{"id":1265841,"date":"2026-08-28T09:49:13","date_gmt":"2026-08-28T09:49:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1265841\/"},"modified":"2026-08-28T09:49:13","modified_gmt":"2026-08-28T09:49:13","slug":"caroline-wahl-1999-meter-ueber-dem-meer-zwischen-muellermilch-prada-und-popstar-inszenierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1265841\/","title":{"rendered":"Caroline Wahl: \u201e1999 Meter \u00fcber dem Meer&#8220; zwischen M\u00fcllermilch, Prada und Popstar-Inszenierung"},"content":{"rendered":"<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Es ist sch\u00f6n, dass es Caroline Wahl gibt, denn sie ist einer der wenigen Popstars in der deutschsprachigen Literatur, sie ist unsere <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/taylor-swift\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Taylor Swift<\/a>. Jedes Jahr ver\u00f6ffentlicht sie einen neuen Roman, den man aber bitte nicht wie einen Roman lesen, sondern wie ein Album h\u00f6ren sollte. Denn diese Texte leben vom Sound, von der Drift der Sprache, und wie gute Songsammlungen haben sie Hooks und Refrains. Es gibt in \u201e22 Bahnen\u201c und \u201eDie Assistentin\u201c Balladen und Mitsing-St\u00fccke, Tr\u00e4nenzieher und Abfahrt. Caroline Wahl versteckt Easter Eggs, kleine \u00dcberraschungen f\u00fcr werkkundige Fans also, sie will nicht blo\u00df unterhalten, sondern eine Show abliefern, und deshalb ist die n\u00e4chste Ver\u00f6ffentlichung immer auch der Beginn einer neuen Era. So gesehen ist sie nun in ihrer M\u00fcllermilch-Phase angekommen: schmeckt nicht jedem.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">\u201e1999 Meter \u00fcber dem Meer\u201c hei\u00dft das neue Werk der 31-j\u00e4hrigen Schriftstellerin. Auf dem Umschlag steht die Gattungsbezeichnung \u201eRoman\u201c, aber nur, weil man sich in der Verlagsbranche nicht traut, einfach \u201eZeitschrift\u201c drauf zu drucken. Bei keiner anderen K\u00fcnstlerin denken und reden Figuren so, wie Menschen 2026 echt denken und reden. Und kaum eine andere Person bildet Gegenwart so vollfrontal ab wie diese Autorin. Die 368 Seiten ersetzen einen Jahrgang \u201eGlamour\u201c, \u201eBunte\u201c und \u201eVogue\u201c.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Es geht um Samara, die man als Freundin der Hauptfigur Ida aus \u201eWindst\u00e4rke 17\u201c kennen k\u00f6nnte. Samara hat ihren Master in Literatur und Geschichte gemacht und tritt demn\u00e4chst ihren ersten Vollzeit-Job an: in einer Agentur in Berlin, wo sie Influencer betreuen wird. Jetzt braucht sie aber erst mal eine Auszeit, und weil ihre Eltern nicht glauben, dass sie alleine eine Reise macht, bucht sie vier Wochen Bali. Vor Ort merkt sie allerdings: \u201eBali ist so schei\u00dfe.\u201c<\/p>\n<p>Prada-Tasche shoppen in St. Moritz      <\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Man wird in diesem B\u00fccherjahr kaum etwas Lustigeres zu lesen bekommen als die ersten paar Dutzend Seiten dieses Romans. Caroline Wahl gen\u00fcgen wenige S\u00e4tze, dann hat man die Figuren vor Augen, die sie beschreibt. Die Paare am Strand etwa, bei denen die eine Person die andere dabei filmt, wie sie im Sonnenuntergang very instagramable am Wasser entlang l\u00e4uft. \u201eUnd als sie dann umkehrt und das Ergebnis \u00fcberpr\u00fcft, schimpft sie mit der filmenden Person, wahrscheinlich Boyfriend, und der Typ muss nochmal filmen.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Samara hockt im stickigen Acht-Bett-Zimmer, in dem die Klimaanlage \u201enur ganz leicht an ist, weil die nervige Amerikanerin meint, dass AC unhealthy ist\u201c. Trouble in Paradise. Als sie merkt, dass man RTL+ im Ausland nicht streamen kann, bricht sie die Reise vorzeitig ab. Die neue Aufgabe in Berlin ist dann aber auch nicht das richtige, also f\u00e4hrt sie los. Von ihrem \u201eBaba\u201c hat sie einen Mercedes SL (R129) geschenkt bekommen, Baujahr 1999. Roadtrip, Roadnovel: \u201eTacho 180 km\/h, dreiviertelvoller Tank, 31 Grad.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Bei <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/amazon\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Amazon<\/a> Prime gibt es eine Dokureihe mit dem Titel \u201eDivas\u201c, darin werden <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/barbra-streisand\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Barbra Streisand<\/a> und <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/tina-turner\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Tina Turner<\/a> portr\u00e4tiert. Personen also, die in Gedanken st\u00e4ndig \u201eMy Way\u201c zu singen scheinen und einfach immer weiter durchbrechen \u2013 egal, was all die anderen sagen. \u201eHaters gonna hate, hate, hate.