{"id":1266389,"date":"2026-08-28T16:34:43","date_gmt":"2026-08-28T16:34:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1266389\/"},"modified":"2026-08-28T16:34:43","modified_gmt":"2026-08-28T16:34:43","slug":"eisverbot-fuer-kinder-in-leipzig-warum-die-stadt-1922-den-eisverkauf-untersagte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1266389\/","title":{"rendered":"Eisverbot f\u00fcr Kinder in Leipzig: Warum die Stadt 1922 den Eisverkauf untersagte"},"content":{"rendered":"<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/speiseis-100.webp\" alt=\"Ein Kind schleckt an einer Kugel Eis in einer Waffel.\" title=\"Ein Kind schleckt an einer Kugel Eis in einer Waffel. | picture alliance\/dpa | Uwe Anspach\" class=\"responsive\"\/><\/p>\n<p>AUDIO: Kein Eis f\u00fcr Kinder &#8211; Welche Gefahren man vor rund 100 Jahren bef\u00fcrchtete (2 Min)<\/p>\n<p class=\"topline\">Als die Stadt den Eisverkauf regulierte<\/p>\n<p>\n                Stand: 28.08.2026 15:57 Uhr<\/p>\n<p class=\"preface\">Zu Beginn des 20. Jahrhunderts geh\u00f6rten Kinder zu den wichtigsten Kunden der Eish\u00e4ndler. Auch in Leipzig war das nicht anders. Doch genau das l\u00f6ste heftige Debatten aus: \u00c4rzte, Lehrer und Stadtr\u00e4te warnten vor gesundheitlichen Gefahren, einer Verf\u00fchrung zu Naschhaftigkeit und mangelnder Sparsamkeit sowie einem Verfall b\u00fcrgerlicher Tugenden. Zeitweise wurde dar\u00fcber diskutiert, Speiseeis erst an Jugendliche ab 14 Jahren zu verkaufen. 1922 wurde ein Verkauf von Eis an Kinder sogar kurzzeitig verboten. Gesundheitliche Risiken, schlechte Hygiene und moralische Bedenken f\u00fchrten zu diesem zeitweiligen Eisverbot. Doch die Stadt Leipzig musste das Verbot schnell wieder zur\u00fccknehmen. Warum die Regelung scheiterte und was sie \u00fcber die Gesellschaft der damaligen Zeit verr\u00e4t, erkl\u00e4rt der Historiker Florian Metzger, im Interview mit MDR Geschichte.<\/p>\n<p class=\"textauthor\">von Nicol\u00e1 Ramminger, MDR GESCHICHTE<\/p>\n<p>                    <a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/eiswagen-leipzig-100.webp\" class=\"zoomimage\" title=\"Bild vergr\u00f6\u00dfern\"><\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/eiswagen-leipzig-100.webp\" alt=\"mobiler Eiswagen in Leipzig \" title=\"Mobiler Eiswagen in Leipzig  | SGM Leipzig\/Adolf Deininger, Inv.-Nr. F\/2575\/2004\" class=\"responsive\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p>                    <\/a><\/p>\n<p>                    Mobiler Eiswagen in Leipzig <\/p>\n<p class=\"\">W\u00e4hrend b\u00fcrgerliche Familien ihren Kindern kontrolliert &#8222;Gefrorenes&#8220; in Konditoreien erlaubten, war das billige Eis aus dem Stra\u00dfenverkauf, das sogenannte &#8222;Groscheneis&#8220; f\u00fcr Arbeiterkinder heftig umstritten und oft verboten. Ein Grund war, dass Konditoreien eine neue Konkurrenz im Stra\u00dfenhandel hatten. Bereits im Jahr 1910 setzten Konditoren-Innungen mancherorts ein Verbot des mobilen Eisverkaufs auf \u00f6ffentlichen Stra\u00dfen und Pl\u00e4tzen durch. In Bayern etwa forderten Konditoren im Jahr 1900 ein Verbot des Eisverkaufs. In Leipzig waren es vor allem die Konfit\u00fcrenh\u00e4ndler, die sich \u00fcber die Konkurrenz durch die Eiswagen beschwerten.