{"id":128512,"date":"2025-05-21T16:42:11","date_gmt":"2025-05-21T16:42:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/128512\/"},"modified":"2025-05-21T16:42:11","modified_gmt":"2025-05-21T16:42:11","slug":"so-unterschiedlich-schlagen-sich-kristen-stewart-und-scarlett-johansson-als-regisseurinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/128512\/","title":{"rendered":"So unterschiedlich schlagen sich Kristen Stewart und Scarlett Johansson als Regisseurinnen"},"content":{"rendered":"<p>In Cannes elektrisierten zwei Schauspielstars als Regisseurinnen: Kristen Stewart riskiert mit ihrem Film alles \u2013 Scarlett Johansson lieber nichts. Der eine fand in den USA kein Geld, der andere w\u00e4re bei Netflix besser aufgehoben gewesen.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Die am schwersten zu bekommenden Eintrittskarten in Cannes dieses Jahr f\u00fchrten nicht in Wettbewerbsfilme, nicht in Tom Cruises letzte <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article256123196\/Mission-Impossible-Warum-der-neue-Gegner-Tom-Cruise-vor-seine-groesste-Herausforderung-stellt.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article256123196\/Mission-Impossible-Warum-der-neue-Gegner-Tom-Cruise-vor-seine-groesste-Herausforderung-stellt.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u201eMission Impossible\u201c <\/a>\u2013 sondern in die Nebenreihe \u201eQuinzaine\u201c. Der Unterschied zwischen \u201eThe Chronology of Water\u201c von Kristen Stewart und \u201eEleanor the Great\u201c von Scarlett Johansson, den Regiedeb\u00fcts der beiden Schauspielstars, l\u00e4sst sich kurz zusammenfassen: Johansson wollte schon lange mal Regie machen \u2013 und Stewart wollte Regie f\u00fchren.  <\/p>\n<p>Jede Sekunde von \u201eThe Chronology of Water\u201c  ist von diesem absoluten Willen gepr\u00e4gt. Earl Cave (der Sohn von Nick Cave und eine der Hauptfiguren in dem Film) hat beschrieben, wie Stewart jeder Szene ihren Stempel aufgedr\u00fcckt hat: Zu mir sagte sie: \u201e,Earl, wenn du in diese Richtung blickst und dabei deinen Mund leicht \u00f6ffnest, siehst du richtig scharf aus\u2018.\u201c Ein gestandener Schauspieler (Cave ist keiner, er ist erst 24) h\u00e4tte sich das verbeten, aber die Episode illustriert, was man in dem fertigen Film sieht: Jede Einstellung ist eine Stewart-Kreation. <\/p>\n<p>Am Anfang stand allerdings nicht Kristen Stewart, sondern Lidia Yuknavitch. Genauer: \u201eThe Chronology of Water\u201c, die Memoiren einer vom Vater missbrauchten und von Selbstzweifeln geplagten jungen Frau, die 2011 herauskamen und im Netz schnell eine Kultanh\u00e4ngerschaft gewannen. Cave spielt Yuknavichs ersten Ehemann, einen viel zu netten Kerl, der nicht begreift, dass f\u00fcr seine Frau Liebe und Schmerz zusammengeh\u00f6ren. \u201eEs war eines von jenen B\u00fcchern, das ich mit all meinen Freunden zusammen laut lesen wollte\u201c, beschrieb Stewart ihre Erfahrung, \u201eeines jener B\u00fccher, das sich wie ein Chor anf\u00fchlte, in dem man mitsingen will.\u201c Stewarts Film ist dieser Chor, und sie hat jede einzelne Stimme dirigiert. <\/p>\n<p>\u201eChronology\u201c ist einer jener Filme, in denen die Gef\u00fchle, die tief in den Eingeweiden sitzen, alles sind \u2013 und Vernunft und Logik nichts. Eine Chronologie ist eigentlich etwas Beruhigendes, an der ordentlichen Reihenfolge kann man sich festhalten. In Stewarts Film kann man sich an nichts festhalten, so wenig wie dessen Protagonistin (gespielt von Imogen Poots, Stewart selbst tritt nicht auf), die von ihren Emotionen permanent fortgesp\u00fclt wird, und es ist nicht einmal das Auf und Ab einer Wellenbewegung, sondern eine einzige, scheinbar endlose hohe Welle. <\/p>\n<p>Stewarts Gebrauch filmischer Mittel \u00fcbertr\u00e4gt diese Intensit\u00e4t auf die Zuschauer: Sie springt ohne Einf\u00fchrung in die Szenen, sie zoomt wie wild, sie setzt harte Schnitte, sie zeigt nicht die ganze Lidia, sondern Gro\u00dfaufnahmen von vielsagenden K\u00f6rperteilen, H\u00e4nden, Haaren, dem Mund, der F\u00fc\u00dfe. Eine ungeheure, fiebrige Energie steckt in ihrer Inszenierung und ihrer Montage, die dem Publikum kaum eine Sekunde Zeit l\u00e4sst, von dieser permanenten Ekstase herunterzukommen. Beinahe unn\u00f6tig zu erw\u00e4hnen, dass Stewart in ihrer US-Heimat f\u00fcr so etwas kein Geld fand und zur Finanzierung nach Europa musste. <\/p>\n<p>Mehrere Male malt Lidia ein Smiley auf ein mit Kondenswasser beschlagenes Flugzeugfenster. Wasser ist das Element, in dem sie sich wohlf\u00fchlt. \u201eIn Wasser\u201c, sagt Lidia, \u201ekannst du aus deinem Leben aussteigen.