{"id":128347,"date":"2025-05-21T15:06:13","date_gmt":"2025-05-21T15:06:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/128347\/"},"modified":"2025-05-21T15:06:13","modified_gmt":"2025-05-21T15:06:13","slug":"berlin-du-bist-mir-fremd-geworden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/128347\/","title":{"rendered":"Berlin, du bist mir fremd geworden"},"content":{"rendered":"<p>Berlin war f\u00fcr mich immer ein Symbol f\u00fcr Vielfalt und Weltoffenheit. Auch j\u00fcdisches Leben war hier sichtbar, wirkte lebendig. Und Israel war pr\u00e4senter als in anderen Teilen Deutschlands. Viele Israelis hatten Berlin zu ihrer zweiten Heimat gemacht und pr\u00e4gten zahlreiche Stadtbezirke. <\/p>\n<p>Ich erinnere mich noch gut, wie ich zum ersten Mal am Berliner Hauptbahnhof aus dem Zug stieg. Ich war 18, kam aus der Provinz und dachte: \u00bbEines Tages werde ich diese Stadt mein Zuhause nennen.\u00ab Ich wollte hierbleiben, Wurzeln schlagen. Zehn Jahre lang lebte ich in Berlin und stellte meine Entscheidung nie in Frage.<\/p>\n<p>Am 7. Oktober 2023 \u00e4nderte sich alles. Heute f\u00e4llt es mir schwer, das zu sagen, aber ich f\u00fcrchte, Berlin wird sich nie mehr so anf\u00fchlen wie fr\u00fcher.<\/p>\n<p>Schon am 7. Oktober 2023, zu einem Zeitpunkt, als noch gar nicht klar war, wie viele unschuldige Menschen in Israel den bestialischen Massakern der Hamas zum Opfer gefallen waren, begannen in einigen Berliner Vierteln Kundgebungen, auf denen der Terrorangriff als Akt des Freiheitskampfes gefeiert wurde. Als die H\u00e4user in den Kibbuzim noch brannten, wurden in Berlin S\u00fc\u00dfigkeiten verteilt. Es wurde \u00bbTod den Zionisten\u00ab und \u00bbTod Israel\u00ab gerufen.<\/p>\n<p>In Neuk\u00f6lln sa\u00dfen Menschen in den Caf\u00e9s und jubelten \u00fcber die Taten der Hamas, die schnell auf Videos verbreitet wurden. Es war der Beginn einer neuen, aggressiven Form des israelbezogenen Antisemitismus, der in Berlin bis heute in unverminderter St\u00e4rke anh\u00e4lt.<\/p>\n<p>In den letzten Monaten habe ich Demonstrationsz\u00fcge am Alexanderplatz, in Charlottenburg, in Mitte, in Wedding und in Neuk\u00f6lln begleitet. Jedes Mal, wenn ich mich diesen sogenannten pro-pal\u00e4stinensischen Kundgebungen n\u00e4here, zieht sich etwas in mir zusammen. Instinktiv verberge ich meinen Davidstern unter meiner Jacke. Es ist eine Geste, die mittlerweile reflexartig geworden ist.<\/p>\n<p>Ich tue das nicht aus Scham, sondern aus Selbstschutz. Es ist nicht nur die Aggression in den Stimmen der Demonstranten, die mich bang werden l\u00e4sst. Es ist auch das Gef\u00fchl einer existenziellen Bedrohung. Offener Hass bricht sich unter den rot-schwarz-wei\u00df-gr\u00fcnen Fahnen Bahn. Er richtet sich nicht nur gegen den Staat Israel, sondern gegen alles, f\u00fcr das dieser Staat steht. Er richtet sich gegen jeden, der sich mit Israel irgendwie verbunden f\u00fchlt.