{"id":1290554,"date":"2026-09-09T12:24:18","date_gmt":"2026-09-09T12:24:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1290554\/"},"modified":"2026-09-09T12:24:18","modified_gmt":"2026-09-09T12:24:18","slug":"berlin-zurueck-in-die-zukunft-mit-der-ringbahn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1290554\/","title":{"rendered":"Berlin: Zur\u00fcck in die Zukunft mit der Ringbahn"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Gemeinsam einen Ort erkunden, zu schauen, zuzuh\u00f6ren, zu staunen, sich etwas vorzustellen, was nicht existiert \u2013 das kann sehr interessant sein. Davon ist der japanische Theatermacher Akira Takayama \u00fcberzeugt. Und am Ende der S-Bahn-Tour sind es auch alle Teilnehmenden. Mit \u00bbWhat if Berlin\u00ab stellt Takayama ein Gedankenexperiment vor. Die Frage lautet: Was zeigt man, wenn die einstigen Visionen nicht umgesetzt wurden? Dazu z\u00e4hlen ein nie realisiertes Mahnmal f\u00fcr die ermordeten Juden und das Lili-Elbe-Archiv, das es nicht mehr gibt. Elbe war eine Malerin und Transgender-Pionierin, die sich im Ins\u00adtitut f\u00fcr Sexualwissenschaft von Magnus Hirschfeld beraten lie\u00df.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">P\u00fcnktlich zum 75. Jubil\u00e4um der Berliner Festspiele geht man mit einer Reihe besonderer Stadtf\u00fchrungen der hypothetischen Frage nach, wie anders Berlin an einigen Orten heute aussehen k\u00f6nnte, wenn einige der k\u00fchnen Projektideen umgesetzt worden w\u00e4ren, die sich Vision\u00e4re einst f\u00fcr die Stadt ausgedacht haben. Anhand von sechs unterschiedlichen Touren entlang der insgesamt 27 Stationen, die von der Berliner Ringbahn angefahren werden, k\u00f6nnen Teilnehmer und Teilnehmerinnen nicht realisierte Projekte und Bauvorhaben kennenlernen, die in Vergessenheit geraten sind.<\/p>\n<p>Jeweils zweist\u00fcndige Performance-Touren<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In jeweils zweist\u00fcndigen Performance-Touren \u2013 von A wie \u00bbD\u00fcrfen Kommunisten tr\u00e4umen?\u00ab bis F wie \u00bbZur Ringstadt \u2013 Die Entw\u00fcrfe des Zentrums dekonstruieren und reenacten\u00ab \u2013 werden Aspekte der Berliner Stadt- und Architekturgeschichte thematisiert, die zum Teil kurz vor ihrer Realisierung standen oder die f\u00fcr eine Umsetzung nie infrage kamen. Im Mittelpunkt stehen f\u00fcnf nicht verwirklichte Projektideen, die nun durch eine thematische Klammer in die Zukunft \u00fcberf\u00fchrt werden.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Den Auftakt des ambitionierten Theaterprojekts bildet Tour E unter dem Titel \u00bbPeripherie als Zentrum \u2013 Auf der Ringbahn, \u00fcber der Autobahn\u00ab. P\u00fcnktlich um 18 Uhr findet sich die 15-k\u00f6pfige Besuchergruppe an einer der sogenannten Travel Agencies ein. Der lilafarbene Projektcontainer leuchtet schon von Weitem vor der Sandstein-Fassade des historischen S-Bahnhofs Halensee. Freundlich begr\u00fc\u00dft die Kulturf\u00fchrerin \u00bbZero P\u00ab die Eingetroffenen. Alle schauen neugierig in die Runde angesichts dessen, was sie an einem Freitagabend in den kommenden zwei Stunden wohl erwarten m\u00f6ge. Neben 14 Wahlberlinern befindet sich nur eine Touristin unter den Interessierten. Zun\u00e4chst bekommen alle ein Audioger\u00e4t mit Kopfh\u00f6rern ausgeh\u00e4ndigt. \u00bbFalls wir uns gleich im Get\u00fcmmel an den S-Bahn-Stationen aus den Augen verlieren, k\u00f6nnt ihr mich noch weiter h\u00f6ren\u00ab, erkl\u00e4rt Zero P. <\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbWenn wir uns unterwegs verlieren, einfach auf die n\u00e4chste S-Bahn warten, dann treffen wir uns an der kommenden Station, die auf eurem Plan steht\u00ab, sagt die aus S\u00e3o Paulo stammende Kulturschaffende, die sich f\u00fcr das rund zweiw\u00f6chige Projekt als Kulturf\u00fchrerin qualifiziert hat. \u00bbAls ich von dem Open Call geh\u00f6rt habe, F\u00fchrungen f\u00fcr das Projekt anzubieten, war ich sofort von der Idee gepackt\u00ab, sagt die ausgebildete Schauspielerin.