{"id":1269520,"date":"2026-08-30T10:55:18","date_gmt":"2026-08-30T10:55:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1269520\/"},"modified":"2026-08-30T10:55:18","modified_gmt":"2026-08-30T10:55:18","slug":"spektakulaere-flucht-10-000-kilometer-quer-durch-russland-wie-zwei-soldaten-vor-putins-krieg-flohen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1269520\/","title":{"rendered":"Spektakul\u00e4re Flucht: 10.000 Kilometer quer durch Russland \u2013\u00a0Wie zwei Soldaten vor Putins Krieg flohen"},"content":{"rendered":"<p class=\"c-inline-alert__description\">Klicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Ziemlich genau ein Jahr ist Rustams Urlaub in Wladiwostok her. Er war mit Freunden dort, in der gro\u00dfen russischen Stadt am Pazifik, abends hatten sie in einem Restaurant gegessen. Pl\u00f6tzlich war ein Mercedes vorgefahren, ohne Kennzeichen. Vier M\u00e4nner stiegen aus, betraten das Lokal und zeigten irgendwelche Ausweise. Dann kontrollierten sie die Papiere der Anwesenden. \u201eMit meinem Pass\u201c, erinnert sich Rustam, \u201egab es ein Problem. Sie sagten mir, ich m\u00fcsse mitkommen. Sofort.\u201c <\/p>\n<p>Die M\u00e4nner brachten ihn auf eine Polizeiwache. Gegen ihn werde im Sinne des Strafgesetzbuches Anklage erhoben, er habe Polizeibeamte angegriffen. \u201eDas war v\u00f6lliger Unsinn. Komplett aus der Luft gegriffen. Aber was ich sagte, war egal. Sie schlugen mich zusammen, hielten mich zwei Tage lang fest.\u201c Dann holten ihn Angeh\u00f6rige des Milit\u00e4rs ab. Sie schickten ihn nach Saporischschja, an die Front in der Ukraine.<\/p>\n<p>Jetzt sitzt Rustam in einem verschlafenen, finnischen Ort am Ufer einiger Seen, die unaussprechliche Namen mit vielen Umlauten tragen. Es gibt einen kleinen Bahnhof, ein Rathaus aus Holz, im Sommer geht die Sonne nur f\u00fcr wenige Stunden unter. <\/p>\n<p>Rustam und sein Kumpan Igor leben schon acht Monate hier. Sie genie\u00dfen die Ruhe, denn sie haben chaotische Jahre hinter sich. Beide kommen aus Russland und sind <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/article6978b4da707d4aa207583248\/von-wegen-schutz-deutschland-droht-der-familie-eines-russischen-deserteurs-mit-abschiebung.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/article6978b4da707d4aa207583248\/von-wegen-schutz-deutschland-droht-der-familie-eines-russischen-deserteurs-mit-abschiebung.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">von der Front desertiert<\/a>. Nach Jahren des Versteckspielens haben sie es nach Finnland geschafft. \u201eDas hier ist ein Dorf. Die Leute trinken. Oder schlafen.\u201c <\/p>\n<p>Bei gutem Wetter ist Japan zu sehen<\/p>\n<p>Ihre russische Heimatstadt Korsakow ist unendlich weit weg. Die Hafenstadt liegt am Pazifischen Ozean, gelegen auf der Insel Sachalin, die zu Russland geh\u00f6rt. Bei gutem Wetter sieht man die japanische K\u00fcste, die F\u00e4hre braucht lediglich drei Stunden bis nach Wakkanai, einem entlegenen St\u00e4dtchen auf Hokkaido. Weder Igor noch Rustam waren je dort.<\/p>\n<p>Auf Sachalin leben knapp 700.000 Menschen, die Insel ist etwa so gro\u00df wie Bayern. \u201eMan kennt sich\u201c, beschreibt Igor seine Heimatinsel. Er war 27 damals, als sie ihn mitnahmen. \u201eEs war der Herbst 2022, einen Tag, nachdem Putin den <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article241175827\/Ukraine-Krieg-300-000-Reservisten-fuer-die-Front-Putin-kuendigt-Teilmobilisierung-an.