{"id":1282543,"date":"2026-09-05T15:49:24","date_gmt":"2026-09-05T15:49:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1282543\/"},"modified":"2026-09-05T15:49:24","modified_gmt":"2026-09-05T15:49:24","slug":"wetten-dass-helfen-gluecklich-macht-samuel-koch-ueber-seinen-unfall-und-den-wert-des-verzichts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1282543\/","title":{"rendered":"Wetten, dass &#8230; helfen gl\u00fccklich macht?: Samuel Koch \u00fcber seinen Unfall und den Wert des Verzichts"},"content":{"rendered":"<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              Samuel Koch dirigiert seinen Rollstuhl mit ge\u00fcbter Hand durch den Kronsaal im Schloss Albrechtsberg in Dresden. Ein kleiner schwarzer Knopf, der f\u00fcr den 38-J\u00e4hrigen ein St\u00fcck Selbstst\u00e4ndigkeit bedeutet \u2013 zumindest bis zur n\u00e4chsten Treppenstufe. Samuel Koch ist an diesem letzten Sonntag im August nach Dresden gekommen, weil ihn der Presseclub mit dem Erich-K\u00e4stner-Preis 2026 ehren m\u00f6chte.\n            <\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              Mit ihm in der ersten Reihe sitzt seine Mutter Marion. Eine Frau, die vier Kinder gro\u00dfgezogen hat. Alle waren Leistungssportler, alle haben das Turnen und die Akrobatik geliebt. Der Sport habe zum Alltag geh\u00f6rt, mit all seinen Risiken. \u201eDie haben wir aber nicht bewusst wahrgenommen\u201c, sagt Marion Koch.\n            <\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              Das \u00e4nderte sich am 4. Dezember 2010. Samuel Koch hatte sich beim ZDF mit einer Wette beworben. Er wollte in der Show bei Thomas Gottschalk nacheinander \u00fcber f\u00fcnf Autos springen, die auf ihn zufuhren. Er trug dabei Sprungstelzen und die Autos wurden bei jedem Stunt gr\u00f6\u00dfer und l\u00e4nger. F\u00fcr den trainierten jungen Mann, der damals gerade mit seinem Schauspielstudium begonnen hatte, kein Problem. Alles klappte, auch in der Generalprobe.\n            <\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              Doch in der Livesendung passierte das Ungl\u00fcck, und die halbe Fernsehnation wurde Zeuge. Ausgerechnet bei dem Auto, das Samuels Vater steuerte, scheiterte der Sprung. Samuel landete neben dem Wagen und blieb regungslos liegen. Seine Mutter war mit im Studio, sie eilte auf die B\u00fchne, w\u00e4hrend die \u201eWetten, dass..?\u201c-Sendung unterbrochen wurde. Sp\u00e4ter entschied sich das <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/ostdeutscheallgemeine.com\/article\/wem-gehoert-die-heimat-teil-2-das-zdf-die-afd-und-der-kulturkampf-in-sachsen-anhalt-10303109\" rel=\"nofollow noopener\">ZDF<\/a>, die Samstagabendshow zu beenden. Da war Samuel schon auf dem Weg ins Krankenhaus.\n            <\/p>\n<p>            Rettung derer, die sich selbst nicht retten k\u00f6nnen<\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              Er hat sich mehrere Halswirbel verletzt und seine Nervenbahnen massiv gesch\u00e4digt, ist seitdem vom Hals abw\u00e4rts gel\u00e4hmt. Ein Wirbel musste ihm komplett entfernt werden. Medizinisch wird dieses Krankheitsbild als Tetraplegie oder zervikale Querschnittl\u00e4hmung bezeichnet. Behandelt wurde Samuel Koch zun\u00e4chst im Universit\u00e4tsklinikum D\u00fcsseldorf, wo er eine Woche auf der Intensivstation verbrachte und zweimal an der Halswirbels\u00e4ule operiert wurde \u2013 mit dem Ziel, seine Nerven zu entlasten.\n            <\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              Das grelle Licht der Zimmerbeleuchtung war eine der ersten Erinnerungen, als er wieder zu sich kam. Die Scheiben waren abgedunkelt. Zum Schutz der Privatsph\u00e4re, wie die Klinikleitung erkl\u00e4rte. Und Samuel Koch begann den neuen Teil seines Lebens auch mit einem neuen Namen. Simon Schmitz stand auf seiner Krankenakte. Ein Pseudonym, das ihn vor \u00fcbergriffigen Reportern sch\u00fctzen sollte. Ein Jahr dauerte der Weg zur\u00fcck in einen neuen Alltag. Nach dem Klinikaufenthalt kam die Rehabilitation im Paraplegiker-Zentrum in Nottwil, das im schweizerischen Kanton Luzern liegt.