{"id":1266262,"date":"2026-08-28T15:10:17","date_gmt":"2026-08-28T15:10:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1266262\/"},"modified":"2026-08-28T15:10:17","modified_gmt":"2026-08-28T15:10:17","slug":"kuehne-wie-er-hamburg-praegte-und-polarisierte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1266262\/","title":{"rendered":"K\u00fchne: Wie er Hamburg pr\u00e4gte \u2013 und polarisierte"},"content":{"rendered":"<p class=\"c-inline-alert__description\">Klicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Als Klaus-Michael K\u00fchne und Wolf Biermann nach dem Zweiten Weltkrieg gemeinsam die Schulbank des Heinrich-Hertz-Gymnasiums in Hamburg-Winterhude dr\u00fcckten, lie\u00df sich schwerlich vorhersehen, wohin die Lebenswege der beiden f\u00fchren w\u00fcrden. Der eine ging 1953 als \u00fcberzeugter Kommunist in die DDR, wurde sp\u00e4ter von ihr ausgeb\u00fcrgert und zu einem der sch\u00e4rfsten deutschen S\u00e4nger des Widerspruchs. Der andere blieb zun\u00e4chst in Hamburg, lernte Bank- und Au\u00dfenhandelskaufmann und trat 1958 in das Familienunternehmen K\u00fchne+Nagel ein. Der eine machte aus Worten sein Kapital, der andere aus Warenstr\u00f6men ein Weltgesch\u00e4ft. Und doch blieben beide auf sehr unterschiedliche Weise mit jener Stadt verbunden, in der sie als Sch\u00fcler nebeneinandergesessen hatten.<\/p>\n<p>Biermann hat seinen fr\u00fcheren Klassenkameraden sp\u00e4ter gegen den Vorwurf verteidigt, er habe sich allein des Geldes wegen in die Schweiz verabschiedet. K\u00fchne investiere schlie\u00dflich enorme Summen in Hamburg. Er sei, so formulierte es Biermann in einem gemeinsamen Gespr\u00e4ch, \u201eein guter Sohn meiner Vaterstadt\u201c. Dieser Satz traf das Verh\u00e4ltnis des Unternehmers zu Hamburg wohl besser als viele n\u00fcchterne Bilanzen. Denn K\u00fchne verhielt sich tats\u00e4chlich wie ein Sohn, allerdings wie einer, der vor langer Zeit ausgezogen war, zu Reichtum gekommen ist und bei jedem Besuch findet, dass im Elternhaus doch dringend renoviert werden m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Nun ist Klaus-Michael K\u00fchne im Alter von 89 Jahren gestorben. \u00dcber Jahrzehnte hinweg steuerte er von seinem Wohnort in der Schweiz nicht nur sein unternehmerisches Reich, sondern er versuchte auch immer wieder, seiner Heimatstadt Richtung und Tempo vorzugeben. Er kritisierte den Hamburger Senat, erteilte dem HSV Ratschl\u00e4ge, mal aus Fansicht, mal als M\u00e4zen; er bewertete die Hafenentwicklung, errichtete ein Luxushotel, f\u00f6rderte den akademischen Logistiknachwuchs und bot schlie\u00dflich an, der Stadt eine neue Oper zu bauen.<\/p>\n<p class=\"c-inline-teaser-list__headline\">Lesen Sie auch<\/p>\n<ul class=\"c-inline-teaser-list__content\">\n<li class=\"c-inline-teaser-list__element\"><\/li>\n<li class=\"c-inline-teaser-list__element\">\n<p>Weltplus ArtikelLogistikunternehmer<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das alles war in der Stadt nie unumstritten, im Gegenteil. K\u00fchne war kein Geldgeber, der lediglich einen Scheck ausstellte und sich anschlie\u00dfend zur Seite setzte. Er wollte wissen, was mit seinem Geld geschah. Er hatte Vorstellungen, Erwartungen und Bedingungen. Das konnte anstrengend sein, aber es war konsequent. Wer Unternehmertum als die F\u00e4higkeit begreift, Sachverhalte zu ordnen, Verantwortlichkeiten festzulegen und Ergebnisse einzufordern, der durfte kaum erwarten, dass K\u00fchne diese Haltung ausgerechnet beim Verschenken gro\u00dfer Summen ablegte.