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article241175827\/Ukraine-Krieg-300-000-Reservisten-fuer-die-Front-Putin-kuendigt-Teilmobilisierung-an.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Befehl zur Mobilmachung<\/a> gegeben hatte. Ich ging gerade vor die T\u00fcr. Eine rauchen. Zwei M\u00e4nner in Uniform sprachen mich an.\u201c <\/p>\n<p>Igor m\u00fcsse mitkommen aufs Kreiswehrersatzamt, sagten sie. Er geh\u00f6re zur Reserve, m\u00fcsse drei Monate Dienst tun, im russischen Hinterland. Igor ging mit \u2013 und durfte die Beh\u00f6rde nicht mehr verlassen. Am n\u00e4chsten Tag sa\u00df er schon im Flieger nach S\u00fcdrussland. \u201eVon dort brachten sie uns in den <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article69eb5a2526442256f6b58c51\/festungsguertel-entscheidungsschlacht-im-donbass-an-der-wichtigsten-front-im-ukraine-krieg.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article69eb5a2526442256f6b58c51\/festungsguertel-entscheidungsschlacht-im-donbass-an-der-wichtigsten-front-im-ukraine-krieg.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Donbass<\/a>.\u201c<\/p>\n<p>Igor war nicht im Hinterland, sondern an der Front gelandet. Ein Albtraum begann. \u201eWir lebten in L\u00f6chern, die wir uns selbst gegraben hatten. M\u00e4use fra\u00dfen unser Essen. Gleichzeitig wurden wir von M\u00f6rsern und Drohnen beschossen.\u201c Die Kameraden seien gestorben wie die Fliegen. St\u00e4ndig habe man versprochen, dass man die M\u00e4nner bald auswechseln werde. Aber das passierte nie. <\/p>\n<p>Ein Jahr war Igor im Donbass. \u201eEines Tages wieder ein Angriff. Ich bin stundenlang zwischen Leichen umhergekrochen. Da verstand ich, dass ich hier raus muss.\u201c Ein Einheimischer, der seiner Einheit manchmal Lebensmittel geliefert hatte, half ihm, den Frontabschnitt zu verlassen. Igor war desertiert.<\/p>\n<p>Mit seinem Milit\u00e4rpass kaufte er sich ein Flugticket zur\u00fcck nach Sachalin. Seinen Pass trug er nicht bei sich. \u201eDas war gut. Denn erst sp\u00e4ter erfuhr ich, dass Fl\u00fcge, die man mit dem Milit\u00e4rpass kauft, im System anders gespeichert werden.\u201c Das hie\u00df: Niemand erfuhr, dass er nach Sachalin zur\u00fcckgekehrt war. Man glaubte ihn verschollen, was nicht ungew\u00f6hnlich gewesen w\u00e4re \u2013 M\u00e4nner starben, ihre Leichen lagen im Feld herum, nicht immer wurden sie geborgen. <\/p>\n<p>Eineinhalb Jahre lebte Igor inkognito auf <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/article6a829c42169e8e32c0aead8f\/fehmarn-putin-verlegt-kriegsschiff-in-die-ostsee-russland-hat-das-recht-feindliche-schiffe-anzugreifen.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/article6a829c42169e8e32c0aead8f\/fehmarn-putin-verlegt-kriegsschiff-in-die-ostsee-russland-hat-das-recht-feindliche-schiffe-anzugreifen.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Sachalin<\/a>. \u201eIch versteckte mich bei Freunden. Sie halfen mir, Arbeit zu finden. Brachten mich unter.\u201c Er war nicht \u00fcbervorsichtig, fuhr in die Hauptstadt nach Juschno-Sachalinsk, ging feiern. \u201eDie wussten ja nicht, dass ich auf der Insel bin.\u201c <\/p>\n<p>Doch irgendwann schienen die Beh\u00f6rden verstanden zu haben, dass er desertiert und nicht verschollen war. \u201ePl\u00f6tzlich fuhren sie st\u00e4ndig zu meiner Mutter und besuchten sie in ihrer Wohnung, fragten sie, wo ich abgeblieben sei. Sie sagte nur, sie wisse nichts.