{"id":1276956,"date":"2026-09-03T00:30:20","date_gmt":"2026-09-03T00:30:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1276956\/"},"modified":"2026-09-03T00:30:20","modified_gmt":"2026-09-03T00:30:20","slug":"brexit-und-das-ende-der-illusionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1276956\/","title":{"rendered":"Brexit und das Ende der Illusionen"},"content":{"rendered":"<p>Zehn Jahre nach dem Brexit-Votum bilanziert Martin Ott dessen Gr\u00fcnde und Folgen. Und fragt, wie es weitergeht.<\/p>\n<p>Auf dem Stimmzettel des EU-Referendums vom 23. Juni 2016 stand folgende Frage: \u201eSoll das Vereinigte K\u00f6nigreich Mitglied der Europ\u00e4ischen Union bleiben oder die Europ\u00e4ische Union verlassen\u201c? Es gab zwei Antwortm\u00f6glichkeiten: \u201eMitglied der Europ\u00e4ischen Union bleiben\u201c und \u201eDie Europ\u00e4ische Union verlassen\u201c. Es war eine Entscheidung zwischen \u201eRemain\u201c und \u201eLeave\u201c, zwischen \u201eJa\u201c und \u201eNein\u201c, zwischen UK und EU.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Ein gespaltenes Land<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Das Ergebnis 51,9% f\u00fcr \u201eLeave\u201c und 48,1%\u201c f\u00fcr \u201eRemain\u201c spaltete das Land nicht nur in zwei Lager, es wurde zum Katalysator f\u00fcr die Eskalation anderer Probleme der britischen Politik. Seitdem ist Gro\u00dfbritannien zersplitterter, chaotischer und erratischer: sieben Regierungschefs in zehn Jahren sind der sichtbarste Ausdruck, wie das politische System in Gro\u00dfbritannien durch den Brexit ins Rutschen gekommen ist: David Cameron, Theresa May, Boris Johnson, Liz Truss, Rishi Sunak, Keir Starmer und nun seit 20. Juli 2026 Andy Burnham. \u201eBeim Brexit\u201c, so Nicholas Boyle, britischer Germanist und emeritierter Professor am Magdalene College in Cambridge, \u201eging es nie wirklich um Europa \u2013 er war vielmehr das Ergebnis eines kr\u00e4ftezehrenden Zusammenbruchs der nationalen Solidarit\u00e4t\u201c.<\/p>\n<p>Nach einer ersten Periode, in der Gegner des Brexit oft als Landesverr\u00e4ter and Anti-Demokraten bezeichnet wurden, ist es zehn Jahre nach dem Referendum zumindest wieder m\u00f6glich, \u00fcber die wirtschaftlichen Folgen des Brexit \u00f6ffentlich zu sprechen: Es ist im wahrsten Sinn des Wortes \u201eunglaublich\u201c, wenn man sich heute die Versprechungen der Brexit-Bef\u00fcrworter von 2016 noch einmal vor Augen f\u00fchrt: \u00a3350 Mio. pro Woche zus\u00e4tzlich f\u00fcr den NHS; deutlich geringere Einwanderung und bessere Kontrolle der Grenzen; neue Freihandelsabkommen mit der ganzen Welt und h\u00f6heres Wachstum; Zugang zum EU-Markt ohne die Nachteile der EU-Mitgliedschaft. Kein einziges dieser Versprechen wurde eingel\u00f6st.<\/p>\n<blockquote>\n<p>\u00d6konomische Folgen<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Die gro\u00dfen wirtschaftswissenschaftlichen Studien kommen zu dem Ergebnis, dass die britische Wirtschaftsleistung unter dem Niveau liegt, das ohne den Brexit wahrscheinlich erreicht worden w\u00e4re: um 4% (Office for Budget Responsibility), um 5-6% bis 2025 (National Institute of Economic and Social Research. Die bislang umfassendste wissenschaftliche Untersuchung von Forschern der Stanford University, der Bank of England, des King\u2019s College London und weiterer Institutionen, ver\u00f6ffentlicht \u00fcber das National Bureau of Economic Research (NBER), kommt sogar zu dem Ergebnis, dass das britische Bruttoinlandsprodukt pro Kopf im Jahr 2025 bereits um 6\u20138 % niedriger lag als in einem vergleichbaren Szenario ohne Brexit. Gleichzeitig seien die Unternehmensinvestitionen um 12\u201318 %, die Besch\u00e4ftigung um 3\u20134 % und die Produktivit\u00e4t ebenfalls um 3\u20134 % geringer ausgefallen.