{"id":1289001,"date":"2026-09-08T18:38:18","date_gmt":"2026-09-08T18:38:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1289001\/"},"modified":"2026-09-08T18:38:18","modified_gmt":"2026-09-08T18:38:18","slug":"erfinder-der-augsburger-puppenkiste-mit-nazi-vergangenheit-darueber-streiten-wissenschaftler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1289001\/","title":{"rendered":"Erfinder der Augsburger Puppenkiste mit Nazi-Vergangenheit? Dar\u00fcber streiten Wissenschaftler"},"content":{"rendered":"<p class=\"mb-6 text-xs-varying md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Sie haben sich ins Ged\u00e4chtnis von Generationen gespielt: das Urmel aus dem Eis und seine Schweine-Mama Wutz. Jim Knopf und Lukas der Lokomotivf\u00fchrer. Kater Mikesch und auch die Katze mit Hut. Aber als sie Stars der <a href=\"https:\/\/www.augsburger-allgemeine.de\/schlagworte\/aa-augsburger-puppenkiste\" target=\"_self\" class=\"underline \" rel=\"nofollow noopener\">Augsburger Puppenkiste<\/a> \u00fcber die Leinwand zappelten, lag hinter dem Gr\u00fcnder des Marionetten-Theaters schon ein halbes Leben. 46 Jahre alt war Walter Oehmichen,<a href=\"https:\/\/www.augsburger-allgemeine.de\/kultur\/gesellschaft\/jubilaeum-geschichte-an-faeden-die-augsburger-puppenkiste-feiert-75-geburtstag-id65660946.html\" target=\"_self\" class=\"underline \" rel=\"nofollow noopener\"> als er 1948 seine Puppenkiste er\u00f6ffnete<\/a>, Bilder zeigen ihn als Marionettenvater, mit Kalle Wirsch auf dem Arm. Aber schon zur Zeit der Nazi-Diktatur war Oehmichen K\u00fcnstler, damals am Stadttheater <a href=\"https:\/\/www.augsburger-allgemeine.de\/augsburg\/\" target=\"_self\" class=\"underline \" rel=\"nofollow noopener\">Augsburg<\/a>. Hier begann sein Aufstieg \u2013 und sein Einstieg: Der Regisseur trat der NSDAP bei.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs-varying md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Oehmichen wurde Oberspielleiter, bald hoher Amtstr\u00e4ger im Kulturbetrieb. Unter vielen anderen inszenierte er auch Werke, die den Nazis als Werbung und Lehrst\u00fccke dienten. Als Propaganda ihrer Ideologie des Hasses. <a href=\"https:\/\/www.augsburger-allgemeine.de\/bayern\/drei-menschen-erzaehlen-was-sie-in-den-nsdap-akten-entdeckt-haben-1-114213638\" target=\"_self\" class=\"underline \" rel=\"nofollow noopener\">Welche Rolle spielte Oehmichen also in der Diktatur?<\/a> Dar\u00fcber wird jetzt diskutiert, fast 50 Jahre nach seinem Tod. Ein Literaturwissenschaftler und ein Historiker suchen nach einer Einordnung hinter Oehmichens Rollen, Figuren, St\u00fccken. Und sie sind sich uneins, wie stark die Schuld sein Erbe belastet.\n  <\/p>\n<p>            In Augsburg heuerte \u201edas wohl unheilvollste Gespann\u201c an<\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs-varying md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Schon fr\u00fch waren nationalsozialistischen M\u00e4chte in Augsburg sp\u00fcrbar. In dieser Zeit heuerten zwei M\u00e4nner aus Osnabr\u00fcck am Stadttheater an \u2013 ein Duo, das Literaturwissenschaftler J\u00fcrgen Hillesheim so beschreibt: \u201eDas wohl unheilvollste Gespann aus Intendant und Oberspielleiter, das das Haus in seiner Geschichte gesehen hat: Erich Pabst und Walter Oehmichen\u201c. Hillesheim listet auf: Gleich nach Amtsantritt, 1931, feuert Pabst den j\u00fcdischen Kapellmeister Paul Frankenburger.<a href=\"https:\/\/www.augsburger-allgemeine.de\/kultur\/augsburgs-neue-dreigroschenoper-der-mensch-ist-eine-hyaene-zeigt-die-israelische-regisseurin-sapir-heller-113611700\" target=\"_self\" class=\"underline \" rel=\"nofollow noopener\"> St\u00fccke von Bertolt Brecht, dem Revoluzzer und Kind der Stadt<\/a>, werden verboten. Die Freilichtb\u00fchne am Roten Tor wird Schauplatz der Nazi-Propaganda. Die \u201eWeihespiele\u201c, die dort \u00fcber die B\u00fchne gehen, tragen den Titel \u201ereichswichtige Spiele\u201c. In dieser Zeit wirkt Walter Oehmichen.