{"id":1267864,"date":"2026-08-29T15:27:22","date_gmt":"2026-08-29T15:27:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1267864\/"},"modified":"2026-08-29T15:27:22","modified_gmt":"2026-08-29T15:27:22","slug":"familiengeheimnisse-auf-arte-die-beste-serie-ueber-jugendliche-abgruende-seit-adolescence","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1267864\/","title":{"rendered":"\u201eFamiliengeheimnisse\u201c auf Arte: Die beste Serie \u00fcber jugendliche Abgr\u00fcnde seit \u201eAdolescence\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Sturmfrei: Unter pubertierenden Jugendlichen kommt es zu einem sexuellen \u00dcbergriff. Aber was ist wirklich passiert? Die spanische Serie \u201eFamiliengeheimnisse\u201c auf Arte verhandelt das, was auch f\u00fcr viele Eltern das Schlimmste ist.<\/p>\n<p class=\"c-inline-alert__description\">Klicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Die \u201eRevetlla de Sant Joan\u201c oder Johannisnacht markiert in Katalonien den Sommeranfang. Der wird ausgiebig gefeiert, mit Tanz und Mitternachtsfeuer. Und mit \u201eCastells\u201c, T\u00fcrmen oder Pyramiden aus Menschen. Hinter diesen Burgen stecken Gruppen, die \u201eColles\u201c. Dass verschiedene Colles untereinander wetteifern, wer die h\u00f6here und komplexer gebaute Menschenburg pr\u00e4sentiert, macht es notwendig, dass ganzj\u00e4hrig geprobt und trainiert wird. Castells sind keine Flashmobs. Was auch hei\u00dft, dass die Mitglieder der Colles gro\u00dfe Teile ihrer Freizeit im Verein verbringen. Im besten Fall bleibt die Verbindung ein Leben lang bestehen. <\/p>\n<p>In der spanischen Serie \u201eFamiliengeheimnisse\u201c, die jetzt auf Arte l\u00e4uft, hei\u00dft es einmal, dass man im Menschenturm im Laufe seines Lebens immer weiter nach unten wandert. Das hat nichts mit Altersdiskriminierung zu tun \u2013 im Gegenteil: Verst\u00e4ndlicherweise sind es die ganz Jungen, die, leicht wie Kinder nun mal sind, die luftige Spitze eines Castells bilden. Je \u00e4lter und schwerer ein Mitglied, desto mehr taugt es f\u00fcr die unteren Stockwerke. Irgendwann tr\u00e4gt es zum Fundament der Menschenpyramide bei.<\/p>\n<p>So ein Verein, in dem man im Laufe seines Lebens unterschiedliche Positionen einnimmt, kann sich wie eine erweiterte Familie anf\u00fchlen. Eine Familie, die auch zur eigenen, echten Familie in Konkurrenz tritt. Friktionen zwischen Vater, Mutter, Kindern und der gr\u00f6\u00dferen Vereinsfamilie sind wohl kaum seltener als Reibereien unter Blutsverwandten. Oder, quasi ein Stockwerk h\u00f6her: unter Vereinsmeiern.<\/p>\n<p>Gerade, weil sich beim Aufbau der Pyramide jeder auf den anderen verlassen muss \u2013 sonst bricht das Ganze in sich zusammen \u2013, k\u00f6nnen Geheimnisse, die die tempor\u00e4ren Burgbewohner voreinander haben, kontraproduktiv wirken. Eine Wagenburgmentalit\u00e4t in Familie oder Verein kann aber genauso dazu f\u00fchren, dass Probleme niemals thematisiert werden. Die spanische Serie nutzt die metaphorische Kraft, die im Castell steckt, \u00e4u\u00dferst klug und gibt \u00fcber sechs Folgen, von denen keine zu viel ist, einen guten Einblick in eine komplex ver\u00e4stelte Sozialstruktur, deren Stabilit\u00e4t auf die Probe gestellt wird.<\/p>\n<p>Eine alleinerziehende Mutter mit Geldsorgen besucht mit ihrem pubertierenden Sohn ihren Heimatort. Der Vater, ein Patriarch, der Brieftauben z\u00fcchtet und eine erfolgreiche Lackiererei leitet, ist gerade von seinem Posten als erster Mann im \u00f6rtlichen Castell-Verein zur\u00fcckgetreten. Die Firma will er dem Sohn noch nicht \u00fcberlassen \u2013 aber den Verein. Zu diesem Konfliktherd gesellen sich unterschiedliche Weltbilder zwischen den Zuhausegebliebenen und der Heimkehrerin: Die ist n\u00e4mlich nicht nur als alleinerziehende Weggezogene ein Gegenpol zu ihrem Bruder, der die Familientradition weiterf\u00fchrt und in einer konventionellen Ehe lebt. Seine konservativen Ansichten werden auch dadurch herausgefordert, dass seine Schwester Autorin feministischer Sachb\u00fccher ist.