{"id":1276693,"date":"2026-09-02T21:45:29","date_gmt":"2026-09-02T21:45:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1276693\/"},"modified":"2026-09-02T21:45:29","modified_gmt":"2026-09-02T21:45:29","slug":"zwischen-kater-und-prohibition-kreuzer-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1276693\/","title":{"rendered":"Zwischen Kater und Prohibition \u2014 kreuzer online"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend Alkohol auf jede Familienfeier geh\u00f6rt, werden die sogenannten harten Drogen heimlich auf der Clubtoilette konsumiert. Die Debatte \u00fcber die Doppelmoral, das eine zu verharmlosen und das andere zu verteufeln, ist zuletzt mit der Cannabislegalisierung in Deutschland aufgeflammt.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund haben sich zwei Autoren dem Verh\u00e4ltnis zwischen Gesellschaft und Rauschgift angenommen. Der Politikwissenschaftler und Soziologe Robert Feustel analysiert in seinem Buch \u00bbDer verbotene Rausch\u00ab die politische gepr\u00e4gte Entwicklung des Begriffs \u00bbDroge\u00ab. Georg Schomerus, Direktor der Klinik und Poliklinik f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie am Universit\u00e4tsklinikum Leipzig, widmet sich in \u00bbKaterland\u00ab der Stigmatisierung von alkoholkranken Menschen. <\/p>\n<p>Beide B\u00fccher blicken aus unterschiedlichen Perspektiven auf das Thema Rausch und Drogen. In \u00bbKaterland\u00ab analysiert Schomerus das schwindelerregende Gef\u00e4lle zwischen dem gesellschaftlichen Umgang mit Alkoholkonsum auf der einen und mit Alkoholsucht auf der anderen Seite. W\u00e4hrend der Konsum unproblematischer Nebeneffekt jedes sozialen Events sei, f\u00fchre Alkoholsucht unweigerlich zu sozialer \u00c4chtung. <\/p>\n<p>Schomerus hat als Oberarzt die Suchtstation einer psychiatrischen Klinik geleitet. Durch Gespr\u00e4che mit seinen Patienten habe er unmittelbar erfahren, wie sehr sie unter der Stigmatisierung leiden. Er l\u00e4sst diese Patienten auch in \u00bbKaterland\u00ab zu Wort kommen. Statt als disziplinlos und selbstmitleidig, wie sie h\u00e4ufig wahrgenommen werden, portr\u00e4tiert er sie als willensstarke K\u00e4mpferinnen und K\u00e4mpfer gegen die Krankheit. <\/p>\n<p>Neben den Erfahrungsberichten aus der psychotherapeutischen Suchthilfe st\u00fctzt er sich auch auf verschiedene soziologische Theorien, um den aufgezeigten Widerspruch zu erkl\u00e4ren. Niedrigschwellig arbeitet er Erkenntnisse aus der Stigmaforschung ein, in der selbst seit 15 Jahren arbeitet. Sein zentrales Argument: Die Stigmatisierung alkoholkranker Menschen diene der Rechtfertigung des eigenen Konsums und schiebt Verantwortung ab. Es seien schlie\u00dflich die \u00bb Alkoholiker\u00ab, die sich nicht unter Kontrolle h\u00e4tten. Von \u00bbdenen\u00ab grenzt man sich klar ab. Und genau diese Stigmatisierung l\u00e4hme wirksame Pr\u00e4vention und Hilfe f\u00fcr suchtkranke Menschen. <\/p>\n<p>Schomerus nimmt durch anschauliche und leichtf\u00fc\u00dfige Erz\u00e4hlweise mit auf eine Reise ins \u00bbKaterland\u00ab, ein Buch voller Aha-Effekte und Denkanst\u00f6\u00dfe \u00fcber die deutschen Trinkgewohnheiten. Sie f\u00fchren zu der Frage, wo die Grenze liegt: Bis wann ist man der beliebte, trinkfeste Partygast und ab wann wird man argw\u00f6hnisch als der mit dem Alkoholproblem abgestempelt? Und sie f\u00fchren zu der Frage, wo die Verantwortung liegt: Die Verantwortung f\u00fcr Alkoholkonsum wird h\u00e4ufig auf den Einzelnen geschoben, Politik und Gesellschaft weisen sie lieber von sich, wie Schomerus an einer Internetdebatte \u00fcber Alkohol an Supermarktkassen zeigt. <\/p>\n<p>Ganz anders bei den \u00bbharten Drogen\u00ab. Wie Feustel in \u00bbDer verbotene Rausch\u00ab aufzeigt, mischt sich hier die Politik seit dem 20. Jahrhundert entschieden ein. Das war nicht immer so, wei\u00df Feustel, der mit seiner Arbeit \u00fcber die Kulturgeschichte des Rauschs promovierte. Sein Buch beginnt ebenfalls mit einer Reise. Doch statt ins Katerland f\u00fchrt sie in eine viktorianische Apotheke im 19. Jahrhundert, wo eine Frau hemmungslos von ihrem t\u00e4glichen Morphinkonsum erz\u00e4hlt. Heute undenkbar, denn, so Feustels weitere Schilderungen, w\u00e4hrend Alkohol mit Spa\u00df und Gemeinschaft assoziiert wird, ist der \u00dcberbegriff Droge Sinnbild f\u00fcr alles Schlechte. <\/p>\n<p>Feustel begibt sich in seiner komplexen, sozialhistorischen Studie auf die Suche nach den Wurzeln dieses Sinnbilds und holt dabei bis in die Antike aus. Seine Ausf\u00fchrungen schockieren, da sie vor Augen f\u00fchren, wie das Codewort \u00bbRausch\u00ab und \u00bbDroge\u00ab h\u00e4ufig zur Diskriminierung von Minderheiten genutzt wurde: Etwa wurde die Drogenpolitik unter Pr\u00e4sident Nixon zur Eind\u00e4mmung der Antikriegs- und B\u00fcrgerrechtsbewegung instrumentalisiert. Und auch in die Rassenideologie der Nationalsozialisten fand der Drogenkonsum als \u00bbSch\u00e4digung des Volksk\u00f6rpers\u00ab Einzug.<\/p>\n<p>Feustel pl\u00e4diert aus historisch-sozialwissenschaftlicher Perspektive, die den Einzelfall ausklammere, f\u00fcr mehr Differenzierung und weniger Emotionalisierung in der Drogendebatte. Selten diente Prohibition einem gesundheitlichen, h\u00e4ufig einem politischen Zweck. Und die politische Besetzung, findet Feustel, verfolgt den Rausch bis heute.<\/p>\n<p>Unter dem Motto \u00bbRausch ist politisch?!\u00ab pr\u00e4sentieren die Autoren ihre Neuerscheinungen gemeinsam am 4. September um 20 Uhr in der Leipziger Buchhandlung El libro. Offene Fragen k\u00f6nnen im Anschluss der Lesung im Gespr\u00e4ch zur Bedeutung von Drogen f\u00fcr Gesellschaft und Politik gestellt werden. <\/p>\n<p>&gt; \u00bbRausch ist politisch?!\u00ab: 4.9., 20 Uhr, Buchhandlung El Libro, mehr <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.genialokal.de\/buchhandlung\/leipzig\/el-libro\/Veranstaltungen\/\" rel=\"nofollow noopener\">Informationen auf der Website<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"W\u00e4hrend Alkohol auf jede Familienfeier geh\u00f6rt, werden die sogenannten harten Drogen heimlich auf der Clubtoilette konsumiert. 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