{"id":132461,"date":"2025-05-23T04:49:14","date_gmt":"2025-05-23T04:49:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/132461\/"},"modified":"2025-05-23T04:49:14","modified_gmt":"2025-05-23T04:49:14","slug":"berlin-ihr-zuhause-ist-hier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/132461\/","title":{"rendered":"Berlin: &#8222;Ihr Zuhause ist hier&#8220;"},"content":{"rendered":"<p class=\"metatextline\">Stand: 23.05.2025 06:27 Uhr<\/p>\n<p class=\"textabsatz columns twelve  m-ten  m-offset-one l-eight l-offset-two\">\n        <strong>Deutsch-T\u00fcrkinnen in Berlin f\u00fchlen sich heute vielfach als Berlinerinnen. Sie sind l\u00e4ngst nicht nur in ihrer Nachbarschaft unterwegs, sondern f\u00fchlen sich auch in anderen Stadtteilen zugeh\u00f6rig. Dazu geforscht hat die Sozialwissenschaftlerin Ceren Kulkul.<\/strong>\n    <\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nrbb|24: Frau Kulkul, Sie haben zu t\u00fcrkisch-muslimischen Frauen in Berliner Kiezen geforscht. Was macht f\u00fcr Ihre Interviewpartnerinnen eine &#8222;gute Nachbarschaft&#8220; in Berlin aus?<br \/>\u00a0<br \/>Ceren Kulkul: Ich habe die Teilnehmer meiner Studie nicht direkt gefragt, was gute Nachbarschaft f\u00fcr sie ausmacht. Doch die Frauen, mit denen ich gesprochen habe, haben sich durchweg positiv \u00fcber Stadtteile ge\u00e4u\u00dfert, in denen sie sich sicher f\u00fchlen. Dabei ging es um viele Facetten: das Gef\u00fchl der Sicherheit als Frau, als Mutter, als Migrantin, als Angeh\u00f6rige einer Minderheit und sogar als junger Mensch. Neben Sicherheit war auch Bequemlichkeit ein wichtiger Faktor. Dazu geh\u00f6rt der Zugang zu Parks, Gesch\u00e4ften, M\u00e4rkten und R\u00e4umen f\u00fcr soziale Interaktion.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nHaben die von Ihnen befragten Frauen vor allem Kontakt zu anderen aus der T\u00fcrkei stammenden Frauen?<br \/>\u00a0<br \/>W\u00e4hrend h\u00e4ufig angenommen wird, dass Migranten sich auf ihren Kiez beschr\u00e4nken, zeigen meine Untersuchungen, dass viele und gerade die j\u00fcngeren Generationen h\u00e4ufig andere Stadtteile besuchen, denen sie sich zugeh\u00f6rig f\u00fchlen &#8211; auch wenn sie dort nicht wohnen. In St\u00e4dten wie Berlin kommen junge Menschen mit unterschiedlichstem Hintergrund oft zusammen. Auch wenn reines Zusammenkommen allein keine Garantie f\u00fcr Inklusion ist, sollte man die Bedeutung einer Umgebung, die solche Begegnungen m\u00f6glich macht, nicht untersch\u00e4tzen.<br \/>\u00a0<br \/>Die Frauen, denen ich w\u00e4hrend meiner Forschung begegnete, standen aus verschiedenen Gr\u00fcnden und in unterschiedlichen Kontexten in Kontakt mit Menschen au\u00dferhalb ihrer eigenen ethnischen oder religi\u00f6sen Gruppe. Das gilt insbesondere f\u00fcr M\u00fctter. Sie nutzen zwar Netze innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaft, haben meist aber auch mit anderen zu tun, zum Beispiel mit Nachbarn, anderen M\u00fcttern in Parks oder Eltern, die sie in den Schulen ihrer Kinder kennenlernen.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nGibt es bestimmte Kieze oder Bezirke in Berlin, die f\u00fcr Ihre Studie besonders pr\u00e4gend waren?<br \/>\u00a0<br \/>Ja. Neuk\u00f6lln, Wedding und Kreuzberg waren zentral f\u00fcr meine Forschung. Das liegt vor allem daran, dass in diesen Gebieten eine gro\u00dfe t\u00fcrkische Bev\u00f6lkerung lebt. Auch wenn es in diesen Vierteln keine komplett homogenen oder isolierten t\u00fcrkischen Enklaven gibt, sind die Auswirkungen der \u2013 insbesondere t\u00fcrkischen &#8211; Migration in bestimmten Stra\u00dfenz\u00fcgen deutlich sichtbar.<\/p>\n<blockquote class=\"zitat\">\n<p>\n                    Berliner zu sein ist zu einer Form der Zugeh\u00f6rigkeit geworden, die \u00fcber die nationale Herkunft, P\u00e4sse, Religion oder Kultur hinausgeht<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nWelche Erfahrungen machen muslimische Frauen in Berlin in Bezug auf Zugeh\u00f6rigkeit und Teilhabe?