<\/p>\n<p>F\u00f6rderer der Wissenschaft<\/p>\n<p>Besonders fr\u00fch zeigte sich sein Interesse an der Wissenschaft. Aus einer 2003 gemeinsam mit der Technischen Universit\u00e4t Hamburg-Harburg begonnenen \u00f6ffentlich-privaten Zusammenarbeit entstand zun\u00e4chst die Hamburg School of Logistics. 2010 wurde daraus die staatlich anerkannte private K\u00fchne Logistics University. Ende 2013 bezog sie ihren Sitz in der Hafencity. Die Hochschule sollte nicht nur Nachwuchs f\u00fcr eine Branche hervorbringen, in der K\u00fchne gro\u00df geworden war. Sie verband seinen gesch\u00e4ftlichen Erfolg mit dem Anspruch, Hamburg auch wissenschaftlich zu einem international beachteten Logistikstandort zu machen.<\/p>\n<p>Es war ein typisches K\u00fchne-Projekt. Die Stadt verf\u00fcgte \u00fcber einen gro\u00dfen Hafen und \u00fcber bedeutende Unternehmen der Transportwirtschaft, sch\u00f6pfte dieses Potenzial nach seiner Auffassung aber wissenschaftlich nicht gen\u00fcgend aus. Also belie\u00df er es nicht bei Kritik, sondern schuf eine Institution. Dass die Hochschule seinen Namen tr\u00e4gt, st\u00f6rte ihn erkennbar nicht. Falsche Bescheidenheit geh\u00f6rte ohnehin nicht zu seinen hervorstechenden Eigenschaften. Aber auch seine Kritiker konnten schwer bestreiten, dass in der Hafencity etwas Dauerhaftes entstanden war.<\/p>\n<p>Zum Ehrenb\u00fcrger reichte es nicht<\/p>\n<p>Die Stadt w\u00fcrdigte sein Engagement 2007 mit dem Ehrentitel eines Professors. Zum Ehrenb\u00fcrger wurde K\u00fchne trotz seiner gro\u00dfen Verdienste nicht ernannt, das war vermutlich in der SPD zu schwer durchzusetzen. Immerhin: Der Hamburger Senat verlieh K\u00fchne 2017 anl\u00e4sslich seines 80. Geburtstags die Ehrendenkm\u00fcnze in Gold. Sie ist nach dem Ehrenb\u00fcrgerrecht die h\u00f6chste Auszeichnung der Freien und Hansestadt Hamburg und w\u00fcrdigte seine gro\u00dfen Verdienste um den Logistik- und Hafenstandort sowie sein vielf\u00e4ltiges M\u00e4zenatentum. K\u00fchnes Verh\u00e4ltnis zu seiner Geburtsstadt blieb dennoch weniger feierlich, aber daf\u00fcr produktiver: Es beruhte nicht auf einem abgeschlossenen Lebenswerk, sondern auf einer fortgesetzten Einmischung.<\/p>\n<p>Dass diese Einmischung nicht immer nur gemeinn\u00fctzig war, geh\u00f6rt zur Wahrheit seines Hamburger Wirkens. Als die Traditionsreederei Hapag-Lloyd w\u00e4hrend der Finanzkrise in schweres Fahrwasser geriet, beteiligte sich K\u00fchne 2009 an ihrer Rettung und half mit, einen Verkauf an asiatische Investoren zu verhindern. Das war zugleich ein Gesch\u00e4ft und ein Bekenntnis zum Hafenstandort. Bei K\u00fchne lie\u00dfen sich unternehmerisches Interesse und Hamburger Patriotismus selten sauber voneinander trennen. Wahrscheinlich h\u00e4tte er eine solche Trennung auch f\u00fcr k\u00fcnstlich gehalten.