{"id":1274969,"date":"2026-09-02T03:11:17","date_gmt":"2026-09-02T03:11:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1274969\/"},"modified":"2026-09-02T03:11:17","modified_gmt":"2026-09-02T03:11:17","slug":"raygun-ich-hatte-das-gefuehl-mein-ganzes-leben-zerbricht-in-stuecke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1274969\/","title":{"rendered":"Raygun: \u201eIch hatte das Gef\u00fchl, mein ganzes Leben zerbricht in St\u00fccke\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Olympia machte B-Girl Raygun wegen ihres K\u00e4nguru-Moves zur weltweiten Spottfigur. Eine Dokumentation kl\u00e4rt nun, wie es zu diesem Auftritt kam. Und was die harten Reaktionen darauf anrichteten.<\/p>\n<p class=\"c-inline-alert__description\">Klicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Sie tanzt wieder. Sie traut sich wieder. Doch bis dahin war es ein langer Weg f\u00fcr Rachael Gunn. Tr\u00e4nen. \u00c4ngste. Zweifel. Panikattacken. Medikamente. \u201eF\u00fcr mich ist es surreal, als st\u00fcnde ich unter Anklage. Was habe ich getan? Ich bin doch nicht nur ein Meme?\u201c sagt die Australierin in einer neuen Netflix-Dokumentation. <\/p>\n<p>\u201eEs war schrecklich\u201c, befinden Russell und Beverly Gunn \u2013 und man sp\u00fcrt den Schmerz der Eltern, die w\u00e4hrend der Olympischen Spiele 2024 und danach dabei zusehen mussten, wie die Welt Hohn und Hass \u00fcber ihre Tochter ergoss. Und wie es sie beinah zerst\u00f6rte. Rachael Gunn ist B-Girl \u201eRaygun\u201c. <\/p>\n<p>Um die heute 38-J\u00e4hrige dreht sich die 72 Minuten lange Netflix-Doku mit dem Titel \u201eUntold Raygun: Breaking Badly\u201c. Erz\u00e4hlt wird die Geschichte einer Frau, die durch einen unkonventionellen und chancenlosen Auftritt beim Breaking \u2013 in den 80ern als Breakdance bekannt geworden \u2013 \u00fcber Nacht ber\u00fchmt und zum Internet-Ph\u00e4nomen wurde. Manchmal gefeiert, oftmals ausgelacht, sp\u00e4ter durch Verschw\u00f6rungstheorien und Hass-Nachrichten weiter verfolgt. <\/p>\n<p>Kurzer R\u00fcckblick: Breaking feierte in Paris sein Olympia-Deb\u00fct. Wo andere Sportarten durch exakte Werte leicht zu verstehen sind, f\u00e4llt Breaking aus der Art. Gunn trat als Siegerin der Ozeanien-Meisterschaften gegen drei Teilnehmerinnen an und war chancenlos. Um mit Kreativit\u00e4t zu punkten, zeigte sie im letzten Battle eine Hommage an ihre Heimat, darunter einen K\u00e4nguru-Sprung, Schwimmbewegungen und einen \u201eSprinkler-Tanz\u201c. Sie verlor ihre Duelle nach Runden jeweils 0:2, dabei jede Runde stets einstimmig mit 0:9 Jury-Stimmen und damit dreimal 0:18.<\/p>\n<p>Der Spott im Internet setzte sofort ein, vor allem das K\u00e4nguru ging viral, es entstanden unz\u00e4hlige Memes. Das US-Promi-Portal \u201eTMZ\u201c berichtete, Gunn wurde in der \u201eThe Tonight Show\u201c und anderswo parodiert. <\/p>\n<p>Harter Realit\u00e4tscheck: \u201eDa begann ich zu begreifen\u201c<\/p>\n<p>Die Doku gew\u00e4hrt nun einen Blick auf das Gesamtbild, darauf, wer sie ist, dass sie als Kind schon das Tanzen liebte, wie sie durch ihren Freund und sp\u00e4teren Ehemann Sammy zum Breaking kam \u2013 einer faszinierenden Welt f\u00fcr sie. Um Paris zu begreifen, wie es dazu kam \u2013 und welche Folgen die weltweiten Reaktionen f\u00fcr die Kulturanthropologin hatten, lohnt ein Blick in diese 72 Minuten. <\/p>\n<p>Gezeigt wird auch die Olympia-Qualifikation in Sydney. Raygun war l\u00e4ngst kein Neuling mehr. Die Uni-Dozentin galt weder als Au\u00dfenseiterin, noch als Topfavoritin, tanzte sich aber ins Finale und setzte sich \u00fcber drei Runden knapp gegen B-Girl Holly Molly durch. Am Ende: ehrlicher Applaus f\u00fcr beide. Alles rechtens. <\/p>\n<p>Neun Monate blieben danach bis Paris. Raygun und Sammy, auch ihr Trainer, brauchten einen Plan. Die internationale B\u00fchne kannten sie nicht. Gro\u00dfe Bewegungen mussten nun her, dynamische und akrobatische Powermoves, bei denen die T\u00e4nzer auf dem Kopf oder auf den H\u00e4nden rotieren. Neuland f\u00fcr Raygun. Wie sie dennoch Ozeanienmeisterin werden konnte? Gegen\u00fcber WELT ordnete B-Girl <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/sport\/olympia\/article246028970\/Breaking-Jilou-Rasul-Ich-tanze-mit-meiner-Seele-mit-dem-Herzen.