<\/p>\n<p>Der Grund f\u00fcr \u201eLeave\u201c war f\u00fcr viele die Kontrolle der Grenzen, eine sp\u00fcrbare Verringerung der Einwanderung und der Erhalt einer britischen Identit\u00e4t gegen eine \u00dcberfremdung durch Ausl\u00e4nder. Vor dem Referendum (2015\/2016) lag die Nettozuwanderung bei etwa 330.000 Personen pro Jahr. Der gr\u00f6\u00dfte Teil der Zuwanderung kam aus der EU, da damals die Freiz\u00fcgigkeit galt. Tats\u00e4chlich sank zwar die Zuwanderung aus der Europ\u00e4ischen Union nach dem Ende der Freiz\u00fcgigkeit erheblich. Gleichzeitig wurde dieser R\u00fcckgang jedoch zun\u00e4chst durch einen starken Anstieg der Einwanderung aus Nicht-EU-Staaten mehr als ausgeglichen.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Gr\u00fcnde f\u00fcr den Erfolg des Referendums<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Die Nettozuwanderung erreichte 2023 mit rund 944.000 Personen sogar den h\u00f6chsten Stand in der britischen Geschichte. Erst infolge versch\u00e4rfter Einwanderungsregeln ging sie bis Ende 2025 auf rund 171.000 zur\u00fcck und lag damit wieder unter dem Niveau vor dem Brexit. Der Brexit f\u00fchrte somit nicht unmittelbar zu einer geringeren Einwanderung, sondern vor allem zu einer grundlegenden Ver\u00e4nderung der Herkunftsl\u00e4nder und der Zusammensetzung. Demographisch gesehen wurde Gro\u00dfbritannien \u201eun-europ\u00e4ischer\u201c.<\/p>\n<p>F\u00fcr die \u201eechten\u201c Brexit-Bef\u00fcrworter sind nach wie vor die politischen Ziele, die Wiederherstellung der nationalen Souver\u00e4nit\u00e4t, die Kontrolle \u00fcber Gesetzgebung, Grenzen und Handelspolitik wichtiger. Die offensichtlichen wirtschaftlichen Sch\u00e4den und das Versagen, die Einwanderung substantiell einzud\u00e4mmen, seien die Ergebnisse einer falschen Implementierung des Brexit und, so h\u00f6rt man es auch in \u00f6ffentlichen Debatten, eine Bestrafung der EU, die beleidigt sei, dass UK die EU verlassen habe.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Die Stimmungslage heute<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Wie ist die politische Situation heute? Mit dem Krieg in der Ukraine und dem Zerfallen der \u201especial relationship\u201c Gro\u00dfbritanniens mit den USA hat sich die geopolitische Situation und die \u00f6ffentliche Meinung ver\u00e4ndert. Umfragen zeigen seit mehreren Jahren, dass etwa 55 \u2013 60 % der Britinnen und Briten den Brexit heute r\u00fcckblickend f\u00fcr eine falsche Entscheidung halten. Unter den politischen Parteien verfolgen die Liberal Democrats, die Gr\u00fcnen, die Scottish National Party (SNP), Plaid Cymru in Wales und kleine Splitterparteien wie Rejoin EU Party und Volt UK einen pro-europ\u00e4ischen Kurs. Aber die Regierungspartei Labour, die konservativen Torries und Reform UK unter Nigel Farage lehnen einen Wiedereintritt derzeit ab. Labour unter Keir Starmer und Andy Burnham setzt lediglich auf eine engere Zusammenarbeit mit der EU, schlie\u00dft aber eine R\u00fcckkehr in den Binnenmarkt, die Zollunion oder die EU-Mitgliedschaft aus.<\/p>\n<p>Aber k\u00f6nnte UK wieder einfach so in die EU eintreten? Ganz abgesehen vom politischen Willen der EU, vor allem in Erinnerung daran, dass die Briten auch w\u00e4hrend ihrer Mitgliedschaft immer nur halbherzig dabei waren, erf\u00fcllte das Vereinigte K\u00f6nigreich gar nicht mehr die EU-Kriterien. Eine Staatsverschuldung von 94,4 % des BIP verst\u00f6\u00dft gegen Abschnitt B der Beitrittskriterien; eine Auswechslung einer gesamten Regierung ohne Parlamentswahlen verst\u00f6\u00dft gegen Abschnitt A.