{"id":1279966,"date":"2026-09-04T10:32:17","date_gmt":"2026-09-04T10:32:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1279966\/"},"modified":"2026-09-04T10:32:17","modified_gmt":"2026-09-04T10:32:17","slug":"von-boazn-bis-schmusen-so-viel-jiddisch-steckt-im-bayerischen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1279966\/","title":{"rendered":"Von Boazn bis Schmusen: So viel Jiddisch steckt im Bayerischen"},"content":{"rendered":"<p>Menschen suchen vielleicht jemanden zum &#8222;Schmusen&#8220;, gehen daf\u00fcr in die &#8222;Boazn&#8220; und wenn man &#8222;Massel&#8220; hat, dann ist man vom Rausch am n\u00e4chsten Tag nicht allzu &#8222;geschlaucht&#8220;. Ganz sicher aber sprechen sie alle ein bisschen <a href=\"https:\/\/www.br.de\/nachrichten\/kultur\/jiddisch-in-alltagssprache-lebendig-jiddisch-juedisch-taitsch,UUCXPR4\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Jiddisch, wenn sie die besagten Vokabeln verwenden<\/a>. \u00dcber die rund tausend Jahre alte Sprache, die vor allem von aschkenasischen Juden gesprochen wird, haben es diverse hebr\u00e4ische Begriffe in den hochdeutschen Alltagssprachgebrauch geschafft \u2013 und im Bayerischen sogar f\u00fcr Lehnw\u00f6rter gesorgt, ohne die der Dialekt fast nicht ausk\u00e4me.  <\/p>\n<p>Ursprung von &#8222;Boazn&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Gerade in als urbayerisch geltenden Bereichen wie Bierbrauerei, Hopfenhandel oder Schenkenwesen zeigt die Sprache, dass es immer eine ganz enge Zusammenarbeit mit j\u00fcdischen Bayerinnen und Bayern gab&#8220;, sagt Carmen Reichert. Die Literaturwissenschaftlerin leitet das J\u00fcdische Museum Augsburg-Schwaben. So geht zum Beispiel die im Bayerischen verbreitete Bezeichnung f\u00fcr Kneipen &#8222;Boazn&#8220; auf den jiddischen Begriff bajiss\u202fzur\u00fcck, der sich wiederum vom hebr\u00e4ischen Wort f\u00fcr Haus ableitet. <\/p>\n<p>Noch deutlicher wird die sprachliche Verwandtschaft an der schw\u00e4bischen Wirtshausbezeichnung: Beizle. Dass dieses jiddische Wort in den bayerischen Wortschatz eingeflossen ist, liegt laut Reichert daran, dass Schenken oft von Juden betrieben wurden. Denn der Beruf des Wirts stand im Mittelalter und der fr\u00fchen Neuzeit auch Juden offen, w\u00e4hrend die in Z\u00fcnften organisierten T\u00e4tigkeiten nur Christen erlaubt waren.  <\/p>\n<p>Eigene Sprache mit eigenen Dialekten <\/p>\n<p>Jiddisch habe als Sprache vor allem aber f\u00fcr die familieninterne Kommunikation gedient, so Reichert. F\u00fcr sch\u00e4tzungsweise elf Millionen Juden vor allem in Osteuropa war sie bis zum Holocaust sogar mame-loschn \u2013 Muttersprache. Die Wiege des Jiddischen liegt in Deutschland. <\/p>\n<p>Jiddisch gilt in der Wissenschaft als eigene Sprache mit eigener Grammatik und eigenem Alphabet. Rund 85 Prozent des Vokabulars basieren auf dem Mittelhochdeutschen, etwa 15 Prozent stammen aus anderen Sprachen. Im Westjiddischen ist der romanische Einfluss st\u00e4rker, im Ostjiddischen der slawische. Au\u00dferdem ist hebr\u00e4isches und aram\u00e4isches Vokabular ins Jiddische eingeflossen. &#8222;Gerade aus diesem Teil des Wortschatzes sind Begriffe, die im j\u00fcdischen Alltag sehr gebr\u00e4uchlich waren, auch ins Deutsche und Bayerische eingegangen&#8220;, sagt Reichert. Ein Beispiel ist etwa die Formulierung &#8222;Massel