{"id":1271767,"date":"2026-08-31T12:44:16","date_gmt":"2026-08-31T12:44:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1271767\/"},"modified":"2026-08-31T12:44:16","modified_gmt":"2026-08-31T12:44:16","slug":"sr-de-caroline-wahl-1999-meter-ueber-dem-meer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1271767\/","title":{"rendered":"SR.de: Caroline Wahl: &#8222;1999 Meter \u00fcber dem Meer&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Der Urlaub auf Bali ist auch keine L\u00f6sung. Samara liegt am verm\u00fcllten Strand, knipst Fotos. Es sollte eine kleine Atempause werden vor dem Start ins Berufsleben, eine Wette mit ihren Eltern: die erste Fernreise allein \u2013 geht leider voll daneben. <\/p>\n<blockquote><p>\n                              <strong>Bali ist so schei\u00dfe. Bali war eine Trotzreaktion, und jetzt bin ich hier noch 22 Tage und hasse es. Ich habe gestern bei der Flughotline angerufen, einfach um zu fragen, wie viel denn rein theoretisch eine Flug-Umbuchung kosten w\u00fcrde. Nur 69 Euro. Aber das kommt nat\u00fcrlich nicht infrage. Das w\u00e4re so peinlich, und ich bin erst eine Woche hier.<\/strong>\n                            <\/p><\/blockquote>\n<p>Alles l\u00e4uft schief, Unfall mit dem E-Scooter, das Essen f\u00fcrchterlich, die Zimmernachbarinnen nervt\u00f6tend. Der Alptraum vom Insta-Gl\u00fcck. Samara l\u00e4uft vor den dunklen Wolken in sich weg. Es ist der Anfang einer modernen Hochstaplerinnengeschichte, die man in einem Rutsch wegliest. Und das ist als Kompliment gemeint. <\/p>\n<blockquote><p>\n                              <strong>Ich k\u00f6nnte Mama und Baba erz\u00e4hlen, dass es die ganze Zeit geregnet hat oder ich Bali Belly habe, aber sich Krankheiten auszudenken, ist auch doof. \u00dcberhaupt: Ich war doch nie eine L\u00fcgnerin. Wo kommt das auf einmal her?<\/strong>\n                            <\/p><\/blockquote>\n<p>Ihr Vater schenkt ihr zum Berufsstart in Berlin ein gebrauchtes schwarzes Mercedes Cabrio. Los geht es in einer Influencer-Agentur in Berlin f\u00fcr 2700,- Euro brutto. Caroline Wahl nimmt die urbane Hipster-Blase schonungslos unter die Lupe, das ist entlarvend, oft rasend komisch\u2026 Eine Begegnung auf dem Dach des angesagten Soho-Hauses wird zum Wendepunkt. Sie trifft einen jungen Mann, bet\u00f6rend wie ihre hei\u00dfgeliebte Iced Chocolate \u2026.<\/p>\n<blockquote><p>\n                              <strong>Er ist wundersch\u00f6n, wie die meisten Menschen hier. Um die drei\u00dfig, hellblondes kurzes Haar, braungebrannt, Bartstoppeln, eisblaue Augen. Wow!<\/strong>\n                            <\/p><\/blockquote>\n<p>Der junge Mann, Fritzi, bietet ihr nach nur wenigen Minuten den Schl\u00fcssel seiner Wohnung im luxuri\u00f6sen Schweizer St. Moritz an. Samara war noch nie in den Bergen. Das will sie jetzt nachholen. Sie k\u00fcndigt ihren Job, steigt ins Auto, bewaffnet mit nichts anderem als den Tupperdosen ihrer Mutter und s\u00fc\u00dfen Milchmischgetr\u00e4nken.\u00a0 <\/p>\n<blockquote><p>\n                              <strong>Tacho 180 km\/h, dreiviertelvoller Tank, 31 Grad, dunkle Gewitterwolken am Himmel, irgendwo in der Mitte von Deutschland, aus den Lautsprechern dr\u00f6hnt \u201eLong Sardine\u201c von Oxis. Ich nehme eine Vanille-M\u00fcllermilch aus der Mittelkonsole und \u00f6ffne sie, um den Moment perfekt zu machen. Die Angst macht alles kaputt.<\/strong>\n                            <\/p><\/blockquote>\n<p>Und so beginnt ein Roadtrip durch das Allg\u00e4u ins Paradies der Reichen und Sch\u00f6nen. Dort findet Samara ihre Berufung, sie fotografiert, sie beobachtet die Hautevolee, wechselt ihre Identit\u00e4ten \u2013 die Autorin schreibt das umwerfend bissig, ohne Zynismus. Samara, die sich jetzt Resa nennt, wird zur Chronistin einer \u00fcberdrehten und von sich und der Welt zutiefst gelangweilten Luxuswelt. Sie gibt sich als Teil eines Kunstkollektivs aus: <\/p>\n<blockquote><p>\n                              <strong>Ich: Wir, allesamt K\u00fcnstler*\u2009innen mit Vorgeschichte, starten bei null, das ist die Idee. Also ohne Social Media, ohne Portfolio, ohne Biografie, ohne Namen praktisch. Nur mit unserer Kunst. In drei Monaten treffen wir uns wieder.<\/strong>\n                            <\/p><\/blockquote>\n<p>Alle kaufen ihr die L\u00fcge ab, sie hat Erfolg. Zuletzt gab es viel Kritik an Caroline Wahl, sie schreibe \u00fcber Armut, ohne sie zu kennen &#8211; jetzt macht sie, wie aus Trotz, das Gegenteil, durchleuchtet die Welt der Superreichen. Der Roman ist aber auch die Geschichte einer jungen Frau, die beinahe panisch nach etwas sucht, was echt sein k\u00f6nnte. Den Geruch der Berge etwa \u2013 und Fritzis N\u00e4he.<\/p>\n<p>Caroline Wahl l\u00e4sst uns atemlos durch die Interieurs einer einsamen Seele surfen. Ein Buch zwischen oberfl\u00e4chlichem Gossip Talk, Gesellschaftssatire und Schelmenroman. Und diesem untergr\u00fcndigen Sehnen und Flirren tief in sich. Leider sind die Schilderungen der m\u00e4nnlichen Figuren meist erstaunlich glatt. Dennoch, \u201e1999 Meter \u00fcber dem Meer\u201c ist ein rasant geschriebenes Leseabenteuer, das sich aus poetischer Sehnsucht speist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der Urlaub auf Bali ist auch keine L\u00f6sung. Samara liegt am verm\u00fcllten Strand, knipst Fotos. 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