<br \/>\u00a0<br \/>Betrachtet man das Leben von Migranten in St\u00e4dten, kommen unweigerlich die Themen Marginalisierung und Diskriminierung ins Spiel. Das wirft die Frage auf, wie der einzelne mit diesen Erfahrungen umgeht und welche Gegenstrategien er entwickelt. Die Antworten auf diese Fragen waren im Rahmen meiner Forschung sehr vielf\u00e4ltig. Jede Frau entwickelte ihre eigene Strategie, mit Zugeh\u00f6rigkeit umzugehen und Diskriminierung zu begegnen.<br \/>\u00a0<br \/>Auf Diskriminierungen reagiert jede Frau auf der Basis ihrer individuellen Umst\u00e4nde und fr\u00fcheren Erfahrungen. Einige verteidigen sich aktiv. Oft wurde das auch zur Verteidigung der eigenen Identit\u00e4t, Nationalit\u00e4t, des Glaubens oder der Kultur. F\u00fcr andere schien Schweigen die geeignetere Strategie zu sein. Zugeh\u00f6rigkeit hingegen wird st\u00e4ndig verhandelt. Das Gef\u00fchl der Zugeh\u00f6rigkeit zur eigenen Gemeinschaft muss man getrennt vom Gef\u00fchl der Zugeh\u00f6rigkeit zur Stadt &#8211; in diesem Fall Berlin &#8211; sehen. Aber auch Zugeh\u00f6rigkeit ist variabel, komplex und vielf\u00e4ltig.<\/p>\n<p>            <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"ts-image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/rbb-video-rbb24-abendschau-15-05-2025-m-schmitz-100.jpg\" alt=\"Symbolbild:Ein Mann geht die Treppen in einem Treppenhaus hinunter in Berlin.(Quelle:picture alliance\/Photothek\/F.Gaertner)\" title=\"Video: rbb24 Abendschau | 15.05.2025 | M. Schmitz | picture alliance\/Photothek\/F.Gaertner\"\/><\/p>\n<p>Grenzbegegnungen in Berliner Treppenh\u00e4usern<\/p>\n<p>            F\u00fcr viele Menschen ist es belastend, wenn sie im Treppenhaus ihres Hauses auf obdachlose, Drogen konsumierende oder verhaltensauff\u00e4llige Menschen treffen. \u00dcber unangenehme Begegnungen in einem Zwischenraum. Von Anna Bordel<a href=\"https:\/\/www.rbb24.de\/panorama\/beitrag\/2025\/05\/berlin-wohnraum-treppenhaus-obdachlose-drogen-nachbarn.html\" title=\"mehr\" class=\"textlink--extern\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">mehr<\/a><\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nWelche Rolle spielen Moscheen, Nachbarschaftscaf\u00e9s oder Frauengruppen bei der allt\u00e4glichen Vernetzung?<br \/>\u00a0<br \/>Sie spielen eine entscheidende Rolle bei der St\u00e4rkung von Zugeh\u00f6rigkeit. Eine muslimische Frau geht nicht nur aus religi\u00f6sen Gr\u00fcnden in die Moschee. Diese Orte sind wichtige Treffpunkte, um Kontakte zu kn\u00fcpfen und emotionale und praktische Unterst\u00fctzung zu finden. Sie sind jedoch keine konfliktfreien Zonen &#8211; hier finden auch Meinungsverschiedenheiten und Auseinandersetzungen statt. Ebenso haben Nachbarschaftscaf\u00e9s und andere \u00f6ffentliche R\u00e4ume einen Einfluss auf die Beziehungen, die Migranten aufbauen &#8211; sowohl innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaft als auch mit der Stadtgesellschaft. So traf ich beispielsweise eine meiner Interviewpartnerinnen, eine Studentin in den Zwanzigern mit Kopftuch, in einem Caf\u00e9 in Kreuzberg. Es ist ein beliebter Treffpunkt, der von vielen internationalen Studenten und Anwohnern besucht wird. Sie dr\u00fcckte ihr Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl aus, indem sie beschrieb, wie wohl und willkommen sie sich in diesem Caf\u00e9 f\u00fchlt.