{"id":1290892,"date":"2026-09-09T16:11:13","date_gmt":"2026-09-09T16:11:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1290892\/"},"modified":"2026-09-09T16:11:13","modified_gmt":"2026-09-09T16:11:13","slug":"madame-nielsen-liest-in-augsburg-aus-ihrem-roman-das-zeitgeisterhaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1290892\/","title":{"rendered":"Madame Nielsen liest in Augsburg aus ihrem Roman \u201eDas Zeitgeisterhaus\u201c"},"content":{"rendered":"<p class=\"mb-6 text-xs-varying md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Madame Nielsen freut sich \u00fcber das kleine Tischchen, das in der Kapelle Kein Roter Elefant steht. Die Kapelle wurde nachtr\u00e4glich auf die ehemalige Stadtvilla zwischen Volkhart- und Schaezlerstra\u00dfe, nun <a href=\"https:\/\/www.augsburger-allgemeine.de\/bayern\/marktoffingen-unser-lebenstraum-familie-haefner-wohnt-in-einem-ehemaligen-bahnhof-110660880\" target=\"_self\" class=\"underline \" rel=\"nofollow noopener\">das Kunsthaus Villa Sch\u00f6ne Felder<\/a>, errichtet. Die mittlerweile entweihte Kapelle ist ein heller, holzvert\u00e4felter Raum mit Satteldach und einem Glasfenstermosaik von Professor Wei\u00dfhaar, in dem eigentlich au\u00dfer dem K\u00fcnstler selbst jeder einen roten Elefanten erkennt. Das Publikum sitzt fast bis ins Treppenhaus, das bewegungslose Lauschen alleine l\u00e4sst best\u00e4ndig kleine Schwei\u00dfperlen in den Nacken rinnen. \u201eMit diesem Tischchen und der kleinen Lampe kann ich eine echte deutsche Lesung aus meinem Buch machen\u201c, k\u00fcndigt Madame Nielsen an.\n  <\/p>\n<p>            Madame Nielsen fasziniert in Augsburg durch ihre Erscheinung<\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs-varying md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Ihre Ank\u00fcndigung ist nach wenigen Minuten Makulatur, als sie mit ihrer markanten Stimme \u2013 <a href=\"https:\/\/www.augsburger-allgemeine.de\/kultur\/gesellschaft\/helge-schneider-ich-kaempfe-nicht-fuer-die-freiheit-sondern-ich-nehme-sie-mir-einfach-113018567\" target=\"_self\" class=\"underline \" rel=\"nofollow noopener\">ein Sound zwischen Katharina Thalbach und Helge Schneider<\/a> \u2013 f\u00fcr die entscheidende Szene ihres Romans \u201eDas Zeitgeisterhaus. Eine deutsche Geschichte\u201c sich selbst als exzentrische \u201eMagierin aus dem hohen Norden\u201c auf die B\u00fchne holt. Mit ihren schneidend kantigen Gesichtsz\u00fcgen und dunkel umrandeten, abgrundtiefen Augen unter der grauen Lockenper\u00fccke wird die Lesung in k\u00fcrzester Zeit zu einer au\u00dfergew\u00f6hnlichen Performance. Es geht um Prinzipienreiterei in der Kost\u00fcmw\u00e4sche eines Theaters irgendwo in Deutschland, eine Nichtigkeit eigentlich, nur eskaliert sie in wenigen S\u00e4tzen der Auseinandersetzung zwischen Diva und W\u00e4scher zu Holocaustreferenzen und einer \u201eblitzkriegskurzen Zuckung\u201c, die vom W\u00e4scher als Hitlergru\u00df verstanden wird. F\u00fcr die eine Seite eine Straftat, f\u00fcr die andere Seite eine Geste, um \u00fcber das Deutschsein zu richten.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs-varying md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Stein des Ansto\u00dfes? Der mehrmals wiederholte Satz \u201eIch tue nur, was mir gesagt wird.\u201c In der NS-Zeit Grundlage f\u00fcr vorauseilenden Gehorsam, heute die Rechtfertigung f\u00fcr Inflexibilit\u00e4t und Notausgang f\u00fcr unangenehme Situationen. Es folgen Anzeigen, bizarre Zoom-Meetings und schlussendlich das abrupte Ende des Engagements der extravaganten K\u00fcnstlerin. \u201eIch m\u00f6chte nicht einmal Recht haben, aber ich beharre auf meine Untr\u00f6stlichkeit\u201c, dieser eindrucksvolle Satz steht f\u00fcr einen Moment im Raum und wirft die Frage auf, ob der Roman nicht tats\u00e4chlich autofiktional und die Szene nicht doch bei Nielsens <a href=\"https:\/\/www.augsburger-allgemeine.de\/bayern\/schauspielerin-sophie-von-kessel-verraet-im-interview-der-begriff-heimat-loest-bei-mir-nicht-viel-aus-115012353\" target=\"_self\" class=\"underline \" rel=\"nofollow noopener\">Engagement in den M\u00fcnchner Kammerspielen<\/a> \u00e4hnlich stattgefunden haben k\u00f6nnte.\n  <\/p>\n<p>            Madame Nielsen wurde 1963 als Claus Beck Nielsen geboren<\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs-varying md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    Provokation ist ihr schlie\u00dflich nicht fremd, irritiert hat die 1963 als Claus Beck Nielsen geborene K\u00fcnstlerin schon viele. Ihre Verwandlung in Madame vor zw\u00f6lf Jahren hat allerdings nichts mit Geschlechteridentit\u00e4t zu tun, vielmehr ist es eine weitere Verwirklichung von mehreren m\u00f6glichen Existenzformen. \u201eIch bin nicht Mann, nicht Frau, ich bin ungewiss. Vielleicht bin ich in ein paar Jahren ein Vogel\u201c, gab sie einmal der NZZ zu Protokoll. \u00c4hnlich springt sie in ihrem Roman zwischen den Perspektiven der Beteiligten hin und her. Und irgendwie haben alle Recht.\n  <\/p>\n<p class=\"mb-6 text-xs-varying md:text-m lg:text-l font-serif group-[.font-sans]:font-sans \">\n    \u201eEs gibt keine Wahrheit, sondern nur Eigentlichkeiten in der Kunst und in den Institutionen\u201c, sagt sie zu Beginn des Gespr\u00e4chs im Anschluss der Lesung. Doch gibt es einen deutschen Geist, entstanden durch eine Vergangenheitsbew\u00e4ltigung mit viel Unbew\u00e4ltigtem? Ist der deutsche Moralismus ein Produkt hierarchischer Strukturen und B\u00fcrokratie? Es entspinnt sich eine lebhafte Debatte im Publikum, \u00fcber Erinnerungskultur, NS-Aufarbeitung, Patriotismus und Tagespolitik. Madame Nielsen verfolgt die Diskussion distanziert interessiert und knipst pl\u00f6tzlich mit einer beil\u00e4ufigen Handbewegung die kleine Lampe auf dem Tischchen aus. Sie hat ihren Teil getan.\n  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Madame Nielsen freut sich \u00fcber das kleine Tischchen, das in der Kapelle Kein Roter Elefant steht. 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