<\/p>\n<p>Noch inniger, komplizierter und \u00f6ffentlichkeitswirksamer war seine Verbindung zum Hamburger SV. K\u00fchne war nicht blo\u00df Sponsor des Vereins. Er war Anh\u00e4nger, Anteilseigner, Geldgeber, Mahner und bisweilen sein eigener Sportdirektor. Ab 2010 stellte er Geld f\u00fcr Spieler bereit, half bei Transfers, wandelte sp\u00e4ter Darlehen in Anteile um und unterst\u00fctzte den Verein \u00fcber die Jahre mit einem deutlich dreistelligen Millionenbetrag. 2015 erwarb er die Namensrechte am Stadion und gab der Arena den traditionsreichen Namen Volksparkstadion zur\u00fcck. Er selbst nannte dies eine \u201eHerzensangelegenheit\u201c.<\/p>\n<p>Nach der Ausgliederung der Profiabteilung 2014 wurde aus dem M\u00e4zen auch ein Anteilseigner. Im Januar 2015 wurden Darlehen in H\u00f6he von 18,75 Millionen Euro in 7,5 Prozent der Anteile an der HSV Fu\u00dfball AG umgewandelt. In den folgenden Jahren wuchs K\u00fchnes Beteiligung weiter. Anfang 2025 stieg sie durch die Umwandlung eines 30 Millionen Euro schweren Wandeldarlehens auf rund 21 Prozent. Wenige Monate sp\u00e4ter verkaufte die K\u00fchne Holding etwa 7,5 Prozent der Anteile an die Sparda-Bank Hamburg. Zuletzt hielt sie damit noch rund 13,5 Prozent an der HSV Fu\u00dfball AG &amp; Co. KGaA und blieb nach dem HSV e.V. deren zweitgr\u00f6\u00dfter Gesellschafter. <\/p>\n<p>\u00dcber die Jahre erreichte K\u00fchnes finanzielles Engagement f\u00fcr den HSV einen deutlich dreistelligen Millionenbetrag. Selbst nach dem Teilverkauf blieb er \u00fcber seine Holding der mit Abstand bedeutendste private Anteilseigner des Klubs. Zugleich sicherte sich die K\u00fchne Holding 2025 erneut f\u00fcr zun\u00e4chst drei Jahre die Namensrechte am Volksparkstadion. Rund vier Millionen Euro j\u00e4hrlich flie\u00dfen daf\u00fcr nach damaligen Angaben an den HSV, sodass die Arena mindestens bis 2028 ihren traditionellen Namen behalten soll.<\/p>\n<p>Das Fanherz allerdings sprach h\u00e4ufig durch \u00c4u\u00dferungen in der Presse, gerade beim \u201eHamburger Abendblatt\u201c klingelte nach Niederlagen-Serien oder verpassten Aufstiegen gern mal das Telefon. Sobald beim HSV wieder einmal ein Trainer entlassen, ein Vorstand ausgetauscht, ein Aufstieg verspielt oder eine strategische Neuausrichtung verk\u00fcndet worden war, musste niemand lange auf eine Wortmeldung aus der Schweiz warten. K\u00fchne lobte selten vorbehaltlos und kritisierte meist konkret. Mal wurde beim Verein aus seiner Sicht \u201eherumgewurstelt wie eh und je\u201c, mal st\u00f6rte ihn die Transferpolitik, mal forderte er neue Personen oder neue Strukturen. Den Verantwortlichen blieb dann nur die schwierige Aufgabe, seine Millionen willkommen zu hei\u00dfen und seine Ratschl\u00e4ge m\u00f6glichst auf Abstand zu halten. Eine heikle Abh\u00e4ngigkeit, die auch immer wieder durch Fanproteste in den Kurven sichtbar wurde.<\/p>\n<p>Darin lag die ganze Widerspr\u00fcchlichkeit dieser Verbindung. K\u00fchne wollte sportlichen Erfolg erm\u00f6glichen, doch seine Zuwendungen waren kein verl\u00e4ssliches Mittel, ihn herzustellen. Er f\u00f6rderte gro\u00dfe Namen und gro\u00dfe Hoffnungen. Der erhoffte Glanz stellte sich oft nicht ein. Je gr\u00f6\u00dfer seine Entt\u00e4uschung wurde, desto deutlicher fielen seine \u00f6ffentlichen Urteile aus. Trotzdem kam er nie wirklich von diesem Verein los. Selbst wenn er erkl\u00e4rte, seine Begeisterung sei abgeflaut, blieb er Anteilseigner. Selbst wenn er die handelnden Personen scharf kritisierte, folgten sp\u00e4ter neue Gespr\u00e4che oder neue Hilfen. Es war eine Beziehung, die aus Zuneigung bestand und deshalb besonders streitanf\u00e4llig war.