{"id":137522,"date":"2025-05-25T03:19:11","date_gmt":"2025-05-25T03:19:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/137522\/"},"modified":"2025-05-25T03:19:11","modified_gmt":"2025-05-25T03:19:11","slug":"gabi-thieme-erzaehlt-die-geschichte-zweier-aufsehen-erregender-faelle-aus-sachsen-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/137522\/","title":{"rendered":"Gabi Thieme erz\u00e4hlt die Geschichte zweier Aufsehen erregender F\u00e4lle aus Sachsen \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Dass dieses Buch eine rege Nachfrage ausl\u00f6sen w\u00fcrde, war abzusehen. Denn beide Kriminalf\u00e4lle, die Gabi Thieme hier noch einmal aufarbeitet, haben zu ihrer Zeit f\u00fcr Aufregung und Entsetzen in S\u00fcdwestsachsen gesorgt. Was nur zu verst\u00e4ndlich ist: Wenn Kinder Opfer von Verbrechen werden, werden die tiefsten Gef\u00fchle nicht nur bei den betroffenen Eltern aufgew\u00fchlt. Verstehen kann man solche T\u00f6tungen nicht. Auch wenn sich Ermittler und Gerichte darum bem\u00fchen.<\/p>\n<p>Beide F\u00e4lle haben auch die Zeit von Gabi Thieme als Redakteurin der Zeitung \u201eFreie Presse\u201c in Chemnitz begleitet, wo sie bis 2018 t\u00e4tig war. Sie konnte also auch auf ihre eigenen Recherchen und Notizen zu den beiden Aufsehen erregenden F\u00e4llen in Zwickau zur\u00fcckgreifen. Aber man merkt, dass auch sie verstehen will, wie es zu diesen grausamen Taten kommen konnte.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/6291186eaa8e488caf50cd9b2d83b607.gif\" alt=\"\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/05\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/05\/1\"\/>Da geht es Journalistinnen wie den Menschen in der Umgebung des Tatortes: Die F\u00e4lle w\u00fchlen auf und k\u00f6nnen nie wirklich \u201ezu den Akten gelegt\u201c werden, wenn man nicht wenigstens ansatzweise versteht, warum es dazu kam, warum die T\u00e4ter derart brutal agierten.<\/p>\n<p>Aber in beiden F\u00e4llen bleiben am Ende Fragen. Im Fall des 1994 auf seinem Schulweg verschwundenen Michael aus L\u00f6\u00dfnitz auch deshalb, weil der mutma\u00dfliche T\u00e4ter sich schon vor dem Prozess das Leben nahm. Aber seine Aussagen zum Tathergang waren ebenso schon l\u00fcckenhaft geblieben. Ganz \u00e4hnlich wie bei jenem Mann, der 2005 in Zwickau die kleine Ayla umgebracht hat. Da konnten die Ermittler wenigstens den Tathergang relativ l\u00fcckenlos rekonstruieren.<\/p>\n<p>Doch warum der T\u00e4ter so handelte \u2013 und das sehr \u00fcberlegt \u2013 war dem Mann genauso wenig zu entlocken wie eine plausible Schilderung des Mordes selbst. Was nat\u00fcrlich auch die Leser ratlos zur\u00fcckl\u00e4sst. Denn die Frage rumort ja weiter: Warum haben die beiden M\u00e4nner das getan? Hatten sie einen Blackout? Hat dann ein zweites, b\u00f6ses Ich die Schalthebel in ihrem Kopf \u00fcbernommen wie in Stevensons <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_seltsame_Fall_des_Dr._Jekyll_und_Mr._Hyde\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eDer seltsame Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde\u201c?<\/a><\/p>\n<p>Doch nicht bei uns \u2026<\/p>\n<p>Oder ist es einfach so, dass auch diese beiden Kinderm\u00f6rder die schlimmsten Details ihrer Tat verdr\u00e4ngt haben? Eben weil diese Dinge nicht auszuhalten sind? Denn nat\u00fcrlich sind auch Kinderm\u00f6rder Menschen. Manchmal ganz unauff\u00e4llige, als freundlich und ruhig empfundene Nachbarn und Kollegen, denen man so etwas nicht zutraut. Psychiatrische Gutachter bewerten ja nicht nur, ob jemand zum Zeitpunkt der Tat zurechnungsf\u00e4hig war, sondern versuchen sich auch ein Bild zu machen vom psychischen Profil des T\u00e4ters und den m\u00f6glichen Ursachen f\u00fcr ihre Taten.