\u201c<\/p>\n<p>Herbst 2024. Igor und Rustam kannten sich zu dieser Zeit noch nicht. W\u00e4hrend Igor sich mit Kellnerjobs \u00fcber Wasser hielt, betrieb Rustam gemeinsam mit seinem Bruder einen Gemischtwarenladen. Das Gesch\u00e4ft ging gut. <\/p>\n<p>\u201eIch dachte, ich sterbe\u201c<\/p>\n<p>Aber dann nahm er den verh\u00e4ngnisvollen Urlaub, reiste mit Freunden ins eineinhalb Flugstunden entfernte Wladiwostok. Dort wurde er verhaftet, von jenen namenlosen M\u00e4nnern, die dem Mercedes entstiegen waren. Das Flugzeug, in dem er schon bald sa\u00df, brachte ihn nicht nach Sachalin zur\u00fcck, sondern an die Front.<\/p>\n<p>Rustam erinnert sich an schreckliche Wochen im Abschnitt <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/newsticker\/dpa_nt\/infoline_nt\/politik_ausland_nt\/article6a626374efccf0c0d5537343\/ukraine-bomben-verletzen-dutzende-in-saporischschja.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/newsticker\/dpa_nt\/infoline_nt\/politik_ausland_nt\/article6a626374efccf0c0d5537343\/ukraine-bomben-verletzen-dutzende-in-saporischschja.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Saporischschja<\/a>. \u201eJeden Tag starben Leute. Wir gruben Tunnel, in denen wir uns versteckten, buddelten uns ein. Aber wir kamen nicht mehr weg von dort.\u201c Sobald sich einer herauswagte, folgte direkt Beschuss. \u201eDas Essen ging uns aus, irgendwann sogar das Wasser. Wir hatten nur unsere Herbstklamotten, und drau\u00dfen wurde es Winter. Ich wurde krank, ich dachte, ich sterbe.\u201c<\/p>\n<p>Eines Tages rief Rustams Anwalt an: \u201eGratuliere, deine Mutter ist gestorben.\u201c Der Mutter ging es gut, aber der Anwalt hatte einen gef\u00e4lschten Totenschein beschafft. Rustam leitete ihn an die Kommandantur weiter \u2013 und die erlaubte ihm, f\u00fcr zehn Tage Urlaub zu nehmen und nach Sachalin zu fahren, auf die Beerdigung.<\/p>\n<p>Das Problem: Rustam war an der Front, unter Dauerbeschuss, ohne M\u00f6glichkeit, das Gebiet zu verlassen. \u201eEs war der 31. Dezember. Und pl\u00f6tzlich senkte sich Nebel herab. Wie eine g\u00f6ttliche F\u00fcgung. Ich floh aus dem Tunnel und schlug mich zum Checkpoint durch.\u201c <\/p>\n<p>Rustam hatte gro\u00dfe Angst: Sollte die F\u00e4lschung des Totenscheins auffliegen, m\u00fcsste er damit rechnen, von seinen Landsleuten erschossen zu werden. \u201eAber es war Neujahr. Die waren alle total besoffen und winkten mich durch.\u201c So flog Rustam nach Sachalin und tauchte unter, mit der festen Absicht, nie wieder in den Krieg zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n<p>Beide M\u00e4nner waren der Front entkommen. Und auf Sachalin zur Fahndung ausgeschrieben. In der \u00d6ffentlichkeit trugen sie Baseballkappen und Brillen, um nicht von der Gesichtserkennung erfasst zu werden. \u201eMeine Freunde kannten meine Geschichte, sie taten alles, um mir zu helfen\u201c, erinnert sich Igor. <\/p>\n<p>\u201eEin paar Mal war es richtig knapp\u201c, erz\u00e4hlt Rustam. \u201eIch sa\u00df gerade mit Freunden auf der Datscha, wir grillten Schaschlik, pl\u00f6tzlich kam die Polizei. Ich konnte aber noch weglaufen.\u201c Einmal habe er aus einem Fenster klettern m\u00fcssen, als es schon an der T\u00fcr h\u00e4mmerte. Die Beh\u00f6rden wussten, dass er sich auf Sachalin aufhielt. Sie suchten nach ihm. \u201eSachalin ist eine Insel, verstehst du?