\n            <\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              Marion Koch erinnert sich an die Zeit. Dar\u00fcber reden mag man aber in der Familie Koch nicht mehr so oft. Man schaue lieber nach vorn, so die Mutter, die OP-Schwester ist. Nach vorn in eine Zeit mit vielen Herausforderungen, aber auch vielen M\u00f6glichkeiten. Sie hat nach dem Unfall von Samuel ein Paar in der Ukraine kennengelernt. Die Frau sitzt seit einem Unfall, bei dem ihr Mann am Steuer sa\u00df, im Rollstuhl. \u201eMein Mann hat eine ganz besondere Beziehung zu der Familie\u201c, sagt Marion Koch.\n            <\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/article\/ukrainekrieg-2026-selenskyjs-wandel-vom-appell-zum-verhandlungsangebot-eine-analyse-10063620\" rel=\"nofollow noopener\">Als der Ukraine-Krieg<\/a> im Februar 2022 begann, dauerte es exakt zwei Tage, bis sie mit dem behindertengerecht umgebauten Auto von Samuel in die Ukraine fuhr, um dort zu helfen. Sie rettete die, die sich selbst nicht retten konnten. Die nicht in U-Bahn-Sch\u00e4chte und Luftschutzkeller klettern konnten, die in Hochh\u00e4usern festsa\u00dfen, ohne Strom, ohne Aufzug, ohne Wasser. Mittlerweile, sagt der Sohn, habe seine Mutter \u00fcber 100 Menschen aus der Ukraine herausgeholt und begleite sie nun hier durch den Alltag in Deutschland.\n            <\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              Die Schicksale dahinter sind schwer zu ertragen. Es geht um alleinerziehende M\u00fctter, um mehrfachbehinderte und autistische Menschen, die schon ohne Krieg ein Leben am Rand der Gesellschaft f\u00fchren und die auch hierzulande nicht gerne bei den Landrats\u00e4mtern gesehen sind, wie Samuel Koch erkl\u00e4rt. Der Betreuungsaufwand ist hoch.\n            <\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              Eine blinde Frau floh hochschwanger, ihr Mann hat eine Gehbehinderung. Sarkastisch betrachtet w\u00e4re das der perfekte Stoff f\u00fcr einen Comedy-Beitrag, so Koch. Die Tochter, die kurz nach Kriegsausbruch in ihrer neuen Heimat geboren wurde, tr\u00e4gt den zweiten Vornamen Marion, denn die OP-Schwester war bei der Geburt mit dabei. Finanziert werden die Hilfsma\u00dfnahmen unter anderem von dem Verein Samuel Koch und Freunde e.V., bei dem Marion Koch eine zentrale Rolle spielt. Gemeinsam mit ihrem Sohn Samuel vertritt sie die Werte des Vereins, wie gelebte Inklusion, Barrierefreiheit und gegenseitige Unterst\u00fctzung in Notlagen.\n            <\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              Wenn Marion Koch von ihren Reisen in die Ukraine erz\u00e4hlt, wird sie grunds\u00e4tzlich. \u201eSie haben mein Leben ver\u00e4ndert\u201c, sagt sie und erg\u00e4nzt: \u201eIch dachte, ich w\u00fcrde ein Land im Krieg sehen, stattdessen traf ich auf Menschen, die mir Hoffnung gezeigt haben.\u201c Der Verein hilft aber nicht nur Menschen mit Handicap in der Ukraine, er unterst\u00fctzt auch pflegende Angeh\u00f6rige in Deutschland.\n            <\/p>\n<p>                  <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/b4e4abda-e9eb-4bec-a97e-80f7c6355995.jpg\"   alt=\"Samuel Koch bei der 27. Verleihung des Erich-K\u00e4stner-Preises durch den Presseclub Dresden im Schloss Albrechtsberg.\" class=\"w-full h-full object-cover cursor-pointer\" loading=\"lazy\" data-original-url=\"\" data-caption=\"Samuel Koch bei der 27. Verleihung des Erich-K\u00e4stner-Preises durch den Presseclub Dresden im Schloss Albrechtsberg.\" data-source=\"Matthias Wehnert\/imago\" data-link-href=\"\"\/><\/p>\n<p class=\"font-roboto text-sm leading-[22px] font-normal not-italic text-gray-800 text-left flex-[3]\">Samuel Koch bei der 27. Verleihung des Erich-K\u00e4stner-Preises durch den Presseclub Dresden im Schloss Albrechtsberg.