{"id":128195,"date":"2025-05-21T13:47:10","date_gmt":"2025-05-21T13:47:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/128195\/"},"modified":"2025-05-21T13:47:10","modified_gmt":"2025-05-21T13:47:10","slug":"the-way-back-von-bruce-davidson-innerlich-ein-aussenseiter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/128195\/","title":{"rendered":"&#8222;The Way Back&#8220; von Bruce Davidson: Innerlich ein Au\u00dfenseiter"},"content":{"rendered":"<p>    Inhalt<br \/>\n    <a class=\"article-toc__fullview z-text-button\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/kunst\/2025-05\/the-way-back-bruce-davidson-fotografie\/komplettansicht\" data-ct-label=\"all\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><br \/>\n        Auf einer Seite lesen    <\/a><\/p>\n<p>                        Inhalt<\/p>\n<ol class=\"article-toc__list\">\n<li class=\"article-toc__list-item\"><a class=\"article-toc__item article-toc__link\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/kunst\/2025-05\/the-way-back-bruce-davidson-fotografie\" data-ct-label=\"1\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><br \/>\n                    Seite 1Ein Dokument gegen alle Formen der Nostalgie<br \/>\n                <\/a><\/li>\n<li class=\"article-toc__list-item\">\n<p>Seite 2Innerlich ein Au\u00dfenseiter<\/p>\n<\/li>\n<\/ol>\n<p class=\"paragraph article__item\">Die Aufnahmen aus The Way Back sind fast alle unbekannt. Die Serien, aus denen sie stammen, dagegen ber\u00fchmt. Und so, ohne den Kontext der Glieder, die einen Werkkorpus ausmachen, umkreisen sie Davidsons zentrale Themen. Der Bildband \u00f6ffnet noch einmal verschiedene Welten, in der R\u00fcckschau zeigen sich Entwicklungen, innere Verbindungen, die sich politisch oder soziologisch lesen lassen: Davidson n\u00e4hert sich der Welt gerne von den R\u00e4ndern, findet Entsprechungen in den Zentren. \u00c4rmliche Kinder aus den 1950ern treten in Ber\u00fchrung mit den j\u00fcngsten Aufnahmen aus einer Serie von Anfang der 1990er. Da hatte sich Davidson eine Weile auf das Leben im Central Park konzentriert. Sie korrespondieren mit Bildern aus Brooklyn, wo Davidson schon in den 1960ern h\u00e4ufiger den Prospect Park durchstreifte, damals mit einer Truppe recht orientierungsloser Jugendlicher, die sich &#8222;Jokers&#8220; nannten. Die N\u00e4he, die sie zulassen, ist auch heute noch ber\u00fchrend, ihr Verlorensein und ihr Lebenshunger, ihr abgeh\u00e4ngtes Herumstreunen haben eine aktuelle Note.\n<\/p>\n<p>                            Yosemite, CA, 1965, aus: &#8222;The Way Back&#8220;                 <a href=\"https:\/\/steidl.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">\u00a9\u00a02025 Bruce Davidson\/\u200b Steidl Verlag<\/a><\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Seine Bilder, erz\u00e4hlte Davidson dem New Yorker, w\u00fcrden eigentlich in der Nacht beginnen, bevor er mit der Kamera irgendwo hingehe. Sie leben vom Engagement und der Leidenschaft f\u00fcr die Serie. Selbst wenn die Empathie die Gefahr von Sentimentalit\u00e4t in Kauf nimmt, h\u00e4lt sich eine klare Rollenverteilung, Davidson bleibt in gewisser Distanz. &#8222;Innerlich&#8220;, sagt er gerne, &#8222;bin ich ein Au\u00dfenseiter.&#8220;\n<\/p>\n<p>            Fotografie        <\/p>\n<p>Mehr zu dem Thema<\/p>\n<p>                <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2025-03\/trinkhallen-tata-ronkholz-fotoband-kiosk-koeln-duesseldorf\" data-ct-label=\"&quot;Trinkhallen&quot; von Tata Ronkholz: Die Liebensw\u00fcrdigkeiten der St\u00e4dte\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p>        Z+ (abopflichtiger Inhalt);<\/p>\n<p>    &#8222;Trinkhallen&#8220; von Tata Ronkholz:<br \/>\n                        Die Liebensw\u00fcrdigkeiten der St\u00e4dte<\/p>\n<p>                <\/a><\/p>\n<p>                <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2019-12\/schoenheit-fotografie-aesthetik-rankin-mitch-epstein-roger-ballen\" data-ct-label=\"Fotografie: &quot;Sch\u00f6nheit ist verwirrend, gewaltt\u00e4tig, sanft, vulg\u00e4r&quot;\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p>                        Fotografie:<br \/>\n                        &#8222;Sch\u00f6nheit ist verwirrend, gewaltt\u00e4tig, sanft, vulg\u00e4r&#8220;<\/p>\n<p>                <\/a><\/p>\n<p>                <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2025\/19\/juergen-teller-auschwitz-birkenau-fotografie-bildband\" data-ct-label=\"Juergen Teller: Vergiss Auschwitz\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p>        Z+ (abopflichtiger Inhalt);<\/p>\n<p>    Juergen Teller:<br \/>\n                        Vergiss Auschwitz<\/p>\n<p>                <\/a><\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Das markieren immer wieder einzelne Aufnahmen. Und damit unterl\u00e4uft The Way Back einen Gestus der Nostalgie, um den sich viele politischen Bestrebungen der Gegenwart bem\u00fchen. In den USA hat sich die Mehrheiten der Republikaner mit Verweis auf die angeblich glorreiche Vergangenheit aufgemacht, einen Bildungskanon, eine Sicht auf Geschichte festzuzurren. So sollen gesellschaftliche Hierarchien legitimiert, Formen von Rassismus oder die Unterdr\u00fcckung von Frauen mit weichgezeichneten Bildern \u00fcbermalt werden. Meinungs\u00e4u\u00dferungen, Forschungsfreiheit werden begrenzt, die Welt soll aus zwei unver\u00e4nderbaren Geschlechtern bestehen. Viele Konservative, scheint es, wollen mit Macht hinter ein Datum zur\u00fcckfallen, das sie wohl heute noch schmerzt. Dabei geht es um den 2. Juli 1964, den Eintritt der USA in die Demokratie. An dem Tag unterschrieb Pr\u00e4sident Lyndon B. Johnson den Civil Rights Act, das Verbot von Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe, Religion, Geschlecht oder Herkunft.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Bruce Davidson hat immer wieder erz\u00e4hlt, dass seine fotografische Hinwendung zum Civil Rights Movement ab 1961 auch seine Karriere verschob. Er hatte viele Modestrecken fotografiert, Industrieaufnahmen, leblose Objekte. Dann las er in der Zeitung von den Freedom Riders, Aktivisten, die sich gegen die Weigerung der Ordnungsbeh\u00f6rden etwa des Staates Virginia auflehnten, segregierte Busse, Wartes\u00e4le und Restaurants aufzul\u00f6sen. Davidson beschloss, die Freedom Riders zu begleiten, fotografierte Protestm\u00e4rsche, Pressekonferenzen von Martin Luther King, Polizeirepression, aufgebrachte wei\u00dfe M\u00e4nner. Er selbst kam aus einem wohlhabenden, wei\u00dfen Haushalt. F\u00fcnf Jahre habe es ihn gekostet, um \u00fcberhaupt zu verstehen, was er da begleitete.\n<\/p>\n<p>        Jede P\u00e4dagogisierung lag ihm fern        <\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">The Way Back versammelt noch einmal ein weitgef\u00e4chertes Spektrum dieser Jahre. Es sind Bilder \u00fcber Beharrlichkeit, Angst, auch Wut. Lange Stunden, wartende Menschen, ihr schlichter Aufenthalt, die Pr\u00e4senz ihrer K\u00f6rper wird zum Widerstand. Semantisch m\u00fcnden die Aufnahmen schlie\u00dflich in die vielleicht bekannteste Serie von Davidson \u2013 Aufnahmen aus zwei Jahren, die er in New York an der East 100th Street verbrachte.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Der vollkommen vernachl\u00e4ssigte H\u00e4userblock in Spanish Harlem wirkt, als habe er mit knapper Not einen Krieg \u00fcberlebt. Davidson entwickelte eine Methode, die sp\u00e4ter etliche Fotografen imitierten \u2013 er zog mit einer gro\u00dfformatigen Kamera und Stativ umher, nachdem ein B\u00fcrgerkomitee ihm Zug\u00e4nge er\u00f6ffnet hatte. Sein klobiges Besteck markierte die Ernsthaftigkeit, die M\u00fche, mit der Davidson den Bewohnern des Blocks gegen\u00fcbertrat: Er wollte nicht einer der vielen Fotografen sein, die das Elend aufnahmen und wieder verschwanden. Jede P\u00e4dagogisierung, die noch aus der aufkl\u00e4rerisch gedachten Arbeit von Jacob Riis \u00fcber Lebensumst\u00e4nde in New Yorker Armenh\u00e4usern sprach, lag ihm fern.\n<\/p>\n<p>                            \u00a9\u00a0ZEIT ONLINE<\/p>\n<p>\n                    Newsletter<\/p>\n<p>                    Nat\u00fcrlich intelligent<\/p>\n<p class=\"newsletter-signup__text\">K\u00fcnstliche Intelligenz ist die wichtigste Technologie unserer Zeit. Aber auch ein riesiger Hype. Wie man echte Durchbr\u00fcche von hohlen Versprechungen unterscheidet, lesen Sie in unserem KI-Newsletter.<\/p>\n<p class=\"newsletter-signup__datapolicy\" hidden=\"\">\n            Mit Ihrer Registrierung nehmen Sie die <a href=\"https:\/\/datenschutz.zeit.de\/zon#Newsletter\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Datenschutzerkl\u00e4rung<\/a><br \/>\n     zur Kenntnis.