{"id":1275267,"date":"2026-09-02T06:26:21","date_gmt":"2026-09-02T06:26:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1275267\/"},"modified":"2026-09-02T06:26:21","modified_gmt":"2026-09-02T06:26:21","slug":"film-vaterland-eine-rueckkehr-keine-heimkehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1275267\/","title":{"rendered":"Film \u00bbVaterland\u00ab: Eine R\u00fcckkehr, keine Heimkehr"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Thomas Mann im Sommer 1949 mit seiner Tochter Erika am Steuer in einem schwarzen amerikanischen Stra\u00dfenkreuzer, einem Buick, vor seinem Hotel in Frankfurt vorf\u00e4hrt, erwartet ihn eine Menschenmenge. Es gibt Applaus, aber auch jede Menge Buhrufe f\u00fcr den damals wohl bekanntesten und durch den Nobelpreis geadelten deutschen Schriftsteller. Es ist Manns erste Reise nach Deutschland, das er 1933 ins Exil verlassen hatte, und er lebt immer noch mit einem Teil seiner Familie in den USA.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mann wird zum 200. Geburtstag Goethes in der Bundesrepublik den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt erhalten. Dann wird er weiter nach Weimar reisen, um den eigens f\u00fcr ihn geschaffenen Goethe-Nationalpreis entgegenzunehmen. Der Weg f\u00fchrt also in die Sowjetische Besatzungszone (SBZ), eine im Kalten Krieg politisch aufgeladene Situation.<\/p>\n<p>Emigration als Verrat?<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht jeder hei\u00dft Mann in der Bundesrepublik willkommen, auch in der Pressekonferenz taucht die Frage auf, ob er seine Emigration nicht als Verrat an Deutschland sehe &#8211; und was er denn eigentlich als seine Heimat betrachte. Und in der SBZ versucht ihn der Leiter des Kulturbunds Johannes R. Becher f\u00fcr die Politik der sp\u00e4teren DDR zu vereinnahmen. Manns Aufenthalt in Deutschland wird durch die Nachricht erschwert, dass sich sein Sohn Klaus in Cannes umgebracht hat.<\/p>\n<p class=\"u-teaser-list__headline\">Lesen Sie auch<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Thomas Mann hat diese Reise durch ein physisch wie geistig zerst\u00f6rtes Deutschland (\u00bbverjauchte Gehirne\u00ab hat er einmal in seiner BBC-Sendung gesagt) tats\u00e4chlich unternommen. Aber Regisseur Pawel Pawlikowski rekonstruiert die Reise nicht authentisch und akribisch: Er macht von Anfang an klar, dass er zuspitzt und verdichtet, dass er an Fiktion interessiert ist und nicht an Reenactment, auch wenn der Film in zeittypischem &#8211; wunderbarem &#8211; Schwarz-Wei\u00df und dem damals gebr\u00e4uchlichen Format (1:1,33) gedreht ist. Mann hat die Reise damals mit seiner Frau Katja unternommen; Klaus hatte sich bereits einige Monate davor das Leben genommen &#8211; um nur einige Abweichungen zu nennen.<\/p>\n<p>Atmosph\u00e4rische Dumpfheit h\u00fcben wie dr\u00fcben<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dennoch ist Pawlikowskis Film (das Drehbuch hat er zusammen mit Henk Handloegten geschrieben) mit seinen sensationell knappen 82 Minuten Laufzeit sehr pr\u00e4zise und vielschichtig, ein eher unterspieltes Drama auf vielen Ebenen, das sich nicht nur Gedanken macht \u00fcber die Politik der fr\u00fchen Jahre (eine atmosph\u00e4rische Dumpfheit regiert h\u00fcben wie dr\u00fcben), \u00fcber die Stellung des Schriftstellers in der Gesellschaft, aber auch \u00fcber das unnahbare Naturell des Familienoberhaupts Thomas Mann, der sich &#8211; zumindest nach au\u00dfen &#8211; weitgehend unber\u00fchrt zeigt vom Suizid seines \u00e4ltesten Sohnes.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hanns Zischler spielt diesen Thomas Mann mit einer der besten Leistungen seiner Karriere. Man sp\u00fcrt, wie die Reise ihn stresst, ohne dass er dar\u00fcber spricht; sein Gesichtsausdruck bleibt skeptisch und fragend, auch ein bisschen abgehoben und melancholisch. Die ebenso beeindruckende Sandra H\u00fcller als Erika wirkt viel geerdeter, burschikos und zupackend. Die Tochter fungiert als seine Assistentin &#8211; ist aber auch die Einzige, die Fragen an ihn stellt. Und Erika darf ihrem Ex-Mann Gustaf Gr\u00fcndgens (der eine steile Karriere bei den Nazis hinlegte) eine ordentliche Backpfeife geben.<\/p>\n<p>Anti-Nazi-Haltung im Gespr\u00e4ch mit Familie Wagner<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pawlikowski hat das Geschick zu kondensieren. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Anti-Nazi-Haltung von Thomas Mann l\u00e4sst der Film bei einem Empfang aufscheinen, als die beiden Richard-Wagner-Enkel Wieland (Enno Trebs) und Wolfgang (Theo Trebs) ihn, den gro\u00dfen Wagner-Verehrer, bitten, ein gutes Wort f\u00fcr die Wiederaufnahme des Betriebs auf dem Gr\u00fcnen H\u00fcgel in Bayreuth einzulegen. Der gr\u00f6\u00dfte Wagner-Verehrer hei\u00dfe ja wohl Adolf Hitler, sagt Mann, und der Mutter der beiden, Winifred Wagner, sollte man den Prozess machen. Dann entschuldigt er sich.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcber allem liegt das Gef\u00fchl der Fremdheit, in fast jeder Einstellung. Dieses Fremdsein im eigenen Land, das hat Pawlikowski auch schon in seinen fr\u00fcheren Filmen \u00bbIda\u00ab (2013) und \u00bbCold War\u00ab (2018) durchexerziert, die ebenfalls in der Nachkriegszeit spielen und in Schwarz-Wei\u00df gedreht sind. Nicht umsonst hat Thomas Mann in seiner Goethe-Rede von \u00bbErsch\u00fctterung\u00ab gesprochen und bemerkt, \u00bbdass der Emigrant in Deutschland wenig gilt\u00ab. Dass Thomas Mann nie nach Deutschland zur\u00fcckkehrte, sondern 1952 von den USA in die Schweiz umsiedelte, das nimmt dieses ruhig erz\u00e4hlte Meisterwerk gewisserma\u00dfen vorweg.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Als Thomas Mann im Sommer 1949 mit seiner Tochter Erika am Steuer in einem schwarzen amerikanischen Stra\u00dfenkreuzer, einem&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1275268,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1771],"tags":[573,574,1778,29,214,30,411,570,576,95,572,80,1777,14,16,575,215,571],"class_list":["post-1275267","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-kino","tag-berichte","tag-blogs","tag-cinema","tag-deutschland","tag-entertainment","tag-germany","tag-israel","tag-juedische-allgemeine","tag-juedisches-leben","tag-kino","tag-kommentare","tag-kultur","tag-movie","tag-nachrichten","tag-politik","tag-religion","tag-unterhaltung","tag-wochenzeitung"],"share_on_mastodon":{"url":"","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1275267","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1275267"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1275267\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1275268"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1275267"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1275267"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1275267"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}