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Geschlossen bewegt sich die Gruppe nun in Richtung S-Bahn-Station Hohenzollerndamm. Kaum an den Gleisen angekommen, werden Versp\u00e4tungen angek\u00fcndigt, Ansagen \u00fcber den Schienenersatzverkehr schallen aus den Lautsprechern. \u00bbAuch das ist Berlin\u00ab, sagt ein Teilnehmer. Zum Gl\u00fcck betreffen die Ansagen nicht den Abschnitt E der Tour. Los geht es.<\/p>\n<p>Aussicht aus dem Fenster der S-Bahn<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von der S-Bahn-Station Halensee f\u00fchrt die Fahrt zum Westkreuz, dann zur Messe Nord\/ICC, in den Wedding und schlie\u00dflich zum Abschluss nach Gesundbrunnen. Unterwegs hat jeder die M\u00f6glichkeit, den gr\u00fcn-lila Flyer mit den einzelnen Stationen genauer zu studieren. Es ist \u00fcberraschend, was man darin so alles \u00fcber nicht realisierte Projekte der Stadt erfahren kann. Noch \u00fcberraschender aber ist, was man im Vorbeifahren wahrnehmen kann, wenn man sich einmal bewusst der Aussicht aus dem Fenster der S-Bahn widmet.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">David Lynch wollte eine Friedens-Universit\u00e4t auf den Ruinen des Teufelsbergs bauen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Zwischenstopps, an denen die Gruppe geschlossen aussteigt, werden mit Informationen und Geschichten unterlegt: Historische, architektonische, kulturelle und gesellschaftspolitische Entwicklungen der Stadt werden mit jenen nicht realisierten Vorhaben und deren Sch\u00f6pfern zu einem gedanklichen Experiment verwoben. Dabei handelt es sich um Orte, die sich allesamt entlang der Ringbahn erstrecken. F\u00fcr einen kurzen Augenblick werden die Stationen der Ringbahn zur B\u00fchne, durch die Fensterfronten der Bahnh\u00f6fe f\u00e4llt der Blick auf Panoramen, die man im Alltag allzu h\u00e4ufig \u00fcbersieht. \u00bbIch habe noch nie wahrgenommen, wie gigantisch das Messezentrum, das ICC in seinen Ausma\u00dfen von der Seite aus gesehen ist\u00ab, wundert sich jemand.<\/p>\n<p>Projekte, die nie verwirklicht wurden<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zero P, die 2018 nach Berlin gezogen ist, erl\u00e4utert anhand von Beispielen Projekte, die nie verwirklicht wurden und zum Teil recht k\u00fchn, zum Teil utopisch oder grotesk wirken. So sollte eine Friedens-Universit\u00e4t auf den Ruinen des Teufelsbergs entstehen, die sich der ber\u00fchmte Regisseur und Universalk\u00fcnstler David Lynch gemeinsam mit der Maharishi Weltfriedens-Stiftung ausgedacht hatte. \u00bbHerr Lynch kann gern in Berlin bauen, aber nicht auf dem Teufelsberg\u00ab, lautete die Schlagzeile einer Boulevardzeitung aus dem Jahr 2007, die sich nun als Folie \u00fcber das Bahnhofsfenster erstreckt und an die gewagte Idee erinnert. <\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nahe des ICC wird den Teilnehmenden vorgestellt, wie eine Stadt innerhalb der Stadt wom\u00f6glich h\u00e4tte aussehen k\u00f6nnen, die sich \u00fcber zehn Kilometer entlang der Avus erstrecken sollte. Aus modularen Plastiksteinen sollte sie konstruiert werden. Ein Schelm, wer da an Legosteine denkt. Angesichts der dr\u00fcckenden Sommerhitze klingt es nicht nach einer guten Idee, in einer Behausung aus Kunststoff zu leben.