{"id":1291228,"date":"2026-09-09T20:02:25","date_gmt":"2026-09-09T20:02:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1291228\/"},"modified":"2026-09-09T20:02:25","modified_gmt":"2026-09-09T20:02:25","slug":"kanzlerkino-wenn-man-in-bonn-ploetzlich-von-karl-marx-stadt-eingeholt-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/1291228\/","title":{"rendered":"\u201eKanzlerkino\u201c: Wenn man in Bonn pl\u00f6tzlich von Karl-Marx-Stadt eingeholt wird"},"content":{"rendered":"<p>Der Kanzler in dieser Alternativweltgeschichte von Mirko Bonn\u00e9 ist Helmut Kohl nachempfunden. Die Kanzlergattin leidet an einer Allergie. Und dann startet f\u00fcnf Jahre nach dem Mauerfall ein Stasi-Spitzel richtig durch.<\/p>\n<p class=\"c-inline-alert__description\">Klicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Die Historisierung der 1990er-Jahre ist in vollem Gang. Immer mehr Romane und Erz\u00e4hlungen wenden sich dieser Zeit zu, in der (noch) alles m\u00f6glich schien. Der West- wie der Ostteil des Landes wagten einen Neuanfang. Der Osten musste sich schmerzlich neu erfinden, der Westen blieb z\u00f6gerlich, auch ein wenig ratlos, weil sich viele Menschen in ihrem Wohlstand selbstbez\u00fcglich wohlig eingerichtet hatten. <\/p>\n<p>Bislang trauen sich Schriftsteller mit West-Sozialisation nur selten, in die Erlebniswelt derjenigen einzutauchen, deren Staat damals unterging. <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article120652573\/Raus-aus-den-Spiegelkabinetten-der-Fantasie.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article120652573\/Raus-aus-den-Spiegelkabinetten-der-Fantasie.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Mirko Bonn\u00e9 <\/a>traut sich. Der Hamburger und Wahlfranzose hat sich eine fein gesponnene Geschichte ausgedacht, die die Drangsale der DDR-Gesch\u00e4digten mit Empathie und Erbarmen schildert.<\/p>\n<p>Drei Paare sind es, die dabei im Mittelpunkt stehen. Sie werden auf subtile Weise miteinander verzahnt. Zwei der Frauen brechen aus und kommen wieder, zwei M\u00e4nner verharren in ihrem \u201eKummermuseum\u201c, wie es in einem anderen Roman des Autors hei\u00dft, und warten ab. Das dritte Paar kehrt Deutschland ganz den R\u00fccken und geht nach Frankreich, wo ein gewisser deutscher Typus ja bekanntlich ein zweites Mal geboren wird.<\/p>\n<p>Wer sind diese drei Paare, die Mirko Bonn\u00e9 uns pr\u00e4sentiert? Zun\u00e4chst lernen wir Lutz Reinmar aus Chemnitz kennen. Als das noch Karl-Marx-Stadt hie\u00df, begann er bei S\u00e4chsischglas Scheubnitz und hat es im Jahr 1994, in dem die Geschichte spielt, zum Personalchef gebracht. Er ist mit der Mathematikerin Susanne verheiratet. <\/p>\n<p>Von Karl-Marx-Stadt nach Bonn<\/p>\n<p>Als der Roman einsetzt, bekommt Lutz urpl\u00f6tzlich Post von seinem alten Freund und ehemaligen Kollegen Bernd Vomturm. Der hat, anders als der m\u00fcrrisch angepasste Lutz,<a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article254934868\/DDR-Die-Stimmung-kippte-als-sich-der-Botschaftspark-in-eine-Schlammwueste-verwandelte.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article254934868\/DDR-Die-Stimmung-kippte-als-sich-der-Botschaftspark-in-eine-Schlammwueste-verwandelte.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"> im September 1989 via Prag in die Bundesrepublik r\u00fcbergemacht <\/a>und ist nun dabei, seinen Traum vom freien Architekten zu verwirklichen, den Traum eines Architekten f\u00fcr Geb\u00e4ude aus Glas wohlgemerkt. Mit dem Glas haben es die beiden M\u00e4nner. Mit Durchsichtigkeit, mit Transparenz \u2013 aber auch mit deren glattem Gegenteil.