\u201c, erkl\u00e4rt Igor. \u201eJeder kennt jeden. Du kannst dich nicht ewig verstecken.\u201c<\/p>\n<p>So kam es auch. Im Juni 2025 gingen Igor und Rustam der Polizei fast zeitgleich ins Netz. Man steckte die beiden in Milit\u00e4rhaft. Fortan warteten sie darauf, zum K\u00e4mpfen zur\u00fcck in die Ukraine geschickt zu werden. <\/p>\n<p>\u201eDas war eigentlich kein richtiges Gef\u00e4ngnis, in dem wir da sa\u00dfen. Es war eher eine abgetrennte Etage einer Kaserne, mit einer Wache vor dem Eingang\u201c, beschreibt Igor die Haft. Alles sehr provisorisch und unprofessionell. Regelm\u00e4\u00dfig seien Insassen abgef\u00fchrt und <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article6a79e1f60e3689919ec76e28\/ukraine-krieg-nichtsahnender-ex-student-landet-ploetzlich-in-russlands-armee-an-der-front.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article6a79e1f60e3689919ec76e28\/ukraine-krieg-nichtsahnender-ex-student-landet-ploetzlich-in-russlands-armee-an-der-front.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Richtung Front geschickt<\/a> worden. \u201eImmer wenn sie kamen, dachte ich: Jetzt bist du an der Reihe\u201c, erinnert sich Rustam. Doch sie holten ihn nicht.<\/p>\n<p>Eines Morgens lernten sich Rustam und Igor dann kennen. Sie plauderten, zu tun hatten sie ohnehin nichts. \u201eWas willst du vom Leben?\u201c, hatte er Igor gefragt. \u201eIch will leben. Ich will hier raus.\u201c Rustam antwortete: \u201eIch bin dabei.\u201c<\/p>\n<p>In der Milit\u00e4rhaft galten andere Regeln als in einem regul\u00e4ren russischen Gef\u00e4ngnis. Es gab kaum Personal, die Korruption war ungeheuerlich. Rustam bekam das schnell zu sp\u00fcren. Wenn Freunde ihn besuchten, waren sie ausgesprochen nett zu den Wachen. \u201eEin Kumpel war Fischer. Der brachte dem Personal Meeresfr\u00fcchte mit, Krabben, Garnelen\u2026 Das lohnte sich. Ich merkte schnell, dass ich mehr durfte als die anderen.\u201c <\/p>\n<p>Eines Tages bat Rustam um Hafturlaub. \u201eMein Gerichtstermin war nur noch ein paar Tage hin. Ich rief den leitenden Ermittler an, der die ganze Zeit Krabben und Garnelen bekam. Ich sagte ihm, ich w\u00fcrde gerne noch mal meine Familie sehen, bevor es zur\u00fcckgeht an die Front.\u201c Rustam bekam tats\u00e4chlich die Erlaubnis, f\u00fcr ein paar Stunden die Familie zu besuchen. Er kam nie zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Auch Igors Gerichtstermin stand unmittelbar bevor. Doch das Personal war knapp und die Kaserne schlecht ausgestattet. \u201eDie hatten gerade keine Autos parat. Es lief darauf hinaus, dass ich mit einem Aufpasser zu Fu\u00df zum Gericht ging\u201c, erz\u00e4hlt Igor lachend. <\/p>\n<p>\u201eWir latschten dann durch Korsakow. Ich guckte meinen Aufpasser an und verstand: Der ist schon \u00e4lter und untrainiert. Wenn ich jetzt losrenne, holt der mich nie ein.\u201c Also rannte Igor. Der Mann versuchte noch, ihn einzuholen, schrie ihm hinterher, vergeblich. Igor war frei.<\/p>\n<p>Igor und Rustam nahmen Kontakt zueinander auf, misstrauisch erst, sie kannten sich ja kaum. Igor schickte eine Adresse und versteckte sich in der N\u00e4he, als Rustam ankam, um sicherzugehen, dass er keine Polizei im Schlepptau hat. Rustam kam allein. Die M\u00e4nner begr\u00fc\u00dften sich \u2013 und tauchten erneut unter.