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/sport\/olympia\/article246028970\/Breaking-Jilou-Rasul-Ich-tanze-mit-meiner-Seele-mit-dem-Herzen.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Jilou<\/a> aus Berlin kurz nach den Spielen ein: \u201eAustralien ist in unserem Fall ein Exot. Raygun kommt aus einem Land, das sehr weit weg ist von dem, wo die Kultur des Breaking entstanden und weiterentwickelt wurde.\u201c <\/p>\n<p>F\u00fcr Olympia aber wollte Raygun mehr. T\u00e4gliches Training, dazu Cardio und Kraft\u00fcbungen standen auf dem Plan. Sie suchte sich Expertenhilfe, doch die Sache mit den Powermoves wollte nicht so recht klappen. Letzte Hoffnung: Wettkampfpraxis in Europa. Doch der Trip geriet zu einer harten Konfrontation mit der Wirklichkeit. \u201eIch sah da die Frauen, die meine Konkurrenz bei Olympia sein w\u00fcrden\u201c, sagt Raygun: \u201eDa begann ich zu begreifen, dass ich da gegen Weltmeisterinnen antreten w\u00fcrde. Gegen Frauen, die seit Jahren die ganz gro\u00dfen Wettbewerbe gewannen.\u201c <\/p>\n<p>Die skeptischen Blicke der anderen glaubte sie zu sp\u00fcren: \u201eIch dachte, ich werde nicht schnell genug besser. Ich lerne nicht schnell genug. Ich muss l\u00e4nger trainieren, h\u00e4rter trainieren.\u201c<\/p>\n<p>Raygun: Vor den Spielen in Therapie<\/p>\n<p>Zu allem \u00dcbel hatten die australischen Medien Breaking entdeckt. Raygun war in den News. Der Druck wuchs, ihre Verunsicherung auch. \u201eJe n\u00e4her die Spiele kamen, desto \u00f6fter wurde ich gefragt, ob ich Gold holen kann\u201c, sagt sie. Eine Frage, die nichts mit der Realit\u00e4t zu tun hatte. Sie wusste das, doch r\u00fcckte das \u00f6ffentlich nicht gerade. <\/p>\n<p>Zwei, drei Monate vor den Spielen wurde es zu viel: mentale und k\u00f6rperliche Ersch\u00f6pfung. \u201eIch fing an, in Therapie zu gehen und Antidepressiva zu nehmen\u201c, sagt sie: \u201eIch hatte das Gef\u00fchl, die Leute verstehen nicht, was bei mir los ist.\u201c Sie hatte Angst. Wovor, fragte die Therapeutin. \u201eSie k\u00f6nnten mich auslachen.\u201c Aber warum sollte eine Athletin ausgelacht werden? Exoten werden ja eher gefeiert. <\/p>\n<p>Raygun und Ehemann Sammy wussten: Sie wird kein einziges Battle gewinnen. \u201eAber ein realistisches Ziel konnte sein, einen Punktrichter zu \u00fcberzeugen\u201c, sagt Sammy. \u201eEiner sollte f\u00fcr Rachel stimmen. Das w\u00e4re unser Sieg.\u201c Sie planten neu. T\u00e4nzerischer. Kreativer. Eigener Style. Eigene Moves. Im Breaking geht es schlie\u00dflich auch um Individualit\u00e4t. \u201eIch sagte zu Rachel: Warum lassen wir uns nicht von der australischen Kultur inspirieren?\u201c, erinnert sich Sammy. So entstanden die Moves, die sp\u00e4ter weltweit viral gingen.<\/p>\n<p>Raygun: \u201eIch habe mich gef\u00fchlt wie eine Hochstaplerin\u201c<\/p>\n<p>Die Olympischen Spiele waren f\u00fcr Raygun \u00fcberw\u00e4ltigend und einsch\u00fcchternd. \u201eIch habe mich gef\u00fchlt wie eine Hochstaplerin\u201c, sagt sie. Als sie im olympischen Dorf auf einen australischen Teambetreuer traf, war sie erleichtert, nicht mehr allein zu sein. Und weinte in seinem Arm. In ihrem Kopf kreisten Gedanken wie: \u201eWas habe ich getan? Soll ich das wirklich tun?\u201c Gunn hatte eine Panikattacke. <\/p>\n<p>Dann kam der Wettkampf. Das erste Battle gegen eine der Weltbesten endete 0:18. Das zweite ebenso. Dann wartete Weltmeisterin Nicka aus Litauen. Gunns letzte Chance auf einen Punkt, und sie beschloss: \u201eIch mache komische Sachen.