{"id":126566,"date":"2025-05-20T22:50:10","date_gmt":"2025-05-20T22:50:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/126566\/"},"modified":"2025-05-20T22:50:10","modified_gmt":"2025-05-20T22:50:10","slug":"kirche-nein-die-katholische-kirche-hat-nicht-rundum-versagt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/126566\/","title":{"rendered":"Kirche: Nein, die katholische Kirche hat nicht rundum versagt!"},"content":{"rendered":"<p>Bei Aufkl\u00e4rung und Aufarbeitung der Missbrauchsskandale entt\u00e4usche die Kirche auf ganzer Linie \u2013 so h\u00f6rt man oft. Dieses Verdammungsurteil ist \u00fcberzogen. Und potenziell vernichtend. W\u00e4re es denn besser, wenn der K\u00f6lner Dom an einen Golfstaaten-Milliard\u00e4r verkauft werden m\u00fcsste?<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Rund um den 8. Mai konnte man ein Krachen und Knacken vernehmen. In diesen Tagen zerbrach eine sonst weitverbreitete Assoziationskette: die Assoziation \u201ekatholische Kirche \u2013 sexueller Missbrauch\u201c. Mit dem Tod des alten und der Wahl des neuen Papstes wurden die Katholiken hierzulande vor\u00fcbergehend mit anderen, meist wohlwollenden Augen angeschaut. Erst diese kurze Pause vom medialen Alltag verdeutlicht, wie gnadenlos die Kirche sonst oft auf schaurige Verbrechen und deren angeblich ausbleibende Aufarbeitung reduziert wird. <\/p>\n<p>Mit journalistischen Kirmesboxern gegen Katholiken<\/p>\n<p>Was kaum wen st\u00f6rt, da in Deutschland, wenn nicht gerade Konklave ist, weithin eine Hau-den-katholischen-Lukas-Stimmung herrscht. Auf Katholiken l\u00e4sst man schon mal den journalistischen Kirmesboxer los. Ja, in manchem Bistum scheint es fast, als tr\u00fcgen Zeitungsredakteure geradezu lustvoll Dauerfehden mit ihrem jeweiligen Bischof oder Kardinal aus.<\/p>\n<p>Diesen Verzicht auf differenzierte Beurteilung und fairen Umgang hat die Kirche nicht verdient. Weil ihre bundesweit 20 Millionen Mitglieder und 800.000 Mitarbeiter wohl doch ein kleines bisschen mehr sind als \u201edie mit dem Missbrauch\u201c. Und weil einer religi\u00f6sen Gemeinschaft mit dem Dauer-Stigma der \u201eMissbrauchs-Kirche\u201c, gar der \u201evertuschenden Missbrauchs-Kirche\u201c der Ruin droht. Kein Wunder, dass ihr in Umfragen nur noch um die zehn Prozent der Deutschen Vertrauen entgegenbringen.<\/p>\n<p>\u201eMissbrauchs-Kirche\u201c \u2013 das ist m\u00f6rderisch schlicht<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich, Missbrauch geh\u00f6rt in eine Liga mit, sagen wir, den Hexenverbrennungen. Und nat\u00fcrlich kommt es bei dessen kirchlicher Aufarbeitung immer wieder zu (beispielsweise kommunikativen) Fehlern. Vernichtende Urteilsspr\u00fcche \u00fcber die Kirche sind da verst\u00e4ndlich \u2013 sofern sie von Opfern stammen. So warf die Betroffenen-Gruppe \u201eEckiger Tisch\u201c der Kirche rundum \u201eVersagen\u201c bei \u201eAufkl\u00e4rung und Aufarbeitung\u201c der Skandale vor. Wer wollte ihr das verdenken? Nicht verst\u00e4ndlich ist aber, wenn die \u00d6ffentlichkeit derart undifferenzierte Verdammungsurteile eins zu eins \u00fcbernimmt. <\/p>\n<p>Denn bei allem Z\u00f6gern und Zaudern hat die Kirche seit 2010, als die ersten Skandale bekannt wurden, eine beachtliche Strecke zur\u00fcckgelegt. Wenn \u00fcberhaupt, dann ist sie keine Missbrauchs-Kirche, sondern eine Missbrauchs-Bew\u00e4ltigungs-Kirche auf dem Weg.