<\/p>\n<p>Dass es manchmal Ursachen in der Kindheit der M\u00e4nner gibt, ist ja bekannt. Oft bekommen die Ermittler so auch erst Zugang zum T\u00e4ter, k\u00f6nnen ihn zum Sprechen bringen. Und zumindest im zweiten Fall wird sehr deutlich, dass der T\u00e4ter tief sitzende Probleme im Umgang mit Frauen hatte. Die kleine Ayla hatte das sogar gesp\u00fcrt. Der Mann war ihr kein Unbekannter. Er geh\u00f6rte zum Bekanntenkreis ihrer Mutter.<\/p>\n<p>Gerade weil Gabi Thieme ein besonderes Augenmerk auf die haupts\u00e4chlich Betroffenen \u2013 die Familien der Kinder \u2013 legt, wird schnell sp\u00fcrbar, wie gravierend diese Taten in das Leben dieser Menschen eingreifen. Jenes der M\u00fctter und V\u00e4ter genauso wie das der Gro\u00dfeltern, die ja selbst intensive Beziehungen zu ihren Enkeln aufbauen. Und im Grunde gehen die meisten Menschen ja davon aus, dass so grausame Taten in ihrem Umfeld nicht passieren k\u00f6nnen, dass so etwas nur irgendwo anders, weit weg geschehen kann.<\/p>\n<p>Umso gr\u00f6\u00dfer ist das Entsetzen. Der ganze Ort kommt \u00fcber Wochen und Monate nicht zur Ruhe. Und besonders nervenaufreibend sind die ersten Stunden, wenn das Verschwinden des Kindes bemerkt wird und die Suche nach den Verschwundenen beginnt und die Hoffnung, dass sie am Leben sind, noch glimmt.<\/p>\n<p>Die Gef\u00fchle der Ermittler<\/p>\n<p>Das trifft auch auf die involvierten Kriminalbeamten zu, die Gabi Thieme besonders intensiv befragt hat. Sie wollte auch wissen, wie professionelle Ermittler mit solchen F\u00e4llen umgehen und auch, wie sie das alles aushalten. Denn sie m\u00fcssen sich ja mit jedem Detail der Tat besch\u00e4ftigen, d\u00fcrfen keine Spur au\u00dfer Acht lassen und selbst dann nicht aufgeben, wenn sich \u00fcber Tage und Wochen einfach kein Hinweis auf den T\u00e4ter ergibt.<\/p>\n<p>Oder \u2013 was im Fall von Michael die Sache noch viel schlimmer machte \u2013 nicht einmal der Verbleib des Jungen gekl\u00e4rt werden konnte. Bis ein Hinweis dann ausgerechnet nach Leipzig f\u00fchrte. Daf\u00fcr sorgten anonyme Schreiben an die Eltern und die Polizei in Aue daf\u00fcr, dass die Ermittler das Gef\u00fchl bekommen mussten, da spiele jemand mit ihnen.<\/p>\n<p>Ein Gutachter formulierte schon recht fr\u00fch seine Vermutung, dass der T\u00e4ter wahrscheinlich Polizist sein k\u00f6nnte. Was sich im Verlauf der Ermittlungen auch best\u00e4tigte. Auch wenn das zus\u00e4tzliche Probleme schaffte. Denn da die Spuren geradezu professionell verwischt worden waren, blieb nur das Gest\u00e4ndnis, das der mutma\u00dfliche T\u00e4ter aber auf Anraten seiner Rechtsanw\u00e4ltin widerrief.<\/p>\n<p>Jeder dieser beiden F\u00e4lle h\u00e4tte nat\u00fcrlich ein eigenes Buch verdient. Schon nach Michaels Geschichte d\u00fcrfte so mancher Leser erst einmal ziemlich \u00fcberfordert das Buch beiseitelegen und Luft holen. Und den Kopf sch\u00fctteln, weil einem eine so dichte Atmosph\u00e4re aus Hoffen, Verzweifeln und Entsetzen f\u00fcr gew\u00f6hnlich nur in richtigen Krimis begegnet. Die Wirklichkeit in deutschen Gerichtss\u00e4len ist meist etwas anders, wesentlich k\u00fchler und z\u00e4her. Auch wenn die Berichterstattung in einigen Boulevardmedien \u00fcberwiegend mit dem Entsetzen spielt.