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs-varying md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Der Literaturwissenschaftler J\u00fcrgen Hillesheim ist Professor an der Universit\u00e4t Augsburg. \u00dcber seine Recherchen zu Oehmichens Leben <a href=\"https:\/\/www.augsburger-allgemeine.de\/augsburg\/kultur\/wie-sich-der-vater-der-augsburger-puppenkiste-in-den-dienst-der-ns-diktatur-stellte-114083692\" target=\"_self\" class=\"underline \" rel=\"nofollow noopener\">hat er auch schon in unserer Zeitung geschrieben<\/a>. Jetzt legt er mit einem Beitrag im Magazin Orpheus nach: Oehmichen sei als Regisseur und Schauspieler \u201ean mehr als 20 eindeutig nationalsozialistischen, ideologisch motivierten Inszenierungen beteiligt\u201c gewesen. Viele dieser Werke geh\u00f6rten \u201ezu den unheilvollsten, die das sogenannte NS-Schrifttum hervorgebracht hat\u201c. Ein Beispiel: Mit \u201eOpferstunde\u201c von Hellmuth Unger inszenierte Oehmichen 1935 ein \u201eZwangssterilisations- und Euthanasiedrama\u201c. Der Inhalt des St\u00fccks baut auf die menschenverachtende Idee der \u201eRassenhygiene\u201c: Eine Paar verzichtet darauf, Kinder zu bekommen, weil es erblich \u201ebelastet\u201c sei.\n  <\/p>\n<p>            \u00c4u\u00dferlich NS-konform \u2013 und innerlich? Historiker kommt zu anderem Fazit \u00fcber Oehmichen<\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs-varying md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Walter Oehmichens Karriere nimmt Fahrt auf: 1937 tritt er der NSDAP bei. Sp\u00e4ter ernennt ihn die Reichstheaterkammer zum Landesleiter \u2013 ein hohes Amt im Kulturleben der Region. Aber was dachte und f\u00fchlte Oehmichen? Das fragt sich Matthias B\u00f6ttger. Der Historiker hat die Puppenkisten-Geschichte erforscht und zuletzt im Stadtarchiv Augsburg einen Vortrag \u00fcber Oehmichens Leben gehalten \u2013 und kommt zu einem ganz anderen Schluss als Hillesheim: \u201eIn dieser Atmosph\u00e4re hat Oehmichen versucht, m\u00f6glichst gutes Theater zu machen.\u201c Zuhause, im Kreis seiner Familie, habe der K\u00fcnstler immer wieder \u00fcber das System geklagt. \u201eAber er hat die Hand tats\u00e4chlich nur in der Tasche zur Faust geballt\u201c, der Widerstand gelang ihm \u201enie mit offenen Worten\u201c, sagt B\u00f6ttger. Trotzdem sieht der Historiker auch den Widerspruch in Oehmichens Arbeit: Nazi-St\u00fccke, die ihm nicht gefielen, habe er \u201ebewusst so schlecht inszeniert, dass sie beim Publikum durchgefallen sind\u201c.\n  <\/p>\n<p>    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/images.mgpd.de\/img\/114084611\/crop\/c9_16-w100\/673387307\/1687625305\/oehmichen.jpg\" alt=\"Treuer NS-Anh\u00e4nger oder heimlicher Widerspenstiger? \u00dcber die Rolle von Puppenkisten-Erfinder Walter Oehmichen wird gestritten.\" title=\"Treuer NS-Anh\u00e4nger oder heimlicher Widerspenstiger? \u00dcber die Rolle von Puppenkisten-Erfinder Walter Oehmichen wird gestritten.\" loading=\"lazy\" class=\"h-full w-full object-cover\"\/><\/p>\n<p>      Icon vergr\u00f6\u00dfern<\/p>\n<p>    Treuer NS-Anh\u00e4nger oder heimlicher Widerspenstiger? \u00dcber die Rolle von Puppenkisten-Erfinder Walter Oehmichen wird gestritten.<br \/>\n    Foto: Archiv Augsburger Allgemeine<\/p>\n<p>        Schlie\u00dfen <\/p>\n<p>      Icon Schlie\u00dfen<\/p>\n<p>        Icon vergr\u00f6\u00dfern<\/p>\n<p>        Icon verkleinern<\/p>\n<p>      Icon Pfeil bewegen<\/p>\n<p>    Treuer NS-Anh\u00e4nger oder heimlicher Widerspenstiger? \u00dcber die Rolle von Puppenkisten-Erfinder Walter Oehmichen wird gestritten.