{"id":129245,"date":"2025-05-21T23:19:11","date_gmt":"2025-05-21T23:19:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/129245\/"},"modified":"2025-05-21T23:19:11","modified_gmt":"2025-05-21T23:19:11","slug":"wie-die-bestsellerautorin-aus-dem-iran-fluechtete","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/129245\/","title":{"rendered":"Wie die Bestsellerautorin aus dem Iran fl\u00fcchtete"},"content":{"rendered":"<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\"> Mitten im Tennisaufschlag diese Nachricht eines st\u00e4mmigen Uniformierten: \u201eHeute Nacht gegen zehn.\u201c Man k\u00e4me mit dem Schulbus. Man solle sich bereithalten. Okay? Okay.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Das ist einer dieser Erlebnisse, die Donna Leon wahrscheinlich sehr treffend charakterisieren: das souver\u00e4ne Arrangement von unbeschwertem Lebensgenuss mit schwierigen Lebenslagen. Und in diesem Fall ist es eine Lebensbedrohung. Denn Leon, bevor sie bestsellernde Autorin in <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/venedig\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Venedig<\/a> wird, ist unter anderem Englischlehrerin f\u00fcr muslimische Helicopter-Piloten im <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/iran\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Iran<\/a>. Ein kleines Paradies ist es: wenig Arbeit. Ziemlich guter Lohn. Viel Tennis.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Bis Revolutionsf\u00fchrer Ajatollah Khomeini im Sommer 1978 an die Macht kommt und das Leben f\u00fcr Ausl\u00e4nder schwierig, schnell aber lebensbedrohlich wird. Also raus aus dem Land, so schnell wie m\u00f6glich. Und die letzte Nacht im Teheraner Hotel verbringt sie unter diesen Anweisungen: Vorh\u00e4nge zu, niemals ans Fenster treten, Licht nur mit der Nachttischlampe auf dem Boden, Schuhe f\u00fcr alle F\u00e4lle nicht ausziehen und schlafen nur in der Badewanne. Alles lebensrettende Ma\u00dfnahmen.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Das ist eine von 33 Episoden ihres manchmal wilden, aber stets ruhelosen Lebens. Dagegen klingt der Titel fast betulich: \u201eBackstage\u201c hei\u00dft das Buch, das mit 250 Seiten etwa den Umfang eines handels\u00fcblichen Brunetti-Krimis hat, aber kein neuer Brunetti-Krimi ist \u2013 und sich dennoch h\u00f6chst unterhaltsam liest. Das liegt an Donna Leons Erz\u00e4hlweise, die einer Schelmin alle Ehre macht. Die am Rande der Welt zu stehen scheint, neugierig, belustigt und gelassen das Treiben ringsum be\u00e4ugt und sich dann ihren eigenen, oft witzigen Reim darauf macht. Nie aber stilisiert sie sich als Heldin.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Nun ist es keine gro\u00dfe philosophische Erkenntnis, aber doch eine lebensgetr\u00e4nkte Erfahrung, wenn sie so lakonisch schreibt: \u201eMenschen sind seltsam: So ist das Leben. Und uns d\u00e4mmert, dass auch wir vielen, die uns kennenlernen, seltsam erscheinen m\u00fcssen.\u201c Dagegen l\u00e4sst sich nur wenig einwenden.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Donna Leon ist eine, die das Leben, wenn es seine guten, unbeschwerten Seiten zeigt, auch zu genie\u00dfen wei\u00df. Wie etwa die Oper, besonders H\u00e4ndel. Dann wird sie zur Schw\u00e4rmerin, und vielleicht ist es auch diese Leidenschaft, die die Amerikanerin nach Venedig sp\u00fclte und sie dort mehr als ein Vierteljahrhundert sesshaft werden lie\u00df, ehe nicht enden wollende Tourismusstr\u00f6me sie vom Schauplatz ihrer inzwischen 33. Brunetti-Krimis vertrieb. \u201eJeder Opernbesuch f\u00fchrt uns ins Unbekannte\u201c, schreibt sie.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">In \u201eBackstage\u201c kommt sie oft und gerne auf die Oper zur\u00fcck, dann auch auf andere Schriftsteller, die sie verehrt, wie Ruth Rendell, Patricia Highsmith, vor allem <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/charles-dickens\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Charles Dickens<\/a>, den sie ihre erste literarische Liebesbeziehung nennt. Schon deshalb, weil es in seinen Romanen von bizarren Figuren nur so wimmelt, von sonderbaren K\u00e4uzen, denen wir pl\u00f6tzlich als Kartenverk\u00e4ufer, Busfahrer oder Kellner wiederbegegnen. Unterm Strich: Donna Leon liebt Menschen, weil die heute 82-J\u00e4hrige, in New Jersey geborene Autorin auch das Leben liebt. Mit einem \u201eBillardspiel\u201c vergleicht sie es.