<\/p>\n<p>Bei Aufkl\u00e4rung und Pr\u00e4vention setzt sie Ma\u00dfst\u00e4be<\/p>\n<p>So hat sie in Sachen Aufkl\u00e4rung gewiss nicht v\u00f6llig versagt. F\u00fcr ihre Studie von 2018, die erstmals 3677 Opfer aus dem Dunkel- ins Hellfeld holte, wurden beachtliche 40.000 Personalakten ausgewertet. Damit setzte die katholische Kirche Ma\u00dfst\u00e4be. Das r\u00e4umt sogar die Unabh\u00e4ngige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs des Bundes ein. Die evangelische Kirche hinkte da leider weit hinterher, als sie Jahre sp\u00e4ter ihre eigene Missbrauchsgeschichte zu erforschen begann. Zus\u00e4tzlich wurden in allen 27 katholischen Bist\u00fcmern weitere Studien externer Fachleute durchgef\u00fchrt. Wer da von \u201ev\u00f6lligem Vertuschen\u201c spr\u00e4che, w\u00fcrde fantasieren. <\/p>\n<p>Von einem totalen Versagen l\u00e4sst sich auch bei der Pr\u00e4vention nicht sprechen. Mit ihrer permanent fortentwickelten \u201eRahmenordnung Pr\u00e4vention\u201c haben die Bisch\u00f6fe ein fl\u00e4chendeckendes System etabliert \u2013 mit obligatorischen Meldewegen bei Verdachtsf\u00e4llen, verpflichtenden Schulungen zu sexueller Gewalt und \u00fcbergriffigem Verhalten, mit Risikoanalysen, Schutzkonzepten, Pflicht-Kontrollen f\u00fcr Kirchen-Mitarbeiter, mit Pr\u00e4ventionsbeauftragten und niedrigschwelligen Ansprechpartnern. <\/p>\n<p>Weggucken \u2013 die S\u00fcnde wider den Heiligen Geist<\/p>\n<p>Das Vertuschen und Weggucken bei Missbrauchsverdacht wurde gleichsam zur S\u00fcnde wider den Heiligen Geist erkl\u00e4rt. In manchen Gemeinden hapert es zwar bei der Umsetzung, <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.domradio.de\/artikel\/missbrauchsbeauftragte-claus-sieht-maengel-bei-aufarbeitung\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.domradio.de\/artikel\/missbrauchsbeauftragte-claus-sieht-maengel-bei-aufarbeitung&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">aber selbst die Missbrauchsbeauftragte des Bundes best\u00e4tigt, die Kirche erscheine, trotz aller gleichzeitigen Schwierigkeiten, bei Aufarbeitung und Pr\u00e4vention als Vorreiter gegen\u00fcber anderen gesellschaftlichen Bereichen. <\/a>Tats\u00e4chlich sind die Missbrauchsf\u00e4lle in Kita, Schule, Sport und vor allem Familie (wo es \u2013 nur nebenbei \u2013 keinen Z\u00f6libat gibt) ja auch weitaus zahlreicher. <\/p>\n<p>Und vergleichbar hohe Pr\u00e4ventionsstandards wird man etwa im Vereinssport kaum finden. Auch dass in allen Bist\u00fcmern inzwischen Aufarbeitungskommissionen mit Externen und Betroffenen-Beir\u00e4te arbeiten, wertet die Missbrauchsbeauftragte zurecht als \u201eErfolg\u201c.<\/p>\n<p>Im Zweifel gegen den Angeklagten<\/p>\n<p>Vorgeworfen wird der Kirche bisweilen auch, sie speise die Opfer mit Entsch\u00e4digungs-Brotkrumen ab. Laut \u201eEckigem Tisch\u201c erhielten Betroffene im Durchschnitt 19.000 Euro. Offenbar gehe es darum, \u201eden finanziellen Schaden f\u00fcr die Kirche zu begrenzen\u201c. Das klingt nach einem sch\u00e4bigen Motiv. Aber das w\u00e4re arg empathiefrei geurteilt. Tats\u00e4chlich liegt die Entsch\u00e4digungsh\u00f6he inzwischen auch \u00fcber 19.000 Euro im Durchschnitt, weil sie permanent ansteigt. Demn\u00e4chst wird sie erneut angehoben. <\/p>\n<p>Zudem hat die Kirche mit der \u201eUnabh\u00e4ngigen Kommission f\u00fcr Anerkennungsleistungen\u201c (UKA) ein Verfahren zur Entsch\u00e4digung entwickelt, das jedem ein Schmerzensgeld zahlt, der seinen Missbrauch halbwegs plausibel darlegen kann. Ohne Pr\u00fcfung vor Gericht. Schnell. Sogar in Zweifelsf\u00e4llen (was man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte: Die Kirche verzichtet immer wieder darauf, den so zentralen Rechtsgrundsatz \u201eIm Zweifel f\u00fcr den Angeklagten\u201c f\u00fcr sich in Anspruch zu nehmen). <\/p>\n<p>Schmerzensgeldh\u00f6he k\u00f6nnte Existenz gef\u00e4hrden<\/p>\n<p>In der Tendenz zahlt die UKA aktuell zwar niedrigere Schmerzensgelder, als Gerichte in vergleichbaren F\u00e4llen verh\u00e4ngen. Und in manchen F\u00e4llen bestehen Bist\u00fcmer auch auf der Verj\u00e4hrung einer Klage, um den Kl\u00e4ger dann au\u00dfergerichtlich zu entsch\u00e4digen (\u00fcbrigens nicht im Erzbistum des so gerne gescholtenen Kardinals Woelki). Vermutlich wollen die Bist\u00fcmer die Kosten dadurch wirklich im Griff behalten. Aber: Das ist auch verst\u00e4ndlich \u2013 zumindest seit 2023. <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/article247779800\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;\/article247779800&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Damals verurteilte ein K\u00f6lner Gericht die Kirche zu einem bis dahin beispiellos hohen Schmerzensgeld von 300.000 Euro.