{"id":1284549,"date":"2026-09-06T15:29:18","date_gmt":"2026-09-06T15:29:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1284549\/"},"modified":"2026-09-06T15:29:18","modified_gmt":"2026-09-06T15:29:18","slug":"das-messias-komplott-ist-mein-roman-zu-juedisch-fuer-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1284549\/","title":{"rendered":"\u201eDas Messias-Komplott\u201c: Ist mein Roman zu j\u00fcdisch f\u00fcr Deutschland?"},"content":{"rendered":"<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Nach dem <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/israel-palaestina-konflikt\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/israel-palaestina-konflikt\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">7. Oktober 2023 <\/a>verlor ich vor\u00fcbergehend den Verstand. Nat\u00fcrlich versuchte ich, mir die Nachrichten vom Leibe zu halten, aber durch Osmose drang das Gift trotzdem in mich ein. Das Video von dem kleinen Jungen, der verzweifelt nach seiner Mama schrie und weinte; aber da war keine Mama, da waren nur b\u00f6se zischende Stimmen aus dem Off (dreckiger Jude, dreckiger Jude). Der gesch\u00e4ndete K\u00f6rper von <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/shani-louk\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/shani-louk\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Shani Louk<\/a>, die halbtot auf einem Lastwagen lag wie M\u00fcll. Israelis, die sich kauernd in einem Feld versteckten \u2013 genau wie damals in Polen \u2013 und zuschauen mussten, wie die Einsatzgruppen der Hamas en passant ihre Leute abknallten.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich an einen ultrafrommen Rabbi (Friede seiner Seele), der mit brechender Stimme von den Leichen der Familie berichtete, die er und seine Helfer in einem der von der Hamas \u00fcberfallenen H\u00e4user gefunden hatten. Die Eltern waren auf einer Seite des Tisches gefesselt, die Kinder auf der anderen, die Folter muss lange gedauert haben. Einen Moment lang fragte ich mich, ob ich lieber vor oder nach meinem Sohn eine Kugel in den Kopf bekommen h\u00e4tte. Davor! Selbstverst\u00e4ndlich davor. Wer will schon miterleben, wie das eigene Kind krepiert. Im n\u00e4chsten Moment sch\u00e4mte ich mich f\u00fcr meinen Egoismus. Denn es w\u00e4re ja meine von Gott verdammte Pflicht gewesen, bis zur letzten Sekunde meines Lebens bei meinem Sohn zu bleiben.<\/p>\n<p>Ein paar Monate vor dem \u201eschwarzen Schabbat\u201c war meine Mutter gestorben. Obwohl die Demenz in ihrem Kopf tobte, hatte sie in ihrem letzten Jahr noch den Irrsinn des russischen \u00dcberfalls auf die Ukraine mitbekommen: Butscha. Mariupol. Die Verschleppung ukrainischer Kinder. Wie gut, dass meine Mutter tot ist, dachte es nach dem 7. Oktober in mir. Dieser Tag h\u00e4tte sie umgebracht.<\/p>\n<p>Dann erschien mir Schab\u2019tai Z\u2019wi<\/p>\n<p>Gleichzeitig musste ich weitermachen: den Sohn zum Klavierunterricht bringen, Abendessen f\u00fcr die Familie kochen, meine Frau umarmen. Es fiel mir schwer, mit ihr \u00fcber das zu sprechen, was ich in meinem Inneren sah. Die Bilder von den Tunneln etwa, diesen elenden Tunneln, in denen die Hamas mit ihren Geiseln verschwunden war. Die M\u00f6rder hatten unter dem Gazastreifen unterirdische G\u00e4nge verlegt, die so viele Kilometer lang waren wie das U-Bahn-Netz von London und Paris zusammen. Eloi und Morlocks, dachte ich, w\u00e4hrend ich nachts im Bett lag und auf den Schlaf wartete. In der \u201eZeitmaschine\u201c von H. G. Wells zerren die Morlocks die unschuldig-ged\u00e4chtnislosen Eloi in die Unterwelt, um sie dort zu verspeisen. In der Dunkelheit kam es mir so vor, als h\u00e4tten die Morlocks gesiegt.