<\/p>\n<p>Und im Grunde charaktersierte das seine ganze Haltung zu Hamburg. Halb zog es ihn, halb sank er hin \u2013 und die Stadt wurde zum Geld- und Kritikempf\u00e4nger gleicherma\u00dfen. Nicht alle hielten das f\u00fcr eine w\u00fcrdevoll-hanseatische Situation, andere verwiesen auf die gro\u00dfen Vorteile dieser Beziehung zu einem der reichsten Menschen Europas.<\/p>\n<p>Auch das 2018 er\u00f6ffnete Luxushotel \u201eThe Fontenay\u201c an der Au\u00dfenalster folgte dem Anspruch, Hamburg auf ein Niveau zu heben, das K\u00fchne der Stadt zutraute und das er in ihr nicht immer vorzufinden meinte. Das Haus sollte internationale Ma\u00dfst\u00e4be erf\u00fcllen. Es wurde ein kreisrunder, heller, selbstbewusster Bau in bester Lage, ein gro\u00dfes Bekenntnis zur Stadt und zugleich ein wenig ein aus der Schweiz gelandetes Ufo mit Alsterblick. K\u00fchne hatte nicht vor, sich unauff\u00e4llig in die Hamburger Hotellandschaft einzuf\u00fcgen. Er wollte sie ver\u00e4ndern. Auch fast zehn Jahre nach der Er\u00f6ffnung ist es nur wenig im Hamburger Stadt- und Gesellschaftsleben angekommen. Wieder loswerden will es aber auch niemand.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt meinte K\u00fchne, Hamburg leide weniger an fehlenden M\u00f6glichkeiten als an mangelndem Ehrgeiz. Noch Ende 2025 warf er der Stadt vor, \u201eein bisschen eingeschlafen\u201c zu sein. Wirtschaftlich sei sie nicht sehr bedeutend, dem Hafen gehe es schlecht, und auch in der Wissenschaft seien andere besser. Dem Senat hielt er vor, sich mit Mittelm\u00e4\u00dfigkeit zufriedenzugeben. Mit seinen Projekten wolle er dazu beitragen, \u201edass Hamburg ein bisschen aufwacht\u201c. Es war eine harte Diagnose, ausgesprochen von einem Mann, der seit einem halben Jahrhundert nicht mehr in der Stadt lebte, sich aber weiterhin das Recht nahm, \u00fcber ihren Zustand zu urteilen.<\/p>\n<p>Die Hamburger reagierten darauf, wie Hamburger auf ausw\u00e4rtige Ratschl\u00e4ge gew\u00f6hnlich reagieren: Sie h\u00f6rten genau hin und bestritten zugleich die Zust\u00e4ndigkeit des Ratgebers. K\u00fchne wurde bewundert, gebraucht, kritisiert und verspottet. Die Stadt war dankbar f\u00fcr sein Geld, blieb aber misstrauisch gegen\u00fcber seinem Einfluss. Er wiederum liebte Hamburg und fand zugleich regelm\u00e4\u00dfig, dass es seiner Liebe nicht gerecht werde. <\/p>\n<p>Das zeigte sich besonders beim geplanten Neubau der Staatsoper am Baakenh\u00f6ft. K\u00fchne und seine Frau Christine waren gro\u00dfe Opernfreunde. Das bestehende Haus an der Dammtorstra\u00dfe gen\u00fcgte seinen Vorstellungen nicht. Hamburg, so sagte er, sei als internationale und kulturell f\u00fchrende Stadt ohne ein Opernhaus von hohem internationalen Rang nicht komplett. Seine Stiftung erkl\u00e4rte sich bereit, den Neubau zu finanzieren, einschlie\u00dflich m\u00f6glicher Steigerungen der Baukosten. Die Stadt sollte das Grundst\u00fcck \u00fcberlassen, es erschlie\u00dfen und standortbedingte Aufwendungen bis zu einer vereinbarten Grenze \u00fcbernehmen. Nach Fertigstellung sollte das Geb\u00e4ude der Stadt geschenkt werden.