<\/p>\n<p>Irritierende Kundgebungen des Hasses<\/p>\n<p>Diese Demonstrationen sind keine politische Kritik, sie sind kein Ruf nach Gerechtigkeit. Es geht nur vordergr\u00fcndig um das Leid der Menschen in Gaza oder die Eigenstaatlichkeit Pal\u00e4stinas. Nein, es geht um Vernichtung: die Vernichtung des j\u00fcdischen Staates und in letzter Konsequenz jeglicher Pr\u00e4senz j\u00fcdischer Menschen dort.<\/p>\n<p>Der Begriff \u00bbTerror\u00ab f\u00e4llt ausschlie\u00dflich in Bezug auf das, was die Demonstranten als \u00bbterroristisches zionistisches Regime\u00ab bezeichnen. Die Hamas wird nicht verurteilt, im Gegenteil: Sie wird als legitimer Widerstand glorifiziert. Die meisten Reden finden auf Arabisch statt, oft ohne \u00dcbersetzung. Frauen und Kinder halten Puppen hoch, die mit Kunstblut \u00fcbergossen sind. Sie rufen Parolen wie \u00bbIntifada\u00ab und \u00bbWiderstand\u00ab. <\/p>\n<p>Wer sich dem widersetzt, wird als \u00bbKinderm\u00f6rder\u00ab beschimpft oder als Teil der \u00bbL\u00fcgenpresse\u00ab diffamiert, welche angeblich von zionistischen Weltm\u00e4chten gesteuert wird. Man br\u00fcllt, kreischt, rauft sich die Haare, beleidigt, droht. Es ist ein andauernder, aggressiver Ruf nach Gewalt, der zunehmend nicht nur skurril, sondern gef\u00e4hrlich ist.<\/p>\n<p>Gleichzeitig richtet sich der Hass immer h\u00e4ufiger auch gegen Deutschland, gegen unsere demokratische Ordnung, gegen die Polizei. \u00bbFuck Germany\u00ab ist hier ein absolut g\u00e4ngiger Ausruf. Umso irritierender ist es, wenn Medien wie die \u00bbtaz\u00ab den Nakba-Tag, an dem ein Berliner Polizist schwer verletzt wurde und der zu einem Aufgebot von tausenden Einsatzkr\u00e4ften f\u00fchrte, als \u00bbGedenkkundgebung\u00ab bezeichnen oder als \u00bbPal\u00e4stina solidarisch\u00ab. Die Etikettierung als \u00bbpro-pal\u00e4stinensisch\u00ab verschleiert, was diese Proteste oft tats\u00e4chlich sind: antisemitische Hassveranstaltungen.<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig ist auch, wie still es bleibt, wenn islamistische Gruppierungen bei diesen Demonstrationen Seite an Seite mit Teilen der radikalen Linken marschieren. Es ist eine unheilige Allianz, die \u00f6ffentlich kaum thematisiert wird. Wie gro\u00df w\u00e4re zu Recht der Aufschrei, wenn es sich stattdessen um rechtsradikale Gruppen handelte. Wenn es aber um islamistische Str\u00f6mungen geht, bleiben Politik und Gesellschaft oft still. Sei es aus Naivit\u00e4t, Ignoranz oder aus Angst, als rassistisch zu gelten.<\/p>\n<p>Karoline Preisler wird bedroht \u2013 f\u00fcr die Verteidigung elementarer Werte<\/p>\n<p>Der Hass trifft hier in Berlin aber vor allem auch Karoline Preisler. Die FDP-Politikerin und Aktivistin steht seit dem 7. Oktober mit einem klaren Satz in der \u00d6ffentlichkeit: \u00bbRape is not resistance.