<\/p>\n<p>\u201eWir lebten im Wald wie die Wilden. Manchmal pennten wir am Meer. Brieten Fleisch. Einmal fing es an zu sch\u00fctten, im Nu waren wir klatschnass. Wir brachen in eine Datscha ein, die leerstand, um wieder trocken zu werden, hausten da zwei Tage.\u201c Die beiden \u00fcberlegten verzweifelt, wie sie die Insel verlassen sollten. Denn an Flugh\u00e4fen und F\u00e4hrstellen wurden nat\u00fcrlich die P\u00e4sse kontrolliert.<\/p>\n<p>Die beiden kauften einen gebrauchten Mitsubishi mit stark get\u00f6nten Scheiben, das Nummernschild war geklaut. Kreuz und quer fuhren sie \u00fcber die Insel. Sie hielten sich vor allem im d\u00fcnn besiedelten Norden der Insel auf. \u201eDa regierten die Gangster, die Polizei fuhr nicht gerne dorthin. Wir wurden dort sogar ganz gut empfangen. Als wir sagten, wir fliehen vor den Bullen, freuten die sich.\u201c <\/p>\n<p>Sie landeten in kleinen D\u00f6rfern an der K\u00fcste, so abgelegen, dass die Leute auf Motorbooten aufs Festland fuhren zum Einkaufen, weil das schneller ging, als auf Sachalin stundenlang zum n\u00e4chsten Laden zu fahren. So fanden sie schlie\u00dflich einen Dorfbewohner, der sie mit dem Boot aufs Festland brachte.<\/p>\n<p>Igor und Rustam wussten: Sie mussten raus aus Russland. Nur wohin? Russland hat vierzehn Nachbarl\u00e4nder, die allermeisten schieben illegale Grenzg\u00e4nger direkt wieder ab. Das gilt auch f\u00fcr EU-L\u00e4nder wie die baltischen Staaten. Die Hilfsorganisation Idite Lesom (Geht in den Wald) riet ihnen, den illegalen Grenz\u00fcbertritt nach <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/plus6a6c5953ff33749f57289cc4\/grenze-zu-finnland-nicht-nur-zur-show-dort-stationiert-putins-plaene-fuer-die-zweite-ukraine.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/plus6a6c5953ff33749f57289cc4\/grenze-zu-finnland-nicht-nur-zur-show-dort-stationiert-putins-plaene-fuer-die-zweite-ukraine.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Finnland<\/a> zu wagen. Die \u00fcber tausend Kilometer lange Grenze sei nicht \u00fcberall befestigt und Finnland biete Chancen auf Asyl.<\/p>\n<p>Sp\u00e4tsommer 2025. F\u00fcr die beiden jungen M\u00e4nner begann eine Odyssee quer durch ihr riesiges Heimatland. Ihr Ziel war Petrosawodsk, eine Gro\u00dfstadt in Westrussland, gelegen in Karelien, einer endlosen Wald- und Seenlandschaft, die an Finnland grenzt. <\/p>\n<p>Sie starteten ihre Reise gen Westen, wo der Amur in den Pazifik m\u00fcndet. Von dort aus waren es \u00fcber zehntausend Kilometer Fahrt. Busse und Z\u00fcge waren tabu, Fl\u00fcge sowieso \u2013 um Tickets im \u00fcberregionalen Nahverkehr zu kaufen, muss man in Russland ein Ausweisdokument vorlegen.<\/p>\n<p>\u201eAlso fuhren wir mit BlaBlaCar\u201c, erz\u00e4hlt Igor. Die App stammt urspr\u00fcnglich aus Frankreich, eine Mitfahrzentrale, die auch in Russland sehr beliebt ist. \u201eIch erinnere mich nicht, wie viele BlaBlaCars wir nahmen. Hunderte wahrscheinlich. Wir fuhren von Kleinstadt zu Kleinstadt, mieden die Metropolen.\u201c Nachts schliefen sie in billigen Zimmern, die sie tageweise auf Avito mieteten, einer russischen Kleinanzeigenplattform. Sie versuchten, so wenig wie m\u00f6glich auszugeben. Das Geld f\u00fcr Zimmer und Mitfahrten hatten sie angespart oder sich auf Sachalin verdient.<\/p>\n<p>\u201eWir hatten uns bei Zigeunern SIM-Karten besorgt, damit man uns nicht orten konnte\u201c, erz\u00e4hlt Igor. \u201eWenn wir \u00fcbernachteten, mieden wir die Stadtzentren und liefen nicht unn\u00f6tig durch die Gegend.