrechen<\/strong><\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              Die Landeswahlleitung hat den Bezirken eine gestaffelte Mindestausstattung vorgegeben, und zwar je Wahllokal: bis 900 Wahlberechtigte mindestens zwei Wahlkabinen, bis 1200 mindestens drei, bis 1300 mindestens vier. Die kritische Stufe ist die unterste. Zwei Kabinen f\u00fcr 900 Wahlberechtigte, das ist eine Kabine f\u00fcr 450 Menschen. F\u00fcr Wahlbezirke mit mehr als 1300 Wahlberechtigten sieht die Staffel \u00fcberhaupt keine Stufe vor.<\/p>\n<p>Die Kalkulation beruht auf der Annahme, dass 45 Prozent der Wahlberechtigten per Briefwahl w\u00e4hlen und dass ein W\u00e4hler im Schnitt drei Minuten braucht.\n            <\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              Doch diese Rechnung ist riskant. Angewandt auf die Strukturdaten ergibt sich, dass in 961 der 2532 Wahlbezirke mit Staffelzuordnung \u2013 das sind 38 Prozent \u2013 die Kapazit\u00e4ten nicht einmal ausreichen, wenn man die eigenen (optimistischen) Vorgaben der Landeswahlleitung zugrunde legt. Sinkt die Beteiligung an der Briefwahl oder erh\u00f6ht sich die Verweildauer in der Kabine auf nur f\u00fcnf Minuten, bricht das System zusammen.<\/p>\n<p>Besonders kritisch ist die Situation in den sogenannten Risikozonen: gro\u00dfe Wahlbezirke mit mehr als 1300 Wahlberechtigten und einer niedrigen Kabinendichte. Hier drohen erneut Szenarien, in denen W\u00e4hler entmutigt umkehren oder nach 18 Uhr in der Schlange stehen.\n            <\/p>\n<p>            <strong>Was das Land nicht messen konnte, hat es abgeschafft<\/strong><\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              Zwar hat der Gesetzgeber im April 2025 die Sperrfrist des \u00a7\u00a029 Landeswahlgesetz ge\u00e4ndert. Verboten bleibt die Bekanntgabe von Wahlbefragungen \u2013 aber nicht mehr bis zur Schlie\u00dfung des letzten Wahllokals, sondern nur noch bis zum Ende der regul\u00e4ren Wahlzeit um 18 Uhr. Wer danach noch in der Schlange steht, ist nicht mehr gesch\u00fctzt.<\/p>\n<p>Doch dies l\u00f6st das Problem nicht, es versch\u00e4rft es: W\u00e4hler in der Schlange k\u00f6nnten durch die ersten Zahlen in ihrer Entscheidung beeinflusst werden. Der <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/ostdeutscheallgemeine.com\/article\/verfassungsgericht-stellt-fehler-bei-thueringer-landtagswahl-fest-10033475\" rel=\"nofollow noopener\">Verfassungsgerichtshof<\/a> hat in der Bekanntgabe von Nachwahlbefragungen am Abend des 26. September 2021, w\u00e4hrend vielerorts noch gew\u00e4hlt wurde, eine Verletzung der Freiheit der Wahl aus Artikel 2 der Berliner Verfassung gesehen. Ge\u00e4ndert hat der Gesetzgeber das einfache Recht. Die Verfassungsnorm, an der die Wahl 2021 gemessen wurde, steht unver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Die Begr\u00fcndung liefert der Gesetzentwurf gleich mit. Die alte Regelung habe sich \u201eals unpraktikabel erwiesen, da der Schlie\u00dfzeitpunkt s\u00e4mtlicher Wahllokale zentral nicht verl\u00e4sslich festgestellt werden kann\u201c.\n            <\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              Was das Land nicht feststellen konnte, hat es abgeschafft. Dabei verlangen die Hinweise f\u00fcr die Wahlvorst\u00e4nde, die der Landeswahlleiter Ende Juli ver\u00f6ffentlicht hat, ausdr\u00fccklich, den Schlie\u00dfzeitpunkt jedes einzelnen Wahlbezirks in der Wahlniederschrift festzuhalten, samt der Zahl der um 18 Uhr noch Wartenden. Um 12 und um 16 Uhr ist die Zahl der Wartenden ohnehin zu melden. Lokal wird also dokumentiert, was zentral angeblich unbekannt bleiben muss.