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Dass \u201eBackstage\u201c ihr Abschiedsbuch sein k\u00f6nnte, ist so gut wie ausgeschlossen. Schlie\u00dflich kursieren flei\u00dfig Ger\u00fcchte, dass sie am 34. Brunetti-Krimi bereits arbeitet, auch wenn der in diesem Jahr nicht mehr zu erwarten ist. Und ein bisschen Brunetti findet sich nat\u00fcrlich auch in ihren Lebensepisoden. Dazu geh\u00f6ren ihre Recherchen zu \u201eBlutige Steine\u201c, die dem Diamantenh\u00e4ndler aus dem Veneto geraume Zeit sp\u00e4ter zum Verh\u00e4ngnis wurden und er ausgeraubt wurde. Die genaue Recherche ist ihr zwar wichtig, doch im Grunde nur das Schreiben. Ein wenig \u201edistanziert\u201c schaut sie auf jene Autoren, die f\u00fcr einen Roman ein komplettes Expos\u00e9 erstellen, eh sie anfangen. Leons Kommentar: \u201eWir \u00dcbrigen machen einfach den Computer an und legen los.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Leicht und locker liest sich das alles, aber doch nie verantwortungslos. Die erste Geschichte ist eine aus ihrer sehr fr\u00fchen Berufszeit. Dass diese Episode aber das Buch er\u00f6ffnet, ist ein Statement. Das ist die Geschichte ihres Sch\u00fclers Cedric, ein Drittkl\u00e4ssler mit einer so besorgten und nerv\u00f6sen Miene, die \u201enichts auf dem Gesicht eines Zehnj\u00e4hrigen verloren hatte\u201c. Cedric kommt unregelm\u00e4\u00dfig zur Schule, hat mal gute, mal schlechte Tage. An den schlechten legt er es grundlos auf eine Schl\u00e4gerei an. Sie besucht seine Mutter, k\u00fcmmert sich. \u00dcber 50 Jahre ist diese Episode schon her, als sich Donna Leon an Cedric erinnert. Nach den Statistiken m\u00fcsste er bereits gestorben oder in Gef\u00e4ngnis sitzen, schreibt sie. Denn \u201eer war schwarz und lebte in Amerika, also hatte er von Anfang an kaum eine Chance. Man k\u00f6nnte auch sagen, kaum eine Chance, noch bevor er \u00fcberhaupt geboren war.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Immer w\u00fcrde es Donna Leon in ihrem Leben dorthin verschlagen, wo es spannend ist, hat ihr Verlag angek\u00fcndigt. Das ist ein wenig \u00fcbertrieben. Wahrscheinlicher ist, dass es \u00fcberall dort, wo Donna Leon ist, spannend wird. Ein sehr legend\u00e4res Ereignis aber gibt es doch: Donna Leon ist Lehrerin, diesmal an einer Privatschule in der <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/schweiz\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Schweiz<\/a>. Ihre Sch\u00fclerin suchen nun eine sogenannte Anstandsdame, die sie ins hei\u00df begehrte Konzert begleiten w\u00fcrde. Auf dem Weg dorthin wird alles geschluckt und geraucht, was es zu schlucken und zu rauchen gibt. Zum Gl\u00fcck. Denn dieser Rausch sollte bei der Rettung der Kinder noch dienlich werden. Wir schreiben also das Jahr 1971. Der Ort: Montreux. Der K\u00fcnstler: Franz Zappa. Und sp\u00e4testens jetzt klingelt es in den meisten Ohren. Denn der Brand im <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/casino\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Casino<\/a> kurz vor dem Zappa-Konzert wurde nur ein wenig sp\u00e4ter zum musikalischen Gro\u00dfereignis: Er ist das Motiv f\u00fcr den wahrscheinlich ber\u00fchmtesten Gitarrenriff der Rockgeschichte \u2013 f\u00fcr \u201eSmoke on the Water\u201c von <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/deep-purple\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Deep Purple<\/a>. Dass alle Kinder gerettet wurden, ist vielleicht den Bet\u00e4ubungsmitteln zu verdanken, glaubt Donna Leon: \u201eSollte ich jemals wieder an einem Ort sein, der in Brand ger\u00e4t, lasst uns bitte alle unter Drogen stehen.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Die ansonsten Redselige aber verschweigt bis kurz vor Ende den Song und seine Entstehungsgeschichte. Weil sie ihn lange Zeit gar nicht kannte. Erst unendliche vierzig Jahre sp\u00e4ter machte sie ein Enkel ihrer Freundin bei einem Familienpicknick darauf aufmerksam. Donna, Donna. Dass sie ein Opernfan ist, darf in diesem Fall wirklich nicht als Ausrede gelten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Mitten im Tennisaufschlag diese Nachricht eines st\u00e4mmigen Uniformierten: \u201eHeute Nacht gegen zehn.\u201c Man k\u00e4me mit dem Schulbus. 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