<\/p>\n<p>Eine ber\u00fchmte Dichterin dekretierte einst: \u201eDie Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.\u201c Nein. Ich wollte bitte nicht, dass mir diese Wahrheit zugemutet wird. Und so betete ich um eine Idee, die mich retten sollte, die mich ganz weit weg trug. Einen Aufenthalt in der Psychiatrie konnte ich mir nicht leisten, und der Selbstmord ist Eltern bekanntlich verboten. Im n\u00e4chsten Moment hatte ich die Idee: Schab\u2019tai Z\u2019wi. Ich fetzte zwei S\u00e4tze ins Notizbuch, dann kippte ich in einen schwarzen Schlaf ohne Tr\u00e4ume. Am n\u00e4chsten Morgen fiel mir der Rest meines Romans ein. Die Idee, auf der er basierte, war komplett wahnsinnig und v\u00f6llig einleuchtend.<\/p>\n<p>Schab\u2019tai Z\u2019wi war ein falscher Messias. Er lebte von 1626 bis 1676 als Zeitgenosse von Spinoza, Rembrandt, Glikl von Hameln, Samuel Pepys. Schab\u2019tai Z\u2019wi war kein Scharlatan, sondern wirklich verr\u00fcckt; er litt an einer bipolaren St\u00f6rung und hatte gelegentlich Wahnvorstellungen. Vielleicht ein Drittel der Juden seiner Zeit folgte ihm nach, sowohl im Orient als auch im christlichen Europa. An manchen Orten deckten Juden die D\u00e4cher ihrer H\u00e4user ab, weil sie dem Messias ins Gelobte Land folgen wollten. Ein Grund f\u00fcr dieses messianische Fieber war eine Katastrophe: 1648 und 1649 ermordeten die Kosaken des Bochdan Chmielnitzky in der heutigen Ukraine mindestens 20.000 j\u00fcdische Frauen, Kinder und M\u00e4nner. Sie lie\u00dfen dabei keine Scheu\u00dflichkeit aus. Die Juden hatten jeden Grund, sich einen Erl\u00f6ser zu w\u00fcnschen, der sie von der Herrschaft der Gojim befreit.<\/p>\n<p>Die Idee, die mir in der Dunkelheit kam<\/p>\n<p>Der wichtigste Tag im Leben des Schab\u2019tai Z\u2019wi war der 16. September 1666. Damals lie\u00df Sultan Mehmed IV. ihn vor seinen Diwan in Adrianopel, dem heutigen Edirne, zitieren, und stellte ihn vor die Alternative: Pf\u00e4hlung oder \u00dcbertritt zum Islam. Als dritte M\u00f6glichkeit bot er dem falschen Messias an, seine besten Bogensch\u00fctzen hereinzubitten und auf Schab\u2019tai Z\u2019wi anlegen zu lassen. Sollten ihre Pfeile ihn nicht umbringen, sei er vielleicht wirklich der, f\u00fcr den seine Anh\u00e4nger ihn hielten.<\/p>\n<p>Naturgem\u00e4\u00df trat Schab\u2019tai Z\u2019wi auf der Stelle zum Islam \u00fcber \u2013 er war zwar meschugge, aber nicht dumm. Die Idee, die mir damals in der Dunkelheit kam, war nun folgende: Was, wenn Schab\u2019tai Z\u2019wi sich f\u00fcr die Bogensch\u00fctzen entschieden h\u00e4tte und ihre Pfeile (wegen eines Windsto\u00dfes; wegen eines Wunders) harmlos zu Boden gefallen w\u00e4ren? Dann h\u00e4tte Sultan Mehmed IV. keine andere Wahl gehabt, als den Juden jene drei Provinzen seines Reiches zu geben, in denen das historische Land Israel gelegen hatte. Es g\u00e4be also seit mehr als dreihundert Jahren einen j\u00fcdischen Staat, und er w\u00e4re im Einverst\u00e4ndnis mit der islamischen Welt gegr\u00fcndet worden. Nach 1933 h\u00e4tten die Juden ein Zufluchtsland gehabt. Die Araber h\u00e4tten ihre Kraft nicht in Kriegen gegen Israel vergeudet.