haben&#8220;, was vom hebr\u00e4ischen Wort f\u00fcr Gl\u00fcck kommt. <\/p>\n<p>Zocken, Zoff und Stuss<\/p>\n<p>Auch wer &#8222;g\u2019schlaucht&#8220; ist, f\u00fchlt sich dabei vermutlich genauso, wie der hebr\u00e4ische Ursprung schlacha vermuten l\u00e4sst: zu Boden geworfen. Andere Lehnw\u00f6rter wie das &#8222;Schmusen&#8220; wurden zwar \u00fcbernommen, dabei wandelte sich zugleich aber auch die Bedeutung. So versteht der Jiddischsprechende unter schmuoss keine k\u00f6rperliche N\u00e4he, sondern ein vertrautes Gespr\u00e4ch. Auch im Hochdeutschen nutzen Nichtjuden t\u00e4glich jiddische Begriffe, wenn sie sich zum &#8222;Zocken&#8220; verabreden, &#8222;Stuss&#8220; reden oder &#8222;Zoff&#8220; haben. Das steht f\u00fcr Carmen Reichert sinnbildlich f\u00fcr den \u00fcber viele Jahrhunderte gepflegten lebendigen Sprachkontakt zwischen Jiddisch und Deutsch. &#8222;Es gab sogar nicht-j\u00fcdische Menschen, die zum Beispiel aus beruflichen Gr\u00fcnden des Jiddischen m\u00e4chtig waren.&#8220;  <\/p>\n<p>Zur Geschichte jiddischer Begriffe im Deutschen geh\u00f6rt aber auch deren oftmals antisemitische Konnotation. So schwingt im eingedeutschten Begriff des &#8222;Mauschelns&#8220; als Bezeichnung f\u00fcr intrigante oder betr\u00fcgerische Praktiken auch ein antij\u00fcdisches Vorurteil mit, das \u00fcber die Sprache transportiert wird, so Reichert. <\/p>\n<p>Jiddisch lernen in Augsburg<\/p>\n<p>Heute wird Jiddisch vor allem in ultraorthodoxen j\u00fcdischen Gemeinschaften gesprochen. Sch\u00e4tzungen gehen von bis zu einer Million aktiven Jiddischsprechenden aus. &#8222;Das ist keine tote Sprache, das ist eine lebendige Sprache&#8220;, sagt Reichert. Weil sich gro\u00dfe Teile der Menschen, die Jiddisch sprechen, heute in den USA und in Israel leben, flie\u00dfen ins moderne Jiddisch vor allem englische und hebr\u00e4ische Neologismen ein.  <\/p>\n<p>F\u00fcr Interessierte bietet das J\u00fcdische Museum Augsburg-Schwaben am 6. September, dem Europ\u00e4ischen Tag der j\u00fcdischen Kultur, einen Jiddisch-Workshop an.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Menschen suchen vielleicht jemanden zum &#8222;Schmusen&#8220;, gehen daf\u00fcr in die &#8222;Boazn&#8220; und wenn man &#8222;Massel&#8220; hat, dann ist&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1279967,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1827],"tags":[772,29,30,264125,2119,576,264124,80,1268,575,15950,7727,1300],"class_list":["post-1279966","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-muenchen","tag-bayern","tag-deutschland","tag-germany","tag-jiddisch","tag-judentum","tag-juedisches-leben","tag-juedisches-museum","tag-kultur","tag-muenchen","tag-religion","tag-religion-und-orientierung","tag-schwaben","tag-sprache"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/117212318916340714","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1279966","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1279966"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1279966\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1279967"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1279966"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1279966"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1279966"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}