<\/p>\n<p>Pol, ihr dreizehnj\u00e4hriger Neffe, hat zwei beste Freunde im Castell-Verein. Manu (gl\u00e4nzend gespielt von Aina Mart\u00ednez) lebt nach dem Unfalltod der Mutter allein mit ihrem Vater, Steven ist Sohn von Migranten aus Lateinamerika. Nachdem die drei, mit Pols Cousin Roger jetzt ein Viergespann, in der Johannisnacht mit \u00e4lteren Jugendlichen Schn\u00e4pse getrunken haben, Roger mit einem M\u00e4dchen intim geworden ist und Manu ihren wohl ersten Kuss bekommen hat, \u00fcbernachten sie bei Pol. Sie haben sturmfrei, trinken weiter und nehmen sogar die Viagra-Pillen aus dem elterlichen Nachttisch. Dann passiert etwas, was erst im Verlauf der Serie mehr und mehr ans Licht kommt. Selbst Manu kann sich, trotz un\u00fcbersehbarer Spuren dessen, was sich als sexueller \u00dcbergriff erweisen soll, zun\u00e4chst nicht erinnern. Aber es gibt ein Video aus der Nacht, das suggeriert, was passiert ist.<\/p>\n<p>Dass Pol, der offensichtlich homoerotische Neigungen f\u00fcr Steven hegt, dieses Video einem \u00e4lteren Jungen schickt, um zu beweisen, was f\u00fcr ein toller (Hetero-)Hecht er ist, dass Lucia, ein weiteres M\u00e4dchen aus dem Verein, aus diesem schnell zirkulierenden Video schlie\u00dft, Manu sei vergewaltigt worden, dass schlie\u00dflich bald klar ist, dass Pol, schon 14, der einzige seiner Freunde w\u00e4re, f\u00fcr den diese Nacht legale Konsequenzen haben k\u00f6nnte, l\u00f6st eine Kaskade von Konflikten aus.<\/p>\n<p>\u201eFamiliengeheimnisse\u201c ist keine \u00dcbersetzung des Originaltitels. Der lautet schlicht \u201ePubertat\u201c und weckt damit Assoziationen zur britischen Serie \u201eAdolescence\u201c, die 2025 in aller Munde war. Der ambitioniert gefilmte Vierteiler handelte von einem 13\u2011J\u00e4hrigen, der eine Mitsch\u00fclerin ersticht. Ein ganz \u00e4hnliches Thema behandelte schon 2020 die um Klassen schw\u00e4chere Serie \u201eVerschwiegen\u201c (\u201eDefending Jacob\u201c) mit Chris Evans als Vater und Staatsanwalt in Gewissenskonflikten. In \u201eFamiliengeheimnisse\u201c stirbt niemand. Zwar weit weniger beeindruckend gefilmt, hat man seit \u201eAdolescence\u201c nichts Besseres \u00fcber jugendliche Abgr\u00fcnde streamen k\u00f6nnen als diese Serie.<\/p>\n<p>Schwierig zu sagen, ob der deutsche oder der spanische Titel die Serie besser trifft, die nicht nur die Sexualit\u00e4t Pubertierender in Zeiten von Internet-Pornografie, maskulinistischer Influencer und Mobbing auf Social Media thematisiert, sondern auch die Sexualit\u00e4t der \u00e4lteren Generationen: Stevens Mutter liebt eigentlich eine Frau, kann aber ihre Familie nicht verlassen, weil die Abschiebung droht \u2013 obwohl alle, die den Turm bilden, lila Uniformen tragen, unterscheiden sie sich in ihren Lebenswegen und -chancen gewaltig. Das Viagra liegt auch nicht ohne Grund im Nachttisch von Pols Eltern.<\/p>\n<p>Und die feministische Schriftstellerin, die nicht mehr ganz so felsenfest an der Seite m\u00f6glicher Opfer sexueller \u00dcbergriffe steht, wenn der eigene Sohn ein potenzieller T\u00e4ter ist, fl\u00fcchtet sich in die Arme jenes Mannes, mit dem sie eine Aff\u00e4re hatte, als sie 17 war \u2013 und er in seinen Vierzigern. Auch Lucia verbirgt hinter ihrem Netzfeminismus Verletzungen, die sie in der eigenen Familie erleidet. All das k\u00f6nnte freilich zu viel sein f\u00fcr einen Sechsteiler und ist es manchmal auch. Das aber macht \u201eFamiliengeheimnisse\u201c durch seinen Formwillen wett: Wie im Castell muss jeder Teil den anderen st\u00fctzen \u2013 und tut das auch.<\/p>\n<p>\u201eFamiliengeheimnisse\u201c l\u00e4uft ab dem 3.9. auf Arte und ist jetzt schon in der Arte-Mediathek zu sehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Sturmfrei: Unter pubertierenden Jugendlichen kommt es zu einem sexuellen \u00dcbergriff. Aber was ist wirklich passiert? 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