{"id":128353,"date":"2025-05-21T15:09:09","date_gmt":"2025-05-21T15:09:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/128353\/"},"modified":"2025-05-21T15:09:09","modified_gmt":"2025-05-21T15:09:09","slug":"buch-ueber-die-arbeitswelt-kampf-dem-leistungsimperativ","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/128353\/","title":{"rendered":"Buch \u00fcber die Arbeitswelt: Kampf dem Leistungsimperativ"},"content":{"rendered":"<p class=\"Initial paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">Alles ist Arbeit \u2013 neu scheint an dieser Feststellung erstmal nichts. L\u00e4ngst k\u00e4mpfen auch Arbeitsformen wie Sorgearbeit und Aktivismus um Sichtbarkeit. Doch Heike Gei\u00dfler zeigt: Unser Verst\u00e4ndnis von Arbeit neigt immer wieder zur Einengung, ein \u00adaktives Wahrnehmen von Arbeit \u00adaller Art muss ge\u00fcbt werden. In ihrem \u00adEssay \u201eArbeiten\u201c nimmt die in Leipzig lebende Autorin Le\u00adse\u00adr:in\u00adnen in der \u00dcbung des Hinschauens mit durch ihren Alltag. Hinter jedem Textilst\u00fcck am eigenen Leib und den von Handwerkern eingebauten Fenstern: \u00fcberall ist Arbeit hineingeflossen. Auch ihrer eigenen Arbeit sp\u00fcrt Gei\u00dfler nach: Menschen beobachten, Realit\u00e4t mitschreiben, im Wahnsinn der Weltlage bei klarem Kopf und widerst\u00e4ndig bleiben. Gei\u00dfler schreibt der Arbeitswelt, wie wir sie kennen, Briefe, unvers\u00f6hnliche, anklagende.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Anfangs wirkt die Kombination aus Alltagsszenerien, den leicht \u00adpathetischen Briefen und Gedankenfetzen etwas holprig, die poetische Sprache zeitweise gezwungen. Doch das konsequent abschweifende Sammelsurium aus Bildern und Gedanken findet schnell seinen eigenen Ton und l\u00e4dt zum \u00adWeiterlesen ein.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Gei\u00dfler legt kein n\u00fcchternes, Neutralit\u00e4t beanspruchendes Sachbuch vor. Ihr Text ist pers\u00f6nlich, vulnerabel und dadurch zutiefst lebendig. Sie l\u00e4sst Personen aus dem eigenen Umfeld zu Wort kommen. Die am \u201e<a href=\"https:\/\/taz.de\/Weiblicher-Schmerz-maennliche-Medizin\/!6070765\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Chronischen Fatigue-\u00adSyndrom<\/a>\u201c erkrankte Freundin, die liebend gern zu ihrem Beruf \u00adzur\u00fcckkehren w\u00fcrde, tritt ebenso auf, wie der Kurier, der, sein Herz aussch\u00fcttend, \u201ek\u00fcbelweise Klagen in den Hausflur\u201c kippe. \u00dcber die eigene Arbeit nat\u00fcrlich.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-5\" pos=\"4\">Den Berufsgeschichten ihrer Eltern r\u00e4umt Heike Gei\u00dfler besonders viel Raum ein. In der DDR aufgewachsen, machten sie mit dem System- auch einen Berufswechsel durch. Auch ihr Verh\u00e4ltnis zum Beruf \u00e4nderte sich. Beide nahm Gei\u00dfler als Kind als gern arbeitend wahr. Ihre Mutter, vor der Wende Postamtsleiterin in Chemnitz, litt zunehmend unter ihrem neuen Job in M\u00fcnchen. Im Callcenter sollte sie keine Probleme l\u00f6sen, sondern Dinge verkaufen. Diesem Imperativ entkam sie erst durch den Vorruhestand aufgrund chronischer Krankheit. Ihr Vater, ehemaliger Schichtarbeiter im Stahlwerk, erz\u00e4hlt von einer \u201eKasse des Vertrauens\u201c f\u00fcr n\u00e4chtliche Br\u00f6tchen, Bewegungsfreiheit auf dem Gel\u00e4nde w\u00e4hrend der Schicht. Bei Gei\u00dflers <a href=\"https:\/\/taz.de\/Museumsleiterin-ueber-Utopie-und-Alltag\/!6065602\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Besuch im Stahlwerk heute<\/a> wird klar: beides ist verschwunden. Nach der Wende folgten Arbeitsbeschaffungsma\u00dfnahmen, erfolglos forderte der Vater einen Arbeitsvertrag ein. Behutsam differenziert Gei\u00dfler anhand pers\u00f6nlicher Geschichten das Schwarz-Wei\u00df-Narrativ eines rein erdr\u00fcckenden Versuchs von Sozialismus und eines vermeintlich heilbringenden kapitalistischen Systems aus.