<\/p>\n<p>Ausstellung im Stadtgeschichtlichen Museum<\/p>\n<p>    Warum wurde Eis als ungesund angesehen?<\/p>\n<p class=\"\">Nat\u00fcrlich gab es auch hygienische M\u00e4ngel bei der Eisherstellung: Um 1910 gab es in den Haushalten und bei Stra\u00dfenh\u00e4ndlern keine elektrischen Gefrierschr\u00e4nke. Das Eis wurde mit echtem, oft verunreinigtem Blockeis kalt gehalten. Speiseeis wurde au\u00dferdem f\u00fcr den Stra\u00dfenhandel von den sogenannten fliegenden H\u00e4ndlern oft unter katastrophalen hygienischen Bedingungen hergestellt und ungek\u00fchlt gelagert. Es kam h\u00e4ufig zu Infektionen mit Salmonellen, Typhus oder Cholera-Bakterien. Da Kinder die Hauptabnehmer dieses billigen &#8222;Gefrorenen&#8220; waren, traf es sie am h\u00e4rtesten.<\/p>\n<p>    Warum Speiseeis als Gefahr f\u00fcr Kinder galt<\/p>\n<p>                    <a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/historischer-eiswagen-100.webp\" class=\"zoomimage\" title=\"Bild vergr\u00f6\u00dfern\"><\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/historischer-eiswagen-100.webp\" alt=\"Italienische Gelatieri mit Eiswagen, ca. 1910 \" title=\"Italienische Gelatieri mit Eiswagen, ca. 1910  | Privatarchiv Antonietta De Pellegrin, Fotograf unbekannt\" class=\"responsive\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p>                    <\/a><\/p>\n<p>                    Italienische Gelatieri mit Eiswagen, ca. 1910 <\/p>\n<p class=\"\">Ein weiterer Grund waren p\u00e4dagogische Bedenken. In der Kaiserzeit galt der &#8222;unkontrollierte&#8220; Konsum von S\u00fc\u00dfwaren auf der Stra\u00dfe als ungezogen und gesundheitssch\u00e4dlich. S\u00fc\u00dfigkeiten wurden gar mit Tabak und Alkohol gleichgesetzt und als Einstieg in ein &#8222;lasterhaftes Leben&#8220; gesehen. Und so erlie\u00df schlie\u00dflich 1911 auch die Stadt Leipzig eine Verordnung, die den Eisverkauf umfassend regelte. Neben strengen Hygienevorschriften hatten die H\u00e4ndler einen Mindestabstand von 200 Metern zu Schulen und Spielpl\u00e4tzen einzuhalten &#8211; ein freilich \u00fcberwindbares Hindernis.<\/p>\n<p>                    <a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/eisverkauf-konditorei-102.webp\" class=\"zoomimage\" title=\"Bild vergr\u00f6\u00dfern\"><\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/eisverkauf-konditorei-102.webp\" alt=\"Berlin 1932: Andrang bei Konditorei, Stra\u00dfenverkauf Eis\" title=\"Andrang bei einer Konditorei - billigere Konkurrenz ist da nat\u00fcrlich nicht gern gesehen. | Imago\" class=\"responsive\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p>                    <\/a><\/p>\n<p>                    Andrang bei einer Konditorei &#8211; billigere Konkurrenz ist da nat\u00fcrlich nicht gern gesehen.<\/p>\n<p class=\"\">Dieses Verbot betraf gezielt den Stra\u00dfen- und Karrenhandel. In gehobenen Konditoreien oder Caf\u00e9s, in denen Eis unter besseren hygienischen Bedingungen f\u00fcr das B\u00fcrgertum produziert wurde, durften Kinder in Begleitung ihrer Eltern weiterhin Eis verzehren. Erst mit dem Einzug moderner K\u00fchltechnik und strengerer Lebensmittelgesetze in den Folgejahrzehnten verschwand diese Form des Verkaufsverbots wieder.