\u201c Im Wasser f\u00fchlt sie den Schmerz von sich abfallen. Deshalb beginnt sie zu schwimmen, trainiert sogar f\u00fcr die Olympia-Nationalmannschaft, aber Drogen versperren ihr diesen Fluchtweg. Den findet sie schlie\u00dflich im Schreiben, in einem Uni-Kurs mit dem Schriftsteller Ken Kesey, von dem \u201eEiner flog \u00fcber das Kuckucksnest\u201c stammt und der von Jim Belushi gespielt wird.   <\/p>\n<p>Die eine riskiert alles, die andere nichts<\/p>\n<p>\u201eErinnerungen sind Geschichten\u201c, sagt Lidia einmal, und diese Geschichten m\u00fcssen nicht dem entsprechen, was wirklich geschehen ist: \u201eDu musst dir eine Geschichte zurechtlegen, mit der du leben kannst.\u201c Und dabei beobachtet Stewarts Film seine Hauptfigur, wie sie sich diese Geschichte aus den tausend Splittern ihrer Gef\u00fchle zusammensetzt. Man darf vermuten, dass Stewart in dieses Kaleidoskop nicht wenige Facetten ihrer eigenen Pers\u00f6nlichkeit hineingemixt hat.  <\/p>\n<p>Wenn \u201eChronology of Water\u201c der Film ist, der alles riskiert, dann ist \u201eEleanor the Great\u201c der Film, der keinerlei Risiko eingeht. Er stellt eine interessante Frage, auf die er nicht ernsthaft eine Antwort zu geben versucht. Er behandelt eine zweite interessante Frage und findet darauf relativ banale Antworten. Die erste Frage hat damit zu tun, dass Bessie, die Freundin, mit der die 94-j\u00e4hrige Eleanor Morgenstein das letzte Jahrzehnt zusammengelebt hat, stirbt. Eleanor zieht zu ihrer Tochter, aber die will sie in einem Heim unterbringen.  <\/p>\n<p>In einem Altentreff von Holocaust-\u00dcberlebenden beginnt sie pl\u00f6tzlich, ihre Geschichte zu erz\u00e4hlen \u2013 nur dass es nicht ihre Geschichte ist, sondern die ihrer verstorbenen Lebensgef\u00e4hrtin Bessie. Und damit sind wir in der Debatte, wer diese Geschichten erz\u00e4hlen darf, wie man sie nach dem Tod der letzten \u00dcberlebenden erz\u00e4hlen wird k\u00f6nnen, weshalb sich Menschen anma\u00dfen, sie zu erz\u00e4hlen, obwohl sie sie gar nicht selbst erlebt haben, wie im Fall <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/print-welt\/article573781\/Der-unendliche-Binjamin-und-seine-Fortschreibung.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/print-welt\/article573781\/Der-unendliche-Binjamin-und-seine-Fortschreibung.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Wilkomirski<\/a>. <\/p>\n<p>Das jedoch ist eine Diskussion, die \u201eEleanor\u201c nicht wirklich interessiert, es ist nicht einmal ein Fall von Erinnerungsf\u00e4lschung, sondern einfach der einer alten Frau, die sich einsam f\u00fchlt und Interesse f\u00fcr sich wecken m\u00f6chte (und von der schon 95-j\u00e4hrigen June Squibb mit ungeheurem Lebensmut und unsentimentaler Chuzpe gespielt wird).  <\/p>\n<p>Deshalb konstruiert Johansson einen parallelen Strang \u00fcber eine junge Journalistin (tragisch: ihre Mutter ist gerade gestorben) und ihren TV-Moderator-Vater (tragisch: seine Frau ist gerade gestorben), die in ihrem Schock nicht in der Lage sind, einander zu tr\u00f6sten. Letztlich l\u00e4uft alles darauf hinaus, dass man seine Trauer mit anderen teilen soll, anstatt sie in sich hineinzufressen. Es ist ein Film \u2013 sympathieheischend, tr\u00e4nendr\u00fcckend -, der hervorragend ins Netflix-Programm passen w\u00fcrde, aber nun eben in Cannes gelandet ist, weil das Festival Scarlett Johansson auf dem roten Teppich haben wollte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"In Cannes elektrisierten zwei Schauspielstars als Regisseurinnen: Kristen Stewart riskiert mit ihrem Film alles \u2013 Scarlett Johansson lieber&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":128513,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1771],"tags":[20934,1778,29,214,92,48002,30,48003,95,48007,1777,48005,48004,48006,215],"class_list":{"0":"post-128512","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kino","8":"tag-cannes","9":"tag-cinema","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-film","13":"tag-filmfestivals-ks","14":"tag-germany","15":"tag-johansson","16":"tag-kino","17":"tag-kristen","18":"tag-movie","19":"tag-rodek-hanns-georg","20":"tag-scarlett","21":"tag-stewart","22":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114546825173115067","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/128512","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=128512"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/128512\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/128513"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=128512"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=128512"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=128512"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}