<\/p>\n<p>Es war vermutlich das gr\u00f6\u00dfte Geschenk, das Hamburg je von einem einzelnen M\u00e4zen angeboten wurde. Und weil in dieser Stadt auch Geschenke zun\u00e4chst gr\u00fcndlich auf ihre Nebenwirkungen gepr\u00fcft werden, begann sofort eine Debatte \u00fcber Kosten, Einfluss, Transparenz und demokratische Mitwirkung. Manche sahen eine Jahrhundertchance, andere eine Zwangsbegl\u00fcckung. K\u00fchne konnte mit dem zweiten Begriff vermutlich leben. Er wusste, dass Gro\u00dfz\u00fcgigkeit und Macht bei einem Geschenk dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung nicht voneinander zu trennen waren.<\/p>\n<p>\u00dcber dem Opernprojekt lag jedoch von Anfang an ein Schatten, den weder spektakul\u00e4re Architektur noch ein gro\u00dfer Scheck beseitigen konnten. K\u00fchne+Nagel hatte w\u00e4hrend der nationalsozialistischen Herrschaft M\u00f6bel und Hausrat deportierter und ermordeter Juden transportiert und geh\u00f6rte zu den Unternehmen, die von der Auspl\u00fcnderung verfolgter Familien profitierten. In der Hamburger Linken, bei Opferverb\u00e4nden, Historikern und sp\u00e4ter auch bei Kulturschaffenden wurde Klaus-Michael K\u00fchne vorgeworfen, eine transparente und \u00f6ffentliche Aufarbeitung dieser Unternehmensgeschichte \u00fcber Jahre verhindert oder zumindest nicht erm\u00f6glicht zu haben.<\/p>\n<p>Das war keine nachtr\u00e4gliche Randnotiz zu seinem M\u00e4zenatentum, sondern dessen wundester Punkt. Je gr\u00f6\u00dfer die Projekte wurden, die seinen Namen trugen oder von seiner Stiftung erm\u00f6glicht wurden, desto lauter wurde die Frage nach der Herkunft des Verm\u00f6gens und nach der historischen Verantwortung der Familie. Gegner des Opernprojekts demonstrierten gegen den Vertrag mit der Stiftung. Autoren zogen sich von einem nach ihm benannten Hamburger Literaturpreis zur\u00fcck. Der Vorwurf lautete nicht, dass K\u00fchne als 1937 geborenes Kind pers\u00f6nlich f\u00fcr die Gesch\u00e4fte in der NS-Zeit verantwortlich gewesen sei. Er lautete, dass er als Erbe, Mehrheitsgesellschafter und \u00f6ffentliche Figur eine Aufarbeitung h\u00e4tte erm\u00f6glichen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>K\u00fchne tat sich damit lange schwer. Noch im Fr\u00fchjahr 2025 erkl\u00e4rte er, die Diskussion sei erst 70 Jahre nach Kriegsende aufgekommen und rei\u00dfe alte Wunden auf. Erst sp\u00e4ter sprach er offener \u00fcber die \u201eb\u00f6se\u201c und \u201epeinliche\u201c Zeit, \u00fcber die in seiner Familie wenig gesprochen worden sei. Er denke inzwischen mehr \u00fcber das Thema nach, auch weil er st\u00e4ndig darauf angesprochen werde. Das war eine Bewegung, aber kein Abschluss. Die Auseinandersetzung um K\u00fchne+Nagel und die NS-Zeit wird deshalb auch nach seinem Tod weitergehen.