<\/p>\n<p>    Eis als Politikum<\/p>\n<p class=\"\">So wurde Speiseeis um 1900 zum Gegenstand gesellschaftlicher Debatten \u00fcber Gesundheit, Jugendschutz und sogar \u00fcber \u00f6ffentliche Ordnung. Bemerkenswert ist dabei, dass sich die Kritik nicht auf den hohen Zuckergehalt richtete, wie es heute oft der Fall ist. Im Gegenteil: In den 1920er-Jahren galt der hohe Kaloriengehalt von Eis aus Milch, Sahne und Zucker trotz der moralischen Vorbehalte gegen S\u00fc\u00dfigkeiten vielfach als gesundheitlicher Vorteil, da Unterern\u00e4hrung f\u00fcr weite Teile der Bev\u00f6lkerung noch ein deutlich gr\u00f6\u00dferes Problem war als \u00dcbergewicht.<\/p>\n<p class=\"\">Der Historiker Florian Metzger hat auch diesen Aspekt in seiner wissenschaftlichen Arbeit untersucht. Er sagt, unter Fachleuten habe es damals gro\u00dfe Bewunderung f\u00fcr die moderne Produktion in Amerika gegeben. Dort galt Speiseeis aufgrund von Milch, Sahne und Zucker als nahrhaftes Lebensmittel. Die fr\u00fche Speiseeisindustrie in Deutschland griff diese Vorstellung auf und bewarb ihre Produkte in der Weimarer Zeit als Beitrag zur &#8222;Volksgesundheit&#8220;.<\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/eis-softeis-speiseeis-102.webp\" alt=\"Schoko-Vanille-Softeis in einer Muschelwaffel mit Namensloeffelchen, eine typische Nachspeise aus der ehemaligen DDR, ist am 09.10.2018 im Restaurant Volkskammer in Berlin zu sehen.\" title=\"Schoko-Vanille-Softeis in einer Muschelwaffel mit Namensloeffelchen, eine typische Nachspeise aus der ehemaligen DDR, ist am 09.10.2018 im Restaurant Volkskammer in Berlin zu sehen. | picture alliance \/ dpa Themendienst | Franziska Gabbert\" class=\"responsive\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p>Speise-Eis: Vom Gletscher in die Eiswaffel<\/p>\n<p>Eis-Zeit! Ob Softeis wie zu DDR-Zeiten oder die verr\u00fccktesten &#8222;Gelato&#8220;-Kreationen mit Gurke, Malvenbl\u00fcten oder gar Aktivkohle: Speiseeis ist f\u00fcr viele nicht nur im Sommer ein Muss. Eine kleine Geschichte des Speiseeis.<\/p>\n<p>    Gesunde Ern\u00e4hrung unterliegt dem Zeitgeist<\/p>\n<p class=\"\">Am Beispiel der unterschiedlichen Bewertung von Speiseeis wird deutlich, dass sich Vorstellungen von gesunder Ern\u00e4hrung im Laufe der Zeit ver\u00e4ndern. Sie sind nicht starr, sondern werden von gesellschaftlichen Entwicklungen, wissenschaftlichen Erkenntnissen, aber auch aktuellen Herausforderungen beeinflusst. Einfach zusammengefasst: In Zeiten von Mangelern\u00e4hrung war Zucker ein Segen, in Zeiten von \u00dcberern\u00e4hrung ein Fluch. Die Einordnung eines Lebensmittels als gesund oder ungesund sagt deshalb oft ebenso viel \u00fcber die Gesellschaft aus wie \u00fcber das Lebensmittel selbst.<\/p>\n<p>                    <a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/historiker-metzger-100.webp\" class=\"zoomimage\" title=\"Bild vergr\u00f6\u00dfern\"><\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/historiker-metzger-100.webp\" alt=\"Der Historiker Florian Metzger\" title=\"Der Historiker Florian Metzger nascht sozusagen aus wissenschaftlichen Gr\u00fcnden. In seiner Dissertation besch\u00e4ftigt er sich mit der Geschichte von Speiseeis. | Florian Metzger\" class=\"responsive\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p>                    <\/a><\/p>\n<p>                    Der Historiker Florian Metzger nascht sozusagen aus wissenschaftlichen Gr\u00fcnden. In seiner Dissertation besch\u00e4ftigt er sich mit der Geschichte von Speiseeis.