<\/a> Seitdem schnellt die Zahl der Klagen in die H\u00f6he, in denen sechsstellige Summen verlangt werden. Aktuell werden gar Summen von 850.000 oder einer Million Euro verhandelt. <\/p>\n<p>F\u00fcr die Kirche k\u00f6nnte dieser raketenartige Anstieg der Schmerzensgeldh\u00f6he existenzgef\u00e4hrdend werden. Was ein paar Daten erahnen lassen: <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/video190275567\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;\/video190275567&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Studien sch\u00e4tzen die Zahl der Missbrauchsopfer in beiden Kirchen auf bis zu 114.000.<\/a> W\u00e4re die H\u00e4lfte davon katholisch und w\u00fcrden dieser H\u00e4lfte auch nur 300.000 Euro pro Person zugesprochen, w\u00e4re die Kirche um 17 Milliarden Euro \u00e4rmer. Um das einzuordnen: Die verm\u00f6gendsten 70 Prozent der Bist\u00fcmer besitzen insgesamt Werte in H\u00f6he von 30 Milliarden Euro \u2013 \u00fcber die sie faktisch aber nicht verf\u00fcgen. Sollen sie etwa den K\u00f6lner Dom verkaufen? Und an wen eigentlich? An Golfstaaten-Milliard\u00e4re? Nein, es ist kein moralischer Bankrott, den finanziellen Bankrott verhindern zu wollen. <\/p>\n<p>Wem w\u00e4re mit erfolgreichem Rufmord gedient?<\/p>\n<p>Diese Feststellung verwischt nicht, dass vieles zu tun (und zu kritisieren) bleibt. Zum Beispiel sollten Betroffene mehr \u00fcber ihre T\u00e4ter und deren weiteren Werdegang erfahren d\u00fcrfen als bislang (sofern das irgendwie rechtlich durchsetzbar ist). Und manche Anspr\u00fcche von Missbrauchsopfern sollten auch in Kirchengesetz gegossen werden.<\/p>\n<p>Eins aber muss der Vergangenheit angeh\u00f6ren: Das so undifferenzierte wie todbringende Verdammungsurteil, die Katholiken h\u00e4tten bei der Aufarbeitung rundum versagt. Wem w\u00e4re mit einem erfolgreichen Rufmord denn auch gedient? Den Millionen Alten, Kranken, Behinderten oder Wohnungslosen, die von der karitativen Arbeit der Kirche profitieren? Oder den Niedergedr\u00fcckten, Sterbenden und vom Schicksal Geschlagenen, denen sie \u2013 und oft nur noch sie \u2013 Kraft und Trost spenden kann? Wer pr\u00fcgeln will, sollte zur Kirmes, nicht zur Kirche gehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Bei Aufkl\u00e4rung und Aufarbeitung der Missbrauchsskandale entt\u00e4usche die Kirche auf ganzer Linie \u2013 so h\u00f6rt man oft. Dieses&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":126567,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1828],"tags":[29,30,6590,7011,1420,1920,1209,47390,45],"class_list":{"0":"post-126566","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-koeln","8":"tag-deutschland","9":"tag-germany","10":"tag-katholische-kirche","11":"tag-kirchen","12":"tag-koeln","13":"tag-missbrauch","14":"tag-nordrhein-westfalen","15":"tag-sexueller-kindesmissbrauch","16":"tag-texttospeech"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114542609823333405","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/126566","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=126566"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/126566\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/126567"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=126566"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=126566"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=126566"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}