\u201c Vielleicht gibt es in ein paar Jahren eine Folge \u00fcber Caroline Wahl. Sie liefert zum Roman eine parallel laufende Reality-Erz\u00e4hlung. W\u00e4hrend die Kollegen noch den Montblanc-F\u00fcller aufschrauben, d\u00fcst sie in einer Mackerkarre nach St. Moritz. Dort f\u00fchrt sie den staunenden Reporter der \u201eZeit\u201c in ein Prada-Gesch\u00e4ft und kauft eine \u201emittelgro\u00dfe\u201c Tasche. Sie l\u00e4sst sich von Mercedes als Markenbotschafterin engagieren. Und dichtet ihrer Hauptfigur ein umstrittenes Lieblingsgetr\u00e4nk an, dessen Name im Buch \u00e4hnlich hochfrequent vorkommt wie das Wort \u201eYeah\u201c in \u201eShe Loves You\u201c von den Beatles.<\/p>\n<p>Charli XCX als Soundtrack zum Buch      <\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Samara rauscht also durch die Gegenwart und trinkt M\u00fcllermilch, bevorzugt Sorten, die wie Duschgels von Rossmann hei\u00dfen: \u201eHazelnut Cream Dream\u201c etwa. Dass der Gr\u00fcnder des Molkereikonzerns fragw\u00fcrdige politische Verbindungen pflegen soll und es Boykottaufrufe gegen ihn gibt, ist ihr egal: \u201eM\u00fcllermilch ist sozusagen mein Laster.\u201c Sie f\u00e4hrt nun ebenfalls nach St. Moritz, denn der wundersch\u00f6ne Mann, den sie in Berlin kennenlernte und wie in anderen Texten der Autorin durch \u201eeisblaue Augen\u201c auff\u00e4llt (Easter Egg!), hat dort eine Wohnung. Leuten, denen sie begegnet, stellt sie sich mal als Samara vor, mal als Lena; mal ist sie Unternehmensgr\u00fcnderin, dann Fotografin. Und schlie\u00dflich wird sie Teil der High Society. Ein Hochstaplerinnen-Roman also, ein Liebesroman auch. Zudem eine Reise durch die Gegenwart, wie \u201eFaserland\u201c von Christian Kracht es gewesen ist.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Caroline Wahl listet Markennamen auf, Lied- und Romantitel. Bei manchen macht das Sinn wie bei \u201eFelix Krull\u201c, und \u201eparty 4 u\u201c von Charli XCX ist wirklich ein guter Soundtrack f\u00fcr eine Geschichte \u00fcber eine Frau on the road. Die Passagen zu Rilkes \u201eMalte\u201c und Kunderas \u201eUnertr\u00e4gliche Leichtigkeit des Seins\u201c hingegen wirken eher wie Zierde. Benjamin von Stuckrad-Barres \u201eNoch wach?\u201c wird kursiv gesetzt in einen Dialog eingebaut, vielleicht ein augenzwinkernder Gru\u00df.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Was das Buch leuchten l\u00e4sst, was \u00fcberhaupt als gr\u00f6\u00dfte Leistung Caroline Wahls gelten kann, ist der Sound der Erz\u00e4hlerinnenstimme. Ihr vertraut man sich gerne an, obwohl man ihr ja gar nicht vertrauen sollte. Sie wiederholt S\u00e4tze, variiert sie, macht damit Tempo. Und zwischen den Zeilen der ersten Seiten blinzelt einem von Ferne Thomas Bernhard zu. Diese Stimme f\u00fchrt durch die Zeit, man blickt mit ihren Augen auf die Welt, man beginnt irgendwann mit dieser Stimme zu denken, das ist wie ein Ohrwurm.<\/p>\n<p>So flei\u00dfig wie Taylor Swift      <\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Im letzten Drittel gibt es inhaltliche Erm\u00fcdungserscheinungen. Die dunklen Wolken, die Samara niederdr\u00fccken und auf eine Depression hindeuten, gehen nicht weg. Aber ohne dass n\u00e4her darauf Bezug genommen wird. Die Kapitalismuskritik und Hader \u00fcber un\u00fcberwindbaren sozialen Status muten pflichtschuldig an, sind auch entsprechend leise geschaltet. Das Buch ist eine Spur zu lang.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Das aus drei S\u00e4tzen bestehende letzte Kapitel wirkt schlie\u00dflich wie ein Autobahnzubringer in die Wirklichkeit: Die Heldin ist nicht zu stoppen. Passend dazu wird der Roman mit einem Lesezeichen ausgeliefert, das die Lesetour von Caroline Wahl ank\u00fcndigt. \u201eI\u2019m shining like fireworks over your sad empty town\u201c, singt Taylor Swift auf \u201eSpeak Now\u201c.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Die Amerikanerin bringt Album um Album heraus, Caroline Wahl arbeitet bereits am f\u00fcnften Roman. Er soll 2027 erscheinen und aus der Sicht eines Mannes geschrieben sein. Durchgedr\u00fccktes Gaspedal: Es geht weiter mit 180 km\/h.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es ist sch\u00f6n, dass es Caroline Wahl gibt, denn sie ist einer der wenigen Popstars in der deutschsprachigen&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1265842,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1776],"tags":[204647,6363,17546,53898,1801,29,214,33077,30,261515,14367,1802,1795,261514,89790,6856,215,2534],"class_list":["post-1265841","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-prominente","tag-204647","tag-album","tag-autorin","tag-caroline","tag-celebrities","tag-deutschland","tag-entertainment","tag-gegenwart","tag-germany","tag-liebesroman","tag-meer","tag-prominente","tag-roman","tag-romantitel","tag-samara","tag-taylor-swift","tag-unterhaltung","tag-wahl"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/117172513564690708","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1265841","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1265841"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1265841\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1265842"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1265841"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1265841"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1265841"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}