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dem Thema Judentum widmet sich Station 22 Messe Nord\/ICC. Die Textzeile \u00bbMahnmal f\u00fcr die ermordeten Juden Europas\u00ab steht auf einem Plakat, das sich \u00fcber einen Teil der Br\u00fccke \u00fcber die Avus erstreckt. Im Rahmen einer zweiten Runde des Berliner Wettbewerbs zum Denkmal f\u00fcr die ermordeten Juden Europas hatten Rudolf Herz und Reinhard Matz 1997 einen Entwurf eingereicht, der sich in seiner Schlichtheit von den anderen Projektentw\u00fcrfen deutlich unterscheidet.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anstelle eines repr\u00e4sentativen und kostspieligen Denkmals in der Hauptstadt sah ihr Entwurf lediglich vor, den Autobahnkilometer 334 der A7 s\u00fcdlich von Kassel auf einer L\u00e4nge von insgesamt einem Kilometer mit Kopfsteinpflaster und einer Geschwindigkeitsbegrenzung von maximal 30 km\/h zu versehen. Damit w\u00e4re gew\u00e4hrleistet gewesen, so die Argumentation, dass rund 40 Millionen Menschen j\u00e4hrlich auf diese Weise das Mahnmal nicht nur wahrgenommen, sondern es notgedrungen auch genutzt h\u00e4tten, was einer bewussten Intervention des gesellschaftlichen Funktionsablaufs im Zeichen einer lebendigen Erinnerung gleichgekommen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Die Autobahn, stolzes Symbol des deutschen Wirtschaftswunders<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Autobahn, stolzes Symbol des deutschen Wirtschaftswunders, Inbegriff nationaler Identit\u00e4t und bis heute unweigerlich auch mit dem Erbe des Dritten Reichs verkn\u00fcpft, sollte auf diese Weise \u2013 auf begrenzter Strecke \u2013 zu einem Ort des Innehaltens und Gedenkens werden. So weit der Plan, der vermutlich auch aufgrund von Protesten nie realisiert wurde.<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbEs gab eine gr\u00f6\u00dfere Diskussion \u00fcber ein angemessenes Mahnmal\u00ab, sagt Zero P. \u00bbWie findet ihr denn die Idee?\u00ab, will die Kulturf\u00fchrerin wissen. \u00bbIch mag sie\u00ab, antwortet Anja. \u00bbWir haben so viele Autobahnkilometer, und so w\u00e4ren die Menschen einmal gezwungen, daran zu denken, dass es die Schoa gab.\u00ab Gegenstimmen habe es auch gegeben, berichtet die Reisef\u00fchrerin. Manche bef\u00fcrchteten, dass das Vorhaben zu einer Ver\u00e4rgerung der Autofahrer f\u00fchren k\u00f6nnte und bewirke, dass sich der \u00c4rger gegen J\u00fcdinnen und Juden richten k\u00f6nnte. \u00bbSp\u00e4ter hat jeder von euch die M\u00f6glichkeit, ein Projekt zum Favoriten zu k\u00fcren\u00ab, sagt Zero P. Und wer wei\u00df, vielleicht wird es doch noch eines Tages realisiert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Gemeinsam einen Ort erkunden, zu schauen, zuzuh\u00f6ren, zu staunen, sich etwas vorzustellen, was nicht existiert \u2013 das kann&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1290555,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1825],"tags":[573,296,574,29,30,411,570,576,572,80,14,16,575,571],"class_list":["post-1290554","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-berlin","tag-berichte","tag-berlin","tag-blogs","tag-deutschland","tag-germany","tag-israel","tag-juedische-allgemeine","tag-juedisches-leben","tag-kommentare","tag-kultur","tag-nachrichten","tag-politik","tag-religion","tag-wochenzeitung"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/117241070687628624","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1290554","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1290554"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1290554\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1290555"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1290554"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1290554"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1290554"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}