<\/p>\n<p>\n\ue80f\n<\/p>\n<p>\n            Gei\u00dfler fordert Sorge statt \u00adVorsorge, setzt Denkm\u00e4ler f\u00fcr die \u00adKleingehaltenen<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-7\" pos=\"5\">F\u00fcr die theoretische Einordnung zitiert Gei\u00dfler mehr Frauen als M\u00e4nner, l\u00e4sst die Schriftstellerinnen Elke Erb und Helga M. Novak \u00fcber die Schieflage kapitalistischer Produktionsverh\u00e4ltnisse referieren. Gei\u00dfler selbst \u00fcbernimmt das Gef\u00fchl: Entt\u00e4uschung, Ersch\u00f6pfung, Wut und Rachsucht, die einem \u00adgewaltvollen Verh\u00e4ltnis zur eigenen Arbeit und fehlender Anerkennung folgen, gibt sie den n\u00f6tigen Raum. Sie fordert Sorge statt \u00adVorsorge, zeichnet utopische Stadtbilder, setzt Denkm\u00e4ler f\u00fcr die \u00adKleingehaltenen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"6\">Manchmal klingt das etwas heldinnenhaft. Das m\u00f6chte man Gei\u00dfler aber nicht vorwerfen, denn ihre Verteidigung von Fantasie und M\u00e4rchen gegen\u00fcber der Ohnmacht ist ernstzunehmen. Trotzdem drohen ihre Appelle oft ins Leere zu laufen. Zwar treten vereinzelt Figuren mit Fein\u00add:in\u00adnen\u00adpo\u00adten\u00adzi\u00adal auf: die Superreichen, die Plattform-Kapitalisten. Aber ein Rest Unklarheit bleibt, welchen Kampf genau die Autorin verteidigt, nicht zuletzt durch einen ambivalenten Arbeitsbegriff.<\/p>\n<p>\u201eArbeiten\u201c- das Buch<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph\"><strong>Heike Gei\u00dfler:<\/strong> \u201eArbeiten\u201c. Hanser Berlin, 2025,<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last\">128 Seiten, 14,99 Euro<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-10\" pos=\"7\">Gei\u00dfler sieht die gegenw\u00e4rtige Arbeitswelt verk\u00f6rpert in L\u00fcge, Profitgier, Leistungsdruck und unterdr\u00fcckerisch arbeitsverherrlichenden Narrativen: eine bleibende Siegerin in wechselnden Kost\u00fcmen. Der Verdacht bahnt sich an, dass Gei\u00dfler \u201edie Arbeitswelt\u201c so sehr mit der kapitalistischen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung verzahnt sieht, dass sie im Grunde synonym seien. Damit \u00fcberl\u00e4sst sie jedoch den Begriff der Arbeit dem Status Quo. Den Arbeitsbegriff aufzugeben und sich auf andere Begriffe wie Faulheit zur\u00fcckzuziehen, erscheint aber wie eine sprachliche Kapitulation. Schwieriger, aber ermutigender w\u00e4re es, den Begriff Arbeit von kapitalistischen Logiken zu entzerren, sich ihn wieder anzueignen, und entfremdete, fremdbestimmte Arbeit klar als solche zu markieren.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-12\" pos=\"8\">Zu betrachten ist \u201eArbeit\u201c dann mit dem inklusiven Blick, zu dem Gei\u00dfler einl\u00e4dt; zu besetzen mit menschlichen T\u00e4tigkeiten und F\u00e4higkeiten, die sie \u00fcberzeugend hochh\u00e4lt: Hilfsbereitschaft, Aufmerksamkeit, Handeln nach den eigenen Werten.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-13\" pos=\"9\">\n        <strong>Sprache als Widerstand<\/strong>\n      <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-14\" pos=\"10\">Eine Menschen liebende Wieder\u00adaneignung von <a href=\"https:\/\/taz.de\/Die-Autorin-Annett-Groeschner-im-Gespraech\/!6074427\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Arbeit als Widerstand<\/a> gegen ein System, das ein krankmachendes Verh\u00e4ltnis zur Arbeit kennzeichnet, erfordert einen kollektiven Systemwandel. Und vielf\u00e4ltige Widerstandsformen. In der Sprache kann man ansetzen \u2013 und in der bewussten Ruhe. Gei\u00dfler erlebt sie in einem von der Dramaturgin Stefanie Wenner angeleiteten, kollektiven Halbschlaf auf Strohballen: kapitalistisch unverwertbare Zeit als heilend, das Gef\u00fchl von Geborgenheit.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-15\" pos=\"11\">Mehr als Halt und Rat spendet Gei\u00dflers Buch Resignation und Irritation. Aber aus der Begegnung mit vielen klugen Stimmen nimmt man auch ein wenig Mut mit. Und die Einladung, sich mit der Arbeit von sich und anderen auseinanderzusetzen, immer wieder.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Alles ist Arbeit \u2013 neu scheint an dieser Feststellung erstmal nichts. 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