\n            <\/p>\n<p>            <strong>Sicherheitsl\u00fccken bei Stimmzetteln und Verwahrung<\/strong><\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              Ein weiterer wunder Punkt ist die Verwahrung der Stimmzettel. Im Jahr 2021 war die Verwirrung gro\u00df, als in manchen Bezirken die Stimmzettel ausgingen oder falsche Kreise beliefert wurden. Luthe wollte wissen, wie die Sicherung gegen unbefugten Zugriff heute aussieht. Die Antworten der Beh\u00f6rden sind hier besonders ausweichend. Man bittet um \u201eVerst\u00e4ndnis, dass weitere Einzelheiten zur Lagerung und Sicherung der Stimmzettel nicht mitgeteilt werden\u201c. Doch genau hier liegt das Problem der Nachvollziehbarkeit.<\/p>\n<p>Es fehlt eine verbindliche, nachvollziehbare Dokumentation jedes Schritts \u2013 von der Anlieferung \u00fcber Lagerort, Versiegelung und Schl\u00fcsselvergabe bis zur R\u00fcckf\u00fchrung und Vernichtung nicht genutzter Stimmzettel. Ohne solche Nachverfolgbarkeit bleibt der Katalog m\u00f6glicher organisatorischer Fehler offen und damit das Vertrauen in die Integrit\u00e4t der Wahl verwundbar.\n            <\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              Die Verwaltung betont zwar, dass \u201ealle Wahllokale zu Beginn der Wahlhandlung vollst\u00e4ndig mit den erforderlichen Stimmzetteln ausgestattet\u201c werden, doch wie diese Vollst\u00e4ndigkeit gepr\u00fcft wird, bleibt ihr Geheimnis. Die Weigerung, den Namen der beauftragten Druckerei zu nennen oder Auskunft \u00fcber Versiegelung, Schl\u00fcsselgewalt und \u00dcbergabeprotokolle zu geben, n\u00e4hrt den Verdacht, dass Transparenz hier als Bedrohung und nicht als Schutz der Demokratie begriffen wird.\n            <\/p>\n<p>            <strong>Es wird schon irgendwie gut gehen<\/strong><\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              Trotz der berechtigten Kritik an der mangelnden Transparenz und den fragw\u00fcrdigen Kapazit\u00e4tsberechnungen gibt es Gr\u00fcnde, die gegen eine exakte Wiederholung der \u201eChaos-Wahl\u201c sprechen. 2021 war Berlin durch die Gleichzeitigkeit von Bundestagswahl, Abgeordnetenhauswahl, den Wahlen zu den Bezirksverordnetenversammlungen und einem hoch emotionalen Volksentscheid schlicht \u00fcberfordert.<\/p>\n<p>Diese Kumulation von Stimmzetteln und Entscheidungen entf\u00e4llt 2026 weitgehend. Die Komplexit\u00e4t f\u00fcr den einzelnen W\u00e4hler in der Kabine ist geringer, was die Verweildauer in der Wahlkabine wahrscheinlich senken k\u00f6nnte. Dieses Mal wird auch kein <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/article\/generalprobe-vor-berlin-marathon-tausende-laeufer-legen-steglitz-lahm-10318162\" rel=\"nofollow noopener\">Berlin-Marathon<\/a> parallel zur Wahl stattfinden, der damals ebenfalls zu massiven Einschr\u00e4nkungen in der Stadt gef\u00fchrt hat.<\/p>\n<p>Dennoch bleibt ein fader Beigeschmack. Die Berliner Verwaltung scheint darauf zu setzen, dass es schon irgendwie gut gehen wird, weil die \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde diesmal g\u00fcnstiger sind. Das strukturelle Problem \u2013 eine mangelhafte Aufsicht und die Weigerung, verbindliche Standards f\u00fcr Kabinen und Stimmzettel-Logistik festzulegen \u2013 bleibt ungel\u00f6st. Marcel Luthe bereitet bereits Eilantr\u00e4ge zur Offenlegung konkreter Zahlen vor. Sein Ziel: Erneute Intransparenz verhindern, bevor die Urnen \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>                    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/images\/blz\/send-mail.svg\" alt=\"Send feedback\"\/><\/p>\n<p>Lesen Sie mehr zum Thema<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der Wahltag in Berlin r\u00fcckt n\u00e4her. 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