<\/p>\n<p>Florian Metzger studierte von 2011 bis 2017 an der Universit\u00e4t Leipzig Geschichte, Philosophie und Arch\u00e4ologie und von 2018 bis 2023 Geschichte an der Georg-August-Universit\u00e4t G\u00f6ttingen. Seit Juni 2024 ist er Stipendiat im Gerda-Henkel-Projekt Transformationen des Wissens. Der Doktorand ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl f\u00fcr Neuere und Neueste Geschichte an der Universit\u00e4t Siegen. Er erforscht im Rahmen seiner Doktorarbeit die Geschichte des Speiseeises mit dem Titel &#8222;<strong>Gelati per tutti? \u00d6ffentlicher Eisgenuss und die Wissensr\u00e4ume des Verkaufs, der Vermarktung und des Verzehrs (ca. 1870\u20131950)<\/strong>&#8222;. Die Arbeit wird von der Gerda-Henkel-Stiftung gef\u00f6rdert und untersucht, wie sich Speiseeis von einem elit\u00e4ren Produkt zu einem umk\u00e4mpften Massenartikel entwickelte und welche Rolle Hygiene, Moral sowie kommunale Ordnungspolitik dabei spielten.<\/p>\n<p>    Historiker Florian Metzger \u00fcber die Geschichte des Speiseeises &#8211; Interview<\/p>\n<p>    Wie sind Sie auf das Thema aufmerksam geworden?<\/p>\n<p class=\"\">In meiner Forschung besch\u00e4ftige ich mich mit der Bedeutung von Wissen im \u00dcbergang zur Moderne, oder anders gesagt: Welche praktischen Kenntnisse waren notwendig, damit aus einem Luxusgut wie Speiseeis ein allt\u00e4gliches Genussmittel werden konnte?<\/p>\n<p class=\"\">Bei meinen Recherchen bin ich dann immer wieder auf den Stra\u00dfenhandel gesto\u00dfen. Der Eiswagen spielte eine zentrale Rolle bei der Verbreitung von Speiseeis und wurde gerade deswegen zu einem regelrechten Politikum, mit dem sich ab 1909 sogar der Stadtrat befasste. In der damaligen Debatte ging es um Fragen von Gesundheit, L\u00e4rm und Verkehr, vor allem aber um den Verkauf von Speiseeis an Kinder und Jugendliche.<\/p>\n<p>    Warum wollte Leipzig den Eisverkauf an Kinder regulieren?<\/p>\n<p class=\"\">Zum einen gab es gesundheitliche Bedenken, denn selbst einwandfreies Speiseeis galt damals weithin als sch\u00e4dlich, etwa wenn es auf n\u00fcchternen Magen gegessen wurde. Mindestens ebenso wichtig waren aber normative Vorstellungen \u00fcber Erziehung und Moral. Sehr deutlich wird das in einer Debatte im Leipziger Stadtparlament: Hier erregte sich ein Stadtverordneter dar\u00fcber, dass &#8222;oben im Schulzimmer&#8220; von Sparsamkeit gesprochen werde, w\u00e4hrend &#8222;unten auf der Stra\u00dfe&#8220; die Verf\u00fchrung durch den Eiswagen st\u00fcnde.<\/p>\n<p class=\"\">Hier kann man sehen, wie zwei Welten aufeinandertrafen: Auf der einen Seite die Welt der Schule, die f\u00fcr Disziplin und Ernsthaftigkeit stand. Auf der anderen Seite der Eiswagen und die Welt des popul\u00e4ren Vergn\u00fcgens, zu der beispielsweise auch das Kino geh\u00f6rte. Diese neue Massenkultur wurde von Teilen des Bildungsb\u00fcrgertums mit erheblichem Unbehagen, zum Teil auch mit offener Verachtung betrachtet. Sie sollte nach M\u00f6glichkeit eingehegt oder zumindest beaufsichtigt werden.