\u201c Zwei Monate waren sie unterwegs. \u201eSchlafen, aufstehen, waschen, ins n\u00e4chste BlaBlaCar und wieder zehn Stunden rumfahren\u201c, erinnert sich Igor. Dann erreichten sie Karelien.<\/p>\n<p>Sie kamen im Oktober 2025 in <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/plus698497179d88d6e920be0f6d\/rodungen-und-bauarbeiten-was-satellitenbilder-ueber-russische-aktivitaeten-nahe-finnland-verraten.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/plus698497179d88d6e920be0f6d\/rodungen-und-bauarbeiten-was-satellitenbilder-ueber-russische-aktivitaeten-nahe-finnland-verraten.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Petrosawodsk<\/a> an und mieteten f\u00fcr mehrere Tage ein Zimmer, um sich auf die Flucht \u00fcber die Grenze vorzubereiten. 200 Kilometer westlich der Stadt endeten die Stra\u00dfen mitten in der nordeurop\u00e4ischen Taiga. Ein Taxifahrer brachte sie mitten hinein. Von dort aus waren es noch mehrere Dutzend Kilometer bis nach Finnland. <\/p>\n<p>Tagelang irrten sie durch dichte W\u00e4lder und umrundeten unz\u00e4hlige Seen. \u201eWir waren vier Tage unterwegs\u201c, erz\u00e4hlt Igor. \u201eWir hatten ein GPS-Ger\u00e4t, die Handys waren ausgeschaltet, zu gef\u00e4hrlich, die Grenzer k\u00f6nnen das orten.\u201c Schnee lag noch nicht. \u201eAber kalt war es. Morgens war immer alles voller Raureif.\u201c Sogar einen B\u00e4ren trafen sie im Wald.<\/p>\n<p>\u201eIrgendwann erreichten wir das grenznahe Sperrgebiet, f\u00fcnf Kilometer vor der Staatsgrenze. \u201eDa stand ein Stacheldrahtzaun, aber der war uralt! Total vergammelt. Wir konnten ihn einfach platttreten und weiterlaufen.\u201c <\/p>\n<p>Am Nachmittag kamen sie an eine zwanzig Meter breite Schneise, die schnurgerade in den Wald hineingerodet worden war \u2013 die Grenze. Auf der anderen Seite die blau-wei\u00dfen Grenzpf\u00e4hle Finnlands. \u201eWir rannten nur noch. Dann waren wir dr\u00fcben. In Finnland war nichts, nicht einmal ein kleiner Zaun.\u201c<\/p>\n<p>Igor und Rustam waren nach all den Jahren in Sicherheit. Sie streiften noch Stunden durch den Wald, bis sie einen finnischen J\u00e4ger antrafen. Der konnte Englisch. Und brachte sie zur Polizei. Die nahmen die Personalien auf und leiteten ein Asylverfahren ein. <\/p>\n<p>\u201eIch will, wie alle Menschen, einfach ein normales Leben f\u00fcr mich\u201c, schlie\u00dft Igor seine Erz\u00e4hlung. \u201eFinnland ist auch noch nicht sicher genug\u201c, wirft Rustam ein. \u201eMan m\u00fcsste sich nach Amerika absetzen. Oder nach Australien.\u201c Igor lacht. \u201eInteressante Zeiten, in denen wir leben.\u201c<\/p>\n<p>Igor und Rustam hei\u00dfen in Wahrheit anders, ihre Namen wurden von der Redaktion ge\u00e4ndert. Nicht alle Details der Geschichte lie\u00dfen sich unabh\u00e4ngig \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n<p><a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/autor\/julius-fitzke\/\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/autor\/julius-fitzke\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\"><b>Julius Fitzke<\/b><\/a><b> ist seit Juli 2025 Volont\u00e4r bei WELT im Ressort Au\u00dfenpolitik.<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Klicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen. 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