<br \/>\n    Foto: Archiv Augsburger Allgemeine<\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs-varying md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Und sein Aufstieg bis zum Landesleiter? Matthias B\u00f6ttgers Theorie: Oehmichen versuchte zu verhindern, \u201edass ein linientreuer Nazi diesen Posten kriegt\u201c. Er wollte sich die Freiheit bewahren, seinen Spielplan selbst zu bestimmen \u2013 neben dem Pflichtanteil an NS-Propaganda-Werken. Dass der Regisseur zum Beispiel noch zur Zeit des Kriegs mit England ein St\u00fcck von Shakespeare inszeniert habe, sich auf die B\u00fchne gestellt und seine St\u00fcckwahl dem Publikum erkl\u00e4rt habe, das rechnet ihm B\u00f6ttger an. Au\u00dferdem sei es ihm \u201eein Gr\u00e4uel\u201c gewesen, dass viele j\u00fcdische K\u00fcnstler-Kollegen vom Augsburger Theater verbannt wurden. Als er NS-Werke inszenieren sollte, da h\u00e4tte Oehmichen \u201egerne mit der Faust auf den Tisch gehauen\u201c, sagt B\u00f6ttger. \u201eAber er war zu feige.\u201c\n  <\/p>\n<p>            Im Entnazifizierungsverfahren wird Oehmichen offenbar entlastet<\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs-varying md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Doch dann: Kriegsende, Neubeginn. Im Sommer 1947 musste Walter Oehmichen vor die Spruchkammer treten, sein Entnazifizierungsverfahren durch die amerikanische Besatzungsmacht begann. In diesem Dokument finden sich entlastende S\u00e4tze: Zeugen sagten, dass sie in Oehmichens N\u00e4he ohne Angst ganz offen sprechen konnten, auch gegen das Regime. Doch J\u00fcrgen Hillesheim spricht von \u201enachweislichen Falschaussagen\u201c im Verfahren. Welchen Wert hat also so ein St\u00fcck Papier? Am Ende wurde Oehmichen als \u201eMitl\u00e4ufer\u201c eingestuft. Oehmichens Puppenkiste stand nichts mehr im Weg.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs-varying md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Fest steht: Die Puppenkiste ist aus dem Krieg heraus geboren. Im Fronteinsatz in Calais hatte der Soldat Oehmichen in einer franz\u00f6sischen Schule, die deutsche Soldaten als Kaserne besetzten, <a href=\"https:\/\/www.augsburger-allgemeine.de\/bayern\/zu-besuch-beim-dreh-von-der-regenbogenfisch-augsburger-puppenkiste-verfilmt-kinderbuchklassiker-114604485\" target=\"_self\" class=\"underline \" rel=\"nofollow noopener\">ein altes Puppentheater gefunden<\/a>. Er liebte das Spiel: \u201eDa merkte ich, dass Puppentheater eventuell noch mehr Theater ist als Menschentheater\u201c, schrieb er in einem Brief, den B\u00f6ttger zitiert. \u201eUnd als alles so trostlos war, da sagte ich mir, je st\u00e4rker ich die Menschen entr\u00fccken kann, desto mehr helfe ich ihnen.\u201c\n  <\/p>\n<p>            1960 trat Oehmichen dann in Brechts \u201eDreigroschenoper\u201c auf<\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs-varying md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Dass Oehmichen dann Jahre sp\u00e4ter, 1960, in Bertolt Brechts \u201eDreigroschenoper\u201c auftrat, bewertet J\u00fcrgen Hillesheim nur als \u201eeinen postnationalsozialistischen Selbstreinigungsprozess\u201c. Der Literaturprofessor will weiter recherchieren, sich in Oehmichens Geschichte vertiefen.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs-varying md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Zwei Lesarten eines Lebens. Was bleibt, ist das Erbe der Puppenkiste. Geschichten von sprechenden Katern, Rittern in Blechdosen, einer Freundschaft zwischen einem Jungen und einem Lokomotivf\u00fchrer. Und eine Vorgeschichte, \u00fcber die jetzt gestritten wird.\n  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Sie haben sich ins Ged\u00e4chtnis von Generationen gespielt: das Urmel aus dem Eis und seine Schweine-Mama Wutz. 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