<\/p>\n<p>    Gab es in Leipzig schlie\u00dflich wirklich ein Eisverbot f\u00fcr bzw. ein Verkaufsverbot an Kinder?<\/p>\n<p class=\"\">Ein allgemeines Verkaufsverbot f\u00fcr Kinder unter 14 Jahren wurde zwar ausf\u00fchrlich diskutiert, stie\u00df aber auch auf erhebliche Bedenken. Fraglich war zum Beispiel, wie ein solches Verbot wirksam umgesetzt und kontrolliert werden sollte. Letztlich einigte man sich auf einen Kompromiss: Die H\u00e4ndler:innen durften grunds\u00e4tzlich weiter an Kinder verkaufen, mussten aber einen Abstand von 200 Metern zu Schulen und \u00f6ffentlichen Spielpl\u00e4tzen einhalten.<\/p>\n<p class=\"\">Nach dem Ersten Weltkrieg gab es einen erneuten Vorsto\u00df, und 1922 wurde ein allgemeines Verkaufsverbot an Kinder tats\u00e4chlich beschlossen. Dagegen regte sich nun aber Widerstand von Seiten des Stra\u00dfenhandels, der sich nach der Revolution deutlich selbstbewusster als fr\u00fcher zeigte. Der &#8222;Verein Leipziger Stra\u00dfenh\u00e4ndler&#8220; wandte sich an die \u00fcbergeordneten Beh\u00f6rden, und letztlich sprach das Wirtschaftsministerium ein Machtwort: Die blo\u00dfe M\u00f6glichkeit einer Gef\u00e4hrdung reiche nicht aus, die Stadt m\u00fcsse das Verbot wieder zur\u00fccknehmen.<\/p>\n<p>    Welche Vorschriften galten f\u00fcr Eish\u00e4ndler in Leipzig um 1911?<\/p>\n<p class=\"\">Im August 1911 erlie\u00df der Stadtrat erstmals eine Verordnung \u00fcber den Verkehr mit Speiseeis. Die meisten Bestimmungen betrafen die Arbeitsbedingungen und die Lebensmittelhygiene: Zum Beispiel wurde vorgeschrieben, dass die Produktionsst\u00e4tten erst nach Genehmigung des Stadtrates in Benutzung genommen werden d\u00fcrfen. Die R\u00e4umlichkeiten mussten hinreichend gro\u00df, trocken und gut bel\u00fcftet sein. Au\u00dferdem war es von nun an verboten, dass sie gleichzeitig als Wohn- oder Schlafzimmer genutzt werden \u2013 ein Hinweis auf die beengten Verh\u00e4ltnisse dieser Kleinbetriebe. Tats\u00e4chlich wurde das Eis h\u00e4ufig in Hinterh\u00f6fen, Erdgeschosswohnungen oder Kellern hergestellt.<\/p>\n<p class=\"\">Was den Verkauf an Kinder und Jugendliche betrifft, so hatten sich die Stadtverordneten auf einen Kompromiss geeinigt: Die H\u00e4ndler:innen konnten weiterhin verkaufen, aber sie durften sich den Spielpl\u00e4tzen und Schulgrundst\u00fccken nicht auf weniger als 200 Meter n\u00e4hern. Hier wurde also eine Art Bannmeile gezogen, die vor allem als symbolische Abgrenzung zu verstehen ist. Den Stadtverordneten war durchaus klar, dass Kinder ein paar Hundert Meter weit laufen k\u00f6nnen, um sich ein Eis zu holen.<\/p>\n<p>    Wann wurde der Eisverkauf in Leipzig gesetzlich geregelt?<\/p>\n<p class=\"\">Die erste umfassende kommunale Regelung trat am 9. August 1911 mit der &#8222;Verordnung \u00fcber den Verkehr mit Speiseeis&#8220; in Kraft.<\/p>\n<p>    Welche Quellen haben Sie f\u00fcr Ihre Untersuchung ausgewertet?<\/p>\n<p class=\"\">Ich habe versucht, mich der Geschichte des Eisverkaufs von unten zu n\u00e4hern. Das hei\u00dft, ich bin in die Kommunalarchive gegangen und habe die Akten der st\u00e4dtischen Verwaltung gesichtet. In Leipzig wurde ich beim Gesundheitsamt f\u00fcndig, das sich ab der Jahrhundertwende mit dem Handel von Limonaden und Speiseeis besch\u00e4ftigte. Eine zentrale Quelle ist au\u00dferdem das Polizeiamt, das f\u00fcr die \u00dcberwachung und Beschr\u00e4nkung des Stra\u00dfenhandels zust\u00e4ndig war.