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Kein neues Referendum<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Aber es gibt einen anderen und entscheidenden Grund, warum ein neues Referendum nicht forciert wird. Es w\u00fcrde den Riss durch die Gesellschaft und die Gr\u00e4ben zwischen Gegnern und Bef\u00fcrwortern noch weiter vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n<p>Die Kommunalwahlen in England am 1. Mai 2025 brachten eine enorme politische Verschiebung. W\u00e4hrend Reform UK 677 Sitze gewann, verloren Konservative 635 Sitze und Labour 198 Sitze. Auch in meinem Heimatcounty Lincolnshire gab es einen historischen politischen Umbruch; von insgesamt 70 Sitzen gewann Reform UK 44 Sitze (von 0 auf 44), die Konservativen verloren 40 Sitze (nun 14 von ehemals 54). Der Projected National Vote Share (PNS), eine Hochrechnung der Ergebnisse britischer Kommunalwahlen auf ganz Gro\u00dfbritannien, kommt im August 2026 auf folgende Zahlen: Reform UK: 26 %, Green Party: 18 %, Labour: 17 %, Liberal Democrats: 16 %, Conservatives: 17 %. Ein neues EU-Referendum mit einer Ja\/Nein-Option w\u00fcrde sehr wahrscheinlich die Protestpartei Reform UK weiter st\u00e4rken und die innergesellschaftliche Spaltung weiter vorantreiben. Deswegen wollen die etablierten Parteien kein neues Referendum. Zehn Jahre nach dem Brexit m\u00fcssen sich beide Lager, Remainer und Brexiteers, dem Ende ihrer Illusionen stellen.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Wer k\u00f6nnte zusammenf\u00fchren?<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Wo aber sind Stimmen und Institutionen, die dieses zutiefst gespaltene Land wieder zusammenf\u00fchren k\u00f6nnten? Im Vorlauf zum Referendum gab es keine zivilgesellschaftliche Organisation, die einen \u00fcberparteilichen Einfluss auf die Debatte gehabt h\u00e4tte; die Diskussion wurde von den gro\u00dfen Parteien, den Medien und den Influencern auf den Social Media-Kan\u00e4len beherrscht. Gewerkschaften und viele gro\u00dfe gesellschaftliche Organisationen tendierten zu Remain, w\u00e4hrend erhebliche Teile ihrer eigenen Mitglieder beziehungsweise ihre gesellschaftliche Basis Leave w\u00e4hlten. Diese Diskrepanz zwischen den Positionen etablierter Institutionen und Teilen der Bev\u00f6lkerung l\u00e4hmt auch heute noch die erhoffte Vers\u00f6hnung der Lager.<\/p>\n<p>Und die Kirchen? Die Beziehung zwischen dem Brexit und der Church of England war komplex, da die Kirche nie einen offiziellen Standpunkt f\u00fcr oder gegen den Austritt aus der Europ\u00e4ischen Union eingenommen hat, sondern eine respektvolle Debatte und nationale Vers\u00f6hnung einforderte. Sie stand und steht vor dem gleichen Paradox wie etwa die Gewerkschaften: W\u00e4hrend ihre Mitglieder \u2013 vor allem auf dem Land \u2013 ihre konservativen Werte bei den Torries und bei Reform UK (also den Brexiteers) beheimaten, vertrat die Kirchenf\u00fchrung Werte wie internationale Zusammenarbeit, Vers\u00f6hnung und Sorge um Migranten, die eher mit den Argumenten der \u201eRemain\u201c-Bef\u00fcrworter im Einklang stehen.