<\/p>\n<p>In dieser Debatte zeigte sich, warum K\u00fchne bis zuletzt eine Reizfigur blieb. Er passte in kein einfaches Bild. Der Versuch, ihn ausschlie\u00dflich als selbstlosen Wohlt\u00e4ter zu beschreiben, unterschlug die Macht, die mit seinem Geld verbunden war, seinen Schweizer Steuersitz und die unzureichend aufgearbeitete NS-Geschichte. Ihn nur als eigenn\u00fctzigen Milliard\u00e4r zu sehen, wurde wiederum weder seinem Einsatz f\u00fcr Wissenschaft und Kultur noch seiner offenkundigen emotionalen Bindung an Hamburg gerecht. Er war weder Stadtheiliger noch blo\u00dfer Zwangsbegl\u00fccker. Sein M\u00e4zenatentum war von denselben Eigenschaften gepr\u00e4gt wie sein Unternehmertum: Disziplin, Ungeduld, Gr\u00f6\u00dfenbewusstsein und die Erwartung, dass aus Geld etwas Sichtbares entstehen m\u00fcsse. Eine Hochschule, ein Hotel, ein Stadionname, ein Opernhaus. K\u00fchne dachte in Institutionen und Geb\u00e4uden, in internationaler Konkurrenz und bleibender Wirkung. Er wollte Hamburg nicht nur helfen. Er wollte die Stadt ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Dabei brauchte er nach eigener Aussage weder \u201eSchmeicheleien\u201c noch \u201eLiebesbezeugungen\u201c. Er wolle die Dinge von der Sache her angehen und gute Beitr\u00e4ge leisten. Das klang n\u00fcchtern und war vermutlich aufrichtig. Gleichwohl d\u00fcrfte ihm nicht entgangen sein, dass mit jedem gro\u00dfen Projekt auch an seinem eigenen Nachruhm gebaut wurde. Benannt werden sollte die neue Oper zwar nicht nach ihm. Aber niemand w\u00fcrde vergessen, wem sie ihre Existenz verdankte.<\/p>\n<p>Die Stiftung regelt das Erbe<\/p>\n<p>Die Stiftung war f\u00fcr K\u00fchne deshalb nicht blo\u00df ein Instrument zu Lebzeiten, sondern die Konstruktion seines Verm\u00e4chtnisses. Er und seine Frau Christine haben keine Kinder. Die bereits 1976 von K\u00fchne und seinen Eltern gegr\u00fcndete Stiftung ist mit der Holding eng verbunden und arbeitet in den Bereichen Logistik, Klima, Medizin und Kultur. Sie betreibt und entwickelt eigene Projekte, statt nur F\u00f6rderantr\u00e4ge zu bewilligen. Darin setzt sie die Arbeitsweise ihres Stifters fort: Themen ausw\u00e4hlen, Strukturen schaffen, Verantwortung behalten.<\/p>\n<p>Zuletzt k\u00fcmmerte sich K\u00fchne noch um die m\u00f6gliche Rettung des Elbtowers. Der unfertige Hochhausstumpf an den Elbbr\u00fccken war alles, was ihm an Hamburg missfiel, in Beton gegossen: ein \u00fcbergro\u00dfer Anspruch, ein gescheitertes Gesch\u00e4ftsmodell und die Gefahr, dass am Ende niemand Verantwortung \u00fcbernehmen wollte. Schon 2024 legte er Vorstellungen f\u00fcr eine Rettung vor und dr\u00e4ngte auf ein gemeinsames Vorgehen von Stadt und privaten Investoren. Seine Holding war bereit, sich mit bis zu 100 Millionen Euro zu beteiligen. Sp\u00e4ter geh\u00f6rte K\u00fchne zu dem Konsortium um den Hamburger Unternehmer Dieter Becken, das \u00fcber eine \u00dcbernahme und Fertigstellung verhandelte.<\/p>\n<p>Typisch war auch hier, dass Hoffnung und Skepsis bei ihm dicht beieinanderlagen. Er hielt es f\u00fcr m\u00f6glich, dass der Turm als Ruine stehen bleiben m\u00fcsse, und warnte davor, sich finanziell die Finger zu verbrennen. Dennoch lie\u00df ihn das Projekt nicht los. Wenn der Elbtower schon begonnen worden sei, sagte er sinngem\u00e4\u00df, solle man ihn auch vollenden und nicht den Stummel stehen lassen. Noch in seinen letzten Lebensmonaten war er damit besch\u00e4ftigt, eine L\u00f6sung f\u00fcr eines der sichtbarsten Probleme der Stadt zu finden. Momentan sieht es nicht danach aus, dass diese L\u00f6sung schnell auf dem Tisch liegt.