<\/p>\n<p class=\"\">Erg\u00e4nzend dazu habe ich Interviews mit italienischen Familien gef\u00fchrt, die zum Teil schon seit mehreren Generationen in Deutschland leben und im Eisgesch\u00e4ft t\u00e4tig sind. Diese Perspektive war mir wichtig, denn dadurch wird deutlich: Hinter einem Verwaltungsakt stand immer auch ein konkreter Mensch und h\u00e4ufig eine ganze Familiengeschichte \u2013 vielleicht ein Gro\u00dfvater oder eine Gro\u00dfmutter, die in ihrer jeweiligen Zeit versucht haben, das Beste f\u00fcr sich und ihre Angeh\u00f6rigen zu erreichen.<\/p>\n<p>    Warum eignet sich Speiseeis als Gegenstand historischer Forschung?<\/p>\n<p class=\"\">Mit einer Kugel Eis halten wir ein St\u00fcck der modernen Industriegesellschaft in der Hand. Auf der Seite der Produktion sehen wir die Massenerzeugung von Milch und Zucker, den globalen Handel mit Vanille oder Kakao, neue Transportwege und nat\u00fcrlich die Entwicklung der K\u00e4ltetechnik. Auf der Seite des Konsums sehen wir die Verk\u00fcrzung der Arbeitszeit und steigende L\u00f6hne und Geh\u00e4lter, die den Kauf von Speiseeis \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich machten. Zugleich l\u00e4sst sich auch der Ausbau der modernen Staatlichkeit beobachten, in Form von neuen Beh\u00f6rden und wissenschaftlichen Expertisen, die das gesellschaftliche Leben immer genauer erfassten und regulierten.<\/p>\n<p class=\"\">Am Eiswagen kann man sehr gut sehen, wie diese verschiedenen Entwicklungen zusammenliefen \u2013 und wie diese neuen M\u00f6glichkeiten auf eine Art genutzt wurden, die niemand geplant oder f\u00fcr m\u00f6glich gehalten h\u00e4tte. Zum Beispiel italienische Wanderh\u00e4ndler, die sich auf deutsches Gewerberecht beriefen. Oder Jugendliche, die aus einem kommerziellen Eisstand einen Treffpunkt machten, an dem sie in Ruhe zusammensitzen und Karten spielen konnten.<\/p>\n<p>    Welche neuen Erkenntnisse liefert Ihr Dissertationsprojekt?<\/p>\n<p class=\"\">Ein zentraler Befund meiner Arbeit ist, dass der moderne Massenkonsum nicht allein durch gro\u00dfe Fabriken oder Warenh\u00e4user vorangetrieben wurde, sondern auch durch den Wanderhandel, den der Wirtschaftshistoriker Ulrich Pfister einmal als &#8222;Pionier der Konsumgesellschaft&#8220; bezeichnet hat. Denn der Hausier- und Stra\u00dfenhandel brachte neue Produkte zu den Menschen und erreichte dabei zum Beispiel auch Arbeiterquartiere oder Ortschaften in l\u00e4ndlichen Regionen.<\/p>\n<p class=\"\">Ich verbinde diese Konsumgeschichte mit einer wissensgeschichtlichen Perspektive und frage, welche Kenntnisse f\u00fcr diesen Prozess notwendig waren. Dabei interessiert mich das praktische Wissen der H\u00e4ndler:innen, zum Beispiel \u00fcber lokale Konsumvorlieben und Verkaufsm\u00f6glichkeiten. Mich interessiert aber auch das neue wissenschaftliche und administrative Wissen von Beamten, Chemikern und Medizinern, die den Stra\u00dfenhandel beobachteten, bewerteten und regulierten.<\/p>\n<p>    Gab es \u00e4hnliche Regelungen zum Eisverkauf auch in anderen deutschen St\u00e4dten?<\/p>\n<p class=\"\">Ja, entsprechende Regelungen gab es in vielen deutschen St\u00e4dten dieser Zeit. Die Stadt D\u00fcsseldorf zum Beispiel verbot schon 1909 den Verkauf von Speiseeis an Kinder unter 14 Jahren, zus\u00e4tzlich zur Einschr\u00e4nkung des Eishandels in der N\u00e4he von Spielpl\u00e4tzen. Auch in Kassel oder Merseburg finden sich vergleichbare Verbote.<\/p>\n<p class=\"\">Besonders interessant ist dabei der administrative Austausch unter den Kommunen. Als Leipzig seine Regelung vorbereitete, zog die Verwaltung zum Beispiel eine entsprechende Verordnung aus Barmen heran. Einige Jahre sp\u00e4ter erkundigte sich die Stadt in Kassel und Berlin nach den dort gemachten Erfahrungen mit weitergehenden Verboten.<\/p>\n<p>    Wie unterscheiden sich die Leipziger Debatten von heutigen Diskussionen \u00fcber Kinderern\u00e4hrung?<\/p>\n<p class=\"\">Wenn es heute um Ern\u00e4hrungsfragen geht, steht meistens der Zucker- oder Fettgehalt im Mittelpunkt. Interessanterweise spielt aber gerade dieser Aspekt in der Leipziger Verbotsdebatte keinerlei Rolle, und einige Jahre sp\u00e4ter, in den 1920er-Jahren, wurde der Kaloriengehalt des Speiseeises sogar zu einer Tugend gemacht. In einer Gesellschaft, in der Mangel- und Unterern\u00e4hrung ein weitverbreitetes gesellschaftliches Problem war, waren ja Milch oder Sahne ein gesundheitlicher Vorteil. Die fr\u00fche Speiseeisindustrie machte sich das zunutze und bewarb ihre Produkte in der Weimarer Zeit als Beitrag zur &#8222;Volksgesundheit&#8220;.<\/p>\n<p class=\"\">Daran sieht man sehr gut, dass Vorstellungen von gesunder Ern\u00e4hrung nicht zeitlos sind. Was wir an einem Lebensmittel als gesund oder ungesund bewerten, h\u00e4ngt immer auch davon ab, welche sozialen Probleme uns gerade besch\u00e4ftigen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"AUDIO: Kein Eis f\u00fcr Kinder &#8211; Welche Gefahren man vor rund 100 Jahren bef\u00fcrchtete (2 Min) Als die&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1266390,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1832],"tags":[77400,3364,29,13676,261616,261625,5763,114408,261620,27393,30,2989,261621,71,261622,261617,859,261627,261628,53526,261618,261623,261624,843,261619,261626,23055],"class_list":["post-1266389","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-leipzig","tag-eiswagen","tag-de","tag-deutschland","tag-eis","tag-eisverkauf-an-kinder","tag-erdbeereis","tag-ernaehrung","tag-fett","tag-florian-metzger","tag-gelato","tag-germany","tag-geschichte","tag-geschichte-des-speiseeises","tag-leipzig","tag-leipzig-1922","tag-leipzig-eisverbot","tag-sachsen","tag-schokoeis","tag-schokoladeneis","tag-speiseeis","tag-speiseeis-in-leipzig","tag-strassenverkauf","tag-vanilleeis","tag-verkauf","tag-verkauf-von-eis-an-kinder","tag-zitroneneis","tag-zucker"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/117174108525174760","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1266389","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1266389"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1266389\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1266390"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1266389"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1266389"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1266389"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}