<\/p>\n<p>Nicht auszudenken! Also dachte ich es mir aus. Einen Nahen Osten, der so reich ist \u2013 und technologisch so fortgeschritten \u2013 wie Schanghai, Seoul, Singapur. Eine Hochgeschwindigkeitsbahn, die Jerusalem mit Bagdad und Bagdad mit Isfahan verbindet. Einen toleranten und selbstbewussten Islam, der keinen Antisemitismus kennt. Eine messianische Republik Israel, in der Sephardim \u2013 spanische Juden \u2013 den Ton angeben.<\/p>\n<p>Von Anfang an war mir klar, dass ich einen Spionageroman schreiben musste. (Oder die Parodie eines Spionageromans, was wohl so ziemlich auf dasselbe hinausl\u00e4uft.) Die Heldin hatte ich sofort vor Augen: Maya Goldschein, eine J\u00fcdin aus Hamburg. Sie erh\u00e4lt den Auftrag, die erste Biografie von Schab\u2019tai Z\u2019wi zu verfassen, die keine Heiligenlegende ist; zu diesem Zweck darf sie sogar in den israelischen Staatsarchiven forschen. Maya war klug und tough und sch\u00f6n. Und neurotisch. Und neugierig. Beim Schreiben passierte mir etwas, von dem ich immer gedacht hatte, es sei eine fromme Schriftstellerlegende: Maya Goldschein hielt sich nicht an meine Vorgaben. Kurz vor dem Ende des Romans haute sie buchst\u00e4blich ab. Maya hatte ihren eigenen Kopf und bescherte mir eine Pointe, die auch mich verbl\u00fcffte.<\/p>\n<p>Unverk\u00e4uflich, weil zu j\u00fcdisch?<\/p>\n<p>Der Roman spielt haupts\u00e4chlich im Gazastreifen, ein bisschen auch in Jerusalem und Jaffa. W\u00e4hrend ich schrieb, verwandelte die israelische Armee Gaza City in eine Tr\u00fcmmerw\u00fcste \u2013 in meiner Fantasie baute ich die Stadt wieder auf; nur ganz anders. Das musste so sein. Im 17. Jahrhundert lebte dort n\u00e4mlich ein verr\u00fcckt-verz\u00fcckter Kabbalist namens Nathan, den seine Anh\u00e4nger als Prophet feierten. F\u00fcr Schab\u2019tai Z\u2019wi spielte Nathan dieselbe Rolle wie Johannes der T\u00e4ufer f\u00fcr Jesus: Er rief ihn in seiner Synagoge \u00f6ffentlich zum Messias aus. Gleichzeitig war er so etwas wie Schab\u2019tai Z\u2019wis Apostel Paulus \u2013 er verk\u00fcndete den Ruhm des Erl\u00f6sers im ganzen Mittelmeerraum. So stellte ich mir vor, dass dreihundert Jahre danach im Gazastreifen eine \u201eProphet-Nathan-Bibliothek\u201c steht, in der die heiligen Schriften der Juden gesammelt werden. Au\u00dferdem fantasierte ich, dass Juden und Araber in Gaza ohne Streit zusammenleben. Dass dort keine Kinder verbrennen. Dass Schwule nicht gesteinigt werden.<\/p>\n<p>Plemplem, ich wei\u00df.<\/p>\n<p>Menschen meiner Generation sind mit einer atemberaubenden Kinoszene aufgewachsen: Sean Connery alias Geheimagent 007 schl\u00e4ft unter Palmen. Eine Frauenstimme singt einen Schlager, James Bond wacht auf und greift nach seiner Pistole. Schnitt: Sandstrand, Meer, attraktive Kumuluswolken. Und dann taucht Ursula Andress aus den Wellen auf, eine blonde G\u00f6ttin im Bikini. In meinem Roman liefere ich das passende Yin zu diesem Yang; bei mir ist es also ein blonder Mann, der als schaumgeborener Apoll aus dem Meer