<\/p>\n<p>Bernd ist inzwischen zusammen mit Erika Balthasar, und zwar in Bonn. Und jetzt muss man als Leser erst mal tief Luft holen, w\u00e4hrend Bernd wahrscheinlich sogar Schnappatmung bekommen hat, als er erfuhr, wo Erika lebt: im Kanzlerbungalow n\u00e4mlich. Sie ist die Schwester von Hannelore Kohl, die als Romanfigur aber Harriet Breugel hei\u00dft, und nicht wie ihr historisches Vorbild an einer Lichtallergie leidet, sondern das Dunkel nicht ertr\u00e4gt. Es kommt also hier die reale Zeitgeschichte ins Spiel, auch wenn Helmut Kohl jetzt Viktor Breugel hei\u00dft. <\/p>\n<p>Der erz\u00e4hlerische Trick des Romans besteht darin, dass die bundesrepublikanische Seite als Alternativwelt verfremdet wird. Der Roman hei\u00dft nicht von ungef\u00e4hr \u201eKanzlerkino\u201c, nicht \u201eKanzlerbungalow\u201c, obwohl Bernd in dieses Innerste der Bonner Republik Einlass findet, weil er einen neuen Amtssitz f\u00fcr den Kanzler bei Berlin bauen soll \u2013 und zwar, man ahnt es schon, aus Glas. Wozu es dann nicht kommt.<\/p>\n<p>Das dritte Paar sind die Breugels, Viktor und Harriet. Letztere betr\u00fcgt den Gatten mit dem \u201eKanzlerdouble\u201c, einem Personensch\u00fctzer, der aussieht wie sein Dienstherr, nur 30 Jahre j\u00fcnger. Bernd hatte etwas mit Susanne, und Lutz glaubt lange, die Liaison existiere noch. Susanne will weg von Lutz, mit dem es ihr zu langweilig und auch nicht ganz geheuer ist. Denn Lutz hat eine dunkle Seite: Er war IM. Er legte eine Akte ausgerechnet \u00fcber seinen besten Freund Bernd an. Und nun, da der sich nach f\u00fcnf Jahren Pause wieder meldet, setzt er die Bespitzelung fort, sogar in Bonn. Was genau geschieht, soll nicht verraten werden. Nur so viel sei gesagt: Es ist ein Meer an T\u00e4uschungen und Selbstt\u00e4uschungen, das sich vor dem Leser auftut. <\/p>\n<p>Am Ende kl\u00e4rt sich alles auf. Doch das Interessante sind die retardierenden Momente der verschlungenen und manchmal \u00fcberladenen Geschichte, die hier erz\u00e4hlt wird. Denn diese retardierenden Momente resultieren aus Vorsicht, Misstrauen und Unf\u00e4higkeit zu kommunizieren. Sie sind das giftige mentale Erbe des Spitzelstaates DDR. Lutz hat es so sehr verinnerlicht, dass er sich seinem Urfreund Bernd nach der als Verrat empfundenen Republikflucht nur auf diese Weise n\u00e4hern kann. Und auch Bernd n\u00e4hert sich Lutz nur in Form von kryptischen Briefen. Wiedersehen tun sie sich nicht.<\/p>\n<p>Die M\u00e4nnerfreundschaft stellt die einzige menschliche Verbindung dar, die hier nicht gekittet wird. Doch ein Band besteht, denn Bernd muss eingestehen: \u201eIch habe genauso sein (Lutz\u2019)<br \/>\nLeben in meiner Akte aufgezeichnet gesehen.\u201c Er verzeiht. T\u00e4ter und Opfer als Einheit? Vielleicht ist dies das Geheimnis der untergegangenen DDR, von der Lutz an einer Stelle sagt: \u201eNur die mit drin waren, verstehen es.\u201c Der Roman \u201eKanzlerkino\u201c versucht zu verstehen, indem er respektiert, dass der Osten anders ist. Und dass Transparenz, auf die sich der Westen so viel zuguteh\u00e4lt, auch manches verbergen kann. Zumal im Kanzlerkino. Uns bleibt Gottfried Benns Devise: \u201eIm Dunkel leben. Im Dunkel tun, was wir k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Mirko Bonn\u00e9: Kanzlerkino. Sch\u00f6ffling, 266 Seiten, 25 Euro<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der Kanzler in dieser Alternativweltgeschichte von Mirko Bonn\u00e9 ist Helmut Kohl nachempfunden. 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