\u00ab Es ist eine sehr klare, einfache Botschaft, die eigentlich in einer offenen Gesellschaft auf breite Zustimmung sto\u00dfen m\u00fcsste. Es ist ein Satz, der nichts anderes besagt als das Offensichtliche. Doch auf diesen Demonstrationen wird Preisler als Provokateurin bezeichnet, sie wird zum Feindbild erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Dabei steht Karoline Preisler f\u00fcr etwas, das l\u00e4ngst aus der Mode gekommen scheint: moralische Klarheit. Ihre Pr\u00e4senz auf der Stra\u00dfe ist unbequem, weil sie den moralischen Nullpunkt offenlegt, an dem sexualisierte Gewalt pl\u00f6tzlich als politische Waffe verharmlost, gerechtfertigt oder geleugnet wird. Sie verk\u00f6rpert einen Feminismus, der nicht opportunistisch, nicht selektiv ist und der sich nicht im akademischen Diskurs ersch\u00f6pft.<\/p>\n<p class=\"u-teaser-list__headline\">Lesen Sie auch<\/p>\n<p>Sie stellt unbequeme Fragen an all jene, die sich sonst lautstark f\u00fcr Frauenrechte einsetzen, hier aber schweigen. Preisler zeigt, was Zivilcourage heute wirklich bedeutet: Auch dann klare Haltung zu zeigen, wenn sie Widerstand provoziert.<\/p>\n<p>Ich habe sie mehrfach auf Demonstrationen begleitet. Was mir dabei begegnete, war ein tiefsitzender, fast fanatischer Zorn. Preisler wird beschimpft, bedroht, verspottet \u2013 f\u00fcr die Verteidigung elementarer Werte. Dass sie dennoch immer wieder hingeht und ruhig bleibt, dass sie Pr\u00e4senz zeigt, ist kein Zeichen von Trotz, sondern von Haltung. Sie tut es &#8211; wie sie selbst sagt \u2013 nicht nur f\u00fcr die Geiseln in Israel, sondern f\u00fcr die Zukunft ihrer Kinder. F\u00fcr ein demokratisches Deutschland, das diesen Namen verdient.<\/p>\n<p>Fehlverhalten hat kaum Konsequenzen<\/p>\n<p>Was sich auf Berliner Stra\u00dfen abspielt, hat l\u00e4ngst die Grenzen politischer Meinungs\u00e4u\u00dferung \u00fcberschritten. Es hat nicht nur das gesellschaftliche Klima, sondern auch meine Beziehung zu dieser Stadt getr\u00fcbt. Berlin ist nicht mehr der Ort, der einem ein Gef\u00fchl der Sicherheit und das Vertrauen in eine offene, tolerante Gesellschaft gibt. In Berlin f\u00fchlt man sich heutzutage fremd, schutzlos und bedroht.<\/p>\n<p>Und das nicht nur wegen der Demonstrationen, sondern wegen des st\u00e4ndigen Wegsehens der Verantwortlichen, wegen des Schweigens der Politik, der Ineffizienz der Justiz, der Passivit\u00e4t der Zivilgesellschaft.<\/p>\n<p>Ja, es gibt vereinzelt Mahnungen, es gibt Besorgnis. Aber viel zu selten folgen daraus Konsequenzen. Heute frage ich mich: Kann Berlin jemals wieder ein Ort sein, an dem j\u00fcdische und israelische Menschen sich zu Hause f\u00fchlen k\u00f6nnen? Gibt es noch Platz f\u00fcr sie in dieser Stadt? <\/p>\n<p>Ich hoffe, dass es in Berlin noch mehr Menschen wie Karoline Preisler gibt, die den Mut haben, sich dem Irrsinn in den Weg zu stellen. Doch vor allem hoffe ich, dass die Politik und Justiz endlich aufwachen und verstehen: Demonstrationen mit antisemitischem, gewaltverherrlichendem oder staatsfeindlichem Charakter d\u00fcrfen nicht toleriert werden. <\/p>\n<p>Sie sind keine legitime Meinungs\u00e4u\u00dferung. Sie sind gef\u00e4hrlich \u2013 f\u00fcr unsere Gesellschaft, unsere Sicherheit, unsere Demokratie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Berlin war f\u00fcr mich immer ein Symbol f\u00fcr Vielfalt und Weltoffenheit. 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