\n                  <\/p>\n<p class=\"text-left md:text-right font-roboto text-xs leading-[18px] font-normal not-italic text-gray-700 flex-1 mt-1 md:mt-0\">\n                    \u00a9 Matthias Wehnert\/imago<\/p>\n<p>            Raus aus der Komfortzone<\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              \u201eEgal, wie sehr Sie Ihren Angeh\u00f6rigen lieben, um den Sie sich k\u00fcmmern. Irgendwann kommt jeder ans Limit und braucht eine Auszeit\u201c, sagt Samuel Koch. Genau solche Angebote werden durch den Verein geschaffen, der sich \u00fcber 5000 Euro Preisgeld freuen kann. Das ist die H\u00e4lfte der Gesamtdotierung des Erich-K\u00e4stner-Preises. Die anderen 5000 Euro gehen an den Farbwerk e.V. in Dresden. Der Verein f\u00f6rdert die\u00a0k\u00fcnstlerische Teilhabe und Inklusion von Menschen mit Behinderung.\n            <\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              Samuel Koch erz\u00e4hlt gerne von seinem Vater, der auch eine schlechte Note in der Schule belohnte. \u201eIch werde geliebt, weil ich bin. Mehr muss ich dazu gar nicht leisten\u201c, so die Botschaft. Von seiner Mutter Marion habe er die fehlende Scheu vor dem Unbequemen. Unbequem ist manchmal auch das Helfen, wenn man raus muss aus der Komfortzone, hinein in ein Hospiz, an das Bett eines Menschen, der nicht wei\u00df, ob er den n\u00e4chsten Morgen noch erleben wird.\n            <\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              Aber helfen macht gl\u00fccklich. Davon ist Samuel Koch \u00fcberzeugt, und ganz offensichtlich auch seine Mutter.\n            <\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              Der Preistr\u00e4ger erz\u00e4hlt eine kleine Anekdote. 2025 reiste er mit seiner Frau f\u00fcr ein paar Tage nach Italien. Er nutzte ein Wasserdreirad, um ins Meer zu kommen. Ein \u00e4sthetisches Meisterwerk mit luftgef\u00fcllten Reifen, aber leider eingeschr\u00e4nkter Funktionalit\u00e4t. Kaum im Wasser, kenterte Samuel Koch. Ihm eilte ein Tourist zu Hilfe und brachte ihn zur\u00fcck an den Strand. Koch bedankte sich bei seinem Lebensretter und bekam zur Antwort: \u201eNo problem. I\u2019m happy when I can help.\u201c\n            <\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              \u201eIch bin gl\u00fccklich, wenn ich helfen kann.\u201c Samuel Koch und seine Mutter sagen das nicht nur, sie handeln danach und w\u00fcnschen sich, dass mehr Menschen ihrem Beispiel folgen. Menschen einer Generation, die, was die technischen M\u00f6glichkeiten angehe, die privilegierteste sei, die je auf dem Planeten gelebt habe. Eine Generation, die mehr M\u00f6glichkeiten habe denn je, Gutes zu tun. Aber nutzt sie diese auch ausreichend?\n            <\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              In einer Demokratie gehe es nicht nur um Rechte, sondern auch um Pflichten. Und manchmal, sagt Samuel Koch, gehe es noch um etwas Drittes: auf sein Recht zu verzichten. Auch wenn es schwerf\u00e4llt. Das nenne man dann Liebe.\n            <\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              Zum Schluss gibt es noch ein Gest\u00e4ndnis von Samuel Koch. Er mag keinen Applaus. Dabei bekommt er den reichlich und verbeugt sich dann immer leicht nach vorn. \u201eSo gut es eben geht\u201c, sagt er und lacht. Sein Ansinnen: Den Applaus sollen die bekommen, die hinter ihm stehen, die ihm und vielen anderen ihr Leben erst erm\u00f6glichen. Seine Mutter ist eine davon.<\/p>\n<p>                    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/images\/blz\/send-mail.svg\" alt=\"Send feedback\"\/><\/p>\n<p>Lesen Sie mehr zum Thema<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Samuel Koch dirigiert seinen Rollstuhl mit ge\u00fcbter Hand durch den Kronsaal im Schloss Albrechtsberg in Dresden. 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