steigt, w\u00e4hrend meine Heldin sich einen l\u00fcsternen Blick g\u00f6nnt. So f\u00e4ngt die Geschichte an. Beinahe konventionell geht sie weiter. Aber nicht ganz, denn zu den Konventionen des Spionageromans geh\u00f6rt die geheimnisvolle Frau, bei der lange verborgen bleibt, ob sie zu den Guten oder den B\u00f6sen geh\u00f6rt. (Vesper Lynd in \u201eCasino Royale\u201c, Phuong in \u201eDer stille Amerikaner\u201c.) Ich hatte gro\u00dfen Spa\u00df daran, dieses uralte Klischee umzudrehen. Bei mir ist die mysteri\u00f6se Gestalt also ein Mann: Philip von Halenstein, ein deutscher Adeliger, zu allem \u00dcberfluss auch noch bisexuell. Ein Patriot, dessen Gro\u00dfvater von Hitler ermordet wurde. Maya verf\u00e4llt dem Kerl mit Haut und Haaren.<\/p>\n<p>Der Roman purzelte aus mir heraus, eigentlich schrieb er sich von allein; mein Gehirn g\u00f6nnte sich eine Runde Urlaub. Ich lie\u00df das Manuskript f\u00fcr ein paar Monate ruhen, \u00fcberarbeitete es mit der angemessenen R\u00fccksichtslosigkeit, ganz am Schluss klemmte ich mir die Lupe ins Auge und packte die Feile aus. Als ich das Gef\u00fchl hatte, fertig zu sein, schickte ich das Produkt an Kolleginnen und Freunde und meine Agentin. Enthusiastische Reaktionen: Dieser Roman w\u00fcrde ein Selbstl\u00e4ufer sein. Dachte ich, dachten alle. Aber dann warf niemand die Angel aus, niemand griff zu. Brillant, hie\u00df es, aber zu wild; gro\u00dfartig, aber nichts f\u00fcr uns. \u00dcber mehrere Relaisstationen wurde mir heimlich gefunkt, in einem prominenten Verlag habe das Dekret gelautet: unverk\u00e4uflich, weil zu j\u00fcdisch.<\/p>\n<p>Vielleicht, \u00fcberlegte ich sp\u00e4ter, f\u00e4llt mein Roman in ein ideologisches Niemandsland. Er kann Leuten nicht gefallen, die mit Pal\u00e4stinenserschal f\u00fcr die Vernichtung Israels demonstrieren. Andererseits schildere ich Araber nicht als tobende Wilde mit gez\u00fccktem islamischen Krummschwert. Ich tr\u00e4ume von Frieden, lachen Sie ruhig. Vielleicht war mein tollk\u00fchner Wunschtraum aber gar nicht der Grund f\u00fcr die Ablehnung? Vielleicht irrten die Freunde und Kolleginnen, und mein Manuskript taugte nicht viel? Nach einem halben Jahr fand ich mich damit ab, dass dieser Roman f\u00fcr immer im Dunkel meiner Festplatte lagern w\u00fcrde. Und doch war meine Kapitulation nur halbherzig, was man an folgendem Umstand sieht: Ich druckte f\u00fcnf Manuskripte aus und verschickte sie ganz altmodisch mit der Post.<\/p>\n<p>Ein Exemplar bekam mein Freund Andreas \u00d6hler in Berlin, der leider nicht mehr lebt. Ihn besuchte der Schriftsteller Artur Becker, der zum Gl\u00fcck noch quicklebendig ist. Artur entdeckte das Manuskript auf Andreas\u2019 Schreibtisch, klemmte es sich unter die Achsel und fuhr zur\u00fcck in seine Heimatstadt. Er las und empfahl das Buch einem kleinen feinen Verlag in Frankfurt. Und jetzt werden wir ausprobieren, ob mein Roman wirklich zu j\u00fcdisch oder ob er f\u00fcr Deutschland gerade noch brav genug ist.<\/p>\n<p>Hannes Stein berichtet f\u00fcr WELT aus New York. Sein Roman \u201eDer Messias-Komplex\u201c erscheint in der Edition Faust.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Nach dem 7. Oktober 2023 verlor ich vor\u00fcbergehend den Verstand. 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