\n        <\/p>\n<p>    Vielen Dank! Wir haben Ihnen eine E-Mail geschickt.<\/p>\n<p>Pr\u00fcfen Sie Ihr Postfach und best\u00e4tigen Sie das Newsletter-Abonnement.<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Und wenn er schon zuvor kein Fotograf des Augenblicks war, entfernte er sich an der einhundertsten Stra\u00dfe auch von seinen fotografischen Einfl\u00fcssen. Augenf\u00e4llig wird der wachsende Unterschied etwa zu Robert Frank. Der hatte rastlos und wissbegierig Menschen und Umst\u00e4nde aufgenommen, die neu und fremd f\u00fcr ihn waren. Die Bilder von der East 100th Street konzentrieren sich dagegen auf ein andauerndes, sich st\u00e4ndig vertiefendes Gespr\u00e4ch.\n<\/p>\n<p>                        Er lie\u00df den Dingen ihren Lauf        <\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Davidsons Haltung, seine beharrliche Pr\u00e4senz f\u00fchrte dazu, dass die Bewohner von ihm fotografiert werden wollten. Sie baten ihn in ihre Wohnungen, inszenierten ihr Auftreten, hielten ihr Neugeborenes in den H\u00e4nden, zeigten sich nackt oder im Sonntagsstaat. Und sehr h\u00e4ufig blicken sie gerade in die Kamera, lassen die Bilder, die Zust\u00e4nde ihres Lebens bis heute auf den Betrachter zur\u00fcckschauen.\n<\/p>\n<p>                            &#8222;The Way Back&#8220; von Bruce Davidson                <a href=\"https:\/\/steidl.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">\u00a9\u00a02025 Bruce Davidson\/\u200b Steidl Verlag<\/a><\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">&#8222;Ich lie\u00df&#8220;, schrieb Davidson in einem Begleittext, den 1969 die schweizerische Kunstzeitschrift DU ver\u00f6ffentlichte, &#8222;den Dingen seinen Lauf, ich stand zur Verf\u00fcgung.&#8220; Die Serie entwickelte eine \u00e4sthetische Dimension, weil Davidson seine Aufnahmen genau komponierte und ausdauernd das Gespr\u00e4ch verfolgte. Sie enthielt eine politische Kraft, weil er sich in den Dienst der Bewohner stellte: Die forderten ihn auf, Risse in den W\u00e4nden aufzunehmen, die kargen Waschgelegenheiten, gesprungene Fenster, die Rudel Ratten, ru\u00dfige Fassaden, verm\u00fcllte Brachen. Er solle die Bilder dem B\u00fcrgermeister schicken. Portr\u00e4ts zog Davidson ab und gab Kopien an die Fotografierten zur\u00fcck, manchmal hingen sie auf sp\u00e4teren Aufnahmen an der Wand. Als einziges Schmuckst\u00fcck. Ein Aktivist, hat Davidson immer wieder betont, sei er in all dem nie gewesen. Nur einer, der beobachtet und Bilder macht.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">Auch deshalb ist The Way Back ein Dokument, das sich gegen alle Formen von Nostalgie sperrt.\n<\/p>\n<p class=\"paragraph article__item\">The Way Back, hg. v. Bruce Davidson und Donna Ranieri, 144 Seiten, 128 Fotografien. G\u00f6ttingen, Steidl Verlag, 48 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Inhalt Auf einer Seite lesen Inhalt Seite 1Ein Dokument gegen alle Formen der Nostalgie Seite 2Innerlich ein Au\u00dfenseiter&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":128196,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1775],"tags":[47912,1793,3103,29,20613,214,1885,30,80,2075,1794,215,64,2158],"class_list":{"0":"post-128195","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kunst-und-design","8":"tag-the-way-back-von-bruce-davidson","9":"tag-art-and-design","10":"tag-buchrezension","11":"tag-deutschland","12":"tag-dokumentation","13":"tag-entertainment","14":"tag-fotografie","15":"tag-germany","16":"tag-kultur","17":"tag-kunst","18":"tag-kunst-und-design","19":"tag-unterhaltung","20":"tag-usa","21":"tag-verlag"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114546137243842165","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/128195","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=128195"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/128195\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/128196"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=128195"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=128195"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=128195"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}