<\/p>\n<p>Mit Klaus-Michael K\u00fchne verliert Hamburg eine zentrale Figur, an der sie ihre Vorstellungen von B\u00fcrgersinn, privater Macht, historischer Verantwortung und \u00f6ffentlichem Anspruch verhandelte. Sie verliert einen Mann, der sich einmischte, weil er sich zust\u00e4ndig f\u00fchlte, obwohl er l\u00e4ngst anderswo lebte. Einen Mann, \u00fcber den man sich \u00e4rgern konnte und auf dessen n\u00e4chsten Vorschlag man dennoch gespannt war. Einen Mann, der Hamburg h\u00e4ufig ungen\u00fcgend fand und gerade deshalb so viel in diese Stadt investierte.<\/p>\n<p>Der Sch\u00fcler aus Winterhude, den Wolf Biermann einen guten Sohn seiner Vaterstadt nannte, ist nun gestorben. Sein Einfluss endet damit nicht. Die K\u00fchne-Stiftung wird die Hochschule tragen, kulturelle Einrichtungen f\u00f6rdern, das Opernprojekt vorantreiben und in der Stadt sichtbar bleiben. Auch der HSV muss nun keine Insolvenz f\u00fcrchten, alles ist geregelt. Klaus-Michael K\u00fchne hat Hamburg gepr\u00e4gt, als Unternehmer, M\u00e4zen und Reizfigur. Seine Stiftung wird es weiter tun, aber vermutlich weniger emotional.<\/p>\n<p>Reaktionen aus Hamburg<\/p>\n<p>Die ersten Reaktionen aus Hamburg zeigten, wie weit K\u00fchnes Einfluss in die Stadt hineinreichte. Hamburgs Erster B\u00fcrgermeister Peter Tschentscher w\u00fcrdigte K\u00fchne in einem Statement, das er pers\u00f6nlich im Rathaus abgab, als gro\u00dfz\u00fcgigen Stifter, engagierten Partner der Stadt und wichtigen Mitgesellschafter von Hapag-Lloyd. Gemeinsam mit Hamburg habe er die Reederei in schwierigen Zeiten und unter erheblichem pers\u00f6nlichem wirtschaftlichem Risiko unterst\u00fctzt, \u201eweil ihm die Zukunft des Standorts stets am Herzen\u201c gelegen habe. Tschentscher bezeichnete den Verstorbenen als ambitionierten Unternehmer, harten Verhandler und streitbaren Charakter, der mit gro\u00dfer Beharrlichkeit f\u00fcr seine Ziele k\u00e4mpfte. Zugleich habe er ihn in den vergangenen 15 Jahren immer als jemanden erlebt, der \u201etrotz aller Konflikte zu Einigungen und verl\u00e4sslichen Partnerschaften\u201c bereit gewesen sei.<\/p>\n<p> Hamburgs Zweite B\u00fcrgermeisterin Katharina Fegebank (Gr\u00fcne) nannte ihn einen \u201egro\u00dfen Hamburger\u201c, der Kultur, Sport und Wissenschaft mit Leidenschaft gepr\u00e4gt habe. Kultursenator Carsten Brosda (SPD) w\u00fcrdigte K\u00fchne als au\u00dfergew\u00f6hnliche Unternehmerpers\u00f6nlichkeit und gro\u00dfz\u00fcgigen M\u00e4zen, der mit seinem Engagement f\u00fcr Elbphilharmonie, Literaturf\u00f6rderung und den geplanten Opernneubau dazu beigetragen habe, Hamburg als internationale Kulturstadt sichtbar zu machen.  Und der Hamburger SV erinnerte an einen \u201etreuen Gesellschafter, Unterst\u00fctzer und leidenschaftlichen Anh\u00e4nger\u201c, der dem Verein in schwierigen Zeiten immer wieder zur Seite stand. <\/p>\n<p>Die Hamburger Handelskammer nannte K\u00fchne in einer Mitteilung \u201eeine der pr\u00e4gendsten Unternehmerpers\u00f6nlichkeiten unserer Stadt.\u201c Er habe sich \u201emit gro\u00dfem pers\u00f6nlichen Engagement f\u00fcr Wissenschaft, Bildung sowie die Kultur des Standorts eingesetzt und immer wieder Impulse f\u00fcr die Arbeit der Handelskammer gegeben\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Klicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen. 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