\u201c Sie zeigte Sprinkler, K\u00e4nguru, das Schwimmen \u2013 und damit Australien. <\/p>\n<p>\u201eDie Rede war oft von null Punkten, was falsch ist\u201c, erkl\u00e4rte Jilou im WELT-Interview. Die Jury sei sich einig gewesen, aber: \u201e\u00dcber die einzelnen Bewertungen der Kriterien sagt das erst mal nichts. Wenn man es mit Tennis vergleicht, hat sie jeden Satz 0:6 verloren, oder beim Boxen jede Runde einstimmig verloren.\u201c<\/p>\n<p>Die sozialen Medien quollen \u00fcber. Ihr Mann fand es \u201ekreativ\u201c, sagt auch r\u00fcckblickend, so gut habe er sie noch nie gesehen. Doch der Pressebetreuer sagte schon kurz nach dem Battle: \u201eRachel, geh erstmal nicht online, da braut sich was zusammen. Aber das legt sich schnell.\u201c<\/p>\n<p>Tat es nicht. Weder im Internet noch vor Ort, wo Kamerateams sie verfolgten wie einen Superstar. \u201eIch begriff, dass es eine Art Blutrausch wurde\u201c, erinnert sie sich: \u201eDa wuchs ein Monster.\u201c Sie wurde ausgelacht, nachgemacht, in TV-Shows \u00f6ffentlich vor einem Millionenpublikum verspottet. Einer \u00fcberbot den n\u00e4chsten. Kommentare wie: \u201eSie ist nicht die beste, aber sie rockt!\u201c, gab es auch, aber sie waren leise. Ihre Stimme jedoch erhob auch <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/adele\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/adele\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Superstar Adele<\/a> bei einem Konzert: \u201eHabt Ihr das K\u00e4nguru gesehen?\u201c, fragte sie und sagte ohne H\u00e4me: \u201eIch fand, das war das Beste bei den Spielen.\u201c<\/p>\n<p>Kriech in ein Loch und stirb<\/p>\n<p>\u201eSie ist eine Schande.\u201c <\/p>\n<p>\u201eSchlimm f\u00fcr alle Frauen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eKriech in ein Loch und stirb.\u201c<\/p>\n<p>Drei Beispiele, welche Ausw\u00fcchse die Kommentare nahmen. Und es h\u00f6rte nicht auf. Gunn nahm ein kurzes Video auf, bat darum, ihr Umfeld nicht zu behelligen, doch die Spirale drehte sich weiter \u2013 und Verschw\u00f6rungstheorien wurden zu vermeintlichen Fakten: Raygun habe sich zu Olympia geschummelt. Ihr Mann habe die Jury in Sydney geleitet, sei Punktrichter gewesen. Die Doku belegt: All das stimmt nicht. <\/p>\n<p>Gunn fing an, ein Videotagebuch zu f\u00fchren. Nur f\u00fcr sich. Ausschnitte daraus in der Doku zeigen sie in Tr\u00e4nen, gebrochen, voller Angst. \u201eEs ist schwer\u201c, sagt sie einmal, \u201eheute habe ich es geschafft, selbst zur Apotheke zu gehen.\u201c Und: \u201eIch warte darauf, dass die neuen Medikamente wirken, damit ich mich nicht immer so f\u00fchle.\u201c R\u00fcckblickend ordnet sie ein: \u201eIch hatte das Gef\u00fchl, mein ganzes Leben zerbricht in St\u00fccke. Ich habe nur noch versucht, durch den Tag zu kommen.\u201c Ihr Mann nennt es \u201eein massives Trauma\u201c.<\/p>\n<p>Als Richard Branson anrief<\/p>\n<p>Die beiden gingen nach Europa, suchten Ruhe. Ihren weinenden Vater versuchte sie am Telefon zu beruhigen: \u201eDas ist nicht pers\u00f6nlich, die Leute kennen mich nicht wirklich.\u201c Es dauerte, bis das bei ihr selbst ankam. Einen Anteil daran hat auch der britische Unternehmer Richard Branson. <\/p>\n<p>\u201eIch fand sie au\u00dfergew\u00f6hnlich, sie hat etwas komplett Neues probiert. Und dann habe ich diese Gemeinheiten gelesen. Ich wollte mit ihr reden\u201c, begr\u00fcndet er seinen Anruf direkt bei Gunn. Er machte ihr Mut, lud sie auf ein Kreuzfahrtschiff, sorgte f\u00fcr positive Erlebnisse. <\/p>\n<p>Gunn blieb dem Breaking nach Paris lange fern. Heute tanzt sie wieder und geht zu Events. \u201eIch will zeigen, dass es mich nicht besiegt hat.\u201c Vieles sei auch positiver gewesen, als es aussah. Sie hat deshalb einen \u201ePositivordner\u201c erstellt. \u00dcber manche Memes lacht sie heute. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Olympia machte B-Girl Raygun wegen ihres K\u00e4nguru-Moves zur weltweiten Spottfigur. 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