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nGibt es Unterschiede zwischen den Generationen, wie junge und \u00e4ltere Frauen ihr Leben in Berlin gestalten oder erleben? <br \/>\u00a0<br \/>Es gibt erhebliche Unterschiede in der Art und Weise, wie Frauen ihr Leben in Berlin gestalten und erleben. Die erste Welle t\u00fcrkischer Migranten, die in den 1960er Jahren ankam, war meist m\u00e4nnlich und kam mit der Absicht, vor\u00fcbergehend zu arbeiten, Geld nach Hause zu schicken und schlie\u00dflich in die T\u00fcrkei zur\u00fcckzukehren. Nachdem ihre Familien nachgezogen waren, begannen sie, sich ein Leben in Deutschland aufzubauen. <br \/>\u00a0<br \/>Dennoch lebten viele weiter mit dem Gedanken an eine R\u00fcckkehr. Ihre Kinder, die zweite Generation, gingen meist in deutsche Schulen und wuchsen mit beiden Kulturen auf. Selbst bei ihnen hielt sich der Gedanke, irgendwann in die T\u00fcrkei zur\u00fcckzukehren, oft hartn\u00e4ckig. <br \/>\u00a0<br \/>Die dritte Generation ist jedoch anders. Diese Menschen sind in Deutschland geboren und aufgewachsen. Viele Frauen dieser Generation identifizieren sich nicht mehr ausschlie\u00dflich als T\u00fcrkinnen oder Deutsche, sondern als Berlinerinnen. Ihre Kinder wachsen nun in derselben Stadt auf, besuchen deutsche Schulen und die Stadt ist auch ihr soziales Umfeld. Der Begriff der &#8222;R\u00fcckkehr&#8220; ist f\u00fcr diese Generation weitgehend irrelevant. Ihr Zuhause ist hier.<\/p>\n<p>            <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"ts-image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/rbb-audio-rbb24-28-05-2024-o-ton-aus-dem-gespraech-mit-sebastian-kurtenbach-102.jpg\" alt=\"Symbolbild:Nachbarschaftshilfe in Berlin: Blumen auf dem Balkon des Nachbarn gie\u00dfen.(Quelle:picture alliance\/dpa\/nebenan.de)\" title=\"Audio: rbb|24 | 28.05.2024 | O-Ton aus dem Gespr\u00e4ch mit Sebastian Kurtenbach | picture alliance\/dpa\/nebenan.de\"\/><\/p>\n<p>&#8222;Zwischen Nachbarn eskalieren Probleme so gut wie nie&#8220;<\/p>\n<p>            Manche Nachbarn trifft man fast nie. Streit gibt es mal um zu laute Musik, aber im Gro\u00dfen und Ganzen geht es in Berliner Nachbarschaften eher friedlich zu, sagt der Sozialwissenschaftler Kurtenbach. Der Wohnungsmangel kann aber einiges ver\u00e4ndern.<a href=\"https:\/\/www.rbb24.de\/panorama\/beitrag\/2024\/05\/interview-nachbarschaft-sebastian-kurtenbach-berlin-brandenburg.html\" title=\"mehr\" class=\"textlink--extern\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">mehr<\/a><\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nWenn Sie an Ihre Recherche zur\u00fcckdenken, gab es da eine Szene oder eine Aussage, die besonders typisch Berlin war? <br \/>\u00a0<br \/>Als ich eine Frau der dritten Generation fragte, wie sie sich definiert, sagte sie ohne zu z\u00f6gern: &#8222;Ich bin Berlinerin.&#8220; Die Tatsache, dass die Stadt selbst zu einem prim\u00e4ren Identit\u00e4tsmerkmal geworden ist &#8211; insbesondere f\u00fcr jemanden mit Migrationshintergrund \u2013 ist f\u00fcr viele von gro\u00dfer Bedeutung. Berliner zu sein ist zu einer Form der Zugeh\u00f6rigkeit geworden, die \u00fcber die nationale Herkunft, P\u00e4sse, Religion oder Kultur hinausgeht. Diese Art der Identifikation bei Menschen mit Migrationshintergrund ist etwas, das es in den wenigsten anderen deutschen St\u00e4dten so gibt.<\/p>\n<p class=\"textabsatz m-ten m-offset-one l-eight l-offset-two columns twelve\">\nVielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<br \/>\u00a0<br \/>Das Interview f\u00fchrte Sabine Priess.<\/p>\n<p>                                        <a class=\"backlink__link\" href=\"https:\/\/www.rbb24.de\/panorama\/beitrag\/2025\/05\/tag-der-nachbarschaft-frauen-tuerkei-migration-berlin.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p>                                                <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"Rundfunk Berlin-Brandenburg\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1745108282_195_lra-rbb-logo-100.svg.svg+xml\" height=\"40\" width=\"40\"\/><\/p>\n<p>                                        <\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Stand: 23.05.2025 06:27 Uhr Deutsch-T\u00fcrkinnen in Berlin f\u00fchlen sich heute vielfach als Berlinerinnen. 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