<\/p>\n<p>Aber dieses Entsetzen ist eine journalistische L\u00fcge, malt falsche Bilder von den T\u00e4tern, bl\u00e4st sie zu Monstern auf. W\u00e4ren sie das wirklich, h\u00e4tte die Polizei leichtes Spiel, sie dingfest zu machen. Aber gerade die T\u00e4ter, die sich an Kindern vergreifen, tauchen wie aus dem Nichts auf, f\u00fchren oft \u00fcber Jahre ein unscheinbares, angepasstes Leben. Niemand traut ihnen solche Taten zu. Und dann schlagen sie dennoch zu.<\/p>\n<p>Was ist eine gerechte Strafe?<\/p>\n<p>Gerade das macht es der Polizei auch so schwer, sie zu finden. Und Gerichten, sie dauerhaft hinter Schloss und Riegel zu bringen, wenn fr\u00fchere \u00dcbergriffe inzwischen verj\u00e4hrt sind, also auf die Tat auch nicht mehr angerechnet werden k\u00f6nnen. Weshalb Gabi Thieme auch das Thema Sicherheitsverwahrung beleuchtet, das gerade in der Zeit, als Ayla get\u00f6tet wurde, auch bundesweit diskutiert wurde.<\/p>\n<p>Und schon ist man an den Grenzen deutscher Rechtsprechung: Was muss gegeben sein, damit Menschen tats\u00e4chlich ein Leben lang weggesperrt werden k\u00f6nnen? Was ja nicht nur mit der Schwere der Tat zu tun hat, sondern auch mit den nur zu berechtigten \u00c4ngsten der Menschen, dass ein Kinderm\u00f6rder wieder zuschl\u00e4gt, wenn er auf freien Fu\u00df kommt.<\/p>\n<p>Das Problem mussten die Richter in Zwickau genauso abw\u00e4gen wie die Bundesverfassungsrichter, die um eine entsprechende Versch\u00e4rfung des Gesetzes angefragt wurden. Sie entschieden gegen eine weitere Versch\u00e4rfung.<\/p>\n<p>Und logischerweise tragen alle Betroffenen von 1995 und 2005 auch heute noch an der Last. Die Kriminalbeamten genauso wie Eltern und Gro\u00dfeltern. Und am Ende merkt Gabi Thieme auch noch weitere F\u00e4lle solcher T\u00f6tungen von Kindern und Jugendlichen an, die deutschlandweit f\u00fcr Schlagzeilen sorgten. Alle hinterlie\u00dfen sie tiefe Wunden, lie\u00dfen die Angeh\u00f6rigen mit einem nicht zu vergessenden Verlust zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Und sie verst\u00f6rten die Menschen \u00fcberall dort, wo es zu diesen Morden kam. Denn gerade wenn es um Kinder geht, liegen die \u00c4ngste der Menschen dicht unter der Oberfl\u00e4che. Allein schon das Wissen, ein Kindsm\u00f6rder k\u00f6nnte in der n\u00e4chsten Nachbarschaft wohnen, sorgt daf\u00fcr, dass hunderte Menschen nicht mehr zur Ruhe kommen und dann auch entsprechend rigide Strafen fordern, wenn der T\u00e4ter endlich gefasst ist.<\/p>\n<p>Am Ende aber gibt es kein f\u00fcr alle befriedigendes Urteil. Kann es auch nicht geben. Und auch die Motive der T\u00e4ter k\u00f6nnen nur in Umrissen gezeichnet werden, egal, aus welchen Gr\u00fcnden sie vor Gericht schweigen oder meinen, sich nicht erinnern zu k\u00f6nnen. Gerade das macht die Taten ja so unfassbar. Es gibt keine Antwort auf das Warum.<\/p>\n<p>Nur die Hoffnung der Angeh\u00f6rigen, dass sie mit dem Verlust des geliebten Kindes irgendwie lernen zu leben, ohne dabei zu zerbrechen. Gabi Thieme hat sie Jahre nach der Tat noch einmal kontaktiert, um auch dar\u00fcber zu sprechen. Sodass die Leser ein sehr komplexes Bild gerade der Menschen bekommen, die mit der Trauer umgehen mussten. Und zumindest Wege gefunden haben, sie in ihr Leben zu integrieren.<\/p>\n<p>Auch wenn ewig die Frage bleibt, was aus diesen lebenslustigen Kindern geworden w\u00e4re, h\u00e4tten sie die Chance gehabt, zu selbstbewussten Erwachsenen zu werden.<\/p>\n<p><strong>Gabi Thieme \u201eAuf dem Schulweg verschwunden. Kinderschicksale\u201c<\/strong>, Paperento in der Edition Wannenbuch, Chemnitz 2025, 16 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Dass dieses Buch eine rege Nachfrage ausl\u00f6sen w\u00fcrde, war abzusehen. 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