{"id":1267588,"date":"2026-08-29T12:29:38","date_gmt":"2026-08-29T12:29:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1267588\/"},"modified":"2026-08-29T12:29:38","modified_gmt":"2026-08-29T12:29:38","slug":"estland-als-testlabor-fuer-neue-synthetische-drogen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1267588\/","title":{"rendered":"Estland als Testlabor f\u00fcr neue synthetische Drogen"},"content":{"rendered":"<p>            <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"ts-image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/spritze-drogen-100.jpg\" alt=\"Eine benutze Spritze liegt in einem Geb\u00fcsch.\" title=\"Eine benutze Spritze liegt in einem Geb\u00fcsch. | dpa\"\/><\/p>\n<p>                    <strong>Europamagazin<\/strong><\/p>\n<p class=\"metatextline\">Stand: 29.08.2026 \u2022 11:37 Uhr<\/p>\n<p class=\"article-head__shorttext\">\n        <strong>Estland ist zu einer Art Testmarkt f\u00fcr synthetische Drogen geworden. Das Land hat die h\u00f6chste Zahl von Drogentoten pro Einwohner in der EU. Dabei war es eigentlich besonders erfolgreich im Kampf gegen illegale Opioide. <\/strong>\n    <\/p>\n<p>                                    <a class=\"authorline__link\" href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/korrespondenten\/christian-stichler-108.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><br \/>\n                                        <img decoding=\"async\" class=\"authorline__img\" alt=\"Christian Stichler\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/stichler-120.jpg\"\/><br \/>\n                                    <\/a><\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">&#8222;Dieses Cychlorphin haut dich einfach um&#8220;, sagt Julia auf einer Parkbank am Stadtrand von Tallinn. Die 34-J\u00e4hrige hat eine lange Drogenkarriere hinter sich: Heroin, Fentanyl, Amphetamin und zuletzt Nitazen und Cychlorphin.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Es sind Stoffe, die Drogenexperten weltweit gerade alarmieren. Denn sie sind hundertfach wirksamer als das nat\u00fcrlich hergestellte Heroin. Schon eine winzige \u00dcberdosis kann t\u00f6dlich sein. In Estland dominieren diese synthetischen Opioide fast vollst\u00e4ndig den Drogenmarkt und haben Heroin praktisch verdr\u00e4ngt.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Mart Kalvet, der f\u00fcr Lunest arbeitet, eine Interessenvertretung der Drogens\u00fcchtigen in Estland, beschreibt die Situation so: &#8222;Wir sind seit ein paar Jahren zu einer Art Testmarkt f\u00fcr synthetische Opioide geworden.&#8220; Dahinter vermutet er kriminelle Netzwerke. Das gr\u00f6\u00dfte Problem sei, dass die Leute h\u00e4ufig nicht w\u00fcssten, was sie konsumieren: &#8222;Das Zeug sieht immer gleich aus. Aber du siehst nicht, welche Molek\u00fcle da drinstecken.&#8220; Auch deshalb spitzt sich die Krise zu.<\/p>\n<p>    &#8222;Wir dachten, wir h\u00e4tten die Krise bew\u00e4ltigt&#8220;<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Dabei hat Estland eigentlich eine Erfolgsgeschichte im Kampf gegen Drogen zu erz\u00e4hlen. Der baltische Staat war eines der L\u00e4nder, in dem sich Fentanyl vor mehr als 20 Jahren verbreitete &#8211; lange bevor das urspr\u00fcngliche Schmerzmittel in den USA zu einer Massendroge wurde. Nach nur wenigen Jahren wurde der gesamte Drogenmarkt von Fentanyl bestimmt.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Dann schlug die estnische Polizei zu und legte den kriminellen Netzwerken das Handwerk. Der Erfolg stellte sich ein: Die Zahl der Drogentoten ging bis 2018 um mehr als 50 Prozent zur\u00fcck.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">&#8222;Wir dachten, wir h\u00e4tten die Krise bew\u00e4ltigt&#8220;, sagt Rait Pikaro von der Kriminalpolizei in Tallinn heute. Die Zahl der Toten im Zusammenhang mit Fentanyl erreichte einen Tiefpunkt. Aber der Erfolg war nicht von Dauer. Schon wenige Jahre sp\u00e4ter tauchten in Estland neue Stoffe auf.