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Die Rolle der Kirchen<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Und die Katholische Kirche? Sie trat beim Brexit-Referendum nicht als politische Akteurin auf und sprach keine Empfehlung f\u00fcr \u201eRemain\u201c oder \u201eLeave\u201c aus. Insgesamt war ihr Einfluss auf die Brexit-Debatte noch geringer als die der Church of England. Und das K\u00f6nigshaus? Nach der britischen Verfassung ist der Monarch zu strikter politischer Neutralit\u00e4t verpflichtet und darf sich nicht \u00f6ffentlich in politische Debatten einmischen. Diese Zur\u00fcckhaltung (oder auch Nutzlosigkeit, wie der Kritiker der Monarchie \u00e4tzen) in einer zentralen Frage zum Wohl des Landes h\u00e4tte auch eine Debatte \u00fcber die Vor- und Nachteile der Monarchie in England entfachen k\u00f6nnen. Das K\u00f6nigshaus hatte Gl\u00fcck, dass die eigenen Skandale um Andrew Mountbatten-Windsor und Prinz Harry die \u00d6ffentlichkeit schon besch\u00e4ftigten.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Der Brexit hat gesellschaftliche Br\u00fcche sichtbar gemacht<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Der Spaltpilz des Brexit hat auch andere gesellschaftliche Br\u00fcche im Land sichtbarer gemacht: die im Hintergrund immer noch pr\u00e4sente Klassengesellschaft, der \u00f6konomische und demographische Unterschied zwischen dem S\u00fcden (London) und dem Norden Englands, die Spannungen zwischen den Nationen (England, Schottland, Wales und Nordirland) und die sich immer weiter \u00f6ffnende Schere zwischen Arm und Reich, oder sollte man besser sagen, zwischen denen, die ein \u201enormales\u201c Leben mit Einkommen und Besitz haben und den etwa 3,2 Millionen Haushalten ohne erwerbst\u00e4tige Erwachsene und den ca. 13,2 Millionen Rentnern mit einer j\u00e4hrlichen Durchschnittsrente von \u00a311.000.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Jenseits des Brexit<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Die Kluft zwischen dem, was \u201eeigentlich\u201c gut w\u00e4re f\u00fcr Gro\u00dfbritannien und was politisch nach dem Brexit durchsetzbar ist, wird immer gr\u00f6\u00dfer. Eine kluge Idee, wie das zu l\u00f6sen ist, hat niemand in einem Land, dessen Stil von Politik und Regierungsf\u00fchrung oft mit \u201eSich Durchwurschteln\u201c (Muddle through) bezeichnet wird. M\u00f6glicherweise wird sich in der Zukunft das Verh\u00e4ltnis zwischen dem K\u00f6nigreich und Europa wegen neuer \u00e4u\u00dferer Faktoren (z.B. einem Krieg Russlands gegen Europa, dem Austritt der USA aus der Nato, einer zunehmenden ungeregelten Migration, Dominanz der weltweiten AI-Industrie, etc.) neu justieren. Fragen hinsichtlich der Vor- oder Nachteile des Brexit werden angesichts dieser gro\u00dfen Herausforderungen da wohl in den Hintergrund treten.<br \/>_______________________________<\/p>\n<p>Bild: Heike, pixelio.de<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns=\" http:=\"\" width=\"250\" height=\"250\" class=\"wp-post-image wp-image-42873\" title=\"M. Ott\" alt=\"Martin Ott\" data-lazy- data-lazy- data-lazy-src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/M.-Ott-e1682711269416-250x250.png\"\/>    <\/p>\n<p style=\"padding-left: 25px;\"><strong>Dr. Martin Ott<\/strong> ist freier Gutachter und Coach. Er lebt in Potterhanworth\/Lincolnshire.<\/p>\n<p><a href=\"#\" rel=\"nofollow\" onclick=\"window.print(); return false;\" title=\"Printer Friendly, PDF &amp; Email\"><br \/>\n<img decoding=\"async\" class=\"pf-button-img\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns=\" http:=\"\" alt=\"Print Friendly, PDF &amp; Email\" style=\"width: 66px;height: 24px;\" data-lazy-src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/print-button-nobg.png\"\/><br \/>\n<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Zehn Jahre nach dem Brexit-Votum bilanziert Martin Ott dessen Gr\u00fcnde und Folgen. Und fragt, wie es weitergeht. 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