<\/p>\n<p>    Synthetische Drogen lassen sich \u00fcberall mischen<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Zuerst Nitazen, dann Cychlorphin. Beides sind synthetische Opioide, deren Grundsubstanzen aus der Arzneimittelindustrie stammen. Sie lassen sich in mobilen Laboren zusammenmischen. F\u00fcr diese Drogenk\u00fcchen gebe es keine geographischen Grenzen mehr, klagt Rait Pikaro. &#8222;Die Zutaten kommen aus Asien oder anderen L\u00e4ndern. Aber dann werden die Stoffe irgendwo gemixt und aufbereitet. Es ist eine st\u00e4ndige Jagd nach diesen Laboren.&#8220;<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Aktuell kann die estnische Polizei keine gr\u00f6\u00dferen Ermittlungserfolge vorweisen. Aber sie wissen: Eine der vielen Spuren f\u00fchrt ins Nachbarland Lettland. Das erkl\u00e4rt der Kripochef im Interview mit der ARD. Es sei ein schwieriger Kampf, weil die Spuren sich kaum nachverfolgen lassen &#8211; im Gegensatz zu Heroin oder Kokain, bei denen das Naturprodukt irgendwie nach Europa kommen muss.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Aber der Kampf sei ist nicht hoffnungslos, sagt Pikaro: &#8222;Wir haben 500 Menschenleben retten k\u00f6nnen &#8211; das ist unsere Erfolgsgeschichte bei Fentanyl. Und sie zeigt, dass wir es noch einmal schaffen k\u00f6nnen.&#8220; Aber er f\u00fcgt auch hinzu: Solange es eine Nachfrage nach diesen Drogen gibt, werde es immer wieder Akteure geben, die mit neuen Substanzen auf den Markt kommen.<\/p>\n<p>    Eine Spritze nach der anderen<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Weil die Krise nicht besser wird, ist auch Marju Petrov mit ihrer Kollegin fast jeden Tag unterwegs. Die beiden arbeiten f\u00fcr Convictus, die Drogenhife in Rakvere, einem Ort auf halber Strecke zwischen Tallinn und der russischen Grenze bei Narva. Die beiden halten saubere Spritzen, Kleidung und Medikamente bereit. Ihr B\u00fcro liegt gegen\u00fcber einem Einkaufszentrum in der Innenstadt von Rakvere. Aber sie fahren auch hinaus auf die D\u00f6rfer, um den Menschen vor Ort zu helfen.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">An einem sonnigen Sp\u00e4tsommertag sind sie in Tapa unterwegs. Zu ihren Aufgaben geh\u00f6rt es auch, weggeworfenes Drogenbesteck einzusammeln. Es dauert an diesem Vormittag nicht lange, bis eine Spritze nach der anderen in ihren gelben Beh\u00e4lter plumpst. F\u00fcr sie ein kleiner Erfolg, auch wenn jede Spritze ein Zeichen der grassierenden Drogenflut ist. Ob ihre Arbeit einmal \u00fcberfl\u00fcssig werden k\u00f6nnte? Marju sch\u00fcttelt den Kopf. &#8222;Nein, das nicht. Aber wenn auch nur einer oder eine im Jahr damit aufh\u00f6rt, ist das f\u00fcr uns Anlass zu gro\u00dfer Freude.&#8220;<\/p>\n<p>    Ern\u00fcchternde Zahlen<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Doch die Zahlen bleiben ern\u00fcchternd. In den ersten Monaten dieses Jahres hat es schon wieder einen neuen Rekord an Drogentoten in Estland gegeben. Deshalb m\u00fcssen die Beh\u00f6rden umdenken, ist Mart Kalvet \u00fcberzeugt. Er k\u00e4mpft f\u00fcr die Entkriminalisierung des Drogenkonsums und fordert, dass Abh\u00e4ngige so schnell wie m\u00f6glich in der Lage sein sollten, ihren Stoff vor dem Konsum testen zu lassen. Damit sie wissen, was sie konsumieren. &#8222;In diesem Punkt kann Estland viel von anderen L\u00e4ndern lernen&#8220;, meint er.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Kristin Mikko, die im estnischen Sozialministerium die Drogenpolitik koordiniert, ist stolz darauf, was ihr Land bei Fentanyl gelungen ist. Aber sie sieht ihre Aufgabe als ein st\u00e4ndiges Auf und Ab. &#8222;Wenn die eine Krise vorbei ist, musst du dich auf die n\u00e4chste vorbereiten.&#8220;<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">Zur\u00fcck am Stadtrand von Tallinn. Die drogenabh\u00e4ngige Julia geht derzeit an Kr\u00fccken. Sie hat ein entz\u00fcndetes Knie. Seit ein paar Monaten ist sie in einem Methadon-Programm. Einen ersten R\u00fcckfall hatte sie schon. Auf der Parkbank zwischen ein paar jungen Birken sagt sie: &#8222;Vor dem Tod habe ich keine Angst mehr.&#8220; Sie habe nur einen Wunsch: dass ihr Knie bald wieder gesund werde. Denn dann m\u00f6chte sie wieder als Kurierfahrerin arbeiten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Europamagazin Stand: 29.08.2026 \u2